mini|hochkant|Die ekstatische Jungfrau Katharina Emmerich, Gemälde von Gabriel von Max, 1885 Anna Katharina Emmerick (auch Emmerich; * um den 8. September 1774 in Coesfeld; † 9. Februar 1824 in Dülmen, Westfalen) war eine deutsche Augustiner-Chorfrau und Mystikerin. Sie ist besonders für ihre Visionen bekannt, die der Schriftsteller Clemens Brentano verbreitete.
Am 3. Oktober 2004 wurde die „Nonne von Dülmen“ von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Ihr Gedenktag ist der 9. Februar. Sie wird als „Mystikerin des Münsterlandes“ bezeichnet.
Leben mini|Geburtshaus (2005) in Coesfeld-Flamschen mini|Hl. Kreuz Dülmen, Gedenkstätte (Krypta): rekonstruiertes Sterbezimmer mit Originaleinrichtung (2018)
Herkunft und Kindheit Anna Katharina Emmerick (auch Emmerich) wurde in der Coesfelder Bauerschaft Flamschen als Kind armer Köttersleute geboren. Sie stammte aus der weitverzweigten jüdischen Familie Gomperz-Emmerich, aber ihre Vorfahren waren vom Judentum zum Katholizismus übergetreten. Ihre Eltern, Bernd und Anna geb. Hillers, hatten neben Anna Katharina noch weitere acht Kinder. Als ihr Geburtstag gilt der 8. September 1774, allerdings ist dies der Tag des Eintrags in das Taufregister von St. Jakobi (Coesfeld), wobei in einer Taufbescheinigung wegen eines Übertragungsfehlers der 30. September 1774 genannt wird. Der tatsächliche Geburtstag ist unbekannt.
Schon als Kind hatte „Annthrienken“, so ihr Kosename,Günter Scholz: Anna Katharina Emmerick. Kötterstochter und Mystikerin. Aschendorff Verlag, Münster 2010, S. 48. einen engen Bezug zur Kirche und gute Bibelkenntnisse. Mehrmals in der Woche ging sie zur Kommunion und zu Andachten, auch erwähnte sie damals schon Visionen und Offenbarungen. Ein zentrales Element ihrer Frömmigkeit bildete die Verehrung des sich in der Lambertikirche befindlichen Coesfelder Kreuzes und des Coesfelder Kreuzweges.
Die Schule besuchte sie nur vier Monate. Mit 13 Jahren verdingte sie sich als Magd. Sie absolvierte zunächst eine Lehre als Näherin und arbeitete ab 1794 in der Umgebung von Coesfeld als Wandernäherin.
Klostereintritt, Auszug und Krankheitsjahre Als sich eine vorteilhafte Heirat anbot, offenbarte sie ihren entsetzten Eltern, dass sie beabsichtige ins Kloster zu gehen. Nachdem ihre Eltern doch noch, wenn auch widerwillig, zugestimmt hatten, und nach mehrjährigem erfolglosen Bemühen, bot sich ihr 1802 die Möglichkeit, als Schwester vom Gemeinsamen Leben in das Kloster Agnetenberg in Dülmen einzutreten, wo sie am 13. November 1802 als Novizin eingekleidet wurde. Nachdem die Gemeinschaft die strengere Augustinusregel angenommen hatte, legte Anna Katharina am 13. November 1803 ihre feierliche Profess als Augustiner-Chorfrau der Kongregation von Windesheim in die Hände des damaligen Propstes des Windesheimer Augustiner-Chorherrenklosters in Frenswegen ab.
Während ihrer Zeit im Kloster wurde sie häufig krank und litt unter großen Schmerzen. Auch erfuhr sie Ausgrenzung und Ablehnung von ihren Mitschwestern, die Anstoß an ihrem Frömmigkeitseifer nahmen. Als das Kloster im Zuge der Säkularisation im Dezember 1811 aufgehoben wurde, führte Anna Katharina den Haushalt des aus Frankreich emigrierten Priesters Jean Martin Lambert, der sich schon Jahre zuvor um sie gekümmert hatte. Bald wurde sie jedoch so krank, dass sie das Haus nicht mehr verlassen konnte.
An ihrem Körper entstanden Wunden, die als Wundmale Jesu Christi interpretiert wurden. Protokolle verschiedener Untersuchungen bestätigten die Existenz der Wunden.Bericht des Generalvikars Clemens August Droste zu Vischering über das Ergebnis der Beweiserhebung an die französische Regierung 1819; Thomas Wegener: Das Leben der Anna Katharina Emmerick. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 1990. Daneben hatte sie nach eigenen Angaben in den folgenden zwölf Jahren mystische Visionen, in denen sie an jedem Freitag die Passion Christi durchlitt. Außerdem habe sie Ereignisse aus der biblischen Schöpfungs- und Heilsgeschichte gesehen.
In dieser Zeit wurde sie von Personen aller sozialen Schichten besucht, darunter von vielen Kranken und Ratsuchenden. Darunter bekannte Persönlichkeiten, wie der Dichter Clemens Brentano, die Schriftstellerin Luise Hensel, die Fürstin Amalie von Gallitzin, der zum Katholizismus konvertierte Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, Bischof Johann Michael Sailer, Kardinal Melchior von Diepenbrock und der Pädagoge und Theologe Bernhard Overberg suchten sie an ihrem Krankenlager auf.
Während der 10 Jahre ihrer Bettlägerigkeit bis zu ihrem Tode 1824 war sie krankheitsbedingt starken Schmerzen ausgesetzt. Nichtsdestotrotz bemühte sie sich auch in diesem Zustand des Leidens um Hilfsbereitschaft anderen Bedürftigen gegenüber, vor allem durch das Anfertigen von Näharbeiten, wie vielfältig bezeugt.
Stigmatisierung mini|hochkant|Coesfelder Kreuz in der Apsis der Kirche St. Lamberti (2023) Die Stigmata deuteten sich bereits vor der Aufhebung ihres Klosters an, ihr selbst zufolge während eines Gebets vor dem Coesfelder Kreuz. Sie sind durch die Aufzeichnungen ihres Beichtvaters, des Dominikaners Alois Limberg bezeugt, der am 31. Dezember 1812 zum ersten Mal ihre Handrücken bluten sah. Später berichtete er auch von zwei Kreuzen auf der Brust, einem größeren und einem kleineren, außerdem von den Wundmalen unter den Füßen. Stichwunden an der Stirn bestanden wohl bereits früher; ein Stigma der Seitenwunde wurde erst später bezeugt.
Gegenüber dem Generalvikar des Bistums, Droste zu Vischering, sagte Anna Katharina Emmerick, die Stigmata seien ihr Kreuz und sie habe Gott um die Wegnahme der sichtbaren Male gebeten. Sie hielt es für eine Versuchung, den damit verbundenen Schmerzen entfliehen zu wollen. Nur in den Ekstasen verschwinden die Schmerzen.Günter Scholz: Anna Katharina Emmerick. Kötterstochter und Mystikerin. Aschendorff Verlag, Münster 2010, S. 56 und 60.
Visionen mini|Anna Katharina Emmerick auf dem Krankenbett, Zeichnung von Clemens Brentano (vor 1824) Die mystischen Bilder Anna Katharinas schrieb der Schriftsteller Clemens Brentano auf etwa 16.000 Seiten nieder, in insgesamt sechs Jahren (1819–1824), die er fast durchweg in ihrer Nähe verbrachte. Nach ihrem Tod veröffentlichte er zunächst das Bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi, unter dem Namen Emmericks. Diese und die folgenden Veröffentlichungen Brentanos, die erst nach seinem Tod erschienen, sind jedoch keine Transkriptionen der von der Seherin diktierten Worte. Es handelt sich um eine dichterische Gestaltung, in der der Autor den vorliegenden Stoff aus weiteren Quellen ergänzte und überarbeitete.
Die Visionen Anna Katharinas betrafen in ihrer Kindheit und Jugend hauptsächlich das Alte Testament. Seit der Ankunft Brentanos hatten sie zunächst das Leben von Heiligen zum Gegenstand, schließlich verstärkt das Leben und die Passion Christi. Darüber hinaus bezogen sich ihre Visionen auf allerlei biblische Episoden und religiöse Themen, wie z. B. die Sakramente, das Fegefeuer, den Zustand und die Zukunft der Kirche, speziell der Kirche in Deutschland, sowie die Endzeit. Sie beinhalteten sowohl erbauliche wie mahnende Elemente, darunter auch Kritik an heuchlerischen oder formelhaften religiösen Praktiken ihrer Zeit.
Das Buch vom Bitteren Leiden entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen religiösen Erbauungsbuch. Eine dreibändige Sammelausgabe der Visionen Jesu, Mariens und biblischer Bilder erschien 1881 im Verlag Friedrich Pustet.
Zeitgenössische Untersuchungen von Anna Katharina Emmerick Die Geschichte der öffentlichen Resonanz auf Anna Katharina Emmerick ist komplex. Zwischen 1813 und 1820 schlug das Phänomen der Stigmata und der Visionen „hohe Wellen“ in den deutschen Zeitungen. Die gläubige Bevölkerung stand den von Aufklärung und Rationalismus geprägten Zeitgenossen gegenüber, die von Betrug ausgingen.
Der Generalvikar des Bistums Münster, Clemens August Droste zu Vischering, ordnete 1813 eine Rundum-Observierung, Zeugenbefragungen und einen zusammenfassenden Bericht über die Phänomene an. Die Untersuchungskommission, der einige Geistlichen und drei Ärzte, darunter der Medizinalrat und Professor Franz Ferdinand von Druffel, angehörte, kam zu dem Ergebnis, dass die Wunden „auf keinerlei Weise künstlich entstanden, noch weniger künstlich unterhalten“ sein konnten. Ebenso schrieb Druffel, die Wunden stammten weder von einem „aufätzenden Mittel, noch von Ansaugung durch Blutwürmer“. Zwar ging auch er von einer natürlichen Ursache aus, sah allerdings auch keine Belege für einen Betrug, da die Kranke weder mittel- noch unmittelbar Gewinn aus ihrer Krankheit zöge. Nach der Veröffentlichung dieser und anderer Aussagen in einer medizinischen Fachzeitschrift wurde Druffel scharf angegriffen.
Heftige Kontroversen in der Presse führten dazu, dass 1817 das preußische Ministerium die Regierung in Münster aufforderte, Erkundigungen einzuziehen, ob Anna Katharinas Krankheit „verderblichen Aberglauben“ oder „törichten Wunderglauben“ befördere. Schließlich wurde sie vom 7. bis zum 29. August 1819 von einer staatlichen Kommission im Hause des Hofkammerrats Clemens August Mersmann untersucht, wohin sie trotz ihrer Bettlägerigkeit verbracht und streng bewacht wurde. Die teils schmerzhaften Untersuchungen und Befragungen vermochten jedoch nicht, einen Betrug nachzuweisen.Thomas Wegener: Das Leben der Anna Katharina Emmerick. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 1990, S. 95 ff., 131 ff. Der Untersuchungskommission, die unter der Leitung des preußischen Landrats des Kreises Coesfeld Clemens Maria Franz von Bönninghausen stand, gehörten fünf Ärzte an. Laut Bönninghausen kamen sie zu dem Schluss, die Stigmata der Nonne seien – unter dem Einfluss der verhassten französischen Fremdherrschaft – mit mechanischen Mitteln beigebracht worden, also nicht übernatürlichen Ursprungs. Jedoch waren während der Untersuchungsperioden keine Blutungen aufgetreten.Clemens von Bönninghausen: , Schultz und Wundermann, Hamm 1819. In einer Verteidigungsschrift schrieb er später, er sei „der subjektiven Überzeugung“, dass die Stigmata „als erkünstelt und mit Vorsatz hervorgebracht, mithin als zu der Klasse der verstellten Krankheiten gehörend, zu betrachten sind“.Clemens von Bönninghausen: Dritte und hoffentlich letzte Nachschrift zu meiner Geschichte der Untersuchung der Nonne A.C. Emmerich zu Dülmen mit autentischen Belägen, Wittneven, Coesfeld 1820, S. 14.
Ärzte und prominente Zeitzeugen wie Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg, Bernhard Overberg und Clemens Brentano, die die Frau selbst aus der Nähe beobachtet hatten, distanzierten sich von Art und Ergebnis der staatlichen Untersuchung.Thomas Wegener: Das Leben der Anna Katharina Emmerick. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 1990.
Der Arzt Theodor Lutterbeck kritisierte 1819 die vorangegangene staatliche Untersuchung als „eine volle dreiwöchige Gefangenschaft, und öffentliche gewaltsame Inquisition“. Lutterbecks öffentliche Äußerungen führten zu einer Auseinandersetzung mit von Bönninghausen, die in Form von Artikeln und Publikationen im Rheinisch Westfälischen Anzeiger geführt wurde. Der Nonne sei – so berichtet Lutterbeck – in der Untersuchung vorgehalten worden, wenn sie am kommenden Freitag blutete, würden viele Menschen zur katholischen Kirche zurückkehren. Darauf habe sie geantwortet:
Parallel dazu lieferten sich Professor Bodde, Medizinalrat und Chemiker, und der Dülmener Dechant Rensing einen schriftlichen Streit. Der Professor warf der kirchlichen Obrigkeit und der Nonne Betrug vor,Johann Bernhard Bodde: Sendschreiben an den Herrn Rensing, Dechant und Pfarrer zu Dülmen, worin derselbe einer Theilnahme an der Erkünstelung der Wundmaale der Jungfer Emmerich nicht beschuldigt, das Wundersame der Wundmaale aber standhaft verneint wird, von Bernard Bodde, Medizinalrath und Professor, Hamm (Schultz und Wundermann) 1819. Digitalisat der Uni-Münster der Dechant verteidigte die Echtheit der Phänomene.
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