mini|Paula Modersohn-Becker, ca. 1904 Paula Modersohn-Becker, geborene Paula Hermina BeckerStadtarchiv Dresden, Standesamt Dresden II, Geburtenregister Jan.–April 1876, Nr. 320.Lebenslauf, paulamodersohnbeckerstiftung.de (* 8. Februar 1876 in Dresden; † 20. November 1907 in Worpswede), war eine deutsche Malerin. Ihre Werke zählen zu den bedeutendsten Arbeiten des frühen Expressionismus.Rainer Madsen: Expressionismus (ca. 1905–1920). Teil I, Kunstverein Iserlohn e. V., S. 1–30 (PDF; 2,6 MB). In den knapp 14 Jahren, in denen sie künstlerisch tätig war, schuf sie 750 Gemälde, etwa 1000 Zeichnungen und 13 Radierungen, die kennzeichnende Aspekte der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in sich vereinen.

Leben Familie Paula Becker war das dritte Kind von insgesamt sieben Kindern und wurde in der Schäferstraße 59 im Dresdner Stadtteil Friedrichstadt geboren.Die Familie zählte folgende lebende Kinder: Kurt (1873–), Milly (Bianca Emilie) (1874–1949), Günther (1877–1928), Hans (1880–1882) sowie die Zwillinge Herma (1885–1963) und Henner (1885–1949), alle in Dresden-Friedrichstadt geboren Paula Beckers Mutter Mathilde (* 3. November 1852 in Lübeck; † 22. Januar 1926 in Bremen)Ihr Vater war der Offizier und Geodät Ferdinand von Bültzingslöwen; eine Großmutter Emilie Dorothea Sophie, geborene Lange (1815–1896), ein Großvater der ehemalige Hauptmann und technische Zeichenlehrer Günther Karl Wilhelm von Bültzingslöwen (1755–1822) entstammte der thüringischen Adelsfamilie von Bültzingslöwen. Ihr Vater war der Ingenieur Carl Woldemar Becker. Er war in Bremen als Baurat der Preußischen Eisenbahnverwaltung tätig. Die Eltern heirateten 1871.

Carl Woldemar Becker und dessen Bruder Oskar, der 1861 ein Attentat auf den preußischen König Wilhelm I. verübte, lebten Anfang der 1850er Jahre nach dem Tod ihrer Mutter in Dresden (Sachsen). Weitere Familienangehörige kamen hinzu und wurden ebenfalls in Dresden heimisch, so etwa Paul von Becker ab 1863 mit seiner dritten Frau Bianca Constanze Charlotte Alexandrine Becker, geborene von Douallier (* 22. August 1833 in Kassel; † 13. Dezember 1909 in Dresden) sowie ihrer Tochter Friederike Wilhelmine Becker genannt „Tante Minna/Minchen“ (* 19. Mai 1859 in Odessa), sodann Carl Woldemars drei weitere jüngere Halbgeschwister sowie von Seiten seiner Ehefrau Mathilde geb. von Bültzingslöwen fünf Geschwister.

Paula Beckers sprachkundiger Vater war des Öfteren auf Reisen unterwegs. Die mütterliche Familie war ähnlich weltoffen: Mathilde von Bültzingslöwens Vater Ferdinand war im Ausland Kommandeur eines Truppenkontingents, zwei ihrer Brüder waren nach Indonesien, Neuseeland und Australien ausgewandert.Paula Modersohn-Becker, Günter Busch, Liselotte von Reinken, Arthur S. Wensinger, Carole Clew Hoey: Paula Modersohn-Becker, the Letters and Journals. Northwestern University Press, Evanston, Illinois 1998, ISBN 0-8101-1644-8, S. 438.

Bei der Erziehung der Kinder der Familie Becker spielten Kunst, Literatur und Musik eine große Rolle. Paula Becker erhielt ebenso wie ihre Schwestern Klavierunterricht. Paula Beckers älteste Schwester Milly (eigentlich Bianca Emilie),Archiv der Familie Rohland. In: Online-Archivkatalog des Staatsarchivs Basel-Stadt.Bianca Emilie Becker heiratete 1905 den Kaufmann Johannes Rohland, aus Basel. In ihrer 34-jährigen Ehe bekamen sie fünf Kinder: Christiane (* 1907), genannt Jane, Peter (* 1908), Rudolf (1909–1944), Wulf (* 1911) und Hans (* 1914). die über eine schöne Singstimme verfügte, durfte Gesangsunterricht nehmen. Bis auf Paula Becker schätzte ihre Familie Richard Wagner – Paula empfand ihn als „undeutsch“; Goethe galt in der Familie als der alles überragende Dichter. Paula Beckers Elternhaus wird von ihren Biografen als liberal-bürgerlich eingestuft, wohlhabend war es dagegen nicht.

Die frühen Jahre Wohnhäuser

Dresden mini|Familie Becker, Vater Carl Woldemar Becker (links, hinten) und Mathilde Becker, geborene von Bültzingslöwen (links, im Vordergrund sitzend), Paula Becker (stehend, Bildmitte in einem hellen Reformkleid) im Wintergarten in der Schwachhauser Chaussee 23

Die ersten zwölf Lebensjahre verbrachte Paula Becker in Dresden-Friedrichstadt. Die Familie lebte in der Schäferstraße 59, Ecke Menageriestraße. (Das Gebäude wurde in den 1950er Jahren abgerissen.)Adressbuch Dresden 1875, SLUB, S. 21.Laut Adressbuch Dresden 1876, SLUB S. 22 wohnten sie noch in der Schäferstraße 59Nach anderer Datenlage wies das Wohnhaus die Adresse „Schäferstraße 42“, Ecke Menageriestraße auf; siehe Marina Bohlmann-Modersohn: Paula Modersohn-Becker. Eine Biografie mit Briefen. btb, München 2007, ISBN 978-3-442-73643-0, S. 9. Dies scheint aber durch die Eintragung im historischen Adressbuch von Dresden widerlegt. Kurzzeitig soll die Familie nahe der Annenkirche in der Wilsdruffer Vorstadt gewohnt haben. (Das Wohnhaus nahe der Annenkirche wurde abgerissen.) Später, nach Paulas Geburt, zog die Familie 1876 in die Friedrichstraße 29 (heute Hausnummer 46). Ihr neues Domizil lag direkt gegenüber dem Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt; die Familie Becker bezog das Erdgeschoss des einstöckigen Gebäudes. Ihm angegliedert waren ein großer Vorgarten und ein noch ausgedehnteres dahinterliegendes Gartengelände.Bernd Hünlich: Paula Modersohn-Becker und ihre Geburtsstadt: am 8. Febr. vor 110 Jahren wurde die Malerin in Dresden geboren. In: Dresdener Kunstblätter. 20, 2, 1986, S. 8–15.

Überliefert ist ein schweres Unglück auf dem Grundstück der Villa Angermann in der Dresdner Straße 73 in Hosterwitz. Am 19. Juli 1886 wurde die zehnjährige Paula Becker beim Spielen gemeinsam mit zwei Cousinen, der zehnjährigen Cora und der achtjährigen Maidli Parizot,Herma von Bültzingslöwen, die Schwester von Paula Beckers Mutter Mathilde, heiratete Günther Parizot; die beiden gingen 1873 nach Java, so wie ihre beiden Brüder Günther und Wulf von Bültzingslöwen. sowie dem zwölfjährigen Freddy von Bültzingslöwen in einer Sandgrube verschüttet. Während Paula, Maidli und Freddy rechtzeitig gerettet werden konnten, erstickte Cora Parizot unter den Sandmassen. Aus Briefen, die Paula Modersohn-Becker Jahre später an Rainer Maria Rilke schrieb, weiß man, dass dieses Erlebnis sie stark prägte. Ihre Biografin Liselotte von Reinken (1983)Liselotte von Reinken: Paula Modersohn-Becker mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 1983, ISBN 3-499-50317-4. sieht darin die Ursache für die mitunter rücksichtslose Entschiedenheit, mit der Paula Modersohn-Becker ihre künstlerischen Ziele verfolgte.

Wegen der Verurteilung von Oskar Becker im Jahre 1861 hatte sein Bruder Carl Woldemar, Paulas Vater, Schwierigkeiten bei der weiteren beruflichen Karriere.

Hansestadt Bremen mini|Schwachhauser Chaussee, Bremen, 1899. Blick von der Hannoverschen Eisenbahnlinie aus Richtung stadteinwärts. Das Beckersche Haus läge stadtauswärts direkt hinter der Eisenbahnlinie.

1888 zog die Familie nach Bremen. Carl Woldemar Becker nahm dort eine städtische Stelle als Baurat an. Die Familie wohnte in einem Haus an der Schwachhauser Chaussee 23 (heute Schwachhauser Heerstraße). Das 2000 m² große Grundstück gehörte den Preußischen Staatseisenbahnen, die der Familie in dem Haus eine Dienstwohnung einrichtete. Hier hatte Paula Becker ihr erstes kleines Atelier. Das künstlerische Leben in Bremen war zu dieser Zeit sehr rege, und über Freundschaften der Mutter bestand ein zum Teil enger Kontakt zu den künstlerischen und intellektuellen Kreisen in Bremen und Umgebung, so dass die Familie Becker daran lebhaft Anteil nahm. Einzelne Räume dieses Hauses wurden zum 100. Geburtstag von Paula Becker wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

1899 zog die Familie innerhalb Bremens in ihr neues Domizil in die Wachtstrasse 43 um. Es war das Haus der Malerin und Kunstmäzenin Aline von Kapff.Historische Adressbücher. Einträge aus Adressbuch Bremen 1904 adressbuecher.genealogy.netDas Haus war von dem Architekten Heinrich Müller entworfen worden. Das Gebäude diente als Domizil und Weinhandlung der Familie Ludwig von Kapff; es lag nahe der Weserbrücke und wurde 1944 zerstört.

Der erste Kunstunterricht Im April 1892 wurde Paula konfirmiert und als mündiges Mitglied in die evangelisch-lutherische Gemeinde aufgenommen. Schon im Frühsommer 1892 ging Paula Becker auf Wunsch ihrer Eltern nach England in den Ort Wiley. Eine Halbschwester ihres Vaters, Marie Luisa Hill, geborene von Becker (1856–1914),Sie war eine Halbschwester von Carl Woldemar Becker und Tochter von Paul Adam von Becker (1808–1881) und ihr Onkel, der Tee-Plantagenbesitzer Charles John Hill (1822–1894),Charles John Hill (* 24. Juli 1822 in Halifax, Nova Scotia, Canada; † 19. März 1894 in Castle Malwood/Lyndhurst, Hampshire, England). Er war zweimal verheiratet, in erster Ehe mit Cornelia de Neufville, die er in Surabaya ehelichte und mit der er acht Kinder hatte. In zweiter Ehe war er kinderlos mit Marie Luisa von Becker verheiratet. Die älteste Tochter aus erster Ehe heiratete Wulf von Bültzingslöwen. Arthur Wentworth Hamilton Eaton: Families of Eaton-Sutherland, Layton-Hill. New York 1899, S. 18. hatten zu jener Zeit ein altes Landgut, „Castle Malwood“, in der Nähe von Southampton gekauft. Die Familie Hill besaß auch noch eine möblierte Wohnung in London. Paula Becker sollte dort Haushaltsführung und Englisch erlernen.

Dank der Unterstützung ihres Onkels erhielt sie in London auch Kunstunterricht. Nach ersten Skizzenstunden besuchte sie die private Kunstschule St John’s Wood Art School, in der sie täglich von zehn bis sechzehn Uhr im Zeichnen unterrichtet wurde. Es war ein Zeichenunterricht nach Gipsmodellen.Ernst Weber: Der Weg zur Zeichenkunst: Ein Büchlein für theoretische und praktische Selbstbildung (= Natur und Geisteswelt, Band 430). Springer Fachmedien, Wiesbaden 1920, S. 86. Die Schule war 1878 von Elíseo Abelardo Alvarez Calderón (1847–1911)Biografische Daten über Eliseo Abelardo Álvarez-Calderón y Flores-Chinarro (1847–1911) und Bernard E. Ward, zwei Kunstlehrern in London in „7, Elm Tree Road“ gegründet worden. Dieser Kunstunterricht währte nur kurze Zeit. Der Aufenthalt in London war von Paula Beckers Eltern ursprünglich für ein Jahr geplant worden; Paula Becker kehrte jedoch bereits nach einem halben Jahr zurück. Sie hatte unter Heimweh gelitten und sich unter der autoritären Führung ihrer Tante nicht wohlgefühlt.

mini|Worpsweder Landschaft, um 1900; Tempera auf Pappe

Lehrerinnenseminar Vor allem auf Grund des Einwirkens ihres pflichtbewussten Vaters besuchte Paula Becker ab 1893 bis 1895 in Bremen das Lehrerinnenseminar Janson. Ihre älteste Schwester Milly hatte bereits dieses Seminar besucht. Die jüngste Schwester, Herma (1885–1963),später Herma Weinberg erhielt später ebenfalls eine Lehrerinnenausbildung. Ihr Examen bestand Paula Becker am 18. September 1895. Während dieser Zeit erhielt sie privaten Malunterricht – ein Entgegenkommen des Vaters, denn sie hatte die Ausbildung zur Lehrerin nur ungern begonnen.

mini|Kinderkopf mit weißem Tuch, um 1900, Privatsammlung; Tempera auf Pappe

Der Malunterricht fand bei dem Maler Bernhard Wiegandt statt und war für Paula Becker die erste Gelegenheit, nach einem lebenden Modell zu arbeiten. Aus dieser Zeit stammt eine Reihe von Porträts ihrer Geschwister sowie das erste Selbstporträt, das auf 1893 datiert wird. Im Anbau des elterlichen Hauses durfte sich Paula Becker ihr Atelier einrichten. Von Gisela Blasius, deren Großmutter Kaltmamsell im Hause Becker war, wurde anekdotisch berichtet, wie Paula Becker eine erschöpfte und sich ausruhende Gemüsefrau am Zaun vor ihrem Grundstück im Schlafen zeichnete. Die plötzlich erwachende Frau sei darüber sehr verärgert gewesen und beschimpfte die junge Künstlerin.