Die Marktwirtschaft ist ein zentraler Begriff der ökonomischen Theorie und der Wirtschaftsgeschichte.
In der Theorie der Wirtschaftsordnungen bezeichnet Marktwirtschaft (früher auch Verkehrswirtschaft) ein Wirtschaftssystem,Zur ordnungstheoretischen Bestimmung und Analyse von Wirtschaftssystemen siehe: K. P. Hensel: Grundformen der Wirtschaftsordnung. Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft. 3. Auflage. München (Beck) 1978. in dem die Verteilung der Entscheidungs- und Handlungsrechte durch das Rechtsinstitut des privaten Eigentums an Produktionsmitteln erfolgt. Planung und Koordination der Wirtschaftsprozesse erfolgen dezentral. Die einzelnen Verwendungspläne der Haushalte und Unternehmen (Einkommen- und Gewinnverwendung) und die Entstehungspläne (Gewinnbildung und Einkommensentstehung) werden durch Marktpreise koordiniert.A. Eckstein: Comparison of economic systems: Theoretical and methodological approaches. California University, Berkeley 1971. Diese Koordination umfasst einerseits die Allokation und Verteilung individueller Güter durch Marktpreise und andererseits die Allokation und Verteilung öffentlicher Güter durch politische Entscheidungen. Über Marktpreise werden die Einzelpläne der Wirtschaftssubjekte aufeinander abgestimmt und über die Verknüpfung der Märkte in einen gesamtwirtschaftlichen Rechnungszusammenhang gestellt. Dies bezieht sich ebenfalls auf öffentliche und meritorische Güter trotz fehlender Märkte für diese, da zur Herstellung des Angebotes von öffentlichen Gütern der Einsatz von Gütern oder Produktionsfaktoren, die selbst in einem marktkoordinierenden Prozess hergestellt werden, Voraussetzung ist.H. Bonus: Ordnungspolitische Aspekte öffentlicher Güter. In: E. Helmstädter: Neuere Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften. (= Schriften des Vereins für Socialpolitik, N.F. Band 98). Duncker & Humblot, Berlin 1978, ISBN 3-428-04240-9, S. 49–82. Marktwirtschaft wird in der ökonomischen Theorie als ein selbstregulierendes und selbstoptimierendes System, unter der angenommenen Voraussetzung einer Entscheidungs- und Handlungsfreiheit der Wirtschaftssubjekte, aufgefasst. Daher wird die idealisierte Marktwirtschaft auch per se als freie Marktwirtschaft begriffen.Lothar Wildmann: Einführung in die Volkswirtschaftslehre, Mikroökonomie und Wettbewerbspolitik. (= Module der Volkswirtschaftslehre. Band 1). Ausgabe 2. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2010, ISBN 978-3-486-59111-8, S. 51. Reale Märkte weichen allerdings teils erheblich von dieser idealisierten Modellvorstellung ab.Werner Vontobel, Hanspeter Guggenbühl, Urs P. Gasche: Das Geschwätz von der freien Marktwirtschaft. Wie Unternehmen den Wettbewerb verfälschen, die Natur ausbeuten und die Steuerzahler zur Kasse bitten. Orell Füssli, Zürich 1996 (3. Aufl. 1997), ISBN 3-907768-15-9.
Unter den Wirtschaftshistorikern hat insbesondere Fernand Braudel und unter anderem auch Alfred Preussler auf der Unterscheidung zwischen der historisch älteren Marktwirtschaft und dem sich daraus entwickelnden Kapitalismus bestanden.
Theorie- und Realgeschichte Der Begriff Marktwirtschaft taucht in der deutschen Nationalökonomie erst in den frühen 1930er Jahren auf: im Umkreis der Freiburger Schule (Hans Ritschl, 1931, und Franz Böhm, 1933) und der historischen Schule (Arthur Spiethoff, 1934). Er ist jüngeren Datums als der bedeutungsgleiche Begriff der Verkehrswirtschaft, der sich schon in Max Webers Werk Wirtschaft und Gesellschaft findet und den Walter Eucken weiter verwendete.Marktwirtschaft. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 8/II: Links/Rechts bis Maschinenstürmer. Argument-Verlag, Hamburg 2015, S. 1826.
Laut Walter Eucken gibt es bei der Analyse von Wirtschaftssystemen zwei grundsätzlich konträre Denkstile, die er als „Denken in Ordnungen“ und als „Denken in geschichtlichen Entwicklungen“ bezeichnet. Dabei ist laut Egon Tuchtfeldt die Frage, welche Herangehensweise der Gesamtproblematik von Wirtschaftssystemen besser entspricht bis heute offen. Tatsächlich brauche sich das Denken in geschichtlichen Entwicklungen und das Denken in Ordnungen keineswegs gegenseitig auszuschließen. Richtig verstanden würden beide Vorgehensweisen vielmehr eine ebenso notwendige wie fruchtbare Ergänzung bilden.Willi Albers: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften. Band 9, Gustav Fischer, 1982, ISBN 3-525-10260-7, S. 327–329.
Als früher Wirtschaftswissenschaftler beschrieb der schottische Moralphilosoph Adam Smith in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen den Markt als Anreiz- und Sanktionsmechanismus, der das eigennützige Verhalten der arbeitsteilig wirtschaftenden Menschen so koordiniert, dass die Bedürfnisse des Einzelnen bestmöglich befriedigt werden.Klaus-Peter Kruber: Theoriegeschichte der Marktwirtschaft. Münster 2002, ISBN 3-8258-6288-7, S. 12 f.
Walter Eucken verstand Marktwirtschaft (Verkehrswirtschaft) als reinen Idealtypus, der „in allen Epochen der Menschheitsgeschichte“ zu finden sei.Heinz Albert Tritschler, Begriff und Formen der Marktwirtschaft, Universität Zürich, 1968, S. 156.Herbert Schack: Die Grundlagen der Wirtschafts- und Sozialphilosophie. 2. Ausgabe. Verlag Duncker & Humblot, 1978, ISBN 3-428-04193-3, S. 87. Idealtypen dienten bei Eucken dem Verständnis der Wirklichkeit. Eine reine Marktwirtschaft hingegen kommt laut Eucken in der Realität nicht vor.Heinz-Dietrich Ortlieb: Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Band 4, Verlag J.C.B. Mohr (P. Siebeck), 1959, S. 24.
Franz-Xaver Kaufmann fasste in den 1980er Jahren die wirtschaftssoziologische Diskussion so zusammen, dass die „herrschende Wirtschaftslehre“ die geschichtliche und „sozio-kulturelle Bedingtheit des modernen Wirtschaftssystems“ vernachlässige.Franz-Xaver Kaufmann: Wirtschaftssoziologie I. In: Willi Albers u. a. (Hrsg.): Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 9, Stuttgart 1982, S. 239–267, 251. Aus historischer Sicht stelle die Marktwirtschaft als relativ autonomes Wirtschaftssystem einen Sonderfall mit bestimmten, nicht selbstverständlich gegebenen Voraussetzungen und Grenzen dar.Franz-Xaver Kaufmann: Wirtschaftssoziologie I. In: Willi Albers u. a. (Hrsg.): Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 9, Stuttgart 1982, S. 239–267, 251. Der Wohlstand einer Gesellschaft hängt aber nicht nur von Faktoren wie Bildungsstand, Industrialisierungsgrad oder Ausstattung mit natürlichen Ressourcen ab, sondern beruht auch auf dem institutionellen Rahmen der Wirtschaft, der aus ausdrücklichen und ungeschriebenen Regeln besteht.Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre: Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten. 3. Auflage. Verlag Pearson Deutschland, 2010, ISBN 978-3-8273-7354-0, S. 562. In den Wirtschaftswissenschaften wird die Bedeutung von Institutionen als „Spielregeln“ für die Marktwirtschaft vor allem von Douglass North betont,Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre: Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten. 3. Auflage. Verlag Pearson Deutschland, 2010, ISBN 978-3-8273-7354-0, S. 562. der 1993 zusammen mit Robert Fogel für wirtschaftshistorische Studien den Nobelpreis bekam.
Eine Beschäftigung mit den historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen der Marktwirtschaft (bzw. „Verkehrswirtschaft“) findet sich bereits bei Max Weber und anderen Klassikern der Wirtschaftssoziologie. Die Marktgemeinschaft charakterisiert Weber als eine unpersönliche, praktische Beziehung, die in Gegensatz zur Stammeszugehörigkeiten oder Verwandtschaft tritt. Nach Weber setzt eine marktwirtschaftliche Vergesellschaftung des Wirtschaftens Appropriation und Marktfreiheit voraus, etwa die Abwesenheit ständischer Monopole.
Der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi stellte die These von Smith und Spencer in Frage, dass frühe Formen der Ökonomie auf Tauschhandel beruht haben. Er schloss dabei an wirtschaftsethnologische Studien, v. a. von Bronislaw Malinowski, Marcel Mauss und Raymond Firth an, die in Stammesgesellschaften besondere, auf generalisierter Reziprozität beruhende Wirtschaftsformen (siehe etwa Schenkökonomie) untersucht haben.Robert Layton: An introduction to theory in anthropology. Cambridge University Press, 1997, ISBN 0-521-62982-9, S. 99 f. Polanyi konnte in allen von ihm untersuchten historisch vorkommenden Ökonomien Elemente von Reziprozität, Umverteilung und direktem Austausch feststellen.Richard Swedberg: Vorwort. In: Jens Beckert, Rainer Diaz-Bone, Heiner Ganssmann (Hrsg.): Märkte als soziale Strukturen. Campus Verlag, 2007, ISBN 978-3-593-38471-9, S. 12. Daran anknüpfend wird auch heute in der Kulturanthropologie die Marktwirtschaft als Realtyp gegen andere Formen des Wirtschaftens, insbesondere der Subsistenzwirtschaft, abgegrenzt.James Peoples, Garrick Bailey: Humanity: An Introduction to Cultural Anthropology. 9. Auflage. Cengage Learning, 2011, ISBN 978-1-111-30152-1, S. 144 f.Vgl. auch das komplexere Schema zur Typisierung von Koordinationformen auf der Grundlage der Unterscheidung von 1) Tausch auf Märkten, 2) Zwang in Hierarchien sowie 3) Geschenken / persönlichen Beziehungen in Kleingruppen, Bernhard Beck: Mikroökonomie. Zürich 2011, S. 20 ff.
In seinem Werk „The Great Transformation“ von 1944 verwendet Polanyi einen engen Begriff von Marktwirtschaft („eigentliche Marktwirtschaft“) für einen sich selbst regulierenden Markt. Dessen realgeschichtliche Existenz beschränkte er auf die historische Periode von 1834 bis Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Anfänge machte er an der Entwicklung des Arbeitsmarktes fest. Erst die Reform des englischen Armengesetzes von 1834, das jede geldwerte Unterstützung an arbeitslose, aber arbeitsfähige Bedürftige abschaffte („die menschliche Arbeitskraft musste zur Ware gemacht werden“Karl Polanyi: The Great Transformation. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S. 146.), hätte die Logik des Marktsystems freigesetzt und damit „die Gesellschaft als Anhängsel des Marktes“, sprich zur „Marktgesellschaft“ gemacht.Karl Polanyi: The Great Transformation. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S. 88f. Bereits die Sozialgesetze und die Anerkennung der Gewerkschaften Ende des 19. Jahrhunderts hätten dem Marktmechanismus wieder entgegengewirkt, obwohl „die Idee der Selbst-Regulierung dominant geblieben“ sei. Aus der begrenzten historischen Sicht von 1944 markierten für Polanyi die staatlichen Regulierungen der sozialdemokratischen, kommunistischen und faschistischen Regulierungen zwischen den beiden Weltkriegen das Ende der eigentlichen Marktwirtschaft, die „entscheidende Abkehr von der Idee oder dem 'Mythos' eines sich selbst regulierenden Marktes“. Politisch befürwortete Polanyi die sozialdemokratischen Regulierungen, während er die kommunistischen und faschistischen als Freiheitsgefährdung ablehnte.Josef Ehmer, Reinhold Reith: Märkte im vorindustriellen Europa. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. Akademie Verlag, 2004, ISBN 3-05-004036-X, S. 14.
Laut Fernand Braudel habe sich hingegen die Marktwirtschaft im europäischen Raum „Schritt für Schritt“ herausgebildet.Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Zweiter Band: Der Handel. Kindler, München 1980, S. 244.
Während für Polanyi die Marktwirtschaft ein Synonym für Kapitalismus ist, differenziert Braudel zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus.
Ähnlich wie zuvor Weber, der – in einer anderen Terminologie – zwischen Erwerbs- und Bedarfswirtschaft unterschieden hatte, sieht Niklas Luhmann die Marktwirtschaft nicht im Gegensatz zur Planwirtschaft, sondern im Gegensatz zur Subsistenzwirtschaft. In dieser gibt es in der Regel kein Geld als Steuerungsmedium und das Wirtschaftssystem hat sich noch nicht als eigenständiges Teilsystem der Gesellschaft ausdifferenziert (siehe Autopoiesis).Niklas Luhmann: Wirtschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, S. 97.
Formen
Modelle
Freie Marktwirtschaft