mini|Käthe Kollwitz, fotografiert von Hugo Erfurth, 1927 mini|Zusammenfassung zum Leben und Wirken von Käthe Kollwitz (Planet Wissen) Käthe Kollwitz (geb. Schmidt; * 8. Juli 1867 in Königsberg (Preußen); † 22. April 1945 in Moritzburg bei Dresden) war eine deutsche Zeichnerin, Druckgrafikerin und Bildhauerin und zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Mit ihren oft ernsten, teilweise erschreckend realistischen Lithografien, Radierungen, Kupferstichen, Holzschnitten und Plastiken, die auf persönlichen Lebensumständen und Erfahrungen basieren, entwickelte Kollwitz einen eigenständigen, Einflüsse von Expressionismus und Realismus integrierenden Kunststil.
Leben und Wirken mini|Käthe Kollwitz (Mitte) mit ihren Söhnen Hans (links) und Peter im Jahr 1909 Käthe Kollwitz war das fünfte KindKäthe Kollwitz: Ich will wirken in dieser Zeit. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1956, S. 21–36. von Katharina Schmidt, geborene Rupp (1837–1925), und Karl Schmidt (1825–1898). Der Vater hatte anfänglich Jura studiert. Da er aufgrund seiner liberalen und religiösen Überzeugungen keine Anstellung beim preußischen Staat gefunden hätte, war er Maurer geworden und durch ein Baugeschäft zu Wohlstand gekommen.Friedrich Ahlers-Hestermann: Einführung. In: Käthe Kollwitz: Ich will wirken in dieser Zeit. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1956, S. 9. Die Mutter war eine Tochter des freikirchlichen Predigers Julius Rupp. Weitere Kinder waren Julie, Lisbeth und der spätere Ökonom und Philosoph Conrad Schmidt (1863–1932). Der erste Sohn Julius und das sechste Kind Benjamin wurden nur ein Jahr alt.
Käthe verbrachte ihre Kindheit von 1867 bis 1885 in Königsberg, zunächst im Weidendamm 9 und dann in der Königstraße in einem Haus, das der Vater erbaut hatte. Durch ihren Vater gefördert, nahm sie ab 1881 Unterricht bei dem Maler Gustav Naujok und dem Kupferstecher Rudolf Mauer. Da Frauen an einer Kunstakademie nicht zugelassen waren, besuchte sie 1886/87 die sogenannte Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen.Vereinschronik: In: Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e. V., abgerufen am 6. Januar 2018. Sie erhielt Unterricht von Karl Stauffer-Bern und wurde mit Gerhart Hauptmann und Arno Holz bekannt. In diese Zeit fällt ihr Interesse an den graphischen Arbeiten Max Klingers, dessen Radierzyklen sie nachhaltig beeinflussten. Nach einem Jahr kehrte sie nach Königsberg zurück und wurde von Emil Neide, selbst Absolvent und später Lehrer an der Kunstakademie Königsberg, unterrichtet. Anschließend studierte sie bis 1890 in München bei Ludwig Herterich zusammen mit Linda Kögel, Maria Slavona, Eugenie Sommer und Marianne Geselschap. mini|Eine Zeichnung ihres Künstlerfreundes Heinrich ZilleWerner Schumann: Das große Zille-Album. 1957, . mini|Gedenkblatt für Karl Liebknecht von Käthe Kollwitz, 1920
Nach ihrem Studium lebte sie ein Jahr als Künstlerin in Königsberg, ehe sie im Juni 1891 ihren langjährigen Verlobten, den Arzt Karl Kollwitz, heiratete. Gemeinsam zogen sie in einen Berliner Arbeiterbezirk, den Ortsteil Prenzlauer Berg, in ein Eckhaus der damaligen Weißenburger Straße (heute Kollwitzstraße 56A) direkt am damaligen Wörther Platz (die Straße ist seit 1947 nach ihr benannt). 1892 gebar sie ihren Sohn Hans, 1896 den Sohn Peter. Von 1898 bis 1902/1903 war sie Lehrerin an der Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen.
Allgemeine Aufmerksamkeit zog Kollwitz erstmals durch die Teilnahme an der Großen Berliner Kunstausstellung 1898 auf sich, wo sie ihre Radierfolge Ein Weberaufstand zeigte. Die ersten drei Blätter zu diesem Zyklus hatte sie bereits 1893 nach dem Erlebnis der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Schauspiel Die Weber als Lithografien gefertigt.Harald Olbrich (Hrsg.): Lexikon der Kunst. Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrieformgestaltung, Kunsttheorie. Band III: Greg–Konv. E. A. Seemann Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-86502-084-4, S. 817. Max Liebermann war davon so beeindruckt, dass er die junge Künstlerin noch im selben Jahr zur kleinen goldenen Medaille vorschlug. Kaiser Wilhelm II. lehnte dies jedoch ab. Die moderne Kunst bezeichnete er als Rinnsteinkunst, sie stand in krassem Widerspruch zum damals bevorzugten Historismus und der großbürgerlichen Salonmalerei. Ähnlich waren die Reaktionen auf ihr erstes Plakat für die „Heimarbeit-Ausstellung“ (1906). Die schonungslose Darstellung einer entkräfteten Frau verärgerte die deutsche Kaiserin derartig, dass sie den Besuch der Ausstellung verweigerte, solange das Plakat dort öffentlich zu sehen war. 1910 begann sie mit der Bildhauerei. Eine enge Freundschaft verband sie mit dem Berliner Maler Otto Nagel.
In der Ersten Flandernschlacht im Jahr 1914 fiel ihr Sohn Peter.Deutsche Verlustlisten (Preußische Verlustliste Nr. 520) vom 3. Mai 1916, S. 12292: Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 207. Kollwitz [nicht Bollirtz], Peter (4. Komp.) - Berlin - gefallen. (bereits in VL Nr. 93 vom 4. Dezember 1914, S. 3306, als „Krgsfreiw. Peter Bollirtz“ gemeldet) Dieser Verlust brachte Käthe Kollwitz in Kontakt mit dem Pazifismus und mit Sozialisten. Zwischen 1919 und 1926 schuf sie im Auftrag verschiedener sozialer Organisationen zahlreiche Plakate und kleinere graphische Arbeiten, die humanitäre und pazifistische Überzeugungen widerspiegeln, unter anderem für die SPD, KPD, die Internationale Arbeiterhilfe, den Internationalen Gewerkschaftsbund, die Gesellschaft für soziale Reform, die Landesfrauenklinik in Erfurt und den Volksbund zum Schutze der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen. Die im Zeitraum zwischen 1914 und 1932 geschaffene Skulptur Trauerndes Elternpaar ist dem gefallenen Sohn gewidmet und steht heute auf der Kriegsgräberstätte Vladslo, wohin er 1956 umgebettet wurde.
Nach der Ermordung Karl Liebknechts widmete Kollwitz dem Toten einen Holzschnitt. Ihrer Meinung nach hat Kunst die Aufgabe, soziale Bedingungen darzustellen. Sie war Mitglied sowohl im Deutschen KünstlerbundMitglieder seit 1903. Ordentliche Mitglieder des Deutschen Künstlerbundes. In: Deutscher Künstlerbund e. V., abgerufen am 6. Januar 2018. als auch in der Künstlerorganisation Berliner Secession. Bei deren erster Ausstellung 1899 und in den Folgeausstellungen war sie Mitglied des Vorstands. 1926 unterzeichnete sie die „Erklärung für die Erhaltung des Alten Berlin“ zur Bewahrung charakteristischer Straßen- und Platzbilder. 1930 war Käthe Kollwitz in der Jury der Ausstellung „Die gestaltende Frau“, die vom 18. Oktober bis 5. November 1930 vom „Deutschen Staatsbürgerinnenverband“ im Berliner Kaufhaus Wertheim gezeigt wurde. Sie arbeitete auch für die Internationale Arbeiterhilfe (IAH).
Mitglied einer Partei war Kollwitz niemals gewesen, sie empfand sich aber als Sozialistin und unterstützte einen Aufruf des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) zu einer Zusammenarbeit von KPD und SPD. 1933 wurde die Künstlerin zum Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste gezwungen und ihres Amtes als Leiterin der Meisterklasse für Grafik enthoben, da sie zu den Unterzeichnern des Dringenden Appells zum Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront gegen den Nationalsozialismus gehört hatte. 1934 bezog Kollwitz den Atelierraum Nr. 210 in der Klosterstraße 75. 1936 ließ der Preußische Kulturminister Bernhard Rust die Exponate der Künstlerin aus der „Zweiten Jubiläums-Ausstellung aus Anlass des 150jährigen Bestehens der akademischen Ausstellungen Berliner Bildhauer von Schlüter bis zur Gegenwart“ entfernen, was einem offiziellen Ausstellungsverbot gleichkam. 1937 wurden in der zentralen Aktion „Entartete Kunst“ aus dem Stadtbesitz von Berlin, dem Städtischen Kunsthaus Bielefeld, den Kunstsammlungen der Stadt Düsseldorf, dem Museum für Kunst und Heimatgeschichte Erfurt, der Städtischen Kunstsammlung Gelsenkirchen, dem Kestner-Museum Hannover, dem Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld, der Städtischen Galerie Nürnberg, dem Vestisches Museum Recklinghausen, dem Staatlichen Museum Saarbrücken, dem Museum für Kunst und Kunstgewerbe Stettin und dem Schlossmuseum Weimar mindestens 36 Grafiken und Zeichnungen von Käthe Kollwitz beschlagnahmt. Sie gingen dann zur „Verwertung“ auf dem internationalen Kunstmarkt an die Kunsthändler Bernhard A. Böhmer, Hildebrand Gurlitt und Karl Buchholz.Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, FU Berlin
Käthe Kollwitz gehörte zu den achtzehn Künstlern, die in der im Juni 1939 erstellten geheimen Materialsammlung des Reichssicherheitshauptamts Erfassung führender Männer der Systemzeit aufgeführt sind. Sie konnte jedoch in der Ateliergemeinschaft relativ unbehelligt an ihrem Alterswerk weiterarbeiten und vollendete dort bis November 1940, bevor sie sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzog, eine Vielzahl von Zeichnungen und Grafiken (u. a. 1937 die Lithografie-Folge Tod) und bildhauerische Arbeiten (z. B. 1937 die 1932 begonnene Zementplastik Mutter mit Zwillingen oder 1938 bis 1940 die Bronze Die Klage).siehe Abb. S. 114 bis 119, Atelierfotos S. 182, in: Ateliergemeinschaft Klosterstraße – Berlin 1933–1945. Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus. Akademie der Künste (Berlin), Edition Hentrich, Berlin 1994, ISBN 3-89468-134-9.
Ihr Mann starb am 19. Juli 1940 nach 49 gemeinsamen Ehejahren und wurde im Familiengrab auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde begraben. Der Enkel Peter, Sohn des sozialistischen Arztes Hans Kollwitz, starb ebenfalls im Zweiten Weltkrieg. Er hatte sich dem nationalsozialistischen Gedankengut angeschlossen und weigerte sich, der „Enkel von Käthe Kollwitz“ zu sein. 1943 floh Käthe Kollwitz vor dem Bombenkrieg nach Nordhausen. Sie fand dort Aufnahme bei der Malerin und Bildhauerin Margret Böning, von der auch eine berühmte plastische Darstellung des Kopfes von Käthe Kollwitz stammt. Im November 1943 wurde die Berliner Wohnung von Käthe Kollwitz in der Weißenburger Straße ausgebombt; dabei wurden zahlreiche Grafiken, Drucke und Druckplatten zerstört.
Im Juli 1944 zog Käthe Kollwitz auf Einladung von Ernst Heinrich von Sachsen in den Rüdenhof des Ortes Moritzburg um. Hier bewohnte sie im ersten Stock ein Eckzimmer mit Blick auf das Schloss Moritzburg und ein danebenliegendes Zimmer mit Balkon. Von der Wohnungseinrichtung sind der Nachttisch, ihr Tagebuch und eine Büste von Johann Wolfgang von Goethe erhalten geblieben. Sie starb am 22. April 1945, wenige Tage vor dem Ende des Krieges und des NS-Regimes, in dieser Wohnung. Das Gebäude ist heute das Käthe-Kollwitz-Haus Moritzburg, eine Gedenkstätte, die an das Leben und Werk der sozial engagierten Künstlerin erinnert.
Im Oktober/November 1945 fand im sowjetischen Sektor Berlins im Museum für Naturkunde die erste Kollwitz-Ausstellung nach dem Ende des NS-Regimes statt.
Käthe Kollwitz ist zusammen mit einigen Familienangehörigen auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde bestattet. Ihr Grab liegt in der Künstlerabteilung des Friedhofs und ist als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet.Joachim Hoffmann: Berlin-Friedrichsfelde. Ein deutscher Nationalfriedhof. Kulturhistorischer Reiseführer.
Werk Ihr Werk umfasst Radierungen, Lithografien, Holzschnitte, Zeichnungen und Plastiken. Es wurde 1924 von Adolf Heilborn in einer (vermutlich von der Künstlerin autorisierten) Monografie vorgestellt, die im Rembrandt-Verlag Berlin erschien und mehrfach nachgedruckt wurde. Das 5. bis 8. Tausend, erschienen 1931, umfasste 66 Seiten und 55 Abbildungen des grafischen Werkes. Das 9. bis 10. Tausend erschien 1940 in der Reihe Die Kunstbücher des Volkes und war auf 79 Seiten und um 11 Abbildungen von Plastiken einschließlich der Figurengruppe Trauerndes Elternpaar erweitert worden. Anders als in der vorherigen Ausgabe schließt der Text 1940 mit den Worten: „Was sie einst mit ihren mahnend, klagend-anklagenden Plakaten erstrebte - es hat jetzt im „Winterhilfswerk“ des deutschen Volkes und in der Betreuung aller Volksgenossen weit über jedes Erwarten hinaus Erfüllung gefunden.“