mini|Zunge des Menschen. Das Bild zeigt einen Sonderbefund, nämlich eine Faltenzunge (Lingua plicata). mini|Die Giraffe nutzt ihre Zunge, um Nahrung abzupflücken Die Zunge (, Lingua, (ionisch , attisch )) Siehe auch DWDS („Zunge“) und ist ein länglicher, von Schleimhaut überzogener Muskelkörper (bestehend aus neun einzelnen Muskeln) bei Menschen sowie den meisten anderen Wirbeltieren, der auf dem Boden der Mundhöhle liegt und diese bei geschlossenen Kiefern fast ganz ausfüllt.
Sie nimmt am Kauen, Saugen und Schlucken teil und ist mit Sinnesorganen für das Schmecken und Tasten ausgestattet. Die menschliche Zunge spielt auch eine wichtige Rolle in der Artikulation von Sprachlauten. Daher sind auch in vielen Sprachen das Wort für „Sprache“ oder Ausdrücke für die Fähigkeit, Sprache zu gebrauchen, von dem jeweiligen Wort für Zunge abgeleitet.Günter Radden: Alltagsmodell der Sprache. In: Magdalena Olpińska-Sziełko et al. (Hrsg.): Der Mensch und seine Sprachen: Festschrift für Professor Franciszek Grucza. Peter Lang, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-631-62191-2, S. 487–499, Online verfügbar (abgerufen am 25. April 2026).
Die menschliche Zunge
Aufbau
mini|Menschliche Zunge Die Zunge wird beim Menschen in die freibewegliche Zungenspitze (lateinisch Apex linguae), den Zungenkörper (Corpus linguae) und (im hinteren Drittel der Zunge) die Zungenwurzel (Radix linguae, genannt auch Zungengrund) gegliedert. Die Oberseite der Zunge (der Zungenrücken, Dorsum linguae) ist etwas gewölbt, liegt ganz frei und zeigt hinten eine dreieckige Vertiefung, das blinde Loch, in dem sich mehrere Schleimdrüsen öffnen. In der Phonetik wird der vordere, beweglichste Teil des Zungenrückens direkt hinter der Zungenspitze auch als Zungenblatt bezeichnet. Im Bereich der Zungenspitze liegt unter der Schleimhaut eine kleine Speicheldrüse, die Zungenspitzendrüse(Glandula lingualis anterior, Blandin-Nuhn-Drüse), im hinteren Zungenbereich weitere Speicheldrüsen, die Zungendrüsen (Glandulae linguales). Bei den meisten Menschen ist bei herausgestreckter Zunge der V-förmige Sulcus terminalis sichtbar, an dessen Spitze das aus der Schilddrüsenanlage im später obliterierten Ductus thyreoglossus ausgestülpten Foramen caecum lingua als blindes Loch befindet.Detlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden. Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 28–29. der die beiden nach Aufbau und Funktion sowie Entwicklung verschiedenen Zungenabschnitte trennt.
Die untere Fläche ist mit ihrem mittleren Teil an den Boden der Mundhöhle angewachsen und vorn durch eine Falte der dünnen Mundschleimhaut, das Zungenbändchen (lateinisch Frenulum linguae), so angeheftet, dass nur die Zungenspitze (Apex linguae) und die Seitenränder frei sind. Erstreckt sich das Zungenbändchen zu weit nach vorn, so wird dadurch die freie Beweglichkeit der Zunge beeinträchtigt (Ankyloglosson). Dies kann das Saugen und die Lautbildung beeinträchtigen. Diese Entwicklungsstörung kann durch einen Schnitt in das Zungenbändchen (Zungenlösung) beseitigt werden.
Der hinterste, dickste Teil der Zunge, die Zungenwurzel (Radix linguae), ist am Zungenbein befestigt, das im oberen Teil des Halses liegt und durch Muskeln und Bänder wieder mit dem Kehlkopf in Verbindung steht.
In der Mittellinie der Zunge ist eine Art senkrechte Scheidewand, das Septum linguae. Im Übrigen besteht die Zunge jedoch vorwiegend aus Muskelfasern mit zahlreichen dazwischen verlaufenden Nerven und Blutgefäßen. Die Muskelfasern sind in allen drei Raumrichtungen angeordnet und ermöglichen dadurch die überaus große Beweglichkeit der Zunge.
mini|hochkant=1.5|Frontalebene der Zunge mit der quergestreiften Binnenmuskulatur mini|hochkant=1.5|Laterale Ansicht der Zunge mit der entsprechend frei-präparierten Muskulatur
Zungenmuskulatur
Die Zungenmuskulatur wird morphologisch aber auch funktionell-motorisch in eine innere Zungenmuskulatur – sie verläuft gänzlich im Inneren des Zungenkörpers – sowie eine äußere Zungenmuskulatur unterteilt. Letztere verbindet die Zunge mit den sie umgebenden Organ- und Gewebestrukturen.
Zu der inneren Zungenmuskulatur (Abkürzung M. entspricht Musculus) zählen die:
Verkürzung und Verbreiterung der Zunge, Heben der Zungenspitze: M. longitudinalis superior M. longitudinalis inferior
Verlängerung bzw. Verschmälerung der Zunge, Herausstrecken der Zungenspitze: M. transversus linguae M. verticalis linguae
und zu der äußeren Zungenmuskulatur gehören die:
Ziehen die Zunge nach vorne unten (ventro-kaudal): M. genioglossus
Ziehen die Zunge nach hinten unten (dorso-kaudal): M. chondroglossus
Ziehen die Zunge nach hinten oben (dorso-rostral): M. styloglossus
Ziehen die Zunge nach hinten unten (dorso-kaudal): M. hyoglossus
Verengung der Schlundenge (Isthmus faucium): M. palatoglossus
mini|Sagittalebene der menschlichen Mundhöhle, Oropharynx und Larynopharynx und der Zunge bzw. Zungenmuskulatur. Artikulationsorte (aktiv und passiv) für die Phonation der gesprochenen Sprache: 1 exolabial (äußerer Teil der Lippe) 2 endolabial (innerer Teil der Lippe) 3 dental (Zähne) 4 alveolar (vorderer Teil des Zahndamms) 5 postalveolar (hinterer Teil des Zahndamms und ein wenig dahinter) 6 präpalatal (vorderer Teil des harten Gaumens) 7 palatal (harter Gaumen) 8 velar (weicher Gaumen) 9 uvular (auch postvelar; Gaumenzäpfchen) 10 pharyngal (Rachen) 11 glottal (auch laryngal; Stimmbänder) 12 epiglottal (Kehldeckel) 13 radikal (Zungenwurzel) 14 posterodorsal (hinterer Teil der Zunge) 15 anterodorsal (vorderer Teil der Zunge) 16 laminal (Zungenblatt) 17 apikal (Zungenspitze) 18 sublaminal (auch subapical; Unterseite der Zunge)
Innervation Die Zunge ist auf sehr komplexe Weise durch mehrere Nerven innerviert:Hamid Abdolvahab-Emminger: Physikum exakt: das gesamte Prüfungswissen für die 1. ÄP. Georg Thieme Verlag, 2005 ISBN 978-3-13-107034-0, S. 259. Motorisch wird die Zunge vom Nervus hypoglossus versorgt. Die sensible und sensorische Innervation erfolgt im hinteren Drittel der Zunge durch den Nervus glossopharyngeus, am Zungengrund durch den Nervus vagus. Die sensible Versorgung der vorderen zwei Drittel erfolgt durch den Nervus lingualis, einem Ast des Nervus mandibularis. Die Geschmacksreize der vorderen zwei Drittel der Zunge werden durch die Chorda tympani, einem Ast des Nervus facialis, weitergeleitet.
Schleimhaut mini|links|Zeichnung einer Geschmacksknospe mini|Verkürztes Zungenbändchen mit Fesselung der Zungenspitze Auf der sehr dicken Zungen-Schleimhaut, die eine Fortsetzung der Mundschleimhaut ist, des Zungenkörpers befinden sich die zahlreichen Papillen (Zungenwärzchen, Papillae linguales, genannt auch Zungenpapillen), die fadenförmig, keulenartig oder platt sind. Funktionell lassen sie sich in zwei Gruppen unterscheiden.
Die mechanischen Papillen (Papillae mechanicae) werden nach der Gestalt in Papillae filiformes (fadenförmige), Papillae conicae (konische) und Papillae lentiformes (linsenförmige) unterschieden. Die fadenförmigen Papillen verleihen der Zunge ihre samtartige Oberfläche. Bei einigen Säugetieren (Rindern, Schafen, Katzen) besitzen sie kleine rachenwärts gerichtete Hornspitzen und verleihen der Zunge eine gewisse Rauhigkeit. Konische Papillen sind deutlich dicker und kommen beispielsweise bei Rindern am Zungenkörper vor. Linsenförmige Papillen sind flach und breit und bei Wiederkäuern zu finden. Sie dienen vor allem der Aufnahme von Tastempfindungen.
Die zweite Gruppe von Zungenpapillen sind die Geschmackspapillen (Papillae gustatoriae) mit den eigentlichen Geschmacksorganen, den Geschmacksknospen, die mit den Geschmacksnerven (Nervus glossopharyngeus, Chorda tympani) verbunden sind. Nach der Form unterscheidet man drei Geschmackspapillentypen. Die pilzförmigen Papillen (Papillae fungiformes) sind neben der Aufnahme von Geschmacksreizen vermutlich auch an Tast- und Temperaturempfinden beteiligt. Die am Zungengrund gelegenen Wallpapillen (Papillae vallatae) sind erhaben und von einem Wallgraben mit Spüldrüsen umgeben. Ihre Anzahl ist tierartlich sehr unterschiedlich: Pferde besitzen nur zwei Wallpapillen, Wiederkäuer 48. Blätterpapillen (Papillae foliatae) sind nicht bei allen Säugetieren ausgebildet. Besonders deutlich sind sie bei Pferden. Hier beiderseits eine, etwa 2 cm lange Blätterpapille seitlich am Zungengrund. Sie besteht aus vielen hintereinander stehenden Blättchen.
Die Zunge enthält zahlreiche kleine Speicheldrüsen, besonders in der Gegend der Zungenwurzel. Die gesamte Oberfläche der Zunge ist von einem zarten Oberhäutchen oder Epithel überzogen. In den zahlreichen Vertiefungen zwischen den Papillen entwickelt sich ein Biofilm, der durch Speichel und Speisereste genährt, einen weißlichen Belag auf der Oberseite der Zunge bildet und beispielsweise durch einen Zungenreiniger zeitweilig reduziert werden kann.
Aufgabe der Zunge Die Zunge dient zur Bewegung der Nahrung im Mund, sodass diese gut durchgekaut und durchspeichelt werden kann. Dafür schiebt sie beim Kauen in Zusammenarbeit mit den Wangen die Nahrung immer wieder zwischen die Zähne. Schließlich übernimmt sie beim Schluckakt selbst eine wichtige Rolle, indem sie die Speise vom Mund in den Rachen (Pharynx) schiebt. Bei breiartiger Konsistenz wird das dadurch erreicht, dass zunächst die Zungenränder und dann der mittlere Zungenbereich von vorne nach hinten an den Gaumen gedrückt werden.
Die Zunge ist beim Sprechen unverzichtbar. Viele Sprachlaute, aber auch Pfeifen, können ohne Zunge nicht erzeugt werden.
Sie ist zudem das Organ, welches das Schmecken ermöglicht. Es werden die Geschmacksqualitäten süß, sauer, bitter, salzig und umami (; von , ‚wohlschmeckend‘; Natriumglutamat) unterschieden. Zudem gibt es nach neuerer Erkenntnis auch einen Rezeptor, der auf Fett reagiert.
Die verschiedenen Rezeptoren sind in gewissen Bereichen der Zunge unterschiedlich häufig vertreten. So liegen die Sinneszellen vor allem randständig, süß gehäuft an der Spitze, dann salzig, sauer, salzig. Bittergeschmack hat eine Häufung am Zungenhintergrund. Jahrzehntelang wurde die Lehrmeinung vertreten, dass die Zunge in wenige feste Geschmacks-Areale eingeteilt werden könne. Dieses Modell hat sich schließlich als unzureichend erwiesen und konnte auf einen Interpretationsfehler der Abbildung einer von David Hänig im Jahre 1901 herausgebrachten Veröffentlichung zurückgeführt werden.Rainer Klinke, Stefan Silbernagl: Lehrbuch der Physiologie. Thieme, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-13-796007-2, S. 807., Sendung vom 2. Januar 2007.
Daneben erfüllt die Zunge die Aufgabe der „Selbstreinigung“ der Zähne an ihren lingualen und palatinalen Flächen, des Mundes und der Lippen.
Erkrankungen Eine angeboren zu große Zunge heißt Makroglossie, eine zu kleine Mikroglossie.
Fehlbildungen wie gespaltene Zunge sowie Hamartome treten bei den Oro-fazio-digitalen Syndromen auf.
Entzündungen der Zunge werden als Glossitis bezeichnet.
Unter Geschmacksstörungen (Dysgeusien) werden Störungen des Geschmackempfindens (Gustatorik) verstanden. Sie können durch verschiedene Erkrankungen, aber auch durch Medikamente hervorgerufen werden.
Vitaminmangel, Infektionen, Medikamente, Mundwasser, Rauchen können diverse optisch auffällige Veränderungen an der Zunge hervorrufen: Belegte Zunge Lingua plicata Himbeerzunge bei Scharlach Lackzunge Leukoplakie Hunter-Glossitis bei Perniziöser Anämie Schwarze Haarzunge
Ein „Verschlucken der Zunge“ gibt es nicht. Im Schlaf oder auch bei Bewusstlosigkeit kann es zu einem Erschlaffen der Schlundmuskulatur kommen. Dies erzeugt dann das typische Schnarchgeräusch und kann die Atmung sogar behindern. Beim Schlaf-Apnoe-Syndrom wird dies durch eine Maskenbeatmung korrigiert, bei einem Bewusstlosen verwendet man den Esmarch-Handgriff.
Die Zunge in der Körpermodifikation mini|Zungenpiercing