mini|Abbildung (19. Jahrhundert) einer Statuette, die von einigen Forschern als Diogenes identifiziert wird. mini|Diogenes in seinem Fass. Ausschnitt eines in Köln gefundenen Mosaiks aus dem 2. Jahrhundert, heute dort im Römisch-Germanischen Museum Diogenes von Sinope (, latinisiert Diogenes Sinopeus; * vermutlich um 413 v. Chr. in Sinope; † vermutlich 323 v. Chr. in Korinth) war ein antiker griechischer Philosoph. Er zählt zur Strömung des Kynismus.
Quellenlage mini|Diogenes von Sinope, Detail aus „Die Schule von Athen“, Raphael Santi, 1510/11, Stanzen des Vatikans, Rom Über den historischen Diogenes sind kaum gesicherte Daten erhalten. Fast alle Informationen wurden in Form von Anekdoten überliefert, deren Wahrheitsgehalt Gegenstand wissenschaftlicher Spekulationen ist. Die früheste Quelle zu Diogenes ist eine kurze Stelle bei Aristoteles,Vgl. Georg Luck: Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker in deutscher Übersetzung mit Erläuterungen. S. 132. die mit Abstand wichtigste der allerdings erst im 3. Jahrhundert tätige Doxograph Diogenes Laertios, dessen Bericht sich wiederum auf zahlreiche ältere Autoren stützt – deren Angaben sich schon damals widersprachen. Insgesamt sind die antiken Berichte zu Diogenes überdurchschnittlich zahlreich, besonders in popularphilosophischen Schriften und in der Buntschriftstellerei. Die Verlässlichkeit sämtlicher Zeugnisse zu Diogenes ist umstritten; vermutlich bildeten sich bereits zu Lebzeiten Legenden, und es ist anzunehmen, dass seit seinem Tod etliche Anekdoten hinzuerfunden worden sind.Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–281.
Leben Die Lebensdaten Diogenes’ sind unbekannt; es liegen dazu verschiedene, teils widersprüchliche AngabenZur Zeit der 113. Olympiade (328 bis 325 v. Chr.) sei er ein alter Mann gewesen (Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,79). Er sei am selben Tag (13. Juni 323) wie Alexander der Große gestorben (Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,79). Er sei 81 Jahre alt geworden (Censorinus, De die natali 15,2). Er sei etwa 90 Jahre alt geworden (Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,76). Seine geistige Blütezeit sei 396 (Eusebius von Caesarea, Chronik Ol. 96,1) bzw. 392 (Chronicon Paschale, a. u. c. 362,1) gewesen. vor. Nach Auswertung der betreffenden Zeugnisse geht man davon aus, dass Diogenes gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr., möglicherweise um das Jahr 410 v. Chr. in Sinope (heute Sinop) am Schwarzen Meer geboren wurde und gegen Ende der 320er Jahre v. Chr. in Athen oder KorinthDiogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,77. gestorben ist.Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 282. Für die Todesursache berichtet Diogenes LaertiosDiogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,76–77. von unterschiedlichen Angaben: Verzehr eines rohen Polypen,So auch Athenaios, Deipnosophistai 8,341 e Gallenkolik, absichtliches Anhalten des Atems, Hundebiss.
Nach einer antiken Überlieferung war Diogenes Schüler des Antisthenes. Wenn dies zutrifft, muss er spätestens in den frühen 360er Jahren v. Chr. nach Athen übersiedelt sein. In der modernen Forschung ist das behauptete Schülerverhältnis zu Antisthenes allerdings umstritten.Siehe dazu Marie-Odile Goulet-Cazé: Diogène de Sinope. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 2, Paris 1994, S. 812–823, hier: 815; Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Basel 1998, S. 280–295, hier: 282–284; Gabriele Giannantoni: Antistene fondatore della scuola cinica? In: Marie-Odile Goulet-Cazé, Richard Goulet (Hrsg.): Le cynisme ancien et ses prolongements. Paris 1993, S. 15–34. Sicher ist nur die Übersiedlung nach Athen. Die Gründe dafür sind unklar, auch wenn dazu verschiedene Anekdoten und Geschichten überliefert sind. So berichten Diogenes LaertiosDiogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,20–21. und einige andere Autoren die Legende, dass er geflohen oder verbannt worden sei, weil er selbst oder sein Vater als Bankier oder Beamter Münzen von Sinope gefälscht hätten. In Athen machte er Bekanntschaft mit den berühmten Philosophen seiner Zeit: mit Platon, Aischines von Sphettos sowie Euklid von Megara. Hingegen ist die Begegnung mit Aristippos von Kyrene möglicherweise erfunden.Zur Biographie des Diogenes siehe Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 281–285.
Aufenthalt in Korinth – Begegnung mit Alexander dem Großen mini|„Geh mir ein wenig aus der Sonne!“ (Diogenes zu Alexander dem Großen). Relief, Villa Albani, RomWolfgang Helbig: Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom. 4. Auflage. Band 4, Wasmuth, Tübingen 1972, S. 271–272 Nr. 3303. In den antiken Berichten ist des Öfteren davon die Rede, dass sich Diogenes in Korinth aufgehalten habe. Wie oft und wie lange, ist unklar, jedenfalls soll er dort auch gestorben sein (nach anderen Versionen allerdings in Athen). Auch um diese Übersiedelung ranken sich Legenden. Nach einerBeispielsweise bei Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 74. soll Diogenes während einer Schiffsreise nach Ägina von Piraten entführt und auf Kreta als Sklave von einem Korinther namens Xeniades gekauft worden sein. Xeniades habe ihn dann zu seinem Hausverwalter und Erzieher seiner Söhne gemacht.Siehe zu den verschiedenen Versionen dieser Legende Marie-Odile Goulet-Cazé: Xéniade de Corinthe. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 7, Paris 2018, S. 190–192. In Korinth soll er dem Tyrannen Dionysios II. von SyrakusPlutarch, Timoleon 15, 8. und nach der bekanntesten der Anekdoten auch Alexander dem Großen begegnet sein. Ob diese Begegnung tatsächlich und auch in dieser Form stattgefunden hat, ist umstritten. Die Anekdote taucht bei mehreren antiken Autoren in Variationen auf und wurde ein beliebtes Motiv der bildenden Kunst; die älteste erhaltene Version stammt von Cicero,Cicero, Tusculanae disputationes 5, 92. ausführlicher berichtet Plutarch:Außerdem berichten Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 4,3 e und Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6,38.
Hündische Lebensweise mini|Philosophie als radikale Lebensform: Diogenes in der Tonne – Gemälde von Jean-Léon Gérôme (1860) Sein Beiname („der Hund“) war ursprünglich vermutlich als auf seine Schamlosigkeit bezogenes Schimpfwort gemeint. Diogenes aber fand ihn passend und hat sich seither selbst so bezeichnet.Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 289. Eine von vielen Anekdoten, die diesen Beinamen betreffen, ist die, dass sich Alexander der Große bei Diogenes so vorgestellt haben soll: „Ich bin Alexander, der große König.“ Worauf Diogenes gesagt haben soll: „Und ich Diogenes, der Hund.“Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 60.
mini|Titelkupfer zu den Dialogen des Diogenes von Sinope, herausgegeben von Christoph Martin Wieland (1770). Entworfen von Adam Friedrich Oeser, gestochen von Christian Gottlieb Geyser Diogenes soll freiwillig das Leben der Armen geführt und dies öffentlich zur Schau gestellt haben. Angeblich hatte er keinen festen Wohnsitz und verbrachte die Nächte an verschiedenen Orten, wie etwa öffentlichen Säulengängen. Als Schlafstätte soll ihm dabei gelegentlich ein Vorratsgefäß (, Pithos) gedient haben,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 22–23 und 105; Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 90, 14: dolium. daher das geflügelte Wort von Diogenes in der Tonne bzw. im Fass. Zu Diogenes’ Ausstattung gehörten laut Diogenes LaertiosDiogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 22–23. ein einfacher Wollmantel, ein Rucksack mit Proviant und einige Utensilien sowie ein Stock. Seinen Trinkbecher und seine Essschüssel soll er nach einer Anekdote weggeworfen haben, als er sah, wie Kinder aus den Händen tranken und Linsenbrei in einem ausgehöhlten Brot aufbewahrten.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 37. Ernährt habe er sich von Wasser, rohem Gemüse, wild gewachsenen Kräutern, Bohnen,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 48. Linsen, Oliven,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 55. Feigen,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 25. einfachem Gerstenbrot und Ähnlichem.
Zu Diogenes’ Zeit galt es in Griechenland als unanständig, in der Öffentlichkeit zu essen. Er tat aber nicht nur dies, sondern befriedigte auch seinen sexuellen Trieb vor aller Augen und zwar der Einfachheit halber durch Masturbation. Einer Anekdote zufolge soll er sich gewünscht haben, auch das Hungergefühl durch einfaches Reiben des Bauches stillen zu können.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 46 und 69.
Schriften Diogenes Laertios überliefert zwei unterschiedliche zu seiner Zeit kursierende Verzeichnisse von Schriften des Diogenes.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 80. Die erste Liste umfasst 13 Dialoge, sieben Tragödien und Briefe, die zweite, von Sotion von Alexandria stammende, zwölf Dialoge, Chrien und Briefe. Laut Sosikrates von Rhodos und Satyros von Kallatis, so Diogenes Laertios, hat Diogenes allerdings überhaupt keine Schriften verfasst.Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 285–287.
Lehre Da seine Schriften verlorengegangen sind und Berichte zu philosophischen Positionen, die Diogenes vertreten hat, weit seltener sind als die zahlreich überlieferten Anekdoten, sind seine philosophischen Ansichten nur in groben Umrissen bekannt. Es ist davon auszugehen, dass Diogenes die grundsätzliche Ansicht vertreten hat, dass richtig glücklich nur der sein kann, der sich erstens von überflüssigen Bedürfnissen freimacht und zweitens unabhängig von äußeren Zwängen ist. Ein zentraler Begriff ist dabei auch die daraus resultierende Selbstgenügsamkeit (autárkeia):Klaus Döring: Diogenes aus Sinope. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 287–288. „Es sei göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.“Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 6, 105.
Bedürfnislosigkeit mini|Diogenes, Gemälde von Jules Bastien-Lepage (1873)