mini|hochkant=2|Evolution im Sinne eines universalen ProzessesGerhard Vollmer 2016, S. 20, 28, 142Luc Saner (Hrsg.): Studium generale: Auf dem Weg zu einem allgemeinen Teil der Wissenschaften. Springer Spektrum, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-04157-1, S. 20.
Der Begriff Evolution (von „herausrollen“, „auswickeln“, „entwickeln“) bezieht sich im weiten Sinne auf Formen langfristiger Entwicklungen komplexer Systeme, die zu größerer Vielfalt und neuen, vorher nicht existenten Phänomenen (Emergenz) führen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Evolution in erster Linie die biologische Evolution: Die von Generation zu Generation stattfindende allmähliche Veränderung organischer Strukturen durch evolutionäre Anpassung, auch HöherentwicklungStichwort Evolution im Lexikon der Biologie auf spektrum.de, Spektrum, Heidelberg 1999, abgerufen am 1. September 2023. (bildungssprachlich) eine langsame und kontinuierlich fortschreitende Entwicklung in langfristigen, geschichtlichen Zusammenhängen.DWDS: Evolution, zuletzt abgerufen am 10. Mai 2024.Dirk Kemper: Revolution oder Evolution? Geschichte einer oppositionellen Denkfigur. 2018.
Fachsprachlich wird der Begriff heute nicht nur in der Biologie verwendet, sondern ebenso in den anderen Naturwissenschaften einschließlich der Anthropologie sowie in einigen Geistes- und interdisziplinären Wissenschaften bis hin zur Idee einer Allgemeinen oder Universalen Evolutionstheorie.Zu diesem Aspekt siehe Jürgen Kocka: Evolution und Revolution: begriffsgeschichtliche Überlegungen. In: Volker Gerhardt (Hrsg.): Wer hat die Deutungshoheit über die Evolution? (= Debatte. Heft 8). Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin 2010, ISBN 978-3-939818-16-8, S. 11–16 (online).Eugen Rosenstock-Huessy: Revolution als politischer Begriff in der Neuzeit.Md. Abdul Mannan: Revolution Versus Evolution: The Pattern of Conceptual Change in Science. In: Journal of Indian Council of Philosophical Research. Band 37, 8. Mai 2020, S. 175–189.Wolfert von Raden: Revolution und Evolution. In: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte, Band 1, 2012.
Definitionen Der Begriff hat mehrere Bedeutungen, wobei es möglicherweise eine generische überlappende Bedeutung gibt, von der die einzelnen vom jeweiligen Kontext des Diskurses abhängige Variationen darstellen.R. Puligandla: The concept of evolution and revolution. In: The Philosophy Forum. Band 11, Ausgabe 1–2, 4. Juni 2010, S. 41–69. Die aktuell vorliegenden Definitionen reichen von extremen Verkürzungen (siehe Einleitung) bis zu sehr detaillierten Beschreibungen. Schnittmenge aus den übereinstimmenden Merkmalen der detaillierteren Definitionen in den verschiedenen Wissenschaften:
Evolution ist eine fortwährende Entwicklung sich selbst erschaffender, meist selbst erhaltender Systeme (Autopoiesis) in bislang nicht vorhersagbaren, nicht umkehrbaren Ereignissen, die zu neuartigen und in der Regel komplexeren Strukturen führen. Da die Folgen (objektiver) Zufälle durch „Regelkreise“ oder Naturgesetze im Sinne der Selbstorganisation eine Regulation erfahren, weisen die Veränderungen eine Richtungskomponente auf.Vollmer 2016, S. 20, 29–30.Werner Ebeling: Selbstorganisation – Entwicklung des Konzeptes und neue Anwendungen. Festvortrag auf dem Leibniztag 2003, Leibniz-Sozietät/Sitzungsberichte 60(2003)4, 37–47, PDF abgerufen am 9. September 2023. S. 42–43.Michael Blume: Was bedeutet Evolution für Sie? Beitrag auf scilogs.spektrum.de vom 12. Februar 2012, Spektrum der Wissenschaft, abgerufen am 31. August 2023.William Bruce Sherwin: Entropy, or Information, Unifies Ecology and Evolution and Beyond. Evolution & Ecology Research Center, School of Biological Earth and Environmental Science, UNSW Sydney Australien, 21. September 2018.
Infolgedessen ist Evolution die Entwicklung aufeinander bezogener Einzelschritte in einem Gesamtzusammenhang (Kohärenztheorie), der in Jahrmillionen durch qualitatives Wachstum – sprich: einer zunehmenden „Verfeinerung“ der Strukturen sowie Ausdifferenzierung neuer Funktionen und Möglichkeiten in SubsystemenReinhard Wagner: Vermittlung systemwissenschaftlicher Grundkonzepte. Diplomarbeit, Karl-Franzens-Universität Graz, Berlin 2002, PDF abgerufen am 25. September 2023. S. 49. – zu hochgradig vernetzten Komplexen Systemen geführt hat.Jörg Rainer Nönnig: ARCHITEKTUR SPRACHE KOMPLEXITÄT, hier Essay III: Exkurs: Das Phänomen Komplexität. Dissertation an der Bauhaus-Universität Weimar, Weimar 2006, PDF, abgerufen am 10. September 2023. S. 73, 78, 86–87.Gabriela Straubinger: Komplexität - Wie interdisziplinäre Teams mit komplexen Aufgabenstellungen umgehen, hier Theoretische Grundlagen, Kapitel 2. Wissenschaftlicher Bezugsrahmen von Komplexität. Masterarbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Zürich 2010, PDF abgerufen am 11. September 2023. S. 13–14. Hierzu zählen in der Lebewelt die interspezifischen Wechselbeziehungen und die Koevolution.
Diese Beschreibung spiegelt die verbreitete Auffassung wider, den biologischen Evolutionsbegriff vorwiegend „nach oben“ (menschliche Fähigkeiten, Psyche, Kultur, Maschinen) und nur geringfügig „nach unten“ (Präbiologische Prozesse) zu erweitern.Vollmer 2016, S. 34–35, 42.
Der Gebrauch des Wortes Evolution ist manchmal weltanschaulich geprägt, er liegt in einem Spannungsfeld zwischen Materialismus und dem Glauben an eine Schöpfung.Markus Vogt: Evolution und Schöpfung. Ergänzung oder Gegensatz? In: Volker Gerhardt, Klaus Lucas, Günter Stock (Hrsg.): Evolution – Theorie, Formen und Konsequenzen eines Paradigmas in Natur, Technik und Kultur. Akademie Verlag, Berlin 2011. S. 173–183. Seine Bedeutung hat sich in der Geschichte vielfach gewandelt.Peter J. Bowler: The changing meaning of „Evolution“. In: Journal of the History of Ideas. Band 36, Ausgabe 1, Januar–März 1975. S. 95–114. Für eine übergreifende Definition finden sich nur Vorschläge.
Etymologie mini|hochkant=1.5|Die Geschichte des Universums wird auch als durchgehende Evolution interpretiert.Felicitas Mokler: Die Evolution des Universums: Vom Urknall bis in die Ewigkeit - neue Erkenntnisse der Kosmologie. Kosmos Verlag, 22. Dezember 2022, ISBN 978-3-440-17341-1. mini|Die Ontogenese von der Zygote bis zum Neugeborenen bestimmte lange Zeit die Idee der Evolution. Die biogenetische Grundregel galt als Beweis für die Evolution, hier gezeigt an Embryonen der Wirbeltierklassen.F. Sinowatz: Allgemeine Prinzipien der Entwicklung und Morphogenese. In: Lehrbuch der Embryologie der Haustiere. Paul Parey Verlag, 1991, ISBN 978-3-489-57716-4. S. 29–30. mini|Die „Stufenleiter der Natur“ (nach Charles Bonnet 1781), lange Zeit Teil evolutionärer Vorstellungen mini|Haeckels Darstellung Evolution des Menschen von 1897 stellte schwarzafrikanische Menschen auf eine Stufe mit den Menschenaffen
Das Wort Evolution ist abgeleitet vom lateinischen Verb ēvolvere, das „hinauswälzen, enthüllen, auseinanderrollen, entwickeln“ bedeutet, sowie dem daraus abgeleiteten Substantiv ēvolūtio, womit ursprünglich das Ausrollen und Lesen einer Schriftrolle gemeint war. Etymologisch hat sich der Begriff mehrmals gewandelt: Die Form évolution findet sich in der frühen neufranzösischen Sprache als militärischer Fachbegriff, mit dem die „Exerzierbewegung eines Truppenteils oder die Veränderung des Truppenkörpers in Form und Ausdehnung“ bezeichnet wurde. Um 1700 gelangt das Wort in die Neuhochdeutsche Sprache. Als Fachbegriff der lateinischen Wissenschaftssprache des 18. Jahrhunderts ist es etwa in Mathematik, Musikwissenschaft und Biologie im Sinne von „allmählich fortschreitender Entwicklung von Zusammenhängen“ vielfach vertreten.
Besondere Bedeutung gewinnt der Begriff in der philosophischen Diskussion der Aufklärung durch die Präformationslehre,Christina Ifrim, Miriam Haidle, Oliver Schlaudt, Michael Wink: Evolution. In Thomas Meier, Frank Keppler, Ute Mager, Ulrich Platt, Friederike Reents (Hrsg.): Umwelt interdisziplinär. Grundlagen – Konzepte – Handlungsfelder. Heidelberg University Publishing 2022, doi:10.11588/heidok.00031285. PDF-Seiten: 2–3 (Begriff), 28–29 (Kulturelle Evolution). die davon ausging, dass alle Lebewesen bereits in den Keimzellen in Miniaturform voll ausgebildet vorlägen und nur noch wachsen müssten. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts mehrten sich die Kritiken an dieser Theorie und die ersten Hypothesen zur Epigenese wurden vorgelegt, die den Begriff Evolution nun zu einer „fortschreitenden Neubildung immer komplexerer Strukturen“ in der Natur umdeuteten.Carla Aubry Kradolfer: Evolution gleich Fortschritt? Soziologisches Institut der Universität Zürich, März 2004, PDF, abgerufen am 1. September 2023. S. 3, 6–7, 15–16, 26–28.
Nach Stephen Toulmin führen diese Hypothesen zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer ersten umfassenden „Evolutionsidee“, die auf alle Entwicklungen im Universum – Kosmos, Materie, Leben, Mensch und Fortschritt – bezogen wurde. So sah Jean-Baptiste de Lamarck – der Begründer der ersten umfassenden biologischen Evolutionstheorie – und viele seiner Zeitgenossen die Evolution als Ausdruck schöpferisch gestaltender Kräfte, die vom Anbeginn der Welt bis in alle Zukunft zu immer komplexeren, differenzierten und spezialisierteren Formen führe – allerdings immer mit dem Menschen als Ziel und „Krone der Schöpfung“. Im Unterschied zu Darwins Evolutionstheorie (als grundlegender Theorie der Evolution des Lebens und allen darauf aufbauenden modernen Theorien der Biologie) setzten die älteren Entwürfe bei den Lebewesen einen vorgegebenen Entwicklungsplan voraus, der – ausgelöst durch Umwelteinflüsse – zu immer neuen und „besseren“ Stufen im Rahmen einer permanenten „Höherentwicklung“ führt. Die Verwandtschaft der Arten, mögliche „Rückentwicklungen“ oder Aussterbeereignisse, eine gemeinsame AbstammungPeter Bowler: Fortschritt und Degeneration. In: Sarasin/Sommer 2010, S. 20–21. oder die wechselwirkende Selbstorganisation verbundener Systeme ist in diesen Vorstellungen noch nicht oder nur ansatzweise enthalten. Auch Lamarck postuliert nicht ein vorherbestimmtes Ziel, jedoch eine von vielen bereits vorgegebenen Möglichkeiten. Zu beachten ist die Bewertung als „Höherentwicklung“; eine Idee, die der modernen Vorstellung von einer bestmöglichen Anpassung an die herrschenden Bedingungen widerspricht.
Als Charles Darwin 1859 die erste Ausgabe der Entstehung der Arten veröffentlichte, fand sich das Wort Evolution nur am Rande erwähnt und ohne engen Bedeutungszusammenhang. Darwin sprach stattdessen von der Deszendenztheorie (Abstammungslehre), die er vor allem als rückblickende Betrachtung verstand.Sarasin/Sommer 2010, S. VII–VIII. Erst nachdem Herbert Spencer den Begriff in seiner Theorie einer kulturellen Evolution im Sinne der Stammesgeschichte benutzte, verwendete ihn auch Darwin 1872 in der sechsten Auflage seines Hauptwerkes in dieser Weise.Vollmer 2016, S. 15. Es wird angenommen, dass sich Darwin davon mehr Anerkennung erhoffte, da die ältere Vorstellung von Evolution als Fortschritt und Höherentwicklung auf der „Stufenleiter der Natur“ in der damaligen englischen Gesellschaft enorm populär war.Asmuth/Poser 2007, S. 70. Diese Vorstellung beruht auf dem ursprünglichen Wortsinn einer „Entfaltung eines bereits festliegenden Zustandes“ – wie bei der Ontogenese vom Embryo zum erwachsenen Menschen.
In der Folgezeit setzte sich der populäre Begriff – noch als Synthese aus Darwins Evolutionsfaktoren und der von Spencer betonten Idee der Höherentwicklung – in der Fachwelt relativ schnell durch und ersetzte Darwins DeszendenzbegriffSarasin/Sommer Vorwort, S. 314." (der heute einen Teilbereich der Evolutionstheorie bezeichnet).