mini|356x356px|Kurzvideo der Tagesschau zur Einsamkeit mini|hochkant|Ernst Barlach, Der Einsame, 1911, Skulptur aus Eichenholz, Ernst Barlach Haus, Hamburg
Der Begriff Einsamkeit bezeichnet im Sprachgebrauch der Gegenwart vor allem eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen eines Menschen. Es handelt sich dabei um das subjektive, von Betroffenen als schmerzhaft erlebte, Gefühl,Petra Bühring: Einsamkeit. Ein schmerzhaftes Gefühl. In: Deutsches Ärzteblatt. Jahrgang 121, Heft 7, 5. April 2024, S. B 383–387. dass die vorhandenen sozialen Beziehungen und Kontakte nicht die gewünschte Qualität haben.
Das Lexikon der Psychologie des Spektrum-Verlags definiert Einsamkeit als „ein subjektives Phänomen, das vielfältige objektive Bedingungsfaktoren aufweist, jedoch vom physischen Alleinsein und von sozialer Isolation sowie dem positiv erlebten Für-sich-Sein (positiv erlebte Erfahrung der eigenen Individualität, Freiheit, Autonomie und Selbstbegegnung – solitude) unterschieden werden muß [sic!]. Entgegen der früher und in philosophischen Abhandlungen oft anzutreffenden Sichtweise positiver Einsamkeit weist der semantische Raum der Begriffe einsam und allein gegenwärtig in der Alltagssprache einen negativen Bedeutungsraum auf.“
Von dem Begriff Einsamkeit wird zumeist der Begriff soziale Isolation abgegrenzt, worunter man den objektiven Zustand des Alleinseins versteht.Stephanie Kern: Führt Armut zu sozialer Isolation? Eine empirische Analyse mit Daten des Sozio-Ökonomischen Panels. Dissertation. Universität Trier. Juni 2002, S. 146 (152), abgerufen am 23. Juni 2020. Einsamkeit und soziale Isolation korrelieren zwar, sind aber nicht dasselbe: Viele Menschen sind gerne alleine, ohne darunter zu leiden. Umgekehrt gibt es aber auch Menschen, die sich einsam fühlen, obwohl sie von außen betrachtet in ein großes soziales Netzwerk eingebunden sind.
Der Begriff Einsamkeit ist zumeist negativ konnotiert (im Sinne einer Normabweichung oder eines Mangels), mitunter ist er aber (und zwar stärker als der englischsprachige Begriff loneliness) auch positiv konnotiert, beispielsweise im Sinne einer geistigen Erholungsstrategie, die Gedanken ordnen oder Kreativität entwickeln bzw. fördern kann. In vielen Ländern wird die positiv verstandene Begriffsauslegung genutzt, um die Ausweisung von Wildnisschutzgebieten zu fördern.
Örtlichkeiten bzw. Gegenden, deren Name auf Deutsch Einsamkeit bedeutet, waren zum Zeitpunkt der Namensgebung besonders dünn besiedelt und meist abgelegen.duden.de In Deutschland trifft das auf das heute in der Stadt Flensburg gelegene Gebiet Solitüde zu. Das in der schwedischen Gemeinde Norsjö gelegene „Ensamheten“, ein als „populated place“ („bewohnter Ort“) charakterisierter Siedlungsplatz in der Provinz Västerbottens län, liegt heute noch in einer einsamen Gegend.
Begriffsgeschichte Laut Odo Marquard ist der Begriff „Einsamkeit“ im Mittelalter entstanden. Ursprünglich stellte er eine Übersetzung des lateinischen Begriffs unio im Sinne der unio mystica dar. Damit bezeichnete Meister Eckhardt (ca. 1260–1328) die mystische Vereinigung des Menschen mit Gott: „Ihre Einsamkeit war ihr Eins-sein als intensivste Form ihrer Kommunikation.“
Marquards Sicht wird dadurch bestätigt, dass christliche Mystiker Jesus Christus oft (für Menschen des 21. Jahrhunderts schwer nachvollziehbar) als einsamen Menschen beschreiben. Beispielsweise schrieb Maria Valtorta (1897–1961) über ihn: „Die tiefen und liebreichen Lehren und Gespräche Christi, Seine einsamen Ergießungen, Seine Gebete zum Vater und Sein Einswerden mit diesem in der Stille der Nächte oder der Tiefe der Haine, in die Christus sich zurückzog, um den Trost der Vereinigung mit Seinem Vater zu suchen – Er, der Große Einsame, der Große Unbekannte und Unverstandene.“
Ähnlich argumentierte noch Leo Tolstoi: „Je einsamer jemand ist, desto deutlicher hört er die Stimme Gottes.“Zitiert nach Martin Tamcke: Tolstojs Religion. Eine spirituelle Biographie. Insel Verlag, Berlin 2010, S. 61 (ohne Nachweis) „Ein zeitweiliger Rückzug von allen Dingen des Lebens und Nachdenkens über das Göttliche ist für deine Seele eine ebenso notwendige Nahrung, wie es die materielle Nahrung für deinen Körper ist.“Zitiert nach Martin Tamcke: Tolstojs Religion. Eine spirituelle Biographie. Insel Verlag, Berlin 2010, S. 64 (ohne Nachweis) „Auf der höchsten Bewußtseinsstufe ist der Mensch allein. Eine solche Einsamkeit kann sonderbar, ungewöhnlich, ja auch schwierig erscheinen. Törichte Menschen versuchen, sie durch die verschiedensten Ablenkungen zu vermeiden, um von diesem erhabenen zu einem niedriger gelegenen Ort zu entkommen. Weise dagegen verharren mit Hilfe des Gebetes auf diesem Gipfelpunkt.“Zitiert nach Martin Tamcke: Tolstojs Religion. Eine spirituelle Biographie. Insel Verlag, Berlin 2010, S. 65 (ohne Nachweis)
Der ursprüngliche Sinn des Wortes Einsamkeit ging Marquard zufolge bis zum 18. Jahrhundert verloren. „‚Einsamkeit‘ wurde schnell zur Bezeichnung jener ‚Abgeschiedenheit‘ von den anderen, die zum mystischen Gotteserlebnis gehört. Wo späterhin Gott aus dem Spiel geriet, war der Mensch dann nur noch abgeschieden, nur noch allein mit sich selber: eben im heutigen Wortsinne ‚einsam‘“. Im Sinne der Mentalität, der zufolge „Einsamkeit“ ausschließlich negativ bewertet werden müsse, sei (so Marquard) der einsame Mensch jemand, der „der heutigen Verpflichtung zur totalen Geselligkeit“ nicht nachkommen könne oder wolle.Odo Marquard: Plädoyer für die Einsamkeitsfähigkeit. In: einfach leben. Heft 10/2012. Thema: Die Kraft der Einsamkeit (online), abgerufen am 22. Juni 2020.
Allerdings sei dem Kasseler Soziologen Janosch Schobin zufolge der Begriff Einsamkeit im 18. und 19. Jahrhundert positiver konnotiert gewesen als der Begriff Alleinsein. Das belege beispielhaft das Wort mutterseelenallein. Seit dem 20. Jahrhundert hingegen sei der Begriff Alleinsein deutlich positiver konnotiert als der Begriff Einsamkeit.Angelika Mayr: Einsamkeit – die zwei Gesichter des Alleinseins. bluewin.ch. 4. April 2020, abgerufen am 6. Juli 2020.
Matthias Horx und Oona Horx-Stratern bestätigen, dass Gott früher bei Gläubigen eine „Leerstelle“ gefüllt habe (und dies für Gläubige heute noch tue). Gott sei der, „der immer da ist“, und zwar auch dann, wenn andere Menschen abwesend seien, „als Tröster und ständige Präsenz“. In der modernen Welt verschwinde Gott als wahrnehmende Instanz. Dadurch werde der Nicht-Gläubige einsam im aktuellen Begriffsverständnis, wenn er unfreiwillig allein sei.Matthias Horx, Oona Horx-Stratern: Das Monster der Moderne: Einsamkeit. zukunftsinstitut.de. 2020, abgerufen am 9. Juli 2020.
Arten von Einsamkeit
Maike Luhmann und Susanne Bücker unterscheiden zwischen der emotionalen Einsamkeit (auch intime Einsamkeit genannt), die sich auf den Mangel einer sehr engen, intimen Beziehung bezieht, wie sie zum Beispiel in Paarbeziehungen zu finden ist; der sozialen Einsamkeit (auch relationale Einsamkeit genannt), wie ein Mangel an Freundschaften und weiteren persönlichen Beziehungen genannt wird, und der kollektiven Einsamkeit, die das Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit zu einer größeren Gemeinschaft oder zur Gesellschaft bezeichnet.Maike Luhmann, Susanne Bücker: . Ruhr-Universität Bochum. 17. Januar 2019, S. 4, abgerufen am 31. Mai 2022.
Janosch Schobin zufolge kommen alle drei Arten der Einsamkeit nur selten bei einem Individuum gleichzeitig vor; am ehesten geschehe das bei Strafgefangenen.
Richard Sennett unterscheidet drei Arten von Einsamkeit im Hinblick auf ihre Bedeutung für den Staat und die Gesellschaft: Die Einsamkeit der Isolation, der Anomie ist vom Staat aufgezwungen. An dieser Art der Einsamkeit leiden vor allem Strafgefangene, Heimbewohner in Pandemiezeiten mit monatelangen rigorosen Besuchseinschränkungen, in Quarantäne Gehaltene usw. Die Einsamkeit des Träumers, der Rebellion. Vor der Aufmüpfigkeit des Non-Konformisten fürchten sich Sennett zufolge Mächtige. Die dritte Einsamkeit berührt nicht die Interessenssphäre Mächtiger. Sie ist „das Gespür, unter vielen einer zu sein, ein inneres Leben zu haben, das mehr ist als eine Spiegelung der Leben der anderen. Es ist die Einsamkeit der Differenz.“Richard Sennett: Von der Freundschaft als Lebensweise. Michel Foucault im Gespräch. 1984, S. 27 f., zitiert nach: Eckart Goebel: Der engagierte Solitär. Die Gewinnung des Begriffs Einsamkeit aus der Phänomenologie der Liebe im Frühwerk Jean Paul Sartres. Akademie-Verlag, 2001, S. 9.
Messung und Verbreitung von Einsamkeit Einsamkeit ist ein subjektives Erleben, das in der Forschung über standardisierte Fragebögen sowie mit Einzelitems erfasst wird. National und international wird am häufigsten die UCLA Loneliness Scale eingesetzt, die auch in deutschsprachiger Version vorliegt. Im Rahmen des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Langzeitbefragung der deutschen Bevölkerung, wurde Einsamkeit in den Jahren 2013, 2017 und 2021 erfasst mit den drei Fragen „Wie oft haben Sie das Gefühl, dass Ihnen die Gesellschaft anderer fehlt?“, „Wie oft haben Sie das Gefühl, außen vor zu sein?“ und „Wie oft haben Sie das Gefühl, dass Sie sozial isoliert sind?“. Die Antwortskala ist fünfstufig von 1 (sehr oft) bis 5 (nie). „Menschen wurden dann als einsam qualifiziert, wenn sie im Durchschnitt in ihren Antworten auf die drei Fragen der SOEP-UCLA Einsamkeitsskala mindestens manchmal einsam waren.“Sina Metz: Wie misst man Einsamkeit?, Süddeutsche Zeitung, 8./9. Juni 2024, S. 23 f.
Im Jahr 2017 zeigten die SOEP-Daten, dass rund 10 % der Bevölkerung in Deutschland sich einsam fühlen. Dabei waren fehlende Erwerbstätigkeit und direkter Migrationshintergrund Prädiktoren für erhöhte Einsamkeit.
Entgegen populärer Annahmen ist es nicht so, dass die Einsamkeit in Deutschland ständig steigt. Ebenso ist es ein Mythos, dass die Nutzung digitaler Medien zur Vereinsamung führt. Meta-Analysen zeigen, dass zwischen Internet-Nutzung und Einsamkeit kein systematischer Zusammenhang besteht. Denn je nach individueller Konstellation kann Internetnutzung sowohl die Einsamkeit steigern (z. B. wenn man online isoliert und gemobbt wird), als auch die Einsamkeit lindern (z. B. wenn man online Gemeinschaften, Freundschaften und Partnerschaften findet) oder auch die Einsamkeit unbeeinflusst lassen. Allerdings zeigte eine 2021 veröffentlichte Studie, dass Einsamkeit in Schulen und Depressionen bei 15–16-Jährigen zwischen 2012 und 2021 weltweit konsistent und deutlich angestiegen sind.
Einsamkeit als Problem Psychologie und Sozialpsychologie In seiner Schrift Das Unbehagen in der Kultur zeigte Sigmund Freud 1930 Verständnis für den Rückzug von Menschen in die „gewollte Vereinsamung“: „Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von den anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das Leid, das einem aus menschlichen Beziehungen erwachsen kann. Man versteht: das Glück, das man auf diesem Weg erreichen kann, ist das der Ruhe. Gegen die gefürchtete Außenwelt kann man sich nicht anders als durch irgendeine Art der Abwendung verteidigen, wenn man diese Aufgabe für sich allein lösen will.“Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. 1930. Kapitel II (online), abgerufen am 23. Juni 2020.
Jürgen Margraf hält die Reduktion sozialer Kontakte eines Menschen bis hin zu seiner Vereinsamung generell für problematisch: „[W]ir sind soziale Wesen. Als Menschen haben wir uns historisch in kleinen Verbänden entwickelt mit einigen Dutzend Individuen. Dieses Umfeld ist für uns überlebensrelevant gewesen, evolutionär sind wir keine Einzelgänger. Wir brauchen diese Kontakte. Menschen, die isoliert sind, fühlen sich schnell abgeschnitten und einsam und damit auch ängstlich und depressiv.“Soziale Isolation durch Corona: „Wir sind keine Einzelgänger.“ Interview mit Jürgen Margraf. tagesschau.de. 19. März 2020, abgerufen am 6. Juli 2020.