mini|Die Versuchung des heiligen Antonius (Darstellung aus dem 15. Jahrhundert von Martin Schongauer) mini|Ausgetriebener Dämon – Darstellung auf dem ersten Adelphus-Teppich, ca. 1475
Als Dämon (Plural Dämonen; lateinisch daemōn,Georges, 1913. von ) wird in verschiedenen Mythologien, Religionen und mystischen Lehren zunächst ein „Geist“ () oder eine Schicksalsmacht () als „warnende oder mahnende Stimme (des Gewissens)“ und „Verhängnis“ verstanden. Unter christlichem Einfluss wandelte sich die Bedeutung dann bis zu einem Handlanger des „Teufels“, und somit wird heute als Dämon entgegen dem neutralen bis eher positiven Sinn des Ursprungswortes für die gemeinten Geisteserscheinungen oder Geisteswesen häufig ein solches Wesen bezeichnet, das nach allgemeiner Vorstellung Menschen erschreckt, bedroht oder ihnen Schaden zufügt, also als böses Geistwesen erscheint. Die systematische Erfassung der Dämonen bezeichnet man in der christlichen Tradition als Dämonologie.
Dämonen werden üblicherweise im religionswissenschaftlichen Sinne von Geistern durch ihren Bezug zum Körper unterschieden: Während der Geist unabhängig vom Körper sei, tritt der Dämon, ausgehend von seiner Sphäre, in Beziehung zum Menschen und übt auf diesen einen Einfluss aus. In diesem Sinne werden auch (gefallene) Engel und Teufel den Dämonen zugeordnet, aber durch ihre Beziehung zur Gottheit spezifiziert und somit von den herkömmlichen Dämonen unterschieden.Paul Arno Eichler: Die Dschinn, Teufel und Engel im Koran. 1928 online
Im archäologischen Sprachgebrauch bedeutet Dämon ein tierköpfiges Mischwesen (Chimäre) mit mindestens menschengestaltigen Beinen. Den Gegensatz dazu bilden „Monster“, wie Mischwesen mit Tierkörpern und Tierköpfen phantastischer Art bezeichnet werden (z. B. Greif oder Drachen) oder Tierkörper mit menschlichen Köpfen wie Sphinx (Frauenkopf und Löwinnenkörper), Mantikor (Männerkopf mit Löwenkörper und Skorpionschwanz) und Zentauren (Menschenoberkörper und Pferdeleib).
Etymologie Das Wort stammt vom griechischen Wort ab. Der Name Daimon stand in der griechischen Mythologie ursprünglich für den Geist der Abgeschiedenen oder umgekehrt den abgeschiedenen Geist der Verstorbenen (griechisch „Schatten“), die körperlosen Gestalten der Abgeschiedenen. Es scheint insoweit eine positive Bedeutung im Vordergrund gestanden zu haben, solange die Sage von Bedeutung war, in der die Seelen der Menschen des goldenen Zeitalters genannt wurden, die dabei „eine Mittelstufe zwischen Göttern und Menschen, eine zweite Klasse niederer Götter“ darstellten.Nach Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. 7. Auflage. Freyta, München 1959, S. 181. In ganz ähnlicher Bedeutung existiert im Deutschen das nur selten gebrauchte Wort Schemen (vergleiche auch „schemenhaft“) für Geister, Gespenster und Spukgestalten. Zugrunde liegt diesen und anderen Wortbildungen (wie scheinen, schimmern, schier und Schimmel) nach dem Herkunftwörterbuch des Großen Duden das indogermanische Wurzelwort *skai- in der Bedeutung von „(stumpf) glänzen, Glanz, Abglanz“.
Das Herkunftwörterbuch des Großen Dudens gibt die Bedeutung von Dämon als „böser Geist, ein Mittelwesen zwischen Gott und Mensch“ an und führt es auf Griechisch „(ver)teilen, zer-, zuteilen“ sowie „geteilt werden“ zurück. Von daher wird dort als Grundbedeutung von Dämon die Angabe „Ver- und Zuteiler (des Schicksals)“ hergeleitet. Interessant sind die weiteren Beziehungen von – einerseits zu dem griechischen Wort für Volk – wie in Demokratie –, andererseits und noch weiter ausholend zu „Zeit“ (ebenso englisch time; Tide[(n)hub]/Gezeiten, englisch tide; siehe auch Zeile, Ziel, Zeitung) im Sinne von „Abschnitt, Abgeteiltes“: Bei alledem handelt es sich sprachhistorisch oder etymologisch um Ableitungen aus dem indogermanischen Wurzelwort *da[i]- für „teilen, zerreißen, zerschneiden“, worauf auch deutsch „Teufel“ und lateinisch diabolus beruhen.
Das Wort wiederum steht in Verbindung mit dem griechischen Wort in der Bedeutung des Schicksals oder Gewissens, das den Menschen jederzeit unsichtbar begleitet. Es gibt die Einschätzung, dass erst im Lauf des Mittelalters der Begriff Dämon mit unangenehmen Vorstellungen verbunden worden sei und damit eine Verschiebung ins Negative erhalten habe. Pandämonium bezeichnet die Gesamtheit aller Dämonen oder ihren Aufenthaltsort, der im übertragenen Sinn ein Ort des Grauens ist.
Klassifizierung Als wegweisend für die religionswissenschaftlichen Untersuchungen des Dämonenglaubens gilt Gerardus van der Leeuws (1959).Henrike Frey-Anthes: Unheilsmächte und Schutzgenien, Antiwesen und Grenzgänger Vorstellungen von «Dämonen» im alten Israel, Academic Press, Fribourg 2007, ISBN 978-3-7278-1591-1, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, ISBN 978-3-525-53027-6. Das Dämonische wird im religionswissenschaftlichen Sinne in verschiedene Gattungen unterteilt: Spukdämonen Naturdämonen (z. B. Wüstendämonen, Luftgeister, Wasserdämonen, Einödendämonen usw.) Krankheits- und Wahnsinnsdämonen (Besessenheit, Inspiration o. Ä.) Traumdämonen Totengeister Schutzdämonen (der Orte, Stände und Berufe)
Ethnische Religionen In nahezu allen ethnischen Religionen kommen Dämonen vor (in der Fachliteratur auch als Polydämonismus bezeichnet). Hier stehen sie für den Glauben an eine Vielzahl unberechenbarer, launischer und unheimlicher Mächte im Sinne personifizierter Naturgewalten oder Krankheiten. Im Zusammenhang mit dem Glauben der sogenannten „Naturvölker“ werden die Bezeichnungen „Dämonen“ und „Geister“ häufig synonym benutzt. So handelt es sich ebenso um schutzgewährende Totem- oder Hausgeister, verbündete Tiergeister oder harmlose Naturgeister. Bei den Dämonen steht der Aspekt der konkreten Gestalt gegenüber dem Spirituellen im Vordergrund. Die negative Konnotation ist vor allem eine Folge der christlichen Mission, die die Dämonen mit dem Teufel gleichsetzte. Vor der Einwirkung des Christentums waren es verschiedene unkörperliche, selbstbewusste Wesen mit teilweise übermenschlichen Kräften und Fähigkeiten, die die gesamte Natur bevölkerten. Sie galten entweder als immateriell, jedoch zumeist als gebunden an Objekte oder Lebewesen und standen in der religiösen Hierarchie unter den Göttern. Abgesehen von den Geistern verstorbener Menschen werden Geister und Dämonen als unverwandt mit den Menschen, jedoch mit menschlichen Eigenschaften beschrieben. Die Vielfalt der mythologischen Vorstellungen macht es häufig schwierig, Dämonen und Geister klar von der Beseeltheit der Naturerscheinungen (Animismus) zu trennen.Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7, S. 84–86.
Antiker Mittelmeerraum
Ägyptische Mythologie mini|hochkant|Dämon mit dem Kopf eines Widders. Die Hände sind wahrscheinlich ausgestreckt um eine Schlange zu halten. Aus dem königlichen Grab aus dem Tal der Könige in Thebes Ägypten. Ende der 18. Dynastie um 1325 v. Chr. Die ägyptische Mythologie postulierte eine ungeheure Zahl Dämonen auf der Erde, in der Luft, in der Unterwelt und im Wasser. In der sumerischen und später auch der babylonischen Mythologie wurden neben den himmlischen Geistern im Sterndienst auch solche verehrt, deren Aufenthalt und Wirksamkeit an bestimmte Gegenden gebunden war; und noch tiefer unten die verfinsterten Geister, die auf und in der Erde und in ihrer Atmosphäre wohnten, wie die Feuer-, Licht-, Feldgeister etc. Dämonen können als Boten einer Gottheit, aber auch unabhängig von diesen auftreten. Häufig waren Dämonen als Wächter der Unterwelt oder von Gräbern eingesetzt. Während der ptolemäischen Periode galten Dämonen dann zunehmend auch als Schutzgötter in privaten und lokalen Kulten.
Griechisch-römische Antike mini|links|Genius des Kaisers Domitian mit Füllhorn und Aigis. Kapitolinisches Museum, Rom Die griechische Mythologie ging zunächst bei sämtlichen Naturphänomenen von Dämonen (übernatürliche Wesen) als Verursacher aus (z. B. Blätterrauschen im Wind, Zikadenzirpen usw.), später nur noch bei ungeklärten Vorgängen oder Prozessen (z. B. Gärung von Milch oder Alkohol, Verdunstung, Verwesung, Verwitterung, Alterung etc.). Im alten Orient galten Dämonen als Teil der Weltordnung, indem ihnen der Ursprung von Krankheit und auch Tod zugesprochen wurde. Der griechische Epenschreiber Hesiod (etwa 700 v. Chr.) beschreibt in seinem Hauptwerk Theogonie den Glauben an ganze Scharen und verschiedene Klassen von Dämonen als Zwischenwesen zwischen den Göttern und den Menschen. Sie umschweben den Menschen als quasi unsichtbare Wächter über Recht und Unrecht und spenden auch Reichtum. Außerdem wirken sie in der irdischen Sphäre als Natur- und Elementargeister, entweder als Wohltäter oder als Verderber. Eine größere Rolle spielt die Dämonologie auch in der neuplatonischen Philosophie (ab etwa 300 n. Chr.), welche den ganzen Polytheismus der Griechen in Gestalt des Glaubens an Dämonen, die als Untergötter der Natur und allen Lebensbeziehungen vorstehen und als „weltschöpferische Mittelwesen“ zwischen den hilfsbedürftigen Menschen und der Gottheit vermitteln sollten, in ihr System mit aufnahm.
Die Philosophen haben diesen Glauben mit vielen einzelnen Beziehungen auf das Natur- und das menschliche Seelenleben (auch mit Übertragung auf die geheimnisvolle Geisterwelt der Verstorbenen) immer weiter ausgebildet. Besonders in zwei Richtungen trat derselbe hervor: Einmal waren die Dämonen als dienende Kräfte und begleitende Umgebung der einzelnen Kultusgötter gedacht (in welcher Anwendung sie häufig individuellere Gestalt und Namen annehmen). Andererseits waren nach Ansicht der damaligen Dämonologie die Dämonen den einzelnen Menschen (oder auch Völkern) zugesellte Geisterwesen, welche dieselben von der Geburt an auf allen ihren Lebenswegen begleiten. Die Einwirkung dieser Dämonen äußerte sich einmal zum Schutz und Heil, aber auch zum Schaden der Menschen. Daher nahm man später auch zwei Dämonen für jeden Einzelnen an: einen guten und einen bösen. Der allgemeine Glaube war aber auch, dass von dem Dämon jedes Einzelnen Gutes oder Böses kommen würde, dass der Dämon des einen mächtig oder wohlwollend, der des andern schwach oder übelwollend sei. Sokrates spricht in diesem Glauben von seinem Daimonion als von einem guten Geist, welcher ihn von den ersten Jahren seines Lebens an begleitet und stets von Unrechtem abgehalten habe. Angelehnt an diese Vorstellung beschreibt Johann Wolfgang von Goethe in dem Gedicht Der fünfte Mai den Dämon als Charakter des Einzelmenschen. Etwas anders entwickelte sich der Dämonenglaube in der römischen Mythologie, in der griechische Ideen sowie orientalische Vorstellungen (durch Vermittlung über die etruskische Mythologie) aufgenommen und weitergebildet wurden. Hier erscheinen die Dämonen als so genannte Genien. Diese Vorstellungen wurden dann vom frühchristlichen Dämonenglauben übernommen.
Germanische Mythologie