Der Begriff Dschihad [] (;Patrick Franke: Rückkehr des Heiligen Krieges? Dschihad-Theorien im modernen Islam. In: André Stanisavljevic und Ralf Zwengel (Hrsg.): Religion und Gewalt. Der Islam nach dem 11. September. Mostar Friedensprojekt e. V., 2002. S. 47; Vgl. Rudolph Peters: Jihad in Classical and Modern Islam. Markus Wiener Publishers, 2005. S. 1 sowie Bernard Lewis: Die politische Sprache des Islam. Rotbuch Verlag, 1991. S. 124. auch Djihad, Cihad/Cihat oder gelegentlich in der englischen Schreibweise Jihad) bezeichnet im religiösen Sinne von „umfassende Anstrengung und Bemühen um den Glauben“Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015; ISBN 978-3-492-30858-8, S. 10–11. ein wichtiges Konzept der islamischen Religion, „die Anstrengung/den Kampf auf dem Wege Gottes“ (). Ihren Ursprung hat die Dschihadlehre im Koran und der Sunna Mohammeds (siehe #Dschihad im Koran).
Etymologisch bezeichnet der Begriff eine auf ein bestimmtes Ziel gerichtete Anstrengung.The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Band 2, S. 538 („Djihad“). Auch im Deutschen bezeichnete das Wort „Krieg“ zunächst nur „Anstrengung“, „Hartnäckigkeit“. Siehe Großer Duden Band 4, 1978, S. 1583. Im Koran und der Sunna bezeichnet dieser Begriff primär den militärischen Kampf.Bernard Lewis: Die politische Sprache des Islam. Rotbuch Verlag, 1991, S. 124 f. Vgl. Albrecht Noth: Der Dschihad: sich mühen für Gott. In: Gernot Rotter (Hrsg.): Die Welten des Islam: neunundzwanzig Vorschläge, das Unvertraute zu verstehen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1993, S. 23 f. Aus dem Koran geht nicht eindeutig hervor, ob es sich dabei um einen universellen Kampf gegen Andersgläubige handelt oder dieser Kampf nur defensive Ziele verfolgt:Rudolph Peters: Jihad in Classical and Modern Islam. Markus Wiener Publishing, 2005. S. 2; Vgl. Fred M. Donner: The Sources of Islamic Conceptions of War. In: John Kelsay und James Turner Johnson (Hrsg.): Just War and Jihad: Historical and Theoretical Perspectives on War and Peace in Western and Islamic Traditions. Greenwood Press, 1991, S. 47. „Das vorhandene Schriftmaterial bedarf der Interpretation, wobei die Haltung der Interpreten von entscheidender Bedeutung ist, die maßgeblich von den unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt wurde und wird.“Mathias Rohe: Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart. Beck, 2011 (S. 149).
Nach klassischer islamischer Rechtslehre (Fiqh), deren Entwicklung in die ersten Jahrhunderte nach dem Tode Mohammeds zu datieren ist,Albrecht Noth: Der Dschihad: sich mühen für Gott. In: Gernot Rotter (Hrsg.): Die Welten des Islam: neunundzwanzig Vorschläge, das Unvertraute zu verstehen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1993, S. 27. dient dieser Kampf der Erweiterung und Verteidigung islamischen Territoriums, bis der Islam die beherrschende Religion ist.Klaus Kreiser, Werner Diem, Hans Georg Majer (Hrsg.): Lexikon der islamischen Welt. Kohlhammer, 1974. Band 2, S. 27 f., s. v. „Heiliger Krieg.“; Vgl. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Band 2, S. 538 („Djihad“): „In law, according to general doctrine and in historical tradition, the djihād consists of military action with the object of the expansion of Islam and, if need be, of its defence.“ In seiner späteren Entwicklung sowie insbesondere im Zuge der Moderne haben muslimische Gelehrte begonnen, nichtmilitärische Aspekte dieses Kampfes zu betonen (Siehe Absatz unten: Nichtmilitärische Auslegungen des Dschihadbegriffs). Muslimische Autoren der Moderne sehen ausschließlich solche Kriege als legitim an, die der Verteidigung islamischer Staaten, der Freiheit der Muslime, den Islam außerhalb dieser zu verkünden, und dem Schutz der Muslime unter nichtislamischer Herrschaft dienen.Rudolph Peters: Jihad in Classical and Modern Islam. Markus Wiener Publishers, 2005. S. 125; Vgl. ders.: Jihad in Medieval and Modern Islam. Brill, 1977 (S. 5). Dem entspricht ihre Auslegung entsprechender Koranverse.Fred M. Donner: The Sources of Islamic Conceptions of War. In: John Kelsay und James Turner Johnson (Hrsg.): Just War and Jihad: Historical and Theoretical Perspectives on War and Peace in Western and Islamic Traditions. Greenwood Press, 1991. S. 65, Anmerkung 75.
Der Dschihad stellt als eines der Grundgebote des islamischen Glaubens und eine allen Muslimen auferlegte Pflicht ein wichtiges Glaubensprinzip des Islam dar. Manche sunnitische Gelehrte rechnen den Dschihad als sechste zu den „fünf Säulen des Islams“.John Esposito: Islam: The Straight Path. Oxford University Press, 2005, S. 93.
Die Charidschiten zählten den Dschihad zu den fünf Grundpfeilern des Islam.Raif Georges Khoury: Der Islam – Religion, Kultur, Geschichte. BI-Taschenbuchverlag, Mannheim 1993, S. 29.
Die Zwölfer-Schia kennt bis zum Erscheinen des sogenannten verborgenen Imams, Muhammad ibn Hasan, keinen Dschihad zur Erweiterung des islamischen Herrschaftsbereichs, da erst dieser berechtigt ist, diesen zu führen.E. J. Brill’s First Encyclopaedia of Islam, 1913–1936. Brill, 1993. Band II, S. 1042, s. v. „Djihād.“ Die Verteidigung des eigenen Territoriums ist für die Zwölferschiiten dennoch nach wie vor verpflichtend, was allerdings nicht als Dschihad verstanden wird.Rudolph Peters: Islam and Colonialism. The doctrine of Jihad in Modern History. Mouton Publishers, 1979, S. 13. Die entsprechende Rechtslehre hat es verstanden, angesichts militärischer Notwendigkeit Wege um diese Regelung zu finden, so dass auch Kriege in Abwesenheit des verborgenen Imam rechtliche Legitimierung erhalten konnten.Etan Kohlberg: The Development of the Imāmī Shīʿī Doctrine of jihād. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 126, 1976, S. 78–86; Ann Lambton: A Nineteenth Century View of Jihād. In: Studia Islamica. Band 32, 1970, S. 186–192.
Im europäischen Sprachraum wird der Begriff öfter mit dem Ausdruck Heiliger Krieg übersetzt.Siehe zum Beispiel Stephan Rosiny: Der jihad. Eine Typologie historischer und zeitgenössischer Formen islamisch legitimierter Gewalt, in: Hildegard Piegeler, Inken Prohl und Stefan Rademacher (Hrsg.): Gelebte Religionen (FS Hartmut Zinser), Königshausen und Neumann, Würzburg 2004, S. 133–150, hier 133, einsehbar bei Google Books. Adel Theodor Khoury: Was sagt der Koran zum Heiligen Krieg? Gütersloh 1991. Dem entgegnen muslimische Autoren, dass Dschihad semantisch nicht nur Kriegsführung bezeichne, es nichtmilitärische Bedeutungen des Dschihadbegriffs gebe und sehen deshalb eine derartige Übersetzung als falsch an und lehnen sie ab.Rudolph Peters: Islam and Colonialism. The doctrine of Jihad in Modern History. Mouton Publishers, 1979, S. 118.
Oft wird heute Dschihad mit „Krieg“ gleichgesetzt.Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015; ISBN 978-3-492-30858-8, S. 11–12. In der Islamwissenschaft ist eine Umschreibung des Dschihad als Heiliger Krieg im Sinne eines von Gott vorgeschriebenen, seinetwegen geführten und von ihm belohnten KriegesNach Patricia Crone: Medieval Islamic Political Thought. Edinburgh University Press, 2005 (S. 363). gängig.Siehe zum Beispiel: Francis E. Peters: The Monotheists: The peoples of God. Princeton University Press, 2003. S. 269: „… the Muslim notion of holy war (jihad) …“; W. Montgomery Watt: Islam and the Integration of Society. Routledge, 1998. S. 61: „The idea of the jihad or holy war seems to have developed gradually during the Medinan period.“ Vgl. auch die Titel im Literaturabsatz. Eine Gleichsetzung beider Begriffe als solcher stößt in der Forschung allerdings oft auf Ablehnung.Patricia Crone: Medieval Islamic Political Thought. Edinburgh University Press, 2005. S. 363; siehe z. B.: Albrecht Noth: Heiliger Krieg und Heiliger Kampf in Islam und Christentum. Röhrscheid, 1966. S. 22 f.; Rudolph Peters: Jihad in Medieval and Modern Islam. Brill, Leiden 1977, S. 3 f. miniatur|Illustration der Schlacht von Badr (624) im Siyer-i Nebi. Die darin dargestellten Engelsscharen mitsamt Gabriel (Dschibrīl) sind gemäß dem islamischen Schrifttum dem muslimischen Heer zu Hilfe geeilt.Siehe dazu Khalil Athamina: Badr. In: Encyclopaedia of Islam, THREE. Hrsg.: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Everett Rowson. Brill Online, 2017 sowie dort genannte Quellen. Diese Vorstellung findet auch im Koran ihre Erwähnung, darunter in Sure 3:123 f.
Dschihad ist zudem ein arabischer Vorname, dessen Gebung auch in anderen Schreibweisen im deutschen Sprachraum gesetzlich erlaubt ist.Hans-Otto Burschel: . Auf: blog.beck.de vom 17. Juli 2009; zuletzt abgerufen am 23. Juni 2017.
Dschihad im Koran Seinen Ursprung hat die Dschihadlehre im Koran und der Sunna Mohammeds. In diesen Quellen wird der Begriff im militärischen Sinne, als Kampf gegen einen Feind verstanden. Die entsprechenden Koranverse wurden vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung des Propheten und seiner Anhängerschaft mit ihren polytheistisch-arabischen sowie jüdischen und christlichen Gegnern offenbart.Albrecht Noth: Glaubenskriege des Islam im Mittelalter. In: Peter Herrmann: Glaubenskriege in Vergangenheit und Gegenwart. Vandenhoeck & Ruprecht, 1996. S. 113 f. Diese Verse sowie die Mohammed zugeschriebenen Aussprüche und Taten, seine Sunna, bildeten die primäre Grundlage für die spätere Entwicklung der Dschihadlehre im islamischen Recht.Muhammad Hamidullah: The Muslim Conduct of State. Ashraf Printing Press, 1987. S. 18 ff.
Im Koran kommt das Nomen Dschihad viermal vor.In 25:52, 22:78, 9:24 sowie 60:1. Siehe Reuven Firestone: Jihād. In: Andrew Rippin (Hrsg.): The Blackwell Companion to the Qur’an. Wiley-Blackwell, 2006. S. 311. Zusammen mit seinen unterschiedlichen Verbformen ist es im Koran fünfunddreißig Mal vorzufinden.Ursula Spuler-Stegemann: Die 101 wichtigsten Fragen zum Islam. München, 2007 (S. 125). Dem folgt meist der Zusatz „auf dem Wege Gottes“,Siehe z. B. Sure 2:190 (Übersetzung nach Khoury): „Und kämpft auf dem Wege Gottes …“ „mit Gut und Blut“Siehe z. B. Sure 9:20 (Übersetzung nach Henning): „Diejenigen, welche […] in Allahs Weg eiferten mit Gut und Blut …“ oder eine Kombination beider:W. Montgomery Watt: Islam and the Integration of Society. Routledge, 1998 (S. 66). Bei der Benutzung eines dieser bzw. beider Zusätze ist stets ein bewaffneter Kampf gemeint.W. Montgomery Watt: Islamic Conceptions of the Holy War. In: Thomas P. Murphy: The Holy War. Ohio State University Press, 1974. . Siehe auch Ursula Spuler-Stegemann: Die 101 wichtigsten Fragen zum Islam. München, 2007 (S. 125).