mini|Carl Pietzner: Arthur Schnitzler (1894) mini|class=notpageimage skin-invert-image|200px|Unterschrift
Arthur Schnitzler (* 15. Mai 1862 in Wien,Geburtenbuch der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Band C, Nr. 2948 (Faksimile bei FamilySearch, kostenlose Registrierung erforderlich). Kaisertum Österreich; † 21. Oktober 1931 ebenda) war ein österreichischer Arzt, Erzähler und Dramatiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne.
Leben Anfänge und Tätigkeit als Mediziner (1862–1890) mini|Geburtshaus in der Praterstraße 16 (Bild von 2014)
Arthur Schnitzler kam als erstes Kind des jüdischen Medizinprofessors und Laryngologen Johann Schnitzler (1835–1893) und dessen Gattin Luise geb. Markbreiter (1840–1911) in der Praterstraße 16 (damals noch Jägerzeile) im 2. Wiener Gemeindebezirk zur Welt. Neben ihm überlebten noch ein Bruder, Julius, und eine Schwester das Kleinkindalter. Sie wohnten anfänglich in der Leopoldstadt, einem Bezirk, der durch die Nähe zur Nordbahn und Ostbahn besonders bei jüdischen Binnenmigranten aus ärmeren Gegenden der Monarchie beliebt war. Dem aus Ungarn übergesiedelten Vater gelang unter anderem als Arzt für prominente Schauspielerinnen, Schauspieler, Sängerinnen und Sänger der berufliche Aufstieg, mit dem auch die Übersiedlung in den 1. Wiener Gemeindebezirk in ein Haus vis-à-vis am Burgring einherging.
Von 1871 bis 1879 besuchte Arthur Schnitzler das Akademische Gymnasium im 1. Bezirk und legte am 8. Juli 1879 die Matura mit Auszeichnung ab. Danach studierte er auf Wunsch seines Vaters an der Universität Wien Medizin. Am 30. Mai 1885 wurde er zum Dr. med. promoviert. Sein jüngerer Bruder Julius (1865–1939) wurde ebenfalls Arzt.
Von 1885 bis 1888 arbeitete er als Assistenz- und Sekundararzt am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien in der Inneren Medizin und auf dem Gebiet der Psychiatrie und Dermatologie.Karin Weisemann: Arthur Schnitzler. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. 3. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg/Berlin/New York 2006, S. 292–293. doi:10.1007/978-3-540-29585-3. Danach war er bis 1893 Assistent seines Vaters an der laryngologischen Abteilung der Poliklinik in Wien. Zwischen 1886 und 1893 publizierte Schnitzler zu medizinischen Themen und verfasste mehr als 70 Beiträge, meist Rezensionen von Fachbüchern, unter anderem als Redakteur der von seinem Vater gegründeten Internationalen Klinischen Rundschau.R. D. Gerste: Laryngologie und Literatur: Die Familie Schnitzler-Hajek. In: HNO Kompakt. 16. Jg., 3. Heft, Juni 2008, Verlag Kaden, Heidelberg, . Er verfasste eine (einzige) wissenschaftliche Buchveröffentlichung: Über funktionelle Aphonie und deren Behandlung durch Hypnose und Suggestion (1889).
Literarische Tätigkeit und erste Erfolge (1880–1895) mini|Arthur Schnitzler, Manuskriptseite aus dem Theaterroman, Seite 109
Obgleich Schnitzler seit Kindertagen literarische Texte verfasste und 1880 sein literarisches Debüt gab (Liebeslied der Ballerine in der Zeitschrift Der freie Landbote.), begann sich seine öffentliche literarische Tätigkeit erst ab 1888, als er über Mitte 20 war, zu intensivieren. Er veröffentlichte Gedichte, Einakter und Erzählungen in der von Fedor Mamroth und Paul Goldmann herausgegebenen Zeitschrift An der Schönen Blauen Donau. Rund um dieses Blatt, aber auch in den Wiener Kaffeehäusern, die Schnitzler frequentierte, darunter das Café Griensteidl, begannen sich zunehmend Gleichgesinnte zusammenzufinden, die eine neue, österreichische Literaturströmung schaffen wollten. Dafür setzte sich bald der Begriff Jung Wien durch, wenngleich damit kein einheitliches Programm und nur bedingt gemeinsame ästhetische Ziele bezeichnet waren. Zentrale Personen, mit denen sich Schnitzler um 1890/1891 befreundete, waren Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr und Richard Beer-Hofmann.
mini|Titelblatt des Erstdrucks von Anatols Hochzeitsmorgen in der Modernen Dichtung, 1. Juli 1890
Nachdem Mamroth und Goldmann zur Frankfurter Zeitung gewechselt waren, wurden die kurzlebige Zeitschrift Moderne Dichtung (bzw. im zweiten Jahr Moderne Rundschau) und Freie Bühne zu den zentralen Publikationsorten von Schnitzlers literarischem Schaffen.
Schnitzler betrieb mehrere Jahre Ordinationen, zumeist an seiner Privatadresse. 1889 und 1890 am Burgring 1 (in der Praxis seines Vaters), dann in der Bösendorferstraße 11 (damals: Giselastraße 11), Top 3–4, 1. Bezirk (Innere Stadt), dann in der Grillparzerstraße und schließlich in zwei Wohnungen in der Frankgasse 1 (9. Bezirk, Alsergrund, neben der Votivkirche).Zuerst wohnte er gemeinsam mit seiner Mutter Louise in einer 170 Quadratmeter großen Wohnung, die im dritten Stockwerk gelegen war und die Topnr. 12 hatte. Diese wurde nach dem Tod der Mutter von Armin Horovitz übernommen und von Adolf Loos gestaltet. Zu einem nicht bestimmten Zeitpunkt übersiedelte er aus der Wohnung der Mutter in eine eigene Unterkunft im selben Haus, die im ersten Stock (evtl. Mezzanin) lag. Vgl. den Brief, den er am 30. März 1922 an seine Frau Olga schrieb: „Und in der Frankgasse 1 habe ich im Lauf der letzten 1–2 Jahre beide Wohnungen wiederbetreten, – im 1. Stock ist der Rikolaverlag, im 3. wohnt der Maler Horovitz.“ Am 1895 posthum erschienenen Klinischen Atlas der Laryngologie seines Vaters hatte er noch mitgewirkt.
Die ersten Arbeiten Schnitzlers, die aufgeführt wurden, waren einzelne Einakterszenen aus dem Zyklus Anatol sowie Das Märchen, mit Uraufführung am 1. Dezember 1893 am Deutschen Volkstheater. Diese Inszenierung wurde nach der zweiten Vorstellung abgesetzt. Mit der vom Direktor Max Burckhard betriebenen Uraufführung von Liebelei am 9. Oktober 1895 am Burgtheater mit Adele Sandrock als Christine wurde Schnitzler schlagartig berühmt. Das Stück wurde an vielen Bühnen in Europa aufgeführt und begründete seinen Ruf als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Theaterdichter seiner Generation.
Ruhm und Skandal (1896–1901) Die nächsten Theaterstücke, Freiwild und Das Vermächtnis, konnten an den Erfolg der Liebelei nicht anschließen. Wirklichen Bühnenerfolg brachten die drei Einakter Paracelsus, Die Gefährtin und Der grüne Kakadu, die am 1. März 1899 am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurden. Sein nächstes Stück, das Historiendrama Der Schleier der Beatrice in Versen (1901) stellte den offensichtlichen Versuch dar, sich als Theaterdichter in die Reihe klassischer Dichter zu stellen. Einerseits floppte das Stück an den Bühnen, andererseits wurde die Bemühung, als bedeutender Autor anerkannt zu werden, von zwei Skandalen konterkariert, die von Schnitzler nicht unbedingt intendiert gewesen sein dürften.
Als Prosaerzähler hatte Schnitzler 1894 Sterben in seinem schon früh in seiner Karriere zu seinem Stammhaus gewordenen S. Fischer Verlag veröffentlicht. Mit Die Frau des Weisen (1898) legte er seine erste Sammlung von Novelletten vor, die zuvor in Zeitschriften und Zeitungen erstgedruckt worden waren. Frau Bertha Garlan war zumindest in der ersten Auflage als Roman gekennzeichnet und stellt deswegen seine erste diesbezügliche Veröffentlichung dar, doch wurde der Text später als Novelle geführt.
Die in der gleichen Zeit veröffentlichte Novelle Lieutenant Gustl (Zeitungsdruck Weihnachten 1900) gilt heute als einer der bedeutendsten Texte Schnitzlers. Darin legte er den ersten deutschsprachigen literarischen Text vor, der vollständig als innerer Monolog verfasst ist. Der Text wurde aber weniger wegen seiner avantgardistischen Sprachgestaltung von den Zeitgenossen gerühmt als dafür skandalisiert, dass mit dem titelgebenden Protagonisten Gustl ein feiger Soldat geschildert wurde. Schnitzler wurde daher wegen Lächerlichmachung der k.u.k. Armee am 14. Juni 1901 der Offiziersrang als Oberarzt der Reserve aberkannt, den er seit seiner Wehrpflicht besessen hatte.
Neben diesem Skandal kam mit der Publikation von Reigen ein weiterer Aufreger. Zuerst im Jahr 1900 als Privatdruck in wenigen Exemplaren erstellt, wurde es 1903 im Wiener Verlag von Fritz Freund frei publiziert. Die darin geschilderten Gespräche vor und nach dem Geschlechtsverkehr zwischen Frauen und Männern unterschiedlicher Gesellschaftsschichten wurden von den Gegnern Schnitzlers als Pornografie beschimpft. Die beiden Themen Heereskritik und Erotik, zusammen mit dem offensichtlichen Erfolg Schnitzlers, machten ihn zu einem beliebten Angriffsziel bei Antisemiten.
Privatleben und Familienleben mini|Arthur Schnitzler (um 1900) Um die Jahrhundertwende war er einer der bedeutendsten Kritiker der österreichisch-ungarischen k.u.k. Gesellschaft und ihrer Entwicklung, besonders nach der Veröffentlichung von Lieutenant Gustl, worin er den Ehrenkodex des Militärs angriff.
mini|Fotografie von Aura Hertwig (1906) mini|Marie Glümer, von Schnitzler Mizi I genannt, Partnerin in den 1890er-Jahren
Privat dokumentierte Schnitzler in seinem Tagebuch für die Zeit bis zu seinem 40. Lebensjahr mehrere Beziehungen zu Frauen, die oft gleichzeitig geführt wurden, ohne dass die Partnerinnen das wussten. Besonders die weitgehend platonische Beziehung zur verheirateten Wirtin des Thalhofs (Reichenau an der Rax), Olga Waissnix, sowie die zu Marie Glümer und zu Maria Reinhard waren tiefergehende Partnerschaften. Beide Maria (im Tagebuch oft als „Mizi I“ und „Mizi II“ unterschieden), aber auch andere, machten sich Hoffnungen auf eine Legitimierung der Beziehung durch Heirat.
Die Beziehung zur Schauspielerin Olga Gussmann (1882–1970) führte zu einer Stabilisierung seines Lebenswandels. Am 9. August 1902 brachte sie den gemeinsamen Sohn Heinrich Schnitzler zur Welt. Am 26. August 1903 heiratete das Paar. Am 13. September 1909 wurde Tochter Lili geboren."Österreich, Niederösterreich, Wien, Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde, 1784–1911," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:33S7-9B2Q-XLG?cc=2028320&wc=4692-DX6%3A344266801%2C344266802%2C344528901 : 3 August 2020), Wien (alle Bezirke) > Geburtsbücher > Geburtsbuch 1909 Jan.-Nov. > image 211 of 274; Israelitischen Kultusgemeinde Wien (Jewish Community of Vienna) Municipal and Provincial Archives of Vienna, Austria. Schnitzler blieb für die Dauer der Ehe treu und stellte seinen promiskuitiven Lebenswandel ein.
mini|Lili Schnitzler, 1925
Lili Schnitzler fiel als Jugendliche durch leichte psychische Störungen auf; in ihrem Tagebuch vom 25. September 1922 ist auch von Selbstmordgedanken die Rede. Im Oktober 1925 traf sie in Venedig den 37 Jahre alten faschistischen Miliz-Hauptmann Arnoldo Capellini, den sie mit Zustimmung ihrer Eltern – trotz deren Bedenken – heiratete. Am 26. Juli 1928 schoss Lili Schnitzler sich in Venedig nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann in die Brust und starb am Abend dieses Tages nach einer erfolglosen Operation im Krankenhaus. Arthur und Olga Schnitzler trafen am nächsten Tag in Venedig ein. Der Vorfall wurde danach in der Presse ausführlich diskutiert. Manche Stimmen, darunter Clara Pollaczek, machten Arthur Schnitzler dafür mitverantwortlich.Renate Wagner: Wie ein weites Land. Arthur Schnitzler und seine Zeit. Wien 2006, S. 297. Arthur Schnitzler schrieb dazu am 3. Oktober 1929: „Mit jenem Julitag war mein Leben doch zu Ende. Die anderen wissens nicht – und manchmal ich selber auch nicht“.
mini|Fotografie von Aura Hertwig (1912) Zentrale Partnerinnen Arthur Schnitzler hatte in seinem Leben zumindest 51 Sexualpartnerinnen. 50 davon finden im Tagebuch Erwähnung. Eine weitere Sexarbeiterin erwähnt er in seiner Autobiografie Jugend in Wien. Im Folgenden eine Aufstellung der längerfristigen Beziehungen:
BeginnEndeNameAnmerkung18861897Olga Waissnixvermutlich platonisch18871890Anna „Jeannette“ Heeger (1865–1903)18891890Helene Herz (später verh. Binder, 1865–1960)18891900Marie Glümer18931895Adele Sandrock18941899Maria Reinhard18991921Olga Gussmann, verheiratete Schnitzler19201931Hedy Kempnyvermutlich platonisch19211931Clara Katharina Pollaczek19291931Suzanne Clauser