mini|Darstellung der Weltenesche Yggdrasil mit den verschiedenen Tieren, die in und bei ihr leben, in einer isländischen Handschrift des 17. Jahrhunderts. Yggdrasil, altnordisch Yggdrasill, auch: Weltenesche, ist in der nordischen Mythologie der Name einer Esche, die als Weltenbaum den gesamten Kosmos verkörpert. Andere Namen dieses Baums waren wohl Mimameid oder Lärad.

Yggdrasil in der Edda Nachdem in der Edda die Götter den Urriesen Ymir getötet haben, erschaffen sie aus seinem Leichnam alle existierenden Dinge. Die Weltenesche Yggdrasil ist der erste Baum, der wächst. Er ist der größte und prächtigste Baum der Welt. Seine Äste breiten sich über alle neun Welten aus und erstrecken sich über den Himmel.Die Edda. Übersetzung von Simrock 1876, Lieder-Edda/Völuspâ, Strophe 19 Ein Adler ohne Namen sitzt im Geäst, zwischen seinen Augen ist ein Habicht, der Vedrfölnir genannt wird.Snorri Sturluson: Prosa-Edda: Gylfaginning. Kapitel 16, Übersetzung von Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1997, ISBN 978-3-15-000782-2.

Yggdrasil hat drei große Wurzeln, von denen eine nach Jötunheim, dem Land der Riesen, wächst, wo sich auch Mimirs Brunnen befindet. Die andere Wurzel führt nach Niflheim zur Quelle Hvergelmir, wo der Drache Nidhöggr an ihr nagt. Die dritte Wurzel findet sich in der Nähe von Asgard. Das Eichhörnchen Ratatöskr klettert immer zwischen der Baumkrone und Wurzeln hin und her und überbringt dabei Neuigkeiten und Klatsch vom Adler bis zum Drachen. Vier Hirsche namens Dain, Dwalin, Dunneir und Durathror fressen die Triebe der Weltenesche ab. Die zwei Schlangen Goin und Moin, die von Grafwitnir (Grabeswolf) abstammen, nagen an den Wurzeln von Yggdrasil.

Unter den Zweigen des Baums halten die Götter Gericht. Am Fuße Yggdrasils liegt auch der Urdbrunnen, an dem die drei Nornen Urd (das Gewordene), Verdandi (das Werdende) und Skuld (was da kommen soll) ihren Sitz haben, die das Schicksal der Menschen bestimmen.Die Edda. Übersetzung von Simrock 1876, Lieder-Edda/Völuspâ, Strophe 20. Wenn Yggdrasil zu beben (oder zu welken) beginnt, naht das Weltenende Ragnarök.Die Edda. Übersetzung von Simrock 1876, Lieder-Edda/Völuspâ, Strophe 48.

Der Aufbau der drei Ebenen Yggdrasils

mini|hochkant=1|Yggdrasil In den eddischen Literaturen werden bestimmte mythische Orte einer der Welten zugeordnet. An keiner Stelle wird jedoch aufgezählt, wie die neun Welten, die Yggdrasil verkörpert, heißen. Insgesamt werden mehr Weltennamen als neun genannt. Die unten stehende Aufteilung in drei Ebenen und die Benennung der neun Welten ist deswegen eine rein neuzeitliche Rezeption, die in der Forschung so nicht mehr vertreten wird, aber außerhalb davon noch viel Anklang findet.

1. Oberwelt

Asgard (Asenheim): Heimat des Göttergeschlechts der Asen. Hlidskialf: Hochsitz des Allvaters Odin Folkwang (Feld des Volks) und Walhall (Halle der Gefallenen): Ort der im Kampf gestorbenen Helden. Vingólf (in etwa das freundliche Haus): Sitz der Asengöttinnen. Bifröst: die Asgard und Midgard verbindende Regenbogenbrücke. Wanenheim (Wanenwelt): Heimat des Göttergeschlechts der Wanen. Albenheim (Lichtalbenwelt): Heimat der Alben (Lichtalben).

2. Erde

Midgard (Mittelheim): Heimat der Menschen. Jötunheim (Riesenwelt): Heimat der Riesen. Utgard (Außenwelt): Raum außerhalb. Muspellsheim: Heimat der Feuerriesen.

3. Unterwelt

Schwarzalbenheim (Schwarzalbenwelt): Heimat der Zwerge (Schwarzalben). Niflheim (Dunkelwelt): Reich des Eises, des Nebels und der Finsternis (Polarnacht). Hvergelmir (der brausende Kessel): Ursprung aller Flüsse. Helheim (etwa das Verborgene): Totenreich. Unterwelt der Asen zum Fluss Äsir. Hrimthusen (einstmals Ginnungagap).

Symbolik mini|Drei Nornen unter Yggdrasil begießen die Wurzeln des Baums mit Wasser aus dem Urdbrunnen. Oben auf dem Baum sitzt der namenlose Adler und am Stamm entlang läuft das Eichhörnchen Ratatöskr (aus „Die Helden und Sagen des Nordens oder Das Buch der Sagen“ von Amalie Schoppe, 1832).

Yggdrasil, die Weltenesche, ist die Verkörperung der Schöpfung als Gesamtes: räumlich, zeitlich und inhaltlich. Er ist der Weltenbaum, weil er im Zentrum der Welt steht und alle Welten miteinander verbindet. Als Weltachse (axis mundi) verbindet er die drei Ebenen Himmel, Mittelwelt und Unterwelt. Als Himmelsstütze stützt er das Himmelsgewölbe.John Arnott MacCulloch: Eddic. In: The Mythology Of All Races. New York 1964, Band 2, S. 334. Die Edda nennt ihn auch den Maßbaum. Die Welt reicht nur so weit, wie seine Zweige und Wurzeln reichen, und die Schöpfung besteht nur so lange, wie er besteht: ein Sinnbild der Raumzeit. Yggdrasil ist auch ein Sinnbild des Lebens an sich und von Vergehen und Werden, der Wiedererneuerung des Lebens. Die Tiere am Baum nehmen von seiner Lebenskraft, die drei Nornen besprengen ihn mit dem heiligen Wasser des Urdbrunnens und schenken ihm immer wieder neue Lebenskraft. Da Yggdrasils Leben sich immer wieder erneuert oder weil Yggdrasil immergrün ist, ist die Weltenesche auch ein Sinnbild der Unsterblichkeit. Durch Odins Selbstopfer wird Yggdrasil zum Opferbaum. Da Odin sich selbst am Baum aufhängt, um das geheime Wissen bei den Wurzeln Yggdrasils zu erlangen, kann man in Yggdrasil auch einen Wissensbaum sehen, über den man zum geheimen Wissen gelangt.Mariko Namba Walter und Eva Jane Neumann Fridman: Shamanism – 2 Bd.e. 2004, ISBN 1-57607-645-8, Band 1, S. 263 f. (Weltenbaum in schamanischen Kulturen) – Jens Peter Schjødt: Weltenbaum. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Band 23. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 2006, S. 451–453.

Kult Über die Rolle der Weltenesche Yggdrasil im Kult ist nichts bekannt.Jens Peter Schjødt: Weltenbaum. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Band 23. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 2006, S. 453. Angesichts der zahlreichen germanischen Baumkulte ist es wahrscheinlich, dass bei den Germanen bestimmte physische Bäume den mythischen Weltenbaum darstellten. Sie müssen aber nicht zwingend eine Esche gewesen sein. Die Donareiche, die Irminsul oder der heilige Baum im schwedischen Uppsala, von dem Adam von Bremen im 11. Jahrhundert berichtet, könnten kultische Entsprechungen von Yggdrasil gewesen sein. Sie sind zusammenhängend mit Yggdrasil zu betrachten.Franz Rolf Schröder: Ingunar-Freyr. Mohr, Tübingen 1941, S. 1–15. Von den baltischen Prußen ist eine solche Kultstätte in Romowe überliefert.John Arnott MacCulloch: Eddic. In: The Mythology Of All Races. New York 1964, Band 2, S. 333.

Nach der Edda ist Yggdrasil der Thingplatz der Götter. Hier versammeln sie sich, beraten sich und halten Gericht. Da die Verhältnisse in der Götterwelt oft die irdischen Verhältnisse spiegeln, kann man annehmen, dass das germanische Thing an oder in der Nähe einer Verkörperung des Weltenbaums stattfand. Vermutlich wurde es von Ritualen begleitet. In germanischer Zeit waren das Religiöse und das Rechtliche noch nicht voneinander getrennt. Die Gerichtsbäume des Mittelalters (in Deutschland Eichen und Linden) könnten ein Nachhall der alten Zeit sein.

Vom heiligen Baum in Uppsala werden Tier- und Menschenopfer berichtet. Die Irminsul wird als Himmelsstütze und Weltachse gedeutet.

Etymologie Der Name Yggdrasil, altnordisch Yggdrasill, setzt sich wohl zusammen aus altnordisch yggr „Furcht“, „Schrecken“, „Schrecklicher“ (siehe Liste der Beinamen Odins)‘ und altnordisch drasill „Pferd“.Vergleiche Gerhard Köbler: Altnordisches Wörterbuch. 4. Auflage. 2014.

Einige Interpreten vermuten, dass Yggdrasil „Pferd des Schrecklichen“ heißt, und dass damit die Weltesche selbst als Odins Pferd bezeichnet wird.Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 495. Nach der Hávamál hing ein Wesen, das man meist als Odin identifiziert, neun Nächte in einem Selbstopfer an einem Baum, der oft mit dem Weltenbaum gleichgesetzt wird. Noch in späterer Zeit sagten die Deutschen, Engländer und die nordgermanischen Völker zum Galgenbaum Ross und zum Gehängten Reiter.Wolfgang Golther: Handbuch der germanischen Mythologie. Leipzig 1875, neu aufgelegt, Marix, 2004, S. 632.

Der isländische Gelehrte Eirikr Magnússon meinte jedoch, Yggdrasil sei das Reittier Odins und nicht der Baum selbst gewesen. Der eigentliche Weltenbaum habe askr Yggdrasil geheißen,Eirikr Magnússon: Odins Horse Yggdrasil. London, 1895. So auch John Arnott MacCulloch: Eddic. In: The Mythology Of All Races. New York 1964, Band 2, S. 333 f. also der Baum, an den Odin sein Pferd bindet.Vergleiche Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 495.

Eine weitere Ansicht führt altnordisch yggr auf seine eigentliche Bedeutung ‚Schrecken‘ zurück und übersetzt den Baumnamen mit „Schreckensbaum“, „Galgen“Vertreten durch F. Detter gemäß Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 495. Damit würde wiederum Odins Selbstopfer am Galgen des Weltenbaums zum Ausdruck gebracht werden.

Grundsätzlich weiter zurückreichende Deutungen beruhen auf Vergleichen zu anderen religiös-kultischen indogermanischen Vorstellungen. Danach bedeutet Yggdrasil „Eibensäule“. Altnordisch yggia wäre demnach von germanisch *igwja „Eibe“ und altnordisch drasill von indogermanisch *dher- „stützen“ abzuleiten.

Historische Wurzeln Die geschichtlichen Wurzeln des nordischen Weltenbaums reichen mindestens zurück bis in indogermanische Zeit, da der Weltenbaum zum mythologischen Fundus vieler indogermanischer Völker gehört:Jens Peter Schjødt: Weltenbaum. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Band 23. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 2006, S. 451–453 – Åke Viktor Ström, Haralds Biezais: Germanische und baltische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN 978-3-17-001157-1, S. 243. – John Arnott MacCulloch: Eddic. In: The Mythology Of All Races. New York 1964, Band 2, S. 336. Balten (die Eiche Austras koks), Inder (der Feigenbaum Asvattha), Perser (Simorgh-Baum) und Slawen – gegebenenfalls auch der Baum der Hesperiden der Griechen. In diesen Mythologien findet sich oft ein Greifvogel an der Spitze und/oder eine Schlange an den Wurzeln des Baums.

Heutzutage wird kaum noch die Meinung vertreten, dass Yggdrasil eine spätheidnische Entlehnung des mittelalterlichen, christlichen Kreuzbaums ist.So aber Wolfgang Golther: Handbuch der germanischen Mythologie. Leipzig 1875, neu aufgelegt Marix, 2004, S. 420 f., 633 f. Eher glaubt man, dass die Vorstellung des christlichen Kreuzbaums durch heidnische Vorstellungen beeinflusst wurde.Jens Peter Schjødt: Weltenbaum. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Band 23. 2. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin – New York 2006, S. 451–453.

Bezüge zum Schamanismus Sibiriens mini|Odins Selbstopfer im Weltenbaum Yggdrasil. Buchillustration von W. G. Collingwood, 1908 aus der älteren oder poetischen EddaDie ältere oder poetische Edda. archive.org In den schamanischen Kulturen des eurasischen Nordens finden sich ähnliche Vorstellungen des Weltenbaums, wie sie von Yggdrasil berichtet werden. Das Selbstopfer Odins an Yggdrasil, sein enger Bezug zur Ekstase und sein achtbeiniges Pferd Sleipnir sind Merkmale, die dem klassisch sibirischen Schamanismus sehr nahestehen.Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Band 7. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 1989, ISBN 978-3-11-011445-4, S. 92.