Der Brief Über den HumanismusÜber den Humanismus: zuerst erschienen zusammen mit Platons Lehre von der Wahrheit bei Francke A.G. Bern 1947. Als selbständige Schrift 1949 bei Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main. ist eine 1947 erschienene Schrift Martin Heideggers. Es handelt sich um die überarbeitete Fassung eines Briefes von 1946 an den französischen Philosophen Jean Beaufret. Oftmals wird der Text kurz als Humanismusbrief bezeichnet.

Heidegger kritisiert in der Schrift die historischen Ausprägungen des Humanismus. Als metaphysische Bestimmungen achten sie nach Heidegger das Wesen des Menschen zu gering und reduzieren ihn stets auf etwas Seiendes. Dieser Auffassung setzt er eine Bestimmung des Menschen als ek-statisches Wesen entgegen, dessen Eigenart im Bezug zum Sein liegt.

Der Humanismusbrief ist trotz seiner Kürze ein wichtiger Text Heideggers, da er sich hier erstmals schriftlich zu seinem als Kehre bezeichneten Umdenken äußert. Außerdem finden sich bereits wesentliche Gedanken des Spätwerks in dem Text entfaltet, so die späte Seins- und Wahrheitskonzeption, der Unterschied von Dichten und Denken, die Gedanken zur Sprache und die Technikkritik.

Entstehung Der Text ist Heideggers erste Veröffentlichung nach 1945. Während der Abfassung des Briefes an Beaufret stand Heidegger aufgrund seines NS-Engagements während seiner Rektoratszeit und seiner Mitgliedschaft in der NSDAP vor einer Bereinigungskommission der Universität Freiburg zur politischen Reinigung des Lehrkörpers (épuration), was mit seiner Zwangspensionierung und einem Lehrverbot endete.Vgl. Dirk Mende: »Brief über den ›Humanismus‹« Zu den Metaphern der späten Seinsphilosophie. In Dieter Thomä (Hrsg.): Heidegger Handbuch. Metzler Verlag, Stuttgart 2003, S. 254. Aufgrund seines NS-Engagements hatte außerdem sein Ansehen in der Öffentlichkeit nach Kriegsende stark gelitten. Mit dem zwei Jahre später im Druck erschienenen Brief, der auf breite Resonanz stieß, meldete sich Heidegger auf der philosophischen Bühne zurück.

Zuvor hatte Beaufret Heidegger kontaktiert und ihm drei Fragen gestellt: erstens, wie dem Wort „Humanismus“ wieder ein Sinn gegeben werden könne, zweitens, wie es um das Verhältnis von Ontologie und Ethik stehe, und letztlich, was das Element des „Abenteuers“ in der Philosophie ausmache. Der Brief hat – da er an einen Franzosen gerichtet ist – die französische Heidegger-Rezeption entscheidend beeinflusst.

Inhalt Philosophischer Hintergrund: Heideggers seinsgeschichtliches Denken Der Brief ist bestimmt durch einen zentralen Gedanken Heideggers über das Wesen der Wahrheit. Heideggers Wahrheitsbegriff hat sich nach seinem Umdenken, welches er selbst als Kehre bezeichnete, gegenüber seiner frühen Philosophie in Sein und Zeit wesentlich verändert. Heidegger denkt nun Wahrheit als Unverborgenheit (Aletheia), die sich vom Sein selbst her ereignet. Wahrheit ist damit nicht mehr etwas, das der Mensch durch Anwendung von Kategorien oder durch Befolgen einer bestimmten Methodik herstellen könnte. Das Sein selbst ver- und entbirgt sich zugleich in der Unverborgenheit, so nämlich, dass sich das Sein des Seienden entbirgt und das, was ist, sich aus einer bestimmten Perspektive zeigt und sich jedoch gleichzeitig der Entbergungsprozess verbirgt, d. h. dem Menschen nicht zum Problem wird, da er sich nur beim Entborgenen aufhält. Diesen Entbergungs- und Verbergungsprozess des Seins im Ereignis nennt Heidegger die „Wahrheit des Seins.“

Heidegger denkt nun den Menschen im geschichtlichen Bezug zu diesem Prozess: Das Sein ent- und verbirgt sich in verschiedenen geschichtlichen Epochen und eröffnet damit eine Welt als sinnhafte Totalität, so wie man etwa umgangssprachlich von „der Welt der alten Griechen“ oder „der Welt der Bäuerin“ spricht. Philosophiegeschichtlich bildet sich dieser Prozess in der Metaphysik ab. So kann die durch das Sein eröffnete Welt beispielsweise eine als von Gott geschaffene sein oder, wie bei Kant, eine durch das transzendentale Subjekt ‚zusammengesetzte‘. Da Heidegger selbst das Konzept eines Subjekts ablehnt, bringen aber die Philosophen die großen metaphysischen Entwürfe nicht hervor, sondern entsprechen nur dem vom Sein her Ereignetem. Es fundiert also die „Wahrheit des Seins“ – der Entbergungsprozess im Ereignis – die metaphysischen Bestimmungen des Sein des Seienden. Weil aber die Metaphysik lediglich das Sein des Seienden bestimmt, kann sie diesen Fundierungszusammenhang nicht in den Blick bringen; sie vergisst, dass für jede Bestimmung des Seienden dieses zunächst in der Unverborgenheit angekommen sein muss. Für Heidegger ist daher die Metaphysik seinsvergessen. Dies ist sie jedoch nicht aus einer Verfehlung des Menschen heraus, sondern weil sich das Sein, wenn es sich zeigt, so zeigt, dass der Entbergungsprozess selbst verborgen bleibt. Mit anderen Worten: der Mensch hält sich stets schon beim Seienden auf, ohne dass ihm deshalb zum Problem wird, warum dies überhaupt ist.

Für Heidegger ist diese Seinsvergessenheit wesentlich für das gesamte abendländische Denken in Form der Metaphysik. Die Geschichte der Metaphysik, die durch den niemals explizit gewordenen Grund der Wahrheit des Seins bestimmt ist, nennt Heidegger Seinsgeschichte. Sie ist geprägt von verschiedenen Epochen, in denen die Metaphysik nach dem Sein des Seienden gefragt und das Sein als oberstes und göttliches Seiendes bestimmt hat. Dagegen versucht Heidegger, das Sein vom Ereignis her zu denken. Das Sein soll jetzt nicht mehr verdinglicht vor-gestellt werden, sondern ursprünglich als es selbst vor jeder Auslegung erfahren werden.Martin Heidegger: Denkerfahrungen. Frankfurt a. M. 1983, S. 152.

Kritik am »Humanismus« Heidegger setzt schon im Titel den »Humanismus« in Redezeichen. Dies soll signalisieren, dass sich seine Kritik nicht auf einen allgemeinen, sich für den Menschen einsetzenden Humanismus bezieht, sondern auf die konkreten historischen Ausprägungen des Humanismus, für welche Heidegger den christlichen, Sartreschen und Marxschen Humanismus anführt. Unter zwei Gesichtspunkten kritisiert Heidegger diese Formen des »Humanismus«: Zum einen gehen allen ihren Bestimmungen des Menschen verschiedene metaphysische Grundannahmen über die Natur, die Geschichte oder den Weltgrund voraus, von der aus sie dann nachträglich die humanitas auslegen. So setzt zum Beispiel die Bestimmung des Menschen als animal rationale, also als vernünftiges Lebewesen, ein Verständnis von „Leben“ und „Natur“ schon voraus. Zum anderen kann das Wesen des Menschen nach Heidegger nicht durch eine Zusammenstückung von animal und ratio bestimmt werden. Insofern jedem »Humanismus« eine solche metaphysische Grundannahme vorausgeht, die das Wesen des Menschen auf etwas Seiendes zurückführt, bezeichnet für Heidegger »Humanismus« das Menschenbild der Metaphysik. Wegen der Rückführung auf etwas Seiendes achtet für Heidegger ein solches Menschenbild das Wesen des Menschen zu gering.

Ein anderer Kritikpunkt Heideggers, der im Humanismusbrief nur anklingt, betrifft die seiner Meinung nach dem »Humanismus« innewohnende Anthropozentrik, auf die er ausführlich in Platons Lehre von der Wahrheit eingeht: „Hiernach meint »Humanismus« den mit Beginn, mit der Entfaltung und mit dem Ende der Metaphysik zusammengeschlossenen Vorgang, dass der Mensch nach je verschiedenen Hinsichten, jedes mal aber wissentlich in eine Mitte des Seienden rückt.“GA 9, S. 236. Offensichtlich ist dies vor allem für den neuzeitlichen Subjektivismus seit Descartes. Den Grund hierfür sieht Heidegger darin, dass die Metaphysik die „Wahrheit des Seins“ nicht bedenkt, also den Ort der Wahrheit als die Lichtung des Seins selbst nicht sieht und stattdessen den Menschen in diesen Ort einsetzt.

Ek-sistenz Heidegger stellt der metaphysischen Bestimmung des Menschen im »Humanismus« seine Auslegung des Wesens des Menschen als Ek-sistenz entgegen. Hierzu beginnt Heidegger mit einer Bemerkung über den Charakter des Denkens. Er hält fest, dass nicht nur das theoretische und auf einen Nutzen gerichtete Denken und Bewirken sich für den Menschen einsetzen kann, sondern auch dasjenige Denken, welches er als „Denken des Seins“ bezeichnet.

Der Genitiv in „Denken des Seins“ enthält eine von Heidegger beabsichtigte Doppelbedeutung: In der ersten Bedeutung meint die Wendung, dass das Denken sich der „Wahrheit des Seins“ widmet. Die zweite Bedeutung des Genitivs bezieht sich darauf, dass das Denken dem Sein „gehört“, weil es sich eben vom Sein her ereignet. Der Mensch kann nicht einfach ‚drauf los denken‘ und damit Wahrheit an den Tag fördern, sondern er muss entsprechend dieser Doppelbeziehung sich denkend für das vom Sein her Ereignete offen halten. So ist zum Beispiel Heidegger selbst für die Erkenntnis, dass sich das Sein ereignet, darauf angewiesen, dass die Metaphysik im Laufe ihrer Geschichte verschiedene Bestimmungen der Welt hervorbrachte. Wenn Heidegger also seine Spätphilosophie an der geschichtlichen Schwelle des Endes der Metaphysik sieht, dann ist dies nur durch die vorangegangene Geistestradition möglich. Die Überwindung der Metaphysik ist daher nichts, das sich Heidegger als Verdienst anrechnet, sondern sie ereignet sich für ihn vom Sein selbst her.

Was den Menschen wesentlich bestimmt, ist für Heidegger daher der Bezug des Menschen zum Sein. Der Mensch lebt in einer sich in den verschiedenen Epochen der Seinsgeschichte ereignenden Welt. Die Welt ist dabei nicht die Summe alles Seienden, sondern ein Bedeutungsganzes, in dessen Licht erst einzelne Dinge in der Welt erscheinen. Was den Menschen nach Heidegger bestimmt, ist dabei nicht diese oder jene konkrete Welt, sondern dass er in einer Welt lebt. Heidegger betont, dass biologische, gesellschaftliche oder andere Bestimmungen des Menschen nicht falsch sind. Sie treffen für ihn jedoch nicht das Wesen des Menschen, da sie nur einen bestimmten Aspekt der Welt herausgreifen, an den sie die Bestimmung des Menschen koppeln. Wenn Heidegger also die biologische Bestimmung des Menschen als Lebewesen für richtig hält, das Wesen des Menschen jedoch durch die Wahrheit des Seins bestimmt sieht, dann zeigt sich hier auch, dass für Heidegger richtig nicht wahr sein muss.

Den Charakter des Bezugs des Menschen zu dem was ist, zum Sein, zur Welt fasst Heidegger als das Stehen in die Lichtung des Seins. Dieses Stehen ist für Heidegger ein hinaus-stehen, eine Ek-sistenz (griech.: ek-stasis hinaus-stehen). Es ist ein Hinausstehen, das nicht als ein Heraus aus einem Innen missverstanden werden darf. Die Opposition Außen/Innen geht auf ein von Heidegger abgelehntes Subjektdenken zurück. Das Herausstehen ist jedoch immer schon gegeben, der Mensch muss nicht erst von einem Innen in die Außenwelt kommen. In diesem Hinausstehen in die Lichtung wird der Mensch immer schon vom Sein angegangen. Dies macht für Heidegger den Wesensunterschied zum Tier aus: Zwar orientiert sich auch das Tier in seiner unmittelbaren Umgebung, aber es hat keine Welt und greift daher nicht über seine Umgebung hinaus. Es kann wegen dieser Weltarmut nicht vom Sein angegangen werden. Der Mensch hingegen ist sogar auf das Sein angewiesen, damit er in sein Wesen findet: „So kommt es bei der Bestimmung der Menschlichkeit des Menschen […] darauf an, dass nicht der Mensch das Wesentliche ist, sondern das Sein.“GA 9, S. 333f. Man könnte sagen, der Mensch ist wie ein leeres Gefäß, welches das Sein erst auffüllen muss und welches ihn immer schon erfüllt hat.