mini|Der mit Orden ausgezeichnete Junge im Jahre 1894 mini|Raoul Koczalski im September 1901 mini|Raoul Koczalski während einer Aufnahme für Welte-Mignon, 1925

Raoul Armand Georg von Koczala Koczalski (Schreibung des Vornamens in Polen meist: Raul, Aussprache: [kɔˈt͡ʃalski], vereinfachte Transkription: [kotschálski]; * 3. Januar 1885 in Warschau; † 24. November 1948 in Posen; Pseudonym: Jerzy Armando und Georg Armand(o)) war ein polnischer Pianist und Komponist. mini|Raoul Koczalski

Leben Koczalski wurde in Warschau, das damals zum russischen Zarenreich gehörte, geboren. Die musikbegeisterte Familie entstammt einem alten polnischen Adelsgeschlecht. Nach ersten Unterweisungen durch die Mutter wird das Kind Schüler von Julian Gadomski (Harmonielehre und Klavier), Ludwig Marek (Klavier), Henryk Jarecki (Komposition und Instrumentation) und dem Chopin-Schüler Karol Mikuli (Klavier und Komposition), der bis 1888 Künstlerischer Leiter am Konservatorium in Lemberg (poln. Lwów, heute ukrainisch Lwiw) war. Der tägliche zweistündige Unterricht bei Mikuli erstreckt sich ab 1892 über vier Jahre in den Sommermonaten. Die Ausbildung des begabten Jungen geschieht nur auf privater Basis, er besucht kein Konservatorium. Das dreijährige Kind tritt zum ersten Mal am 15. März 1888 in Warschau im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung öffentlich auf und bereist dann als Wunderkind Europa. Der Junge wird mit Preisen und Ehrungen überhäuft. Der spanische König, der türkische Sultan und der persische Schah ernennen ihn zum Hofpianisten. Ab 1897 befindet sich der Sitz der Familie Koczalski in Bad Ems, von wo aus die Konzertreisen beginnen. Der Erlös der vom Vater organisierten Konzerte dient auch der Finanzierung des als üppig beschriebenen Lebenswandels der ganzen Familie, die das Kind auf seinen Reisen begleitet. 1897 findet das 1000. Konzert statt. Nach heutigen Maßstäben muss dies als Ausbeutung eines Kindes bezeichnet werden. Neben seiner Konzerttätigkeit komponiert Koczalski seit frühester Kindheit. In der Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hat er seinen Wohnsitz zeitweise in Paris, plant aber, Berlin zum Mittelpunkt seiner Aktivitäten zu machen, ein Vorhaben, das er erst viel später (1934) verwirklicht.

Der Erste Weltkrieg unterbricht seine Konzerttätigkeit. Ende Juli 1914 kehrt er von einer Konzertreise aus St. Petersburg nach Deutschland zurück. Er wird vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht, als russischer Staatsbürger verhaftet und mit seiner Familie im hessischen Bad Nauheim bis 1918 interniert. Er erhält Auftrittsverbot und widmet sich vor allem dem Komponieren. Die Konzerte nach dem Krieg bringen nicht die gleichen Erfolge wie früher. In seinen autobiographischen Betrachtungen schreibt Koczalski, dass harte Schicksalsschläge, besonders der Tod der geliebten Mutter, ihn zeitweise der Musik entfremdeten. Er gibt Klavierunterricht und arbeitet unter einem Pseudonym als Kritiker.

Nach Kriegsende 1918 lässt sich Koczalski in Wiesbaden nieder, 1926 zieht er ins oberitalienische Stresa am Lago Maggiore. Er komponiert, unterrichtet und gibt gelegentlich Konzerte. Die von ihm gegründete Musikschule geht in Konkurs.Die daraus resultierenden finanziellen Probleme machen Koczalski bis in die Zeit kurz vor seinem Tod zu schaffen. Es ist gut möglich, dass die Rückkehr nach Polen am Ende der Nazidiktatur, unter der er zu leiden hatte, und der Antritt einer Professur an der Musikhochschule in Posen trotz einer weiteren Diktatur, dieses Mal des kommunistischen Regimes, mit dem Wunsch nach finanzieller Absicherung zusammenhängt. Die Wintermonate verbringt er in Paris, wo er an der Sorbonne bis 1934 Vorlesungen über Musikwissenschaft und Philosophie besucht und Musikabende veranstaltet, bei denen er Vorträge mit Demonstrationen am Klavier hält.

Erst im Jahre 1934, nachdem er seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hat, setzt seine internationale Konzerttätigkeit in vollem Umfang wieder ein. Koczalski spielt zahlreiche Schallplatten (besonders für die Deutsche Grammophon Gesellschaft) ein. Er wird nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 14. September 1939 zu Goebbels, der Koczalski von seinen Konzerten persönlich kennt und schätzt, in die Reichskanzlei bestellt. Goebbels legt ihm heuchlerisch nahe, aus Sicherheitsgründen und wegen zu erwartender Demonstrationen gegen Konzerte eines polnischen Künstlers, öffentliche Auftritte einzustellen und Berlin nicht zu verlassen, was einer Internierung bis Kriegsende 1945 gleichkommt. Seine Bankkonten werden gesperrt, seine Schallplatten vom Markt genommen. Er gibt jedoch Hauskonzerte für Schüler und Freunde und erteilt Unterricht. Obwohl er sich regelmäßig bei der Polizei melden muss, scheint er im Unterschied zu seinen dem Naziterror ausgesetzten Landsleuten einen gewissen Schutz zu genießen. So wird er zum Beispiel zusammen mit dem Schauspieler Paul Hartmann als Rezitator am 16. März 1944 zu einem Auftritt vor Offizieren der Wehrmacht herangezogen.Heinrich Burk: Dies ist meine Stadt. Bad Nauheimer Geschichten aus hundert Jahren. Verlag der Buchhandlung am Park, Nauheim 1995. S. 76–82.Koczalski spielte in diesem Konzert Ludwig van Beethovens Klaviersonate cis-Moll op. 27/2, die sogenannte Mondscheinsonate und Klavierstücke von Frédéric Chopin. Paul Hartmann rezitierte aus Goethes Faust. Es ist nicht bekannt, ob die Auswahl der Klavierstücke von Koczalski stammte oder von höherer Stelle vorgeschrieben war. Die anwesenden Offiziere waren im letzten Kriegsjahr für einen Sondereinsatz nach Berlin bestellt worden. Die kulturelle Veranstaltung sollte der Erbauung vor dem Sondereinsatz dienen, aber man wusste, dass „Mondscheinsonate“ der Codename für die verheerende Bombardierung der englischen Stadt Coventry in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 war. Nach dem Krieg wird Koczalski in Polen der Kollaboration mit dem Naziregime verdächtigt. Die Beschuldigungen sind nach heutiger polnischer Auffassung unbegründet.Es besteht in der polnischen Literatur die Tendenz, Koczalski als Verfolgten der Nationalsozialisten, der im Untergrund weiterhin die polnische Musik pflegte, darzustellen. Diese Sicht bedarf der Korrektur. Man darf davon ausgehen, dass die privaten Aktivitäten Koczalskis den Behörden bekannt waren und geduldet wurden. Es gibt außerdem Annoncen im Führer durch die Konzertsäle Berlins, in denen Koczalski 1942 öffentlich für seinen Klavier- und Theorieunterricht wirbt. Der Aufstieg Koczalskis nach 1934, besonders in Berlin, kann mit seinen erzkonservativen Ansichten zur modernen Musik, die mit denen der Nazis übereinstimmten, zusammenhängen. Die Vertreibung der jüdischen Musiker aus Berlin (Entlassung, Emigration, Deportierung) sowie die „Entjudung“ der Reichsmusikkammer, waren ihm bekannt. Dies gilt auch für die sogenannte Polenaktion 1938. Er war im Bestreben der Nationalsozialisten, Polen auf ihre Seite zu ziehen, ein geschätzter Repräsentant der polnischen Kultur. Goebbels schreibt in seinem Tagebuch (Bd. I/4, S. 109) unter dem 24. April 1937: „Klavierkonzer[t] Koczalski. Er spielt herrlich Schumann und Chopin. Ein reiner Genuß. In der K.d.d.K (= Kameradschaft der deutschen Künstler. Anm. des Autors) noch deutsch-polnischer Abend.“ Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnte die bestialische Behandlung der polnischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter als „slawische Untermenschen“ Koczalski nicht verborgen geblieben sein. Es sind keine öffentlichen Aussagen Koczalskis zugunsten seiner Landsleute bekannt.

Schon kurze Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im Juni 1945, nimmt Koczalski unter zum Teil abenteuerlichen Umständen im zerbombten Berlin seine Konzerttätigkeit wieder auf. Er verlässt bald danach Deutschland und kehrt nach jahrzehntelanger Abwesenheit im Juli 1946 nach Polen zurück, was ihm von polnischen Gegnern als Opportunismus ausgelegt wird. Er lässt sich in Posen nieder und wird an der dortigen Staatlichen Musikhochschule, später auch (ab 1. September 1948)) in Warschau Professor für Klavier. Seinen Berliner Wohnsitz in der Koenigsallee 1 (heute: Halenseestraße 1) behält er bei.

Die letzte Lebenszeit ist überschattet von Krankheit. Er leidet an Diabetes und hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Obwohl sich Koczalski über seinen Zustand im Klaren ist, werden für 1948 und besonders für das Chopingedenkjahr 1949 zahlreiche Konzerte geplant. Kurz vor einem Auftritt im Rahmen eines Konzertes am 23. November 1948 in der Musikhochschule von Posen, wo er mit einer Schülerin u. a. Chopins Rondo in C-Dur für zwei Klaviere spielen soll, verliert Koczalski das Bewusstsein. Er erleidet einen Herzinfarkt und stirbt einen Tag später, am 24. November, im Krankenhaus.

Koczalskis letzte Ruhestätte liegt, nach einer im Jahre 1959 vom Friedhof Jężycki Posen erfolgten Umbettung, auf dem Cmentarz Zasłużonych Wielkopolan (Friedhof der verdienten Bewohner von Großpolen) in Posen.

Der Staatsrat der Volksrepublik Polen (Rada państwa Polskiej Rzeczypospolitej Ludowej) unter Vorsitz des Präsidenten der Volksrepublik Polen, Bolesław Bierut, verleiht am 27. November 1948 dem „Bürger Prof. Koczalski Raul posthum das Kreuz eines Kommandeurs des Ordens der Wiedergeburt Polens“ (Polonia Restituta, Order Odrodzenia Polski).Doc. Orig. Koczalski 65–71. Doc. 69 im Staatlichen Institut für Musikforschung Berlin.

Teile des verstreuten Nachlasses von Koczalski befinden sich in der Bibliothek des Staatlichen Instituts für Musikforschung in BerlinSignatur SM 08. und in der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin.Bezeichnung: N.Mus.Nachlass 139 (Nachlass Koczalski).

Wirken Der Pianist Koczalski wurde vor allem als Interpret der Werke von Frédéric Chopin berühmt. Sein Repertoire umfasste aber auch u. a. Werke von Bach, Mozart, Beethoven (sämtliche Klaviersonaten, die er als Zyklus spielte), Schubert, Schumann, Liszt, A. Rubinstein, Paderewski, Bartók, sowie eigene Kompositionen. Sein Spiel ist durch zahlreiche Aufnahmen – Klavierrollen, Schallplatten und Rundfunkaufnahmen – sehr gut dokumentiert.Rollen hauptsächlich für Welte-Mignon, Pleyela, Triphonola, Schallplatten für u. a. Homochord, Polydor, Odeon, Electrola, Mewa.Viele Aufnahmen wurden in youtube eingestellt. Die Prinzipien seiner Chopin-Interpretationen hat Koczalski in Schriften dargelegt, die ursprünglich als Einführungen zu seinen Chopin-Abenden gedacht waren. Sie sind, was das Verständnis der Musik Chopins angeht, ebenso wichtig wie die Angaben Bronisław von Poźniaks, des anderen Repräsentanten der polnischen Chopin-Tradition der Lemberger Schule. Koczalskis für den Verlag Breitkopf & Härtel 1947 vertraglich geplante Ausgabe der Klavierwerke Chopins ist nie erschienen.Sie war angekündigt unter den Editionsnummern ED 5811–5822. Nach Auskunft des Verlages ist das Archiv in Leipzig im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, sodass auch die Vorgeschichte der Chopinausgabe ungeklärt bleibt. Die Aufnahmen, insbesondere die Schallplatten – und Rundfunkaufnahmen liegen heute auf CD vor, viele Aufnahmen, auch die auf Klavierrollen, sind online abrufbar.