Stamm – im deutschen Sprach- und Kulturraum auch speziell Volksstamm – bezeichnet eine relativ wenig komplexe gesellschaftliche Organisationsform, deren Mitglieder durch die oft mythische Vorstellung einer gemeinsamen Abstammung sowie durch Sprache oder Dialekt, Religion, Brauchtum und Gesetz und auch durch politische Interessen zusammengehalten werden. Von dieser Vorstellung eines Stammes unterscheiden die Politikwissenschaft und die Ethnologie die übergeordnete Integrationsstufe des Staates.
Die Bezeichnung Stamm wird, vor allem von Gegnern evolutionstheoretischer Ansätze, einer tiefgreifenden Ideologiekritik unterzogen, weitestgehend abgelehnt und gerne durch den Begriff „Ethnie“ ersetzt.Roy Richard Grinker: Houses in the Rainforest: Ethnicity and Inequality Among Farmers and Foragers in Central Africa. University of California Press, 1994, S. 12: “There is already a vast and critical literature on the theoretical and methodological problems of ‘tribe’ and ‘tribalism’ […] and the replacement of these terms with ‘ethnic group’ and ‘ethnicity’.” Zusammenfassend auch beispielsweise: Wolfgang Kraus: Islamische Stammesgesellschaften: Tribale Identitäten im Vorderen Orient in sozialanthropologischer Perspektive. Böhlau, Wien u. a. 2004, S. 27 ff. Unter Vertretern evolutionärer Theorien, insbesondere des Neoevolutionismus, wird er jedoch weiter an zentraler Stelle verwendet und ist auch sonst in der aktuellen wissenschaftlichen Literatur häufig vorzufinden, insbesondere in der ArchäologieBeispielsweise Colin Renfrew, Paul G. Bahn: Archaeology: Theories, Methods and Practice. Thames and Hudson, New York 2008 (englisch). und der Geschichtswissenschaft.Beispielsweise Malcolm Todd: The Early Germans. 2. Auflage. Wiley-Blackwell 2004 (englisch). Auch in der Ethnologie ist die Definition einer Volksgruppe als „Stamm“ v. a. dann weiterhin aktuell (vergleiche beispielsweise die Scheduled Tribes in Indien), wenn sie sich an der Selbstidentifikation sowie der kulturellen, religiösen und ethnischen Identität der jeweiligen sozialen Gruppe orientiert.
„Stamm“ ist allgemein von der biologischen „Abstammungsgruppe“ (Lineage) zu unterscheidenWolfgang Kraus: Zum Begriff der Deszendenz: Ein selektiver Überblick. In: Anthropos. Band 92, Heft 1/3, 1997, S. 139–163. und entspricht beispielsweise auf Afrika bezogen der „Ethnie“, die eine zwar gesellschaftlich konstruierte, aber als real aufgefasste Einheit bildet.
Nach der ethnologischen Systematisierung beziehen sich die Mitglieder eines Clans auf einen mythischen Vorfahren (oder auf ein Totem), während auf der darunter folgenden Ebene der Abstammungsgruppen ein mehr oder weniger klar feststellbarer biologischer oder geschichtlicher Stammvater oder eine Stammmutter genannt wird. Auf der darüber liegenden Ebene des Stammes ist das einigende Prinzip eher abstrakter Art (Sprache, Religion, Brauchtum, Gesetz – so auch bei den deutschen Stämmen), obwohl auch hier gelegentlich mythische Ahnen zitiert werden (etwa bei den Stämmen Israels).
Stämme schlossen sich zu Stammesverbänden oder Großstämmen zusammen (vergleiche Stammeskonföderation, Stammesgesellschaft), die dann teils als eigenes „Volk“ bezeichnet werden (etwa das „Volk der Franken“), während von Völkern ansonsten erst bei der Vereinigung von verschiedenen Stämmen zu einer Nation gesprochen wird („Volk der Deutschen“).
Begriffsgeschichte Der Begriff „Stamm“ als ein organisierter Verband innerhalb eines Volkes taucht an prominenter Stelle bei den Zwölf Stämmen Israels im 2. Buch Mose auf. Die übergeordnete Einheit des „Volkes“ wird hier eingeschränkt als Geschichtsmythos verwendet im Sinne eines Stammesverbands mit einer für alle Mitglieder gemeinsamen Abstammung.vgl. Indem die israelitischen Stämme eine gemeinsame Sprache und Kultur innerhalb eines geschlossenen Siedlungsgebietes herausbildeten, entwickelten sie ein eigenes, sich nach außen abgrenzendes Zusammengehörigkeitsgefühl. Hier machte sich die Vorstellung eines „Stammvaters“ fest. Der nachfolgende geschichtliche Prozess, mit dem sich eine Gruppe von Menschen von anderen abgrenzt und zu einem Volk zusammenfindet, wird als Ethnogenese bezeichnet.
Sprachlich und bildhaft ist die „Abstammung“ mit dem Baumstamm verbunden, dem von seinem Ursprung her (aus dem Samen) Äste gewachsen sind. Hierbei kommt es sprichwörtlich zur Aufzweigung anfänglich einer einzigen Linie (vergleiche lineare Verwandtschaft). Diese doppelte Bedeutung beinhaltet auch das lateinische stirps, das sowohl botanisch die „Wurzel“ oder den „Stamm“ als auch die „Nachkommen“ einer Familie oder Herkunftslinie bezeichnet, beispielsweise die des Aeneas.
Das Wort „Stamm“ bildete sich in der entsprechenden Bedeutung über das Mittelhochdeutsche stam aus dem Althochdeutschen liutstam. Das englische Wort tribe und das französische tribu beginnen mit der Silbe tri („drei“) vom lateinischen Wort tribus, das eine Einteilung der Bevölkerung des antiken Roms in drei Abteilungen meinte. Im Zuge der Christianisierung Britanniens – ebenfalls von der römischen Besatzungsmacht importiert – bezog sich das englische tribe auch auf die Zwölf Stämme Israels. Die Vorstellung dieser Stämme ging unmittelbar in die Reisebeschreibungen des 17. und 18. Jahrhunderts ein; zusätzlich begannen die damaligen Ethnologen, den Begriff Stamm im Sinne einer Einteilung oder Gliederung der Völker in den besuchten fremden Ländern anzuwenden. Die hierbei miteinbezogene evolutionistische Betrachtungsweise stand teilweise noch stark unter dem Einfluss der biblischen Erzählungen, jedoch boten auch Autoren des klassischen Griechenlandes einen Fixpunkt. Sie beschrieben die Struktur ihrer eigenen Gesellschaft unter anderem als in Trittyen („Drittel“) gegliedert und grenzten sie so gegenüber den Gemeinwesen der mutmaßlich desorganisierteren Barbaren ab.S. 28–31.
Die nachrömischen germanischen Bevölkerungsgruppen in Mitteleuropa wie Alamannen und Langobarden werden wegen ihres geringen staatlichen Organisationsgrades als Stämme bezeichnet. Im Mittelalter gab es in Deutschland auf dem Weg zur Nationenbildung unter anderem Stammesabgrenzungen zwischen den Friesen, Sachsen, Thüringern, Franken, Schwaben und Baiern.Jukka Jari Korpela: „Nationen“ und „Stämme“ im mittelalterlichen Osteuropa: Ihre Bedeutung für die Konstituierung eines nationalen Bewusstseins im 19. Jahrhundert. In: Karl Kaser, Dagmar Gramshammer-Hohl u. a. (Hrsg.): Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens. Band 12. Wieser, Klagenfurt 2002, S. 696–761 ( auf uni-klu.ac.at).
Im Lauf des 19. Jahrhunderts erhielt „Stamm“ für die gegenwärtigen Gesellschaften die allgemeine Bedeutung einer einfach und ursprünglich organisierten Untergruppe einer vorzugsweise außereuropäischen Gesellschaft (vergleiche Stammesgesellschaft). Dementsprechend definiert ein Wörterbucheintrag von 1965 den Stamm als „eine besonders bei den Naturvölkern in den Vordergrund tretende ethnische Einheit, die Menschen gleicher Sprache und gleicher Kultur zu einem autonomen Territorialverband zusammenschließt“. Das Wort Verwandtschaft kommt in diesem Text nicht vor.Walter Hirschberg (Hrsg.): Wörterbuch der Völkerkunde (= Kröners Taschenausgabe. Band 205). Kröner, Stuttgart 1965, , S. 416.
Antike Gesellschaft Grundlegend für die anthropologische Theoriebildung im 19. Jahrhundert war die Untersuchung der griechisch-römischen Antike. Im antiken Griechenland war die Phyle (Stamm, Volk) eine organisatorische Untereinheit des Staates. Genos (Pl. genē) bezeichnete eine Verwandtschaftsgruppe. Die Phratrie bildete eine übergeordnete Einheit, die sich auf einen mythischen Ahnen bezog. Eine gesellschaftliche Klassifikation beinhaltet Genos (Geschlecht, Familiengruppe), Phratrie, Trittys als Untergliederung der Phyle und Ethnos (Volk). Die genē waren endogam, die Heiratsgemeinschaft schloss also nicht den gesamten Stamm ein. Ursprünglich war die Gliederung in genē aber wohl auf die Aristokratie beschränkt. Diese Gliederung lag auch der militärischen Organisation zugrunde. In der Ilias (2, 101) empfiehlt Nestor: „Ordne die Männer nach Stämmen und nach Phratrien, dass die Phratrie der Phratrie beistehe und der Stamm dem Stamme“. In Attika gab es vier Stämme zu je drei Phratrien und dreißig genē. Diese Stämme leiteten ihre Abstammung auf einen eponymen Heros zurück, sind aber künstlich geschaffene politische und administrative Einheiten. In den athenischen Rat der 400 entsandte jeder Stamm 100 Mitglieder. Wer kein Mitglied eines Stammes war, hatte folglich keine politischen Rechte. Seit der Reform des Kleisthenes spielte der Stamm keine Rolle mehr in der politischen Organisation, er teilte Attika in Gemeindebezirke (Demen) ein, die fürderhin die politische Grundeinheit bildeten. Zehn dieser Demen wurden zu einem Stamm zusammengefasst, der nun aber über den Wohnort und nicht über die tatsächliche oder angenommene Abstammung definiert war. Der Stamm wählte den Phylarch (Stammesführer), Strategos und Taxiarchos (Brigadier), stellte fünf Kriegsschiffe für die Flotte und wählte 50 Mitglieder für die Ratsversammlung. Auch diese Stämme erhielten einen eponymen Heros zugeteilt, für dessen Kult sie verantwortlich waren.
In Rom waren ebenfalls gentes (Sg. gens) zu einem Stamm (tribus) zusammengeschlossen. Der Sage nach wurde Rom von einem latinischen, einem sabellischen und einem „gemischten“ Stamm begründet, die alle aus jeweils hundert gentes bestanden. Jeweils zehn gentes bildeten eine curia (Pl. curiae), die meist der griechischen Phratrie gleichgesetzt wird. Der Senat war aus den Vorstehern dieser 300 gentes zusammengesetzt. In der Reform des Servius Tullius wurden neue gentes gebildet; hier wird deutlich, dass es sich um politische Einheiten handelte, die aber weiterhin auf Verwandtschaftsbeziehungen begründet waren. In beiden Fällen, Kleisthenes’ Phylenreform und der Kurienbildung, wurde durch Neuorganisation die Stammesgesellschaft in ein staatliches Gebilde transformiert.
Evolutionismus In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen einige frühe Standardwerke der anthropologischen Literatur, darunter 1861 von Johann Jakob Bachofen Das Mutterrecht und 1877 von Lewis Henry Morgan Ancient Society (Urgesellschaft). Die Autoren vertraten ein evolutionistisches Modell, für das sie nach den Ursprüngen der Gesellschaft suchten. Obwohl sie in ihren Schlussfolgerungen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen über die ursprünglichen Gesellschaftsformen kamen, sahen sie doch alle den Anfang der gesellschaftlichen Organisation in der Familie. Aus dieser Keimzelle hätten sich die umfassenderen Strukturen entwickelt, für deren Beschreibung sie aus der antiken Gesellschaft entlehnte Begriffe auf die sogenannten primitiven Völker übertrugen. Unabhängig davon, ob eine leicht erkennbare patrilineare oder eine nur aus Rückschlüssen ableitbare matrilineare Abstammungsfolge gefunden wurde, entscheidend war die Annahme, dass eine gemeinsame einlinige Abstammung (unilinear) die Grundlage der gesellschaftlichen Organisation bildete.
Das lateinische Wort gens bezeichnete noch bei Theodor Mommsen (Römische Geschichte, 1854–56) nach dem römischen Familienrecht eine blutsverwandte Sippe, deren geradlinige Abstammungsfolge zu eindeutigen Rechtsverhältnissen führen sollte. Die gentes bildeten in diesem Sinne die Grundlage für die Definition von Volksstamm. Erst später wurde klar, dass in den römischen gentes häufig konstruierte Traditionen weitergegeben wurden, die in der Summe das Modell einer Gesellschaft ergaben. Für Henry Sumner Maine (Ancient Law, 1861) und andere musste die aus Verwandtschaftsbeziehungen hervorgegangene Gesellschaftsstruktur nicht zwingend auf der biologischen Reproduktion beruhen. Er erkannte auch quasi fiktive Verwandtschaften, die nur auf einem gemeinsamen Geschichtsmythos beruhten. Den ursprünglichen Zustand vor Einführung der staatlichen Ordnung glaubten die Autoren bei den indigenen Völkern beobachten und auf diese das antike Vokabular übertragen zu können.S. 34–36.