mini|hochkant=1|Nino Ananiaschwili und das Staatsballett von Georgien in Schwanensee, 2007 mini|Nadja Sellrup in Schwanensee in der Königlichen Oper Stockholm, 2008 mini|Szene aus dem 3. Akt mit Molly Wagner und Liang Fu als Odette und Prinz Siegfried, rechts der böse Rothbart (KC Ballet) Schwanensee, op. 20 (, Lebedinoje osero; französisch Le lac des cygnes; englisch Swan Lake), ist ein weltberühmtes Ballett zur Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, das seine Uraufführung im Jahr 1877 am Bolschoi-Theater in Moskau erlebte und zum Standardrepertoire klassischer Ballettkompanien gehört. Die bis heute maßgebliche Inszenierung fand am 17. Februar/15. Januar 1895 am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg statt, mit einer neuen Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow. Spätere Inszenierungen lehnten sich meist eng an diese Fassung an.
Libretto mini|Bühnenbildentwurf von Helmut Jürgens für „Schwanensee“, Aufführung Bayer. Staatsoper München 1950 Das Libretto stammt von Wladimir Petrowitsch Begitschew und möglicherweise vom Tänzer Wassili Fjodorowitsch Geltzer.Siehe: Thomas Kohlhase: (= Čajkovskij-Studien, Band 2), Schott, Mainz 1996, S. 13–31, hier: S. 17 Es entsprach ganz der Vorstellung des Komponisten Tschaikowski. Einige Forscher meinen, dass die Geschichte auch auf Tschaikowsky selbst,Da er bereits 1871 ein kleines privates Kinderballett Schwanensee für seine Neffen und Nichten erfunden hatte (siehe unten: Geschichte). den Choreografen Reisinger oder beide zurückgehen könnte. Im Libretto der Uraufführung von 1877 ist kein Autor angegeben.
Die Sage von der verzauberten Schwanenprinzessin, die nur durch wahre Liebe aus dem Bann des bösen Zauberers erlöst werden kann, ist bei vielen Völkern bekannt. In Schwanensee lassen sich häufige Motive zahlreicher Märchen nachweisen, insbesondere die unglücklich verzauberte Prinzessin, die durch die Liebe eines Prinzen erlöst wird. Auch das unglückliche Ende des ursprünglichen Librettos ist ein bekanntes Märchenmotiv des Schwanenmädchens oder auch der Schwanenjungfrau.
Im Unterschied zu anderen Formen des Märchentypus wird Odette in der ursprünglichen Fassung des Librettos als gute Fee verstanden.Siehe: Thomas Kohlhase: (= Čajkovskij-Studien, Band 2), Schott, Mainz 1996, S. 13–31, hier: S. 20 Sie trägt eine Krone mit magischer Schutzfunktion, die sie von ihrem Großvater bekam. Dieser ist der Seekönig. Ihre Mutter sei ebenfalls eine gute Fee gewesen, ihr Vater ein Ritter (damit teilt Odette das Schicksal Melusines). Allerdings, so das Libretto, habe ihr Vater ihre Mutter zerstört und eine Zauberin geheiratet. Diese Stiefmutter plagte Odette so lange, bis sie an den See floh, der aus den Tränen ihres Großvaters entstanden war. Dort musste sie zum Schutz Schwanengestalt annehmen, denn die Stiefmutter verfolgt sie in Gestalt einer Eule. Diese Eule schickt auch einen Dämon in Gestalt eines Ritters namens Rotbart, dessen Tochter Odile der schönen Odette äußerlich exakt gleicht. Am Ende ergreift die Eule Odettes Krone und tötet diese dadurch. Odette und Siegfried versinken in den Wellen des Sees.Inhalt laut Original-Libretto von Schwanensee. Siehe: Thomas Kohlhase: (= Čajkovskij-Studien, Band 2), Schott, Mainz 1996, S. 13–31, hier: S. 20–31
Diese komplizierte, im Libretto mittels wörtlicher Rede vermittelte Handlung wurde 1895 schließlich stark vereinfacht. Odettes Familientragödie wurde gestrichen, der auf der Bühne erscheinende Rotbart übernahm die Rolle von Stiefmutter und Vater. Nur wenige Kompanien wie das Ballett der Semperoper bedienen sich Motiven des ursprünglichen Librettos, ohne dass freilich je wieder eine exakte Rekonstruktion versucht wurde. Für das Ende wurden später verschiedene Versionen erfunden, mit zum Teil sehr unterschiedlichem Ausgang.
Personen (Odette und Odile werden von derselben Ballerina als Doppelrolle getanzt) mini|hochkant|Ruslan Skvortsov als Siegfried in Schwanensee, 2011 (Bolschoi-Theater, Moskau) Odette, verzauberte Schwanenjungfrau, gute Fee Prinz Siegfried die Königin, Siegfrieds Mutter Benno, Freund von Siegfried Wolfgang, Erzieher des Prinzen von Rotbart, böser Dämon Odile, Verführerin, Tochter von Rotbart, Doppelgängerin von Odette (Seit dem 20. Jahrhundert gibt es in manchen Produktionen auch die Figur des Hofnarren, ein Solotänzer)
Freunde des Prinzen, Höflinge, Dorfbewohner, Hochzeitsgäste, Prinzessinnen, große und kleine Schwäne u. a.
Handlung Im Folgenden wird die Handlung der uns heute geläufigen Ballettfassung dargestellt. 1. Akt Im Schlosspark feiert Prinz Siegfried seinen 21. Geburtstag. Die Königsmutter kommt hinzu und wirft ihm zärtlich seine Unbeschwertheit vor. Sie erinnert ihn, dass am nächsten Tag ein Hofball stattfinden wird und er unter den teilnehmenden Gästen eine Braut wählen soll. Die Tänze werden fortgesetzt, bis der Prinz sich absondert und von einer unbestimmten Melancholie erfasst wird. Am Himmel sieht er weiße Schwäne vorüberziehen und er beschließt, mit seinen Freunden auf die Jagd zu gehen.
2. Akt mini|Tanz der kleinen Schwäne im 2. Akt von Schwanensee Am Ufer des Schwanensees, in der Nähe des Schlosses, erscheint im Mondlicht, aus dem Wasser tretend, das wunderschöne Schwanenmädchen. Der Prinz kommt hinzu und will schon seine Armbrust anlegen, als das Schwanenmädchen als Schwanenkönigin vor ihn tritt. Die Königin erzählt Siegfried, sie sei Prinzessin Odette, die vom Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelt worden sei. Von diesem Zauber könne sie nur derjenige erlösen, der ihr ewige Liebe schwört. Siegfried, von ihrem Liebreiz überwältigt, schwört ihr ewige Liebe und Treue.
Die Verzauberung der Liebenden findet ein Echo in den Tänzen der Schwäne. Odette und der Prinz bemerken nicht, dass sie von Rotbart belauscht wurden. Die Liebenden verlassen die Lichtung.
3. Akt mini|Pas de deux von Odile und Prinz Siegfried Festball im Schloss am nächsten Tag. Prinz Siegfried soll seine Braut wählen. Der Prinz tanzt mit den jungen Bräuten aus verschiedenen Ländern, aber seine Gedanken sind nur bei Odette. Unerwartet wird ein edler unbekannter Gast gemeldet: Baron Rotbart mit seinem Geschöpf Odile, die Odettes verführerisches, negatives Ebenbild ist und in der Prinz Siegfried fasziniert seine geliebte Odette zu erkennen glaubt. Die Divertissements mit den Nationaltänzen werden fortgesetzt. Siegfried, nun vollends der bösen Faszination der „schwarzen Odette“ verfallen, hält um ihre Hand an und schwört auch ihr ewige Liebe und Treue. Triumphierend über den gelungenen Betrug verlassen Rotbart und Odile den Ballsaal, während Odettes weißer Geist in der Ferne erscheint. Siegfried läuft verzweifelt zum See.
4. Akt mini|Szene aus dem 4. Akt: Odette inmitten der Schwäne (Originalversion)
Am See warten die Schwäne auf die Rückkehr ihrer Prinzessin. Diese erscheint verzweifelt und berichtet, was sich zugetragen hat. Der Prinz erreicht den See und bittet Odette um Verzeihung, sie vergibt ihm, aber ihrer beider Schicksal ist besiegelt. Siegfried, der für immer mit ihr vereint sein möchte, nimmt ihr die schützende Krone vom Haupt, und unter den Klängen eines von Rotbart entfesselten gewaltigen Unwetters versinken die beiden in den Fluten des Sees. Am Ende beruhigt sich alles, und ein Schwarm weißer Schwäne erscheint am Horizont.
Hier gibt es mehrere andere Varianten, abhängig von der Inszenierung, z. B.: Eine große, von Rotbart geschickte Welle droht Siegfried zu ertränken. Odette stürzt sich in die Flut, um Siegfried zu retten. Siegfried besiegt Rotbart und die Liebenden sind gerettet. In anderen Fassungen stirbt einer von beiden (Siegfried oder Odette), oder beide leben glücklich bis an ihr Lebensende.
Instrumentation Romantisches Orchester: 3 Flöten (3. Piccolo), 2 Oboen, 2 Klarinetten in A, B und C, 2 Fagotte, 4 Hörner in F, 2 Kornette in A und B, 2 Trompeten in F, D und E, 3 Posaunen (3. Bass), Tuba, Pauken, Schlagwerk (kleine Trommel, Becken, große Trommel, Triangel, Tamburin, Kastagnetten, Tamtam, Glockenspiel, Röhrenglocken), Harfe, Streicher.
Die Musik enthält Probespielstellen für Flöte, Harfe, Trompete, Violine und Cello.
Geschichte Entstehung und Uraufführung mini|hochkant=0.8|Tschaikowsky 1877
Tschaikowsky hatte bereits 1871 ein kleines Ballett namens Schwanensee rein zum Vergnügen für die Kinder seiner Schwester Alexandra und für private häusliche Vorstellungen komponiert.Abschnitt Libretto, in: Swan Lake auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 12. Dezember 2020)Alja Rachmanowa: Tschaikowskij – Schicksal und Schaffen, Paul Neff Verlag, Wien/Berlin, 1972, S. 147 Das berühmte Hauptthema der Schwäne, das ein Leitmotiv des späteren Ballettes werden sollte, kam laut Aussage seines Neffen Yuri bereits in diesem Vorgänger-Ballett für Kinder vor.Zitat in englischer Übersetzung: „Of course, this was not the ballet which is given on stages now, but a children’s one-act short ballet, although the principal theme – ‘The Song of the Swans’ – was then the same as now“. Siehe Abschnitt Libretto, in: Swan Lake auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 12. Dezember 2020)
Den Auftrag für sein erstes großes Ballett erhielt er 1875 durch Vladimir Begichev, den Manager des Moskauer Bolschoi-Theaters. Dieses konnte sich damals bezüglich des Orchesters und der Ballettkompanie zwar nicht mit dem hohen Niveau des kaiserlichen Theaters und Ballettes in Sankt Petersburg messen,Siehe Abschnitt History, in: Swan Lake auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 12. Dezember 2020) aber Tschaikowsky war trotzdem sehr enthusiastisch über den Auftrag und begann bald mit der Komposition. Im Sommer 1875 hatte er bereits 2 Akte fertig; die Orchestrierung beendete er im April 1876, kurz nach Beginn der Proben.Siehe Abschnitt Composition, in: Swan Lake auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 12. Dezember 2020) Zwei Nummern übernahm Tschaikowsky aus eigenen älteren Werken: Der Pas d’action (Andante non troppo, Ges-Dur, Nr. 13,V) zwischen Odette und Siegfried im 2. Akt geht auf ein Duett aus seiner nicht vollendeten Oper Undine von 1869 zurück.Siehe: Thomas Kohlhase: (= Čajkovskij-Studien, Band 2), Schott, Mainz 1996, S. 13–31, hier: S. 14 Die Entr’acte (Nr. 25) vor dem letzten Akt übernahm er von seiner Oper Der Voevode op. 3 von 1867/68.
Über Tschaikowskys Zusammenarbeit mit dem Moskauer Choreografen Wenzel Julius Reisinger, der ihm normalerweise vorher seine Vorstellungen über Charakter und Länge der Tänze und anderer (pantomimischer) Passagen mitteilen musste, ist nichts genaues bekannt. Für die weibliche Hauptrolle der Odette/Odile war ursprünglich die Primaballerina Anna Sobechshanskaya vorgesehen, die jedoch in den ersten Aufführungen aus unbekannten Gründen (vielleicht aufgrund von Intrigen) nicht auftrat.Abschnitt The world première, in: Swan Lake auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 12. Dezember 2020)
Seine Uraufführung erlebte Schwanensee am im Moskauer Bolschoi-Theater in Reisingers Inszenierung mit der Primaballerina Pelagaja Karpakowa und mit Victor Gillert als Prinz Siegfried.Cast und Abschnitt The world première, in: Swan Lake auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 12. Dezember 2020)
Zwei Tänze komponierte Tschaikowsky nachträglich für die Figur der Odile im 3. Akt, die bis dahin noch keine größere Solonummer hatte (falls sie nicht im Pas de six für die Bräute auftrat!); diese beiden Nummern erschienen daher nicht in dem kurz darauf veröffentlichten Klavierauszug.
mini|hochkant=0.6|links|Anna Sobechshanskaya als Odette im Bolschoi-Theater