mini|250px|Zonar grün und rot gefärbter Turmalin aus der Aricanga-Mine, São José da Safira im Doce-Tal in Minas Gerais in Brasilien (Größe: 9,5 cm × 4,0 cm × 3,1 cm)

Die Turmalinobergruppe, kurz auch Turmalingruppe oder Turmaline (), ist eine Gruppe von Mineralen aus der Abteilung der Ringsilikate innerhalb der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“, die alle den gleichen strukturellen Aufbau haben. Ihre Zusammensetzung gehorcht der allgemeinen Formel:

XY3Z6(T6O18)(BO3)3V3W

X = (□, Na+, K+, Ca2+, Pb2+) Y = (Li+, Fe2+, Mg2+, Mn2+, Cu2+, Ni2+, Zn2+, Al3+, Fe3+, Cr3+, V3+) Z = (Mg2+, Al3+, Fe3+, Cr3+, V3+) T = (Si4+, Al3+, B3+) B = (B3+) V = ((OH)−, O2−) W = ((OH)−, F−, O2−)

X, Y, Z, T und V stehen in der Formel für die verschiedenen Positionen in der Kristallstruktur der Turmaline und können durch die jeweils in den Klammern angegebenen Ionen besetzt werden. Das Symbol □ steht für eine Leerstelle im Kristallgitter.

Turmaline kristallisieren zumeist mit trigonaler Symmetrie und bilden häufig gut ausgebildete, prismatische Kristalle mit einem glasähnlichen Glanz auf den Oberflächen und einer typischen Streifung auf den Prismenflächen. In seltenen Fällen können Turmalinkristalle mehrere Meter lang werden. Ebenfalls selten sind Zwillingsbildungen nach den Prismenflächen.

Turmaline sind mit einer Mohshärte von 7 bis 7,5 ungefähr so hart wie Quarz. Seine Dichte beträgt zwischen 2,82 und 3,32 g/cm3. Turmaline gehören zu den Mineralen mit den meisten Farbvariationen. Je nach Zusammensetzung sind sie farblos bis schwarz oder zeigen Farbschattierungen zwischen blau, violett, rot, gelb, braun und grün, wobei an einem Kristall Zonen verschiedener Farben auftreten können. Die Farben können vor allem in ihrer Intensität stark mit der Richtung wechseln, mit der das Licht durch den Kristall fällt (Pleochroismus). Die Strichfarbe von Turmalinen ist jedoch immer weiß.

Eine weitere Besonderheit des Turmalins ist der an seinen Kristallen auftretende piezo- und pyroelektrische Effekt: dabei bewirkt eine mechanische Beanspruchung durch Druck oder Torsion bzw. eine Temperaturänderung, dass sich gegenüberliegende Kristallenden elektrisch entgegengesetzt aufladen.

Turmaline sind die wichtigsten gesteinsbildenden Borminerale und treten in den meisten Gesteinen zumindest als Begleitmineral auf. Man findet sie in vielen magmatischen Gesteinen, häufig in Pegmatiten, hydrothermalen Gängen und vielen Erzlagerstätten sowie in metamorphen Gesteinen verschiedener Zusammensetzung und Bildungsbedingungen. Wegen ihrer hohen Verwitterungsbeständigkeit sind sie Bestandteil vieler Sedimente und werden in Seifen angereichert.

Etymologie und Geschichte Antike Überlieferungen wundersamer Kräfte mini|Mittelalterliche Darstellung eines urinierenden Luchses in einem englischen Manuskript aus dem 13. Jahrhundert. Die erste Beschreibung eines Minerals mit Eigenschaften von Turmalin, zumindest aus dem europäischen Raum, gibt Theophrastos von Eresos (371 – 287 v. Chr.) in seinem Werk De lapidibus. Er beschreibt mit Lyngurium einen klaren, harten und sich kalt anfühlenden Edelstein, der die Fähigkeit besitzt, andere Dinge wie Stroh und Laub oder auch dünne Plättchen Kupfer oder Eisen anzuziehen. Der Überlieferung nach bildet er sich aus dem Urin von Luchsen (Lynx). Sie bedecken ihren Urin mit Erde, so dass er nur von sehr erfahrenen Sammlern entdeckt werden kann. Diese waren offenbar rar und Plinius der Ältere berichtet um 77 n. Chr. in seiner Naturalis historia von einem Groll der Luchse gegen die Menschen und dass wohl niemand in seiner Zeit diesen Stein, für den er den lateinischen Namen lyncurium einführte, zu Gesicht bekommen hat. Er hält alle Geschichten über Lyncurium für falsch. Eher mythologische Schilderungen über Lingurium finden sich dennoch in zahlreichen Werken über Edelsteine bis ins Mittelalter.

Persische Edelsteinkundler und die Faszination der Farben mini|links|Turmalinkristall mit einer Farbkombination, wie sie von al-Bīrūnī überliefert ist. Vermutlich seit dem 9. Jahrhundert ist im persisch-arabischen Raum ein Edelstein mit vor allem vom Turmalin bekannten Farbkombination von rot, gelb oder grün in einem Kristall bekannt. Der persische Universalgelehrte al-Bīrūnī, der sich z. T. auf Werke von al-Kindī und ad-Dīnawarī aus dem 9. und 10. Jahrhundert stützt, schreibt in seiner Allgemeinen Edelsteinkunde im 11. Jahrhundert von dem Edelstein La'l: „... es wird sehr oft von einem La'l-Stück erzählt, das teils rot, teils gelb ist. Einige Edelsteinkundige erwähnen einen La'l, der rot, gelb und grün ist, nicht als Abgrenzung zwischen den verschiedenen Arten, sondern als Vereinigung von Farben in einem Stück.“ Eine umfangreichere Beschreibung des La'l zusammen mit einer Beschreibung eines Vorkommens in einer Druse gibt 1491 Muhammad Ibn Mansur in seinem „Gawahirnama – Gesammelte Kenntnisse über die Edelsteine“.

Mittelalterliche Bergleute und die Entdeckung des Schörl mini|Schörl aus dem Erongogebirge, Namibia. Schörl ist das erste Mineral aus der Turmalingruppe, das in der europäischen Literatur als solches beschrieben worden ist. Es tritt zusammen mit Zinnstein in den Flusssedimenten des Erzgebirges auf, die seit dem 12. Jahrhundert von eingewanderten Bergleuten aus dem Fichtelgebirge abgebaut wurden. Der Name Schörl war in verschiedener Schreibweise vermutlich schon vor dem Jahr 1400 gebräuchlich, ist aber erst 1505 von Rülein von Calw in seinem „wohlgeordnet und nützlich büchlein, wie man bergwerk suchen und finden soll“ das erste Mal als Schörlein schriftlich festgehalten worden.

Knapp 60 Jahre später, im Jahr 1562, veröffentlichte der deutsche Pfarrer Johannes Mathesius seine Sarepta Oder Bergpostill, Sampt der Joachimßthalischen kurtzen Chroniken, eine Sammlung von 16 Predigten. In der 1559 entstandenen IX. Predigt „Vom Zin / Bley / Glet / Wismut und Spießglaß“ erwähnt er den Schürl, der zusammen mit dem Zwitter (Zinnstein) vorkommt und nicht zusammen mit diesem verhüttet werden sollte.

mini|links|Die Wenzelskrone während der Ausstellung im Mai 2016Turmaline waren bereits im Mittelalter beliebte Schmucksteine, auch wenn sie damals noch nicht von anderen Edelsteinen, wie Rubin, Beryll oder Granat unterschieden wurden. So handelt es sich bei einem zentralen „Rubin“ der Wenzelskrone, die im 14. Jahrhundert für den Kaiser Karl IV. (HRR) angefertigt wurde, um einen roten Turmalin.

Holländische Importe und die Entdeckung der Pyroelektrizität Der Name Turmalin wurde in Europa ab ~1700 verwendet und stammt vom singhalesischen Wort thuramali (තුරමලි) bzw. thoramalli (තෝරමල්ලි) ab. Der deutsche Mediziner und Botaniker Paul Hermann war vermutlich der erste, der Edelsteine mit dieser Bezeichnung nach Europa brachte. Er reiste von 1672 bis 1677 als Arzt für die Niederländische Ostindien-Kompanie nach Ceylon, wo er eine umfangreiche Naturaliensammlung zusammentrug. Die Sammlung wurde nach seinem Tode (1695) versteigert und der Katalog 1711 gedruckt. Darin finden sich auch zahlreiche Edelsteine und unter der Nummer 197 ein „Chrysolithos Turmale Zeyl.“ (Zeylanicus). Als Turemali bezeichnete man in Ceylon verschiedene Steine. Wie der schwedische Naturforscher und Arzt Carl Peter Thunberg 1784 in seiner „Beschreibung der Mineralien und Edelsteine der Insel Ceylon“ berichtet, waren dies bläulicher Quarz (Nile turemali), Chrysolithe mit vierseitigen Prisma (Patje turemali), grüngelber Topas (Kaneke turemali) oder weißgelber Topas (Sudu turemali). Schörl war in Ceylon unter der Bezeichnung Kallu Palingu (schwarzer Kristall) bekannt.

Unter diesen bunten Edelsteinen fielen einige mit einer Eigenschaft auf, die Theophrastos rund 2000 Jahre zuvor beschrieben hatte. Johann Georg Schmidt überlieferte 1707 in seinen Curiöse Speculationes bey Schlaflosen Nächten den Bericht des Stabs-Medikus der Königlich-polnischen und Kurfürstlich-sächsischen Miliz am Rhein, Dr. Daumius. Dieser habe ihm erzählt, dass Holländer 1703 einen Edelstein, Turmalin oder Turmale, aus Ceylon einführten, der, wenn erhitzt, Asche anziehen konnte und daher auch als ashentrekker bezeichnet wurde. 10 Jahre später präsentierte der Physiker und Chemiker Louis Lémery einen Turmalin mit diesem Verhalten vor der Académie des sciences in Paris. 1744 bat der dänische Apotheker August Günther Carl von Linné ihm bei der Identifizierung der Pflanzen aus den Herbarien zu helfen, die Paul Hermann in Ceylon zusammengestellt hatte. Linné publizierte seine Ergebnisse 1747 in seiner Flora Zeylanica, in dessen Vorwort er auch einen Lapidem Electricum (elektrischen Stein) beschreibt – noch bevor Franz Ulrich Theodor Aepinus 1756 die elektrische Natur der Anziehungskraft des Turmalins beweisen konnte. Apenius beschrieb die elektrische Ladung der Kristallenden eines Turmalinkristalls als Folge von Erwärmung und beobachtete als erster, dass sich die Kristallenden gegensätzlich positiv und negativ aufladen. Den Begriff der Pyroelektrizität führte David Brewster erst 1824 ein.

Katalogisierung der Vielfalt: Die Erforschung der Zusammensetzung mini|Turmalin in den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte eine kleine Inflation von neuen Mineralbeschreibungen mit dem Namen Schörl. Viele Minerale, die nicht bestimmt werden konnten, wurden als neue Varietät des Schörl betrachtet. René-Just Haüy listet allein 16 verschiedene Schörle mit unterschiedlichsten Eigenschaften auf und sieht den Namen dadurch derart kompromittiert, dass er ihn komplett aus der mineralogischen Nomenklatur entfernen wollte. Soweit geht Martin Heinrich Klaproth nicht, hebt aber die zentrale Bedeutung chemischer Analysen für eine Mineralbestimmung hervor. Erste Versuche hierzu unternahm Torbern Olof Bergman bereits 1779. Er findet Ton (Al2O3), Kiesel (SiO2), Kalk (CaO) und Eisen (FeO). Die erste Analyse eines Schörl publizierte Johann Christian Wiegleb 1785 und Wondraschek in Prag weist 1798 noch Braunstein (MnO) und Wasser in einem rötlichen Turmalin aus Mähren nach.

All diesen frühen Analysen fehlt das Element Bor, ein essentieller Bestandteil aller Turmaline, das erst 1808 von Joseph Louis Gay-Lussac und Louis Jacques Thénard entdeckt worden ist. Schließlich gelang es A. Vogel 1818 in München, nach Hinweisen von August Breithaupt und Christian Gottlob Gmelin, das bislang übersehene Element Bor im Turmalin nachzuweisen. Im gleichen Jahr publizierte Johan August Arfwedson seine Analysen von Mineralen der Insel Utö in Schweden. Im Mineral Petalit entdeckte er das Element Lithium, das er auch in einem Turmalin der Eisenlagerstätte nachweisen konnte. Carl Rammelsberg konnte 1850 die Liste der Elemente im Turmalin um den Nachweis von Fluor ergänzen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren 12 Elemente aus zahlreichen Turmalinanalysen bekannt (H, Li, Na, K, Ca, Mg, Fe, Mn, B, Al, Si, F), ohne das eine allgemeine Formel der Turmaline anerkannt war. John Ruskin kommentierte das 1866 mit der Bemerkung, dass die Chemie von Turmalin eher der Verschreibung eines mittelalterlichen Arztes als einer ordentlichen Mineralzusammensetzung gleiche.

Bis zum Jahr 2018 wuchs die Anzahl der Elemente (inklusive Leerstellen), die in Turmalinen mit nennenswerten Konzentrationen nachgewiesen wurden, auf rund 26.

Ordnung der Vielfalt: Die Erforschung der Struktur Jean-Baptiste Romé de L’Isle, einer der Begründer der Kristallographie, führte systematische Untersuchungen der Kristallformen zahlreicher Minerale durch. Hierbei bemerkte er 1772 die enge Verwandtschaft von Schörl, den transparenten Turmalinen aus Ceylon und einigen Edelsteinen, die aus Brasilien nach Europa kamen.