mini|Logo der Strategic Defense Initiative (SDI). Die Leitung des Programms war der Strategic Defense Initiative Organization (SDIO) anvertraut. mini|US-Präsident Ronald Reagan und der Physiker Edward Teller, auch bekannt als der „Vater der Wasserstoffbombe“, war einer der Ideengeber und Befürworter des SDI-Programms. (1983)
Die Strategic Defense Initiative (SDI), übersetzt „strategische Verteidigungsinitiative“, war ein von US-Präsident Ronald Reagan ins Leben gerufenes Programm zum Aufbau eines neuartigen Raketenabwehrsystems () im Weltraum. Als Konzept übertraf es alle vorherigen Abwehrsysteme seit den 1960er Jahren bei Weitem und wurde von Medien und Fachleuten breit rezipiert. Er forderte alle US-Wissenschaftler dazu auf, eine Kapazität aufzubauen, die Atomwaffen „unfähig und überholt“ machen würde.
Das SDI wurde Anfang der 1980er Jahre ins Leben gerufen. Der Initiative ging eine angespannte Phase des Kalten Krieges voraus. Das Rüstungsprogramm sollte gegen sowjetische Bedrohungen in Form von Interkontinentalraketen (ICBMs oder SLBMs des sowjetischen Atomarsenals) wirken. Es sollte die USA vor einem Erstschlag der Sowjetunion (SU oder UdSSR) schützen bzw. die nukleare Abschreckung stärken.
Ein SDI-System wurde nie realisiert, es wurde lediglich eine kostspielige Vorentwicklung betrieben. Seine Nachfolgersysteme basieren hingegen größtenteils auf anderen Abwehrtechnologien.
Im Jahr 2023 wurde das SDI-Vorhaben 40 Jahre alt. Reagan wollte „mit der Initiative den Weg für Rüstungskontrollmaßnahmen ebnen, um die Waffen selbst zu eliminieren.“ Dies ist bis heute Teil der US-amerikanischen Policy, die auf Abschreckung und Rüstungskontrolle setzt, so Mallory Stewart, Assistant Secretary Bureau of Arms Control, Deterrence, and Stability.
Geschichte
1980er Jahre (SDI) Das Vorhaben wurde am 23. März 1983 offiziell angeordnet und endete im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion in den frühen 1990er Jahren. Im Verlauf der Militärgeschichte zu den Abwehrsystemen gab es verschiedene Befürworter oder Gegner. Das SDI-Programm wurde von Edward Teller, Stefan Possony oder George A. Keyworth II befürwortet und konzeptuell erdacht. Das damals futuristische System war umgangssprachlich auch als „Krieg der Sterne“ () bekannt – benannt nach dem gleichnamigen Film. Die Investitionskosten für das SDI-Programm beliefen sich bis 1993 auf rund 32 Milliarden Dollar.
1990er Jahre (NMD)
Während der Präsidentschaft von Bill Clinton wurde die US-amerikanische Raketenabwehrpolitik in den frühen 1990ern weiterverfolgt und in das neue National Missile Defense (NMD) überführt. Das Projekt einer „Abwehr gegen einen begrenzten Angriff mit ballistischen Raketen“ wurde noch unter Clinton 1999 per Gesetz beschlossen (siehe der Artikel des NMD-Programm).
Die Stationierung und der Betrieb von Abwehrsystemen außerhalb der Atmosphäre in Form von Weltraumwaffen und Energiewaffen, wie von SDI konzeptuell vorgeschlagen, wurde nicht weiter verfolgt. In diesem Zusammenhang sei der Weltraumvertrag erwähnt, der seit 1967 in Kraft ist und unter anderem die Stationierung von Atomwaffen u. a. Waffen (auch zur Abwehr) verbietet. Ein weiterer wichtiger Vertrag in dem Kontext ist der ABM-Vertrag. Ab dann investierten die USA verstärkt in die Abwehr von Bedrohungen durch Abfangraketen.
2000er Jahre (NMD)
Teile des NMD-Programms wurde schließlich von George W. Bush in den 2000er Jahren fortgeführt. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat sich auch die Sicherheitspolitik der USA verändert. Ein weiteres einschneidendes Ereignis waren die wenig erfolgreichen diplomatischen Bemühungen, Nordkorea von seinem Atomwaffenprogramm abzuhalten. Seither hat der Schutz vor „Schurkenstaaten“ Priorität bei der Entwicklung des US-Abwehrsystems.
Beispielsweise wurde das Patriot-Flugabwehrraketen-System zur Abwehr ballistischer Kurz- und Mittelstreckenraketen in dem Projekt Terminal High Altitude Area Defense (THAAD) zusammengefasst. Die Verteidigung gegen eine ganze „Flotte“ von Interkontinentalraketen (siehe auch Erstschlag) – und somit der versprochene „Schutzschild“ vor einem solchen Angriff – gilt jedoch vielen unabhängigen Fachleuten weiterhin als technisch schwierig bis unmöglich.
2010er Jahre (BMD)
Alle o. g. Entwicklungen verschiedener Raketenabwehrtechnologien mündeten folglich in dem heutigen (seit den 2010er Jahren) Raketenabwehrsystem der USA, auch bekannt als Ballistic Missile Defense System (BMDS). Das BMD-System ist eine Infrastruktur aus verschiedenen Systemen und Plattformen und wird von der 2002 gegründeten (konsolidierten) Missile Defense Agency (MDA) in Zusammenarbeit mit Einheiten der United States Space Force (USSF) u. a. betrieben.
2020er Jahre (Golden Dome)
Seit dem Jahr 2025 ist das Rüstungsprogramm Golden Dome bekannt geworden, siehe dort.
SDI Forschung und Abwehrwaffen mini|Zeichnung eines US-amerikanischen Anti Satellite Activities (ASAT)-System Konzepts, auch bekannt als Antisatellitenwaffe. (1983) Zur Strategic Defense Initiative (SDI) gehörten eine Reihe umfangreicher Forschungsprojekte, jedoch keine Entwicklung oder Herstellung des Systems. SDI sah die Errichtung eines Gürtels moderner land-, see-, luft- und weltraumgestützter Waffensysteme vor, die sowjetische Interkontinentalraketen (ICBMs oder SLBMs) abfangen sollten.
Forschungsarbeiten Die SDI-Initiative wurde in der Öffentlichkeit auch „Star-Wars“-Programm genannt, da die erdachten Abwehrmittel für damalige Verhältnisse futuristisch waren. Vorgesehen waren u. a. die Entwicklung von Röntgenlasern (Project Excalibur, Excalibur Plus und Super Excalibur), endphasengesteuerten Kinetischen Projektil-Waffen (Project Brilliant Pebbles) und Railguns (Project Jedi).William J. Broad: Teller’s war – the top secret story behind the star wars deception. Simon&Schuster, New York 1992, ISBN 0-671-70106-1, S. 139.Summary and evaluation of the Strategic Defense Initiative Space Power Architecture Study, NASA Glenn Research Center 1989, Abstract, online ntrs.nasa.gov, PDF, abgerufen am 14. Februar 2011. Bis 1988 investierte die US-Regierung rund 29 Milliarden US-Dollar in das Vorhaben. Als zu diesem Zeitpunkt die Ergebnisse weit hinter den Erwartungen zurückblieben, strich das US-Parlament die Finanzmittel deutlich zusammen. Dies führte auch zu einer Krise im Bereich der Künstliche-Intelligenz-Forschung, da viele Projekte im Zusammenhang mit SDI im Rahmen der parallel angelaufenen Strategic Computing Initiative durch die DARPA finanziert wurden. Der sogenannte „KI-Winter“ folgte, der auch das Ende der Lisp-Maschinen einläutete.mini|Im Rahmen von SDI entwickelte Antisatellitenrakete und Start einer Vought ASM-135 ASAT. (1985)
Tatsächlich stand der am Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) entwickelte Röntgenlaser lange Zeit im Zentrum des Interesses; seine spekulativen Fähigkeiten stellten nach Ansicht einiger Beobachter sogar eine der ursächlichen Motivationen des gesamten Projekts dar. Bei diesem von Edward Teller propagierten und im Wesentlichen auf Theorien von Peter Hagelstein und George Chapline Jr. basierenden Konzept sollten die bei der Detonation einer Wasserstoffbombe außerhalb der Erdatmosphäre entstehenden Röntgenstrahlen in zahlreichen unabhängig voneinander ausgerichteten Laserresonatoren verstärkt, fokussiert und auf feindliche Raketen kurz nach dem Start gerichtet werden, in deren Struktur die Strahlen dann zur Zerstörung führende Schockwellen verursachen sollten. Experimentell untersucht wurde dieses Konzept im Rahmen von unterirdischen Kernwaffentests auf der Nevada Test Site (NTS) in den Jahren 1979–1986. Ultimativ konnte aber kein Nachweis über die tatsächliche Funktionstüchtigkeit erbracht werden, sodass dieses Konzept 1987 aufgegeben wurde.
Übergangsphase Stattdessen rückte ab 1989 wiederum das „Brilliant Pebbles“-Konzept in den Fokus. Hierbei sollten Satelliten zu Tausenden im Erdorbit platziert werden, im Falle eines Angriffs autonom einen Abfangkurs auf feindliche Raketen und Sprengköpfe einschlagen und die Ziele schließlich durch Kollisionen zerstören. Dieses Konzept überdauerte den Regierungswechsel von Ronald Reagan zu George H. W. Bush, wurde aber vor dem Hintergrund des Endes des Kalten Krieges unter dem Titel „Global Protection Against Limited Strikes“ (GPALS) vom Umfang her eingeschränkt.
In den Jahren 1990–1992 fanden mehrere Testeinsätze des GPALS statt, die allerdings keine befriedigenden Ergebnisse lieferten. Mit der von Bushs Nachfolger Bill Clinton eingerichteten (umbenannten) Ballistic Missile Defense Organization (BMDO), einem Vorgänger der ab 2002 konsolidierten Missile Defense Agency (MDA), die wiederum bodengestützte Abfangraketen bevorzugte, endete allerdings auch dieses Projekt.
Erfolge Obwohl SDI heute insgesamt als Fehlschlag gilt, so gab es doch einige Entwicklungen hieraus, die Bestand hatten: Aus dem „Extended Range Interceptor“-Projekt zur Verteidigung auf kürzere Reichweite ging die PAC-3-Version der MIM-104 Patriot hervor. Die von Hughes Aircraft, Aerojet und McDonnell Douglas entwickelte „High Endoatmospheric Defense Interceptor“-Rakete (HEDI) wurde zur Grundlage des heutigen Ground-Based Interceptor (GBI)-Systems. Auch der in der Boeing YAL-1 eingesetzte Laser sowie der Tactical High Energy Laser profitierten von Forschungsarbeiten im Rahmen des SDI-Programms. Ebenso fanden viele Entwicklungen aus dem Bereich der Sensortechnik nachhaltige Verwendung.
Politische Wirkungen Grund für die Auflösung der Sowjetunion Eine Reihe politischer Beobachter führten die Auflösung der Sowjetunion wesentlich auf SDI zurück, das der UdSSR ihren technischen und wirtschaftlichen Rückstand aufgezeigt habe. Demnach konnte die Sowjetunion ein Wettrüsten im Weltraum wirtschaftlich nicht mehr durchhalten. Die Mehrzahl der Experten führt das Ende der UdSSR jedoch auf den inneren politischen Prozess in der Sowjetunion zurück, der durch Michail Gorbatschow in Gang gesetzt wurde, vgl. auch Glasnost und Perestroika.
Sowjetische Sicht auf SDI Die sowjetische Haltung gegenüber SDI im Zeitraum zwischen März 1983 und November 1985 zeigt deutlich, dass sie das Programm gleichzeitig als Gefahr und als Möglichkeit, die NATO zu schwächen, sahen. SDI wurde wahrscheinlich nicht nur als eine Bedrohung für die physische Sicherheit der Sowjetunion angesehen, sondern auch als Teil der Bemühungen der Vereinigten Staaten, die strategische Initiative in der Rüstungskontrolle durch die Neutralisierung der militärischen Komponente der sowjetischen Strategie zu ergreifen. Der Kreml maskierte jedoch seine wahren Sorgen und vertrat die Ansicht, dass weltraumgestützte Raketenabwehr den Atomkrieg unvermeidlich machen würde.
Eines der Hauptmotive der sowjetischen Strategie war die politische Trennung von Westeuropa und den Vereinigten Staaten. Als Teil dessen versuchte die UdSSR, in Europa vermeintliche Zweifel sowohl über das Potenzial von SDI als auch die Bedeutung für Europas Sicherheit und wirtschaftliche Interessen zu verstärken. Die sowjetische Neigung, in SDI eine Täuschung zu sehen, wurde weiterhin durch ihre Beurteilung der Intentionen und der technischen Möglichkeiten der USA verstärkt.
Wirtschaftskrieg Auf einer Versammlung des National Press Club der Vereinigten Staaten im Jahre 1986 fasste der Astrophysiker Carl Sagan die Aussagen mehrerer sowjetischer Kommentatoren über das SDI-Programm zusammen. Demnach wäre dies gleichzusetzen mit der Provokation eines Wirtschaftskrieges durch ein erneutes Wettrüsten im Bereich der Verteidigungsmaßnahmen, um gezielt die sowjetische Wirtschaft durch unnötige Ausgaben zu schwächen. Eine andere, weniger stark akzeptierte Interpretation besagte, dass es Ziel der USA war, über SDI die Möglichkeit zum nuklearen Erstschlag zu erhalten, ohne Vergeltung durch die UdSSR fürchten zu müssen.
Bundesrepublik Deutschland und SDI