Das Hauspferd (Equus caballus), kurz meist Pferd, gelegentlich auch Ross genannt, ist ein weit verbreitetes Haus- bzw. Nutztier, das heute in zahlreichen Rassen auf der ganzen Welt existiert.
Das Hauspferd ist die domestizierte Form des Wildpferdes, das mit den Eseln und Zebras die Familie der Pferde (Einhufer, Equidae) innerhalb der Ordnung der Unpaarhufer (Perissodactyla) bildet.
Merkmale Äußeres mini|Unterschiedliche Pferde (Lithographie) mini|Falbfarbene Fjordpferde bei der gegenseitigen Fellpflege. Typisches Merkmal: der dunkle Aalstrich mini|Pferd mit Kupfermaul und Stern mini|Fohlen können den Erwachsenen schon kurz nach der Geburt folgen (hier saugendes Brumby-Fohlen). mini|Gegenseitiges Knabbern ist ein „freundliches“ Sozialverhalten mini|Wälzen ist ein Bedürfnis und ein Zeichen von Wohlbefinden.Marie Luise Wille: Einzelhaltung versus Gruppenhaltung - ein Vergleich zweier Pferdehaltungssysteme unter dem Aspekt des Wohlbefindens. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der tiermedizinischen Doktorwürde der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2011. S. 31. (Volltext als PDF) mini|hochkant=0.6|Flehmen mini|Nach hinten auskeilende Stute mini|Karyotyp eines männlichen Hauspferds
Das Aussehen des Hauspferdes variiert in seinem Körperbau, der Körpergröße, Fell und Farbe. Je nachdem, zu welchem Zweck Pferde gezüchtet werden, unterteilt man deren Typen in Kaltblüter, Warmblüter, Vollblüter und Ponys. Die Bezeichnungen Kalt-, Warm- und Vollblut richten sich nicht nach der Wärme oder gar Menge des Blutes des Pferdes, sondern benennen das vorwiegende Temperament des jeweiligen Pferdetyps. So reagieren Kaltblüter im Allgemeinen eher ruhig und wenig schreckhaft, während Vollblüter eher als nervös und leicht erregbar gelten.
Vollblüter basieren auf orientalischen Rassen und sind leicht und elegant gebaut. Die wichtigsten Vertreter sind das Arabische Vollblut (ox) und das Englische Vollblut (xx). Beide Rassen sind meist sehr sensibel und das Englische Vollblut bis zu 70 km/h schnell. Araber werden meistens auf Distanzritten eingesetzt. Bei der Distanz von 160 km beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit etwa 12–20 km/h. Kaltblüter sind alle Pferderassen mit einem deutlich kräftigeren Körperbau, aber auch einem sehr viel sanfteren Gemüt. Diese Zuchten stammen häufig aus kälteren Regionen. Aufgrund des ruhigen Temperaments und des kräftigen Körperbaus eignen sich diese Pferderassen besser als andere zum Ziehen schwerer Wagen und als Rückepferde. Warmblüter haben einen mittelschweren Körperbau und liegen zwischen den Kalt- und Vollblütern. Bei diesen teils jahrhundertealten Zuchten wird versucht, die Vorteile beider Rassen hervorzuheben; das heißt, die Eleganz und Geschwindigkeit der Araber sowie das ruhige Temperament und die Robustheit der Kaltblüter. Da dies im Laufe der Jahrhunderte immer besser gelang, eignen sich Warmblüter für praktisch alle Aspekte des Pferdesports. Diese Zuchten wurden inzwischen zu eigenen Rassen erklärt. Ponys sind Kleinpferde unter 1,48 m Widerristhöhe (auch Stockmaß). Typische Ponys haben einen stämmigen Körperbau, eine lange Lebenserwartung und können robust gehalten werden.
Pferde sind Zehenspitzengänger, die allein auf der dritten, mittleren Zehe laufen. Die restlichen Zehen sind zurückgebildet und am Skelett des Vorderbeins als rudimentäre Griffelbeine erhalten. Weil die Augen seitlich am Kopf liegen, können Pferde fast rundum sehen (350°), haben jedoch ein schlechtes räumliches Sehvermögen. Was sich aber genau vor ihrer Nase oder hinter ihnen befindet, bemerken sie erst, wenn sie den Kopf drehen. Pferde sind zwar nicht farbenblind, können aber nicht alle Farben voneinander unterscheiden. Braun, grün und grau können Pferde nicht auseinanderhalten – Farben wie weiß, rot, gelb und blau sehen sie hingegen besonders gut. Pferde sehen im Dunkeln besser als Menschen, brauchen jedoch länger, um sich auf schnelle Hell-Dunkel-Änderungen einzustellen.
Das Gehör des Pferdes ist sehr fein. Jede Ohrmuschel ist um 180° drehbar, dadurch ist das Pferd imstande, seine Ohren so zu stellen, dass es in alle Richtungen gezielt hören kann.
Weiteres zum Körperbau des Pferdes siehe: Exterieur (Pferd).
Um in ihrem ursprünglichen Lebensraum vor Raubtieren sicher zu sein, entwickelten sich mit der Zeit verschiedene Fellfarben des Pferdes, eine der ersten davon war ein heller Braunton, der falb genannt wird. Typische Vertreter sind etwa die norwegischen Fjordpferde oder Dülmener, die sich außerdem durch einen deutlichen dunklen Aalstrich in der Mähne auszeichnen.
Um ein Pferd äußerlich von anderen unterscheiden zu können, kann man sich die Abzeichen auf seinem Gesicht, seinem Körper und seinen Beinen zunutze machen. Die häufigsten Abzeichen im Gesicht sind: Stern, Schnippe, Flocke und Laterne, wobei man zwischen regelmäßig und unregelmäßig unterscheidet. Die Abzeichen von Stirn bis Maul werden generell als Blesse bezeichnet. Pferde können auch ein Krötenmaul, Kupfermaul, Milchmaul oder Mehlmaul haben, Letzteres ist besonders häufig beim Mongolischen Wildpferd oder beim Exmoor-Pony zu sehen und bei fast allen Eseln.
Selten, je nach Rasse und Zuchtgebiet, kommen auch Aalstriche vor, die sich teilweise in Schweif und Mähne fortsetzen. Bei „urtümlichen“ Rassen können auch Kreuze (Aalstrich und ein Querstreifen über beide Schultern) oder Streifen auf den Beinen vorkommen. Kreuze und Streifen an den Beinen sind bei Pferden eher selten, bei Eseln hingegen recht häufig.
An den Beinen unterscheidet man lediglich die Höhe des Abzeichens, wobei ein „hochweißer Fuß“ das größte und die „weiße Krone“ das kleinste ist. Zur Identifizierung von Sportpferden werden auch Fellwirbel und Kastanien (Hornreste auf der Innenseite der Beine, Reste der fünften Zehe) herangezogen (s. a. Abzeichen). Heutzutage können Turnierpferden Transponder eingesetzt werden, auf denen die persönlichen Daten des Besitzers und die Lebensnummer des Pferdes gespeichert sind.
Das bleibende Gebiss der Pferde hat 36 bis 44 Zähne, das Milchgebiss der Fohlen hat 24 bis 28 Zähne (siehe auch Zahnformel und Zahnaltersschätzung).
Größe, Alter, Fortpflanzung Pferde erreichen je nach Rasse zwischen 40 cm (Minipony) und 220 cm (Shire Horse) Schulterhöhe (Widerrist). Pferde mit einer Widerristhöhe bis 148 cm bezeichnet man als Ponys. Alle Pferde, die dieses Maß überschreiten, werden als Großpferde bezeichnet. Das Gewicht der Ponys und Großpferde kann zwischen 90 kg (Falabella) und 1200 kg (Shire) liegen. Körperlich ausgewachsen sind Pferde mit sieben Jahren. Großpferde können ein Alter von etwa 20 bis 35 Jahren erreichen, Ponys können dagegen in seltenen Fällen bis zu 50 Jahre alt werden. Das höchste je für ein Großpferd belegte Alter beträgt 62 Jahre. Das zu erreichende Lebensalter ist von Rasse, Haltungsbedingungen und Nutzung abhängig. Stuten werden mit 12 bis 18 Monaten geschlechtsreif, Hengste erreichen die Geschlechtsreife zwischen dem 12. und 20. Lebensmonat. Die Tragezeit beträgt bei allen Pferden rund 330 Tage (11 Monate) mit einer Streuung von 320 bis 355 Tagen. Je früher im Jahr der Geburtstermin liegt, desto länger ist meist die Tragezeit. Der Brunstzyklus (Rosse) beginnt im Frühjahr mit der stärksten Rosse und nimmt dann immer weiter ab. Bedingt durch Wetterverhältnisse und Umgebung kann die Rosse verschieden stark und lang sein. In Stallhaltung und bei intensiver Fütterung können auch im Winter Trächtigkeiten erzeugt werden. Stuten sind nur alle 21 bis 24 Tage rossig. Nach ungefähr 11 Monaten bringt die Stute ihr Fohlen zur Welt, welches direkt danach versucht aufzustehen. Dies ist für ein Fohlen in freier Wildbahn wichtig, da es sonst Fressfeinden zum Opfer fallen würde.
Verhalten, Zucht und Haltung Das Pferd ist ein typisches Herdentier und hat deshalb eine ausgeprägte Körpersprache zur Verständigung der Tiere untereinander.
Die beweglichen Ohrmuscheln können in alle Richtungen gestellt werden. Stehend abwechselnd nach vorne und hinten gerichtet, zeigt das Pferd Aufmerksamkeit und Neugierde, auch gegenüber dem Reiter und Kutscher. Werden die Ohren jedoch nach hinten an den Kopf angelegt, ist dies eine Warnung an einen vermeintlichen Aggressor und signalisiert meistens die bevorstehende Abwehr einer empfundenen Bedrohung oder eines Unterwerfungsversuchs mit Hufen oder Zähnen. Hängen die Ohren schlapp zur Seite, so ist dies entweder ein Zeichen für Unwohlsein und/oder Müdigkeit oder ein Ausdruck von Unterwerfung, aber auch Entspannung. Letzteres kann, wenn die Augen dabei halb geschlossen sind, auch ein Zeichen für Zufriedenheit sein.
Die kleinste soziale Einheit ist eine HerdeJ. D. Feist, D. R. McCullough: Behavior patterns and communication in feral horses. In: Animal Cognition. Nr. 14, 1976, S. 245–257. doi:10.1111/j.1439-0310.1976.tb00947.x von 3 bis maximal 35 Tieren.M. A. Pacheco, E. A. Herrera: Social Structure of Feral Horses in the Llanos of Venezuela. In: Journal of Mammalogy. Nr. 78, 1977, S. 15–22. doi:10.2307/1382634 Die absolute Obergrenze ist unklar, da bei größeren Herden (20–35 Tiere) oftmals mehrere Hengste vorhanden sind, wobei eine klare Trennung in Untergruppen nicht zu erkennen ist. Innerhalb der Herde herrscht eine klar festgelegte Rangordnung. Bei Änderungen innerhalb der Gruppenstruktur, also z. B. Hinzukommen eines neuen Tieres oder Abgang eines Herdenmitglieds, wird die Rangfolge neuerlich festgelegt. Dies geschieht meist durch Körpersignale wie Drohgebärden, aber auch Bisse und Tritte, wenn erforderlich. Auch das Beobachten von Interaktionen zwischen anderen Herdenmitgliedern kann zu einer Änderung der Rangordnung des beobachtenden Tieres führen. Dass Pferde die Interaktionen ihrer Herdenmitglieder beobachten und ihre Rangposition danach anpassen, konnte 2008 nachgewiesen werden.K. Krueger, J. Heinze: Horse sense: social status of horses (Equus caballus) affects their likelihood of copying other horses’ behavior. In: Animal Cognition. Nr. 11, 2008, S. 431–439. doi:10.1007/s10071-007-0133-0 (Volltext; PDF; 489 kB) Die Rangfolge kann außerdem durch heranwachsende Tiere in Frage gestellt werden, die im Laufe ihrer Entwicklung ihre Position in der Herde verändern. Hierbei ist jedoch oft zu beobachten, dass Jungtiere einer in der Rangfolge eher niedrig angesiedelten Stute ebenfalls eine niedrige Rangfolge einnehmen, wohingegen die Jungtiere einer ranghohen Stute auch bessere Aussichten auf eine höhere Rangposition haben.
Herden bestehen aus mehreren Stuten und ihren Fohlen sowie einem Hengst, bei größeren Herden manchmal mehreren Hengsten.
In der Regel bleiben Stuten in einer Herde zusammen, junge Hengste werden dagegen mit dem Erreichen der Geschlechtsreife vom Alphatier (Leithengst) aus der Herde vertrieben und bilden dann Jungverbände. In diesen messen sie ihre Kräfte gegeneinander, um eines Tages eine eigene Herde zu erobern, indem sie den Leithengst zu einem Kampf herausfordern und besiegen. Vielfach leben ausgewachsene oder ältere Hengste auch als Einzeltiere.
Manchmal lösen sich einzelne oder mehrere Stuten aus einer bestehenden Herde heraus und schließen sich anderen Herden oder einem jüngeren Hengst an und bilden mit ihm eine neue Herde.
Pferde sind Fluchttiere, was sich auch auf ihr Schlafverhalten auswirkt. Esel hingegen haben eine angeborene Flucht- oder Kampfreaktion. Esel leben, im Gegensatz zu Pferden, oftmals alleine mit ihren Fohlen und eine sofortige Flucht ist deshalb nicht immer möglich, ohne das Fohlen zu gefährden.F. Burden, A. Thiemann: Donkeys Are Different. In: J Equine Vet Sci. 35, 2015, S. 375–382. doi:10.1016/j.jevs.2015.03.005 (Volltext; PDF)