mini|Boot mit jüdischen Flüchtlingen auf dem Weg von Falster in Dänemark nach Ystad in Schweden Durch die Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943 wurden 7220 von damals 7800 dänischen Juden sowie 686 nichtjüdische Ehepartner auf dem Seeweg ins benachbarte neutrale Schweden übergesetzt. Die Aktion ist in der Geschichte der im Zweiten Weltkrieg nationalsozialistisch besetzten Gebiete in Europa ein einmaliges Beispiel. Sie wurde durch den deutschen Diplomaten Georg Ferdinand Duckwitz und das koordinierte Vorgehen zahlreicher dänischer Helfer möglich und verhinderte den Mord an Tausenden von Juden im Zuge des Holocaust.

Dänemark während der Zeit des Nationalsozialismus Dänemark verfolgte während der Zeit des Nationalsozialismus eine pragmatische deutschfreundliche Neutralitätspolitik, u. a. weil die deutsche Wirtschaft eine große Rolle spielte und das Land militärisch hilflos war. Nach der Besetzung Dänemarks durch Deutschland am 9. April 1940 wurde zwischen der dänischen Einheitsregierung und dem Deutschen Reich eine Zusammenarbeit auf der Basis innenpolitischer Unabhängigkeit vereinbart. Diese von manchen als unheroische und manchmal schmachvoll angesehene Kooperation ermöglichte der dänischen Regierung unter Hinweis auf die Dänemark zugesagte Rechtsstaatlichkeit, jede Diskriminierung (also auch Judenregistrierung, -kennzeichnung und -verfolgung) abzulehnen, während die deutsche Seite versuchte, Dänemark durch einen Reichsbevollmächtigten vom Auswärtigen Amt als ein „arisches“ „Vorzeigeprotektorat“ zu entwickeln.Bo Lidegaard: Die Ausnahme. Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger ihrer Vernichtung entkamen. S. 59 f. Die wichtigen dänischen Nahrungsmittellieferungen ins Reich erhöhten sich und die deutschen Besatzungskosten waren im europäischen Vergleich die geringsten.Bo Lidegaard: Die Ausnahme. Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger ihrer Vernichtung entkamen. S. 72.

In anderen besetzten Ländern begann die deutsche Besatzungsmacht bereits früher mit der Deportation und Ermordung der dortigen jüdischen Bevölkerung. Auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 äußerte Unterstaatssekretär Martin Luther vom Auswärtigen Amt, es empfehle sich, die nordischen Länder wegen der geringen Judenzahlen und der zu erwartenden Schwierigkeiten vorerst bei der Endlösung der Judenfrage zurückzustellen.Bo Lidegaard: Die Ausnahme. Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger ihrer Vernichtung entkamen. S. 69.

Die jüdische Gemeinde erfuhr gerüchteweise von Massenmorden an Juden in den besetzten Ostgebieten; ihr Exekutivrat lehnte aber noch Anfang 1943 jede Planung für eine organisierte Flucht nach Schweden ab, weil man sich der Unterstützung der nicht-jüdischen dänischen Mitbürger nicht sicher war und man mit solchen illegalen Planungen keinen Anlass für deutsche Maßnahmen geben wollte.Hermann Weiß: Dänemark. S. 177.

Die Möglichkeit zum Vorgehen gegen die dänischen Juden eröffnete sich das Deutsche Reich durch die Operation Safari am 29. August 1943. Diese umfasste die Entwaffnung der verbleibenden dänischen Armee und die Entmachtung der Regierung. Das deutsche Militär übernahm daraufhin de facto die Regierungsgewalt, mit darüber hinausgehenden Befugnissen im Rahmen des militärischen Ausnahmezustands, der bis zum 6. Oktober 1943 galt.

Ablauf von Deportation und Rettung

Deutsche Vorbereitungen Kurz nach der offenen Machtübernahme in Dänemark begann die deutsche Seite mit der Vorbereitung der Judendeportation. Am 13. September trafen die ersten aus Norwegen verlegten Einheiten der Ordnungspolizei in Kopenhagen ein. Am folgenden Tag trat SS-Sturmbannführer Karl Heinz Hoffmann seinen Posten als Chef der Gestapo in Dänemark an. Am 15. September kamen rund 120 Mann der Sicherheitspolizei hinzu. Mit einer Durchsuchung des Archivs der jüdischen Gemeinde erlangte die Gestapo am 17. September die Namen und Anschriften aller dänischen Juden.

Nach Erkenntnissen der Deutschen handelte es sich um 1673 jüdische Familien im Großraum Kopenhagen und 33 weitere im restlichen Land, dazu 110 jüdische Familien ohne Angehörigkeit zu den jüdischen Gemeinden und 1208 weitere Personen jüdischen Glaubens, größtenteils Emigranten aus Deutschland. Werner Best, der Bevollmächtigte des Reiches in Dänemark, stellte daraufhin am 18. September Anforderungen für Polizeipersonal und Transportlogistik an Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop zusammen, um innerhalb von zehn Tagen die Deportation der dänischen Juden abzuschließen. Er wies aber auch darauf hin, dass dieses Vorgehen erheblichen Widerstand des Parlaments und des Königs auslösen würde. Adolf Hitler befahl am 23. September, die „Judenaktion“ in Dänemark trotz dieser Bedenken durchzuführen.

Am 19. September trat Rudolf Mildner seinen Dienst als Chef der Sicherheitspolizei und des SD in Dänemark an. Sowohl Mildner als auch der deutsche Militärbefehlshaber Hermann von Hanneken sprachen sich bei ihren übergeordneten Stellen gegen das Vorhaben aus, weil es die Stimmung in Dänemark gegen Deutschland beeinflussen würde. Das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und das OKW wiesen ihre Einwände jedoch zurück.

Es folgten weitere Verstärkungen der deutschen Polizeitruppen, die Wehrmacht stellte Einheiten der Feldgendarmerie und der Geheimen Feldpolizei für die Deportation ab, so dass am 23. September 1300 Mann deutsche Polizeieinheiten zu diesem Zweck in Kopenhagen zur Verfügung standen. Das RSHA legte schließlich die Nacht vom 1. auf den 2. Oktober als Datum für die Operation sowie die genaue Zielgruppe fest: Sämtliche „Volljuden“ und alle mit „Volljuden“ verheirateten „Halbjuden“ sollten deportiert werden.

Am Nachmittag des 28. September erfuhr Georg Ferdinand Duckwitz von Best das genaue Datum.

Am 1. Oktober traf das Transportschiff Wartheland im Hafen von Kopenhagen ein, das die Juden aus der Stadt aufnehmen sollte.

Warnung und Untertauchen mini|Børge Laursen und Jacob Andersen machten 10 Überfahrten Duckwitz, seit 1932 Mitglied der NSDAP, gehörte ab dem Zeitpunkt der deutschen Besetzung des Landes im April 1940 zum Stab des Reichsbeauftragten für Dänemark Cécil von Renthe-Fink. Am 22. September 1943 war er in Schweden und versuchte, den Ministerpräsidenten Per Albin Hansson zu einem offiziellen Vorstoß Schwedens zugunsten der dänischen Juden zu bewegen. Als er von der Konkretisierung der Deportationspläne erfuhr, informierte er umgehend den seit 1941 funktionslosen Sozialdemokraten Hans Hedtoft. Dieser gab die Informationen an den schwedischen Diplomaten Nils-Eric Ekblad weiter, der wiederum die schwedische Regierung auf die bevorstehende Flucht der dänischen Juden vorbereitete.Matthias Bath: Danebrog gegen Hakenkreuz, Wachholz, 2011, ISBN 978-3-529-02817-5, S. 128.

Darüber hinaus weihte Duckwitz das dänische Außenministerium und den mit ihm befreundeten dänischen Hafenkommandanten ein. Hedtoft gab die Information an Kontaktleute des dänischen Widerstands weiter, der sich erst wenige Tage zuvor mit dem Freiheitsrat ein gruppenübergreifendes Koordinationsgremium geschaffen hatte. Über die Sozialdemokraten, die sich mit einem Polizeiauto trotz Ausgangssperre in Kopenhagen bewegen konnten, wurde Oberrabbiner Marcus Melchior, ein aus dem oberschlesischen Beuthen geflüchteter Rabbiner, informiert. Am nächsten Tag, dem jüdischen Neujahrsfest, an dem fast alle Juden die Synagogen besuchten, verbreitete sich die Nachricht innerhalb kürzester Zeit unter den Juden in ganz Dänemark. Melchior rief seine Glaubensgenossen am Morgen des 29. September in der Kopenhagener Synagoge zur Flucht nach Schweden auf oder dazu, im Land unterzutauchen, bis sich eine Fluchtmöglichkeit ergab. Auch die nichtjüdische Bevölkerung erfuhr bald von der bevorstehenden Deportation. So wurden zahlreiche jüdische Schüler am Morgen des 29. September von ihren Lehrern nach Hause geschickt.

Am Nachmittag des 29. September erklärte der schwedische Botschafter gegenüber dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Dänemark, dass sein Land alle jüdischen Flüchtlinge aus dem Nachbarland aufnehmen werde. Im Tagesverlauf begann eine hastige, teils chaotische Flucht. Viele Juden kamen bei dänischen Freunden und Bekannten sowie in kirchlichen und öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern unter. Es kam aber auch zu überstürzten Fluchten zu Fuß, bei denen Menschen an der Küste nördlich von Kopenhagen herumirrten, und zu Selbstmorden. Der Dänische Freiheitsrat rief im Verlauf des Tages seine Mitgliedsorganisationen zur Unterstützung der Verfolgten auf. Eine besondere Rolle kam der bis dahin eher intellektuell-publizistisch tätigen Widerstandsgruppe Ringen zu. Die vielen Ärzte in ihren Reihen sorgten dafür, dass die meisten Krankenhäuser in Kopenhagen als erste Anlaufstellen für Flüchtende zur Verfügung standen und sie trotz der Ausgangssperre in Krankenwagen nachts aus der Stadt hinaus gebracht werden konnten.

Am 30. September setzte offener Protest gegenüber der deutschen Besatzungsmacht ein. Neben zahlreichen gesellschaftlichen Institutionen beteiligten sich die dänischen Bischöfe mit Hirtenbriefen daran. Auch König Christian X., der sich während der gesamten deutschen Besatzungszeit zu keinen anderen Einzelentscheidungen der deutschen Seite äußerte, wandte sich mit einem Protestschreiben an Best.

Razzia und Deportation Am 1. Oktober teilte Best um 20:30 Uhr dem dänischen Außenministerium den Beginn einer Aktion gegen „reichsfeindliche Elemente“ mit. Zehn Minuten später wies die Gestapo die dänische Polizei an, sich aus der Aktion der deutschen Polizeikräfte herauszuhalten. Um 21 Uhr wurde das Telefonsystem in Kopenhagen und seiner Umgebung stillgelegt und Fahrzeugkontrollen an allen Ausfallstraßen eingerichtet. In der Stadt operierten Trupps der verschiedenen Polizeigruppen unter der Führung jeweils eines Gestapobeamten und mit dänischen SS-Leuten oder Hilfspolizisten als Dolmetscher.

Die Häscher trafen meist auf leere Wohnungen. In dieser Nacht wurden in Kopenhagen lediglich 232 Personen festgenommen, im übrigen Land weitere 82. Dabei handelte es sich meist um alte, nicht mehr fluchtfähige Menschen. Best hatte ausdrücklich angeordnet, dass die Gestapo bei ihrer Razzia keine Türen aufbrechen durfte, wenn sie bei ihren nächtlichen Entführungszügen niemanden antraf, woran sie sich offenbar hielt.

Die Gefangenen wurden auf dem Schiff Wartheland interniert. Am 2. Oktober wurden rund 30 „Halbjuden“ wieder freigelassen. Um die freie Transportkapazität zu nutzen und den geringen Erfolg ihrer Aktion auszugleichen, schaffte die Besatzungsmacht am gleichen Morgen 150 inhaftierte Kommunisten aus dem Lager Horserød an Bord des Schiffs, das um 10 Uhr ablegte. In Swinemünde wurden die Gefangenen ausgeschifft und die Juden in das KZ Theresienstadt, die Kommunisten in das KZ Stutthof verschleppt.

Die inhaftierten „Volljuden“ wurden in vier Deportationen in Konzentrationslager gebracht:Hermann Weiß: Dänemark. S. 183.The persecution of danish jews. Folkedrab.DK, abgerufen am 27. November 2016.

+ Deportationen von Juden aus Dänemark Nr. Abfahrt am Abfahrtsort Transportmittel Ankunft am Konzentrationslager Anzahl 1 2. Oktober 1943 Aalborg Bahn 5. Oktober 1943 Theresienstadt 83 2 2. Oktober 1943 Kopenhagen Schiff und Bahn 6. Oktober 1943 Theresienstadt 198 3 13. Oktober 1943 Lager Horserød Bahn 14. Oktober 1943 Theresienstadt 175 4H. G. Adler: Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Wallstein 2005, ISBN 3-89244-694-6, S. 778. 23. November 1943 Lager Horserød Bahn 24. November 1943 ? Sachsenhausen Ravensbrück Männer 6Frauen und Kinder 10

Am 5. Oktober 1943 meldete Best an das Auswärtige Amt, Dänemark sei entjudet, weil sich dort kein Jude mehr legal aufhalten und betätigen könne.Hermann Weiß: Dänemark. S. 179.