mini|Rogier van der Weyden („Rogerus Bruxellensis Pictor“)Stich aus dem Jahr 1572, Cornelis Cort zugeschriebenMöglicherweise nach einem Original von Rogier oder einer Zeichnung von Jacques Le Boucq d’Artois. Abgerufen am 11. Februar 2018. mini|Der heilige Lukas zeichnet die Gottesmutter (um 1450) Rogier van der Weyden, geboren als Rogier de la Pasture, (* 1399 oder 1400 in Tournai, Flandern; † 18. Juni 1464 in Brüssel, Herzogtum Burgund) war ein flämischer Maler und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Altniederländischen Malerei.
Leben Herkunft und Jugend Rogier van der Weyden war der Sohn des Tournaiser Messerschmieds Henry de la Pasture und dessen Ehefrau Agnès de Watrelos. Seine Kindheit und Jugend sowie seine frühe künstlerische Ausbildung, die der Zeit gemäß im Alter von 12 bis 14 Jahren mit einer mindestens vierjährigen Lehre begann, und seine ersten Jahre als Geselle liegen im Dunkeln.Odile Delenda: Rogier van der Weyden. Das Gesamtwerk des Meisters. Belser, Stuttgart 1996, S. 23.
Heirat und Nachkommen Spätestens 1426 heiratete er Elisabeth (Lysebette) Goffaert aus Brüssel, die Tochter des Schuhmachers Jan Goffaert und dessen Ehefrau Cathelyne van Stockem. Mit ihr hatte er vier Kinder. Der älteste Sohn Corneille (1426/1427–1473) trat nach einem Studium an der Universität Löwen 1438 oder 1439 in das Kartäuserkloster von Hérinnez-Enghien (Herne) ein. Die wahrscheinlich 1432 geborene Tochter Marguerite verstarb 1473. Die beiden jüngeren Söhne wurden Künstler; Pierre (Pieter) van der Weyden (1437[?]–um 1515)Es sind keine Sterbe- oder Beerdigungsdaten dokumentiert wurde Maler und übernahm nach seines Vaters Tod dessen Brüsseler Werkstatt. Jean (Jan) van der Weyden (1438–1468) wurde Goldschmied in Brüssel. Der Maler Goossen van der Weyden war Pierre van der Weydens Sohn und damit Rogier van der Weydens Enkel.Felix Thürlemann: Rogier van der Weyden, Leben und Werk. C. H. Beck, München 2006, S. 20.
Mitarbeiter Robert Campins mini|Eintrag von „Rogelet de le Pasture“ im Zunftregister Tournai, Kopie um 1482 Am 5. März 1427 begann Rogier van der Weyden als „Rogelet de la Pasture“ bei Meister Robert Campin seine apresure (deutsch: „Lehre“). Warum er als bereits ausgebildeter, etwa 27-jähriger Maler als Lehrling galt, ist nur zu vermuten: Formaljuristische Belange könnten eine Rolle gespielt haben. Die neuere Forschung geht davon aus, dass sowohl Rogier als auch die anderen namentlich bekannten „Lehrlinge“ Jacques Daret (genannt „Jacquelotte Daret“), Haquin de Blandin und Willemet bereits 1427 als voll ausgebildete Gesellen in Robert Campins Diensten arbeiteten.Stephan Kemperdick: Robert Campin, Jaques Daret, Rogier van der Weyden: die schriftliche Überlieferung. In: Stephan Kemperdick, Jochen Sander (Hrsg.): Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden : eine Ausstellung des Städel-Museums, Frankfurt am Main, [21.11.2008 bis 22.2.2009] und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin (20.3.2009 bis 21.6.2009). Hatje Cantz Verl. Ostfildern u. Städel Museum, Frankfurt am Main 2008, S. 61. Dass Rogier seine tatsächliche Lehrlingszeit bei Campin verbracht und bei ihm seine grundlegende Ausbildung erhalten und so die neuen Möglichkeiten der Malerei kennengelernt hat, also schon vor 1427 in Campins Werkstatt gearbeitet hat, ist denkbar.Felix Thürlemann: Rogier van der Weyden, Leben und Werk. C. H. Beck, München, 2006, S. 21. In Betracht gezogen werden aber auch frühe Verbindungen Rogiers zu Jan van Eyck oder zu dessen 1426 verstorbenem Bruder Hubert.Jochen Sander, Fabian Wolf: Möglichkeiten der Malere neu ausgelotet. In Jochen Sander (Hrsg.): In neuem Glanz. Das Schächerfragment des Meisters von Flémalle im Kontext. Schnell u. Steiner, Regensburg, S. 17.
Freigesprochener Meister in Tournai Mit Wirkung vom 1. August 1432 wurde „maistre Rogier de la Pasture“ freigesprochener Meister in der Tournaiser Malerzunft. Nachdem Robert Campins Werkstatt aufgelöst worden war, gründete Rogier eine eigene. Durch Zahlungsbelege von 1432/1433 sind künstlerisch anspruchsvolle Aufträge belegt.
1435 verfügte Rogier bereits über genügend Vermögen, um von der Stadt Tournai eine lebenslängliche Leibrente kaufen zu können.Felix Thürlemann: Rogier van der Weyden, Leben und Werk. C. H. Beck, München 2006, S. 23.
Stadtmaler in Brüssel Im Oktober 1435 war Rogier mit seiner Familie in Brüssel ansässig. In einer Akte vom 2. Mai 1436 wurde festgehalten, dass er sich als Maler niedergelassen und das Amt des Brüsseler Stadtmalers übernommen hatte. Mit diesem Datum ist auch dokumentiert, dass Rogier nun statt des französischen Nachnamens „de la Pasture“ den ins Flämisch-Niederländische übertragenen Nachnamen „van der Weyden“ führte.Stephan Kemperdick: Robert Campin, Jaques Daret, Rogier van der Weyden: die schriftliche Überlieferung. In: Stephan Kemperdick, Jochen Sander (Hrsg.): Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden : eine Ausstellung des Städel-Museums, Frankfurt am Main, [21.11.2008 bis 22.2.2009] und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin (20.3.2009 bis 21.6.2009). Hatje Cantz Verl. Ostfildern u. Städel Museum, Frankfurt am Main 2008, S. 67.
In den Jahren 1436 und 1437 konnte er wie auch 1441 und 1459 Leibrenten erwerben, und zwar für sich, seine Gemahlin und seine beiden ältesten Kinder. mini|Wandteppich: freie Kopie von Rogiers Gerechtigkeitsbildernmini|hochkant|Mutmaßliches Selbstbildnis Rogiers auf dem Wandteppich nach Rogiers Gerechtigkeitsbildern 1439 waren die ersten beiden von vier vielbewunderten und als Attraktion – zum Beispiel 1520 von Albrecht Dürer – aufgesuchten Gerechtigkeitsbildern für das Brüsseler Rathaus fertig. Das Zweite davon trug als einziges überliefertes Bild Rogiers Signatur, auf der er sich als Bürger bezeichnete: „Rogerius [S]weidenus civis pixit 1439“.Felix Thürlemann: Rogier van der Weyden, Leben und Werk. C. H. Beck, München 2006, S. 22. Diese Bilder wurden 1695 zerstört und sind nur als Kopien auf einem um 1460/1470 gewirkten Wandteppich erhalten.Stephan Kemperdick: Robert Campin, Jaques Daret, Rogier van der Weyden: die schriftliche Überlieferung. In: Stephan Kemperdick, Jochen Sander (Hrsg.): Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden : eine Ausstellung des Städel-Museums, Frankfurt am Main, [21.11.2008 bis 22.2.2009] und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin (20.3.2009 bis 21.6.2009). Hatje Cantz Verl. Ostfildern u. Städel Museum, Frankfurt am Main 2008, S. 68. Nikolaus von Kues führte in De visione Dei aus: „Gott als den Alles-Sehenden könne man gleichnishaft erfassen mit einem Bildnis, dessen Angesicht durch feinste Malkunst den Eindruck erweckt, als ob es gleichsam alles ringsum betrachte.“ Als Beispiel nannte er unter anderem das „des hervorragenden Malers Roger in Brüssel auf einem sehr kostbaren Gemälde im Rathaus“ ([in] Bruxellis Rogeri maximi pictoris in pretiosissima tabula, quae in praetorio habetur [...]).Felix Thürlemann: Rogier van der Weyden, Leben und Werk. München: Beck, 2006, S. 30.Lateinisches Zitat und deutsche Übersetzung, online im Cusanus-Portal der Universität Trier. Abgerufen am 22. Februar 2018.
Rogier und die Mitarbeiter seiner Werkstatt fertigten nicht nur Tafelbilder an. Obwohl die wichtigsten Dokumente, die etwas darüber aussagen könnten, die Gemeinderechnungen Brüssels aus Rogiers Zeit als Stadtmaler, nicht mehr vorhanden sind, lässt sich die Vielfalt der üblichen Aufgaben beschreiben: Rogiers Malerbetrieb war zuständig für alle Arbeiten, bei denen etwas „in Farbe zu malen“ war. Das konnte beispielsweise die farbige Fassung von Skulpturen und Reliefs umfassen, das Bemalen von Möbeln und Rüstungen, von Wappenschilden, Wimpeln und Bannern, das Anfertigen von Dekorationen für religiöse und weltliche Schaustellungen und Feste, sowie Inszenierungen von Huldigungen beim Einzug des Herzogs.Odile Delenda: Rogier van der Weyden. Das Gesamtwerk des Meisters. Belser, Stuttgart 1996, S. 20–22.
Als Stadtmaler war Rogier nicht exklusiv an die Stadt Brüssel als Auftraggeber gebunden, sondern konnte beispielsweise auch Aufträge des reichen Bürgertums und des burgundischen Hofes ausführen. 1444 war Rogier so vermögend, dass er in Brüssel ein Haus in herrschaftlicher Lage kaufen konnte. Sein hohes soziales Ansehen spiegelt sich in seiner Mitgliedschaft in der zur Kirche Saint-Jaques-du-Coudenberg gehörenden Bruderschaft vom Heiligen Kreuz, der auch der burgundische Herzog und viele Mitglieder des Hofes angehörten.
Romreise und Ruhm in Italien Sein Ansehen als Maler zeigen auch zahlreiche Aufträge, die er von ausländischen Höfen erhielt. 1449 erwarb Leonello d’Este, Herzog von Ferrara, mehrere Gemälde Rogiers, so beispielsweise ein Triptychon mit einer Kreuzabnahme. In einer 1459 redigierten Sammlung von Biographien berichtete Bartolomeo Facio davon, dass Rogier („Rogerius Gallicus“) im Jubeljahr 1450 eine Pilgerreise nach Rom unternommen habe. In Genua will Facio ein erotisches Gemälde und am Hof in Neapel drei Leinwandgemälde mit Passionsdarstellungen von Rogier gesehen haben.
Von dem Humanisten Cyriacus von Ancona wurde Rogier in seiner Bedeutung gleich hinter Jan van Eyck eingereiht.Stephan Kemperdick: Robert Campin, Jaques Daret, Rogier van der Weyden: die schriftliche Überlieferung. In: Stephan Kemperdick, Jochen Sander (Hrsg.): Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden : eine Ausstellung des Städel-Museums, Frankfurt am Main, [21.11.2008 bis 22.2.2009] und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin (20.3.2009 bis 21.6.2009). Hatje Cantz Verl. Ostfildern u. Städel Museum, Frankfurt am Main 2008, S. 70.
1460 schickte die Herzogin Bianca Maria Sforza von Mailand den Maler Zanetto Bugatto zu einer etwa zweijährigen Weiterbildung zu Rogier van der Weyden nach Brüssel. mini|Grablegungen von Fra Angelico (links) und Rogier van der Weydenmini|hochkant|Rogier van der Weyden: Passionsdiptychon (um 1460) Dass Rogier außer Rom auch andere italienische Städte besucht hat, wird daraus geschlossen, dass sich in seinem Werk Eindrücke von der dortigen Malerei bemerkbar gemacht haben. So übernahm er beispielsweise von Fra Angelico einen bislang im Norden unbekannten Typus der Grablegung Christi, bei dem der tote Christus von Nikodemus in Kreuzesform präsentiert wird. Auch in Rogiers in der Galleria degli Uffizi verbliebenem Passionsdiptychon mit dem Gekreuzigten, Maria und Johannes aus der Zeit um 1460 wird ein Einfluss Fra Angelicos gesehen. Die radikale Reduzierung des Geschehens und der Ausstattung des fiktiven Raumes verweist auf Fra Angelicos Verspottung Christi aus dem um 1445/1450 geschaffenen Freskenzyklus im Kloster San Marco in Florenz.Felix Thürlemann: Rogier van der Weyden, Leben und Werk. C. H. Beck, München 2006, S. 104–112.
Unterstützung religiöser Institutionen Vor allem in den letzten Lebensjahren unterstützte Rogier religiöse Institutionen wie die Armen von Sainte-Gudule, die Kartause von Scheut bei Brüssel und die von Hérinnes-lez-Enghien, in der sein Sohn Corneille lebte.
Ein lateinisches Lobgedicht des Humanisten Domenicus Lampsonius unter dem Kupferstichporträt Rogier van der Weydens von 1572 befasst sich mit Rogiers Mildtätigkeit. Es rühmt zwar Rogiers Malerei, genannt werden die Gerechtigkeitsbilder in Brüssel, sieht deren Ruhm aber als vergänglich an. Dagegen sei der Ruhm der von Rogiers letztem Willen ausgeht, nach dem der Ertrag aus seiner Malerei ein ewiges Heilmittel gegen den Hunger der Armen sein solle, beständig. Dieses Denkmal würde unvergänglich am Himmel leuchten.Bild, Lobgedicht und englische Übersetzung bei The Courtyard Institute of Art. Abgerufen am 10. Februar 2018.Felix Thürlemann: Rogier van der Weyden, Leben und Werk. C. H. Beck, München 2006, S. 7 f.
Tod in Brüssel