mini|hochkant=1.3|Rekonstruktion im Prähistorischen Museum der Verdonschluchten mini|hochkant|Nachbildung der Kleidung von Ötzi im ArcheoParc Schnals, Südtirol. Die Ärmel am Mantel sind nicht gesichert.
Ötzi, auch Mann vom Tisenjoch, Mann vom Hauslabjoch, Der Mann aus dem Eis, Mumie vom Similaun u. ä. genannt,Konrad Spindler: Der Mann im Eis. Die jungneolithische Gletschermumie vom Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen. in: Nürnberger Blätter zur Archäologie. Band 9, 1992/93, S. 27–38. ist eine Gletschermumie aus der späten Jungsteinzeit bzw. Kupfersteinzeit, die 1991 im Südtiroler Anteil der Ötztaler Alpen gefunden wurde. Untersuchungen zu Ötzis Todeszeitpunkt haben ergeben, dass er zwischen 3368 und 3108 v. Chr. gestorben ist. Ötzi ist damit die älteste bekannte natürliche menschliche Mumie Europas, und eine der ältesten der Welt. Ihrer Untersuchung sind eine Vielzahl an Erkenntnissen über das Leben der Steinzeitmenschen in Europa zu verdanken. Sie wird heute im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen aufbewahrt.
Entdeckung mini|hochkant|Fundstelle
Die Mumie wurde am 19. September 1991 beim hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen oberhalb des Niederjochferners gefunden (rund 70 Meter südwestlich vom Fundort wurde an folgender Position ein Obelisk errichtet: ). Das Tisenjoch, eine Senke des Schnalskamms zwischen der Fineilspitze und dem Similaun, verbindet das Tisental mit dem Niedertal bzw. großräumiger das Schnalstal mit dem Ötztal (der niedrigste Sattel zwischen Fineilspitze und Similaun ist allerdings das vielbegangene, in Höhe befindliche Niederjoch). Der mit dem Gesicht nach unten liegende Mann vom Tisenjoch, von dem das schmelzende Eis den Hinterkopf und den Rücken freigegeben hatte, wurde von den beiden deutschen Bergwanderern Erika und Helmut Simon aus Nürnberg beim Abstieg von der Fineilspitze zum Niederjoch entdeckt und ist die einzige erhaltene, durch natürliche Gefriertrocknung konservierte Leiche aus der Kupfersteinzeit (auch als Spät- bzw. Endneolithikum bezeichnet) in Mitteleuropa.
Klimatische Gegebenheiten mini|hochkant|Gletscherstand an Hauslab- und Tisenjoch um 1893
Ötzi lebte in einer Zeit, in der die Vergletscherung der Ötztaler Alpen wieder zunahm. Etwa um das Jahr 2020 herum entnahmen Wissenschaftler Eisbohrkerne aus der Gipfeleiskappe der etwa 12 km von der Fundstelle entfernten Weißseespitze. Die Auswertung ergab, dass dieser hohe Berg bis vor etwa 6000 Jahren vorübergehend eisfrei war. Vor etwa 5900 Jahren setzte eine Zunahme der Vergletscherung ein. Dadurch wurde auch das Überqueren der hohen Alpenpässe wieder schwieriger und gefährlicher. Es ist ungeklärt, ob Ötzi auf Eis starb oder auf Fels/Schnee und im Zuge der allgemeinen Abkühlung erst später von Eis überdeckt wurde.
mini|hochkant|Blick nach Westen zur Fineilspitze. Die Fundstelle von Ötzi liegt etwa 70 m nordöstlich des Obelisken.
Die Fundstelle ist eine Felsmulde, die einst von Gletschereis bedeckt war. Das Eis konnte sich in der Mulde wegen der unbedeutenden Neigung und der Nähe zur Hangkante nach Westen (kein Eisnachschub) nie bewegen und Scherkräfte ausüben. Ötzi war vielmehr an dieser Stelle dank der unbeweglichen Eismasse über ihm bestens geschützt. Erst beim Rückzug des Gletschers durch starkes Abtauen im ungewöhnlich heißen Sommer des Jahres 1991 wurden die Fundobjekte freigelegt. Ötzi-Fundstelle: Foto der Nachgrabungen ein Jahr später mit Entdeckungen weiterer Ausrüstungsgegenstände. Die Mumie wurde links an dem weißen Felsbrocken gefunden, der etwas oberhalb des Felsens mit der vom Gletscher abgeschürften oberen Längsrinne hier am rechten unteren Bildrand zu sehen ist. Der Kopf lag nach Norden in Richtung Ötztal gerichtet.
Spätere Untersuchungen konnten nachweisen, dass der Leichnam zumindest zeitweise in flüssigem Wasser lag und nicht ständig gefroren war. Das äußere Erscheinungsbild, mit Verlust der Behaarung sowie Oberhaut, und die Fettsäurezusammensetzung entspricht dem einer Wasserleiche, die zu einem späteren Zeitpunkt gefroren ist. Ötzi starb mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht am Fundort, sondern auf einer höheren Schneefläche und rutschte erst später in die Senke nahe des Tisenjochs. Radiokarbondatierungen belegen, dass der Liegeort über Jahrhunderte wiederholt eisfrei war. Während heißer Sommer taute die Mumie mehrfach auf, was zur Ablösung der Kopfhaut und zur Beschädigung seiner Ausrüstung führte. Schmelzwasser trug zusätzlich jüngeres organisches Material in die Senke mit dem Liegeort ein. Diese Erkenntnisse widerlegen die frühere Annahme, dass Ötzi direkt nach seinem Tod dauerhaft im Eis versiegelt wurde.
Das Alter des Eises, in dem Ötzi eingeschlossen war, wurde nie bestimmt; inzwischen ist es abgeschmolzen.
Grenzverlauf an der Fundstelle mini|hochkant|Das Gebiet der Ötzi-Fundstelle von Nordwesten: Im Mittelgrund das Tisenjoch mit dem Obelisken rechts vorm Joch. Im Hintergrund der Similaun.
Da Ötzi im italienisch-österreichischen Grenzgebiet zwischen der italienischen Provinz Südtirol und dem österreichischen Bundesland Tirol gefunden wurde, erhoben zunächst beide Staaten Anspruch auf den Fund. 1919 war im Vertrag von Saint-Germain-en-Laye am Alpenhauptkamm zwischen Klopaierspitze und Dreiherrnspitze die Wasserscheide als Grenze vereinbart worden. Der 1920 mit der Festlegung im Gelände beauftragte internationale Grenzregelungsausschuss nahm an, dass bei Gletscherüberdeckungen eine geradlinige Grenzziehung dem Verlauf der unter dem Gletscher liegenden Wasserscheide nahekäme, und beschloss ein entsprechendes Vorgehen.Bericht des Außenpolitischen Ausschusses des Österreichischen Nationalrates der XXI. Gesetzgebungsperiode () über die Regierungsvorlage „Vertrag zwischen der Republik Österreich und der Italienischen Republik über die Instandhaltung der Grenzzeichen sowie die Vermessung und Vermarkung der gemeinsamen Staatsgrenze samt Schlussprotokoll, Notenwechsel und Anlagen“. 1923 legte er auch im Bereich des späteren Fundorts eine entsprechende Grenzziehung fest, zog von der Fineilspitze kommend zunächst die Grenze zum Hauslabjoch hinunter (Grenzstein b-35 auf Höhe) und von dort weiter eine 550 Meter lange, gerade Grenzlinie über das damals noch bestehende Eis zu einem Punkt nahe und östlich des Tisenjochs (Grenzstein b-36 auf Höhe). Nach dem Rückzug des Eises zeigte sich, dass die tatsächliche Wasserscheide weiter westlich von der Fineilspitze – ohne Umweg übers Hauslabjoch – hinunter zum Tisenjoch verläuft. Obwohl sich die Fundstelle auf der Österreich zugewandten Seite der Wasserscheide befindet, lag sie somit, wie eine Vermessung im Oktober 1991 ergab, 92,55 Meter westlich von der geradlinig gezogenen Grenze entfernt auf italienischem Staatsgebiet.Video: Ötzi war hart an der Grenze. von Rai Südtirol vom 19. September 2021 über die Formalitäten der Grenzziehung im Gebiet der Ötzi-Fundstelle. Österreich akzeptierte zwar die territoriale Zugehörigkeit des Fundorts zu Italien zum Fundzeitpunkt, bemühte sich aber im Nachgang um eine Neuverhandlung des Grenzverlaufs aufgrund des durch den Fund manifest gewordenen Grundlagenirrtums (der Widerspruch zwischen der völkerrechtlichen Vorgabe der Wasserscheidenlinie durch den Vertrag von Saint-Germain und den zahlreichen Abweichungen davon durch die konkrete Grenzziehung von 1923). Seit September 2006 ist ein bereits 1994 unterzeichneter, neuer Vertrag zwischen der Republik Österreich und der Italienischen Republik über die Instandhaltung der Grenzzeichen sowie die Vermessung und Vermarkung der gemeinsamen Staatsgrenze in Kraft; dieser hält fest, dass der Grenzverlauf, sofern er durch die Kammlinie oder Wasserscheide definiert wurde, allmählichen natürlichen Veränderungen folgt und somit variabel ist. Ohne Gletscherüberdeckung oder nach dem Abschmelzen einer solchen folgt er der Wasserscheidenlinie des felsigen Bodens und vollzieht auch Verlagerungen infolge von Erosion nach.
Bergung und Fundumstände mini|hochkant|Obelisk in der Nähe der Fundstelle mit Blick nach Südosten. Die in Nordost-Südwest-Richtung verlaufende Senke hinter den Bergsteigern ist das Tisenjoch, über ihnen der Similaun. mini|hochkant|Inschrift des Denkmals
Die Eisleiche wurde am 23. September 1991 durch das Institut für Gerichtsmedizin der Universität Innsbruck geborgen. Da die Bedeutung der Leiche nicht sofort erkannt wurde, ereigneten sich einige Pannen: Der Polizist, der die Eisleiche aus dem Eis befreien wollte, beschädigte mit Pickel und Presslufthammer Ötzis Hüfte. Vier Tage später verpackten Polizisten die Leiche und die dabei liegenden Fundgegenstände in einem Plastiksack. Weil der Bogen für den Sack zu groß war, wurde er zerbrochen. Der Bestatter in Vent brach Ötzis Arm, um ihn in einen Sarg legen zu können und in die Gerichtsmedizin nach Innsbruck zu bringen. Bevor der Prähistoriker Konrad Spindler von der Universität Innsbruck informiert wurde, war der Gerichtsmediziner geneigt, die Leiche zur Bestattung freizugeben, da bei alten Leichen kein Mörder am Leben und juristisch zu belangen ist.
Rechtsstreit um die Fundprämie Als Entdecker gelten nach einem mehrjährigen Rechtsstreit seit November 2003 die beiden deutschen Bergwanderer Erika und Helmut Simon aus Nürnberg. Gegen diesen Entscheid des Bozner Landesgerichts legte die Südtiroler Landesregierung Berufung ein, da sich die Slowenin Magdalena Mohar und die Zürcherin Sandra Nemeth gemeldet hätten, die den Gletschermann gefunden haben wollten. Der lange Rechtsstreit um die Gletschermumie führte im Juni 2009 zu einer Einigung dahingehend, dass der Familie Simon mit Billigung der Landesregierung in Bozen 150.000 Euro Finderlohn für die Entdeckung der Gletschermumie zugesprochen wurden, wobei die Prozess- und Anwaltskosten von der Familie getragen werden sollten.dpa-Meldung: Finderlohn für Ötzi. In: Südkurier. 16. Juni 2009. Nachdem diese Einigung jedoch im letzten Augenblick platzte, kam es erneut zu einem Verfahren, das im Juni 2010 endete und wonach die Südtiroler Landesregierung der seit 2004 verwitweten Erika Simon einen Finderlohn in Höhe von 175.000 Euro zusagte, 28. Juni 2009. und ihn schließlich im August 2010 auszahlte.
Körperlicher Befund Die erste wissenschaftliche Untersuchung des archäologischen Befundes nahm Konrad Spindler in Innsbruck vor. Daneben wurden in die Untersuchungen von Beginn an Spezialisten aus den Fachgebieten der Anthropologie, Forensik und Pathologie einbezogen. Nach der Überführung der Mumie am 16. Jänner 1998 nach Bozen betreute lange Jahre Eduard Egarter Vigl die Koordination der Erforschung.
Anatomie und Pathologie mini|hochkant|Stereolithografisches Modell des Schädels, basierend auf CT-Daten aus dem Jahr 1993
Der ca. 1,54 m große und 13 kg schwere, gefriergetrocknete Leichnam ist nahezu unversehrt und vollständig.A. Lippert, P. Gostner, E. Egarter Vigl, P. Pernter: Vom Leben und Sterben des Ötztaler Gletschermannes. Neue medizinische und archäologische Erkenntnisse. In: Germania. Heft 85/1, 2007, S. 1–21, doi:10.11588/ger.2007.95436. Das wahrscheinliche Sterbealter wird mit 45–46 Jahren angegeben, wobei eine Abweichung von bis zu ±5 Jahren möglich ist.Angelika Fleckinger (Hrsg.): Ötzi 2.0: Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos. Theiss, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-8062-2432-0. Da der Körper beim Gefrieren schrumpft, muss er von größerer Statur gewesen sein, etwa 1,60 m. Der Rumpf weist einen Bandscheibenverschleiß der Lendenwirbelsäule und eine durch einen Pfeilschuss in die linke Schulter verursachte Verletzung auf. Des Weiteren weist der Schädel im Bereich des rechten Augenrandes eine Fraktur der Schädelnaht zwischen Jochbein und Stirnbein (Sutura zygomaticofrontalis) auf. Ein Schädel-Hirn-Trauma wurde mittlerweile nachgewiesen.