mini|hochkant|Apostel Paulus von Bartolomeo Montagna 1482.

Paulus von Tarsus (, hebräischer Name [Saul, umgangssprachlich (bzw. latinisiert) Saulus] ; * vermutlich vor dem Jahr 10 in Tarsus/Kilikien; † nach 60 nach Christus, vermutlich in Rom) war nach dem Neuen Testament (NT) der bedeutendste Missionar des Urchristentums und einer der ersten christlichen Theologen. Er trug entscheidend dazu bei, den neuen Glauben auch für Nichtjuden zu öffnen. Wegen seines großen theologischen Einflusses auf die Urgemeinde und die daraus hervorgegangene Bewegung sehen manche Gelehrte Paulus als den eigentlichen Gründer des Christentums.

Als griechisch gebildeter Jude und radikaler Pharisäer mit römischem Bürgerrecht war Paulus zunächst ein Christenverfolger der frühen Anhänger Jesu Christi, dem er jedoch zu dessen Lebenszeit nie begegnet war. Seit seiner Bekehrung jedoch, bei der ihm der auferstandene Jesus begegnet sein soll, verstand er sich als von Gott berufener Apostel des Evangeliums für die Heidenvölker . Als solcher verkündete er vor allem Nichtjuden den auferstandenen Jesus Christus. Dazu bereiste er den östlichen Mittelmeerraum und gründete dort einige christliche Gemeinden. Durch seine Briefe blieb er mit ihnen in Kontakt. Diese ältesten erhaltenen urchristlichen Schriften bilden als sogenannte Paulusbriefe einen wesentlichen Teil des späteren NT.

Wesentliches Kennzeichen der paulinischen Theologie ist die Konzentration des christlichen Glaubens auf die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi mit ständigem Bezug auf die Verheißungen des Tanach. Durch die stellvertretende Erfüllung der Tora durch Jesus Christus, den Sohn Gottes, fand Paulus die Rechtfertigung des Menschen und seine Versöhnung mit Gott aus Gnade begründet. Diese Themen wurden in unterschiedlichen Interpretationen Grundbausteine für die Lehren vieler christlicher Konfessionen.

Orthodoxe Kirchen, die römisch-katholische Kirche, die koptisch-orthodoxe Kirche, die Armenische Apostolische Kirche und die Anglikanische Gemeinschaft verehren Paulus als Heiligen. Die evangelischen Kirchen erinnern mit Gedenktagen an ihn. Seine Briefe haben Kirchenväter und führende christliche Theologen geprägt und damit die europäische Geistesgeschichte stark beeinflusst.

Quellen mini|Papyrus 46, welcher eine Sammlung der Paulusbriefe umfasst, wird zwischen 175 und 225 n. Chr. datiert und ist damit der älteste Textzeuge paulinischer Schriften.

Alle historischen Quellen zu Paulus sind christlichen Ursprungs. Die frühsten und wichtigsten Quellen finden sich im Neuen Testament. Außerchristliche Quellen zu Leben und Werk des Paulus sind nicht bekannt.

Briefe des Paulus

mini|Der Codex Sinaiticus (4. Jhd.) enthält das älteste vollständige Neue Testament; darunter auch die 14 Schriften des Corpus Paulinum.

Das Neue Testament überliefert eine Sammlung paulinischer Episteln, das sogenannte Corpus Paulinum, welches aus 14 Schriften besteht. Den ältesten handschriftlichen Zeugen dafür bildet Papyrus 46, welches zwischen 175 und 225 n. Chr. datiert wird. Die älteste vollständige Bezeugung aller vierzehn Schriften des Corpus Paulinum findet sich erst im Codex Sinaiticus, welcher auf das 4. Jhd. n. Chr. datiert wird und zeitgleich die älteste vollständige Handschrift des Neuen Testaments ist.

Authentizität Vom Corpus Paulinum werden Paulus dreizehn Briefe namentlich zugeschrieben. Für sieben davon – Röm, 1 Kor, 2 Kor, Gal, Phil, 1 Thess, Phlm – gilt auch in der aktuellen historisch-kritischen Forschung seine Autorenschaft als unstrittig.Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. C. H. Beck, München 2019, S. 338. Sie wurden in den Jahren zwischen 50 und 60 n. Chr. verfasst und sind die Hauptquelle für Biografie, Theologie und Missionstätigkeit des Paulus. Als „Quellen von einmaligem Rang“ machen seine Briefe Paulus zur „greifbarsten Gestalt im Urchristentum“.Georg Eichholz: Die Theologie des Paulus im Umriss S. 1–2

Eph, Kol, 2 Thess sowie die Pastoralbriefe (1 Tim, 2 Tim und Tit) erheben ebenfalls den Anspruch, von Paulus verfasst worden zu sein, sind aber nach Mehrheitsmeinung der historisch-kritischen Forschung später entstandene Pseudepigraphen, möglicherweise von seinen Schülern. Als Pseudepigraphen bezeugen sie, dass Paulus in den Regionen, wo diese Schriften entstanden, als besonders autoritativer Apostel galt.Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. C. H. Beck, München 2019, S. 338 f.

Die vierzehnte Schrift des Corpus Paulinum ist der Brief an die Hebräer. Er nennt im Text keinen Verfasser, und es gibt kein gesichertes Wissen über seinen Autor. Die Zuschreibung an Paulus ist jedoch alt und durch Papyrus 46 bereits für den Anfang des 3. Jhd. bezeugt; durchsetzen konnte sich die paulinische Zuschreibung erst im 4. Jhd.,Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. C. H. Beck, München 2019, S. 346. wird aber heute aufgrund großer Unterschiede in Theologie und Stil weitgehend abgelehnt.

Apostelgeschichte

Von den paulinischen Missionsreisen berichtet außerdem die Apostelgeschichte des Lukas (Apg), die üblicherweise auf etwa 80–90 n. Chr. datiert wird, wenngleich auch deutlich frühere und deutlich spätere Daten vorgeschlagen worden sind. Ihre Angaben müssen laut dem evangelischen Theologen Jürgen Roloff kritisch bewertet werden, um die Selbstaussagen aus den Briefen zu ergänzen und so einen chronologischen Rahmen der Biographie des Paulus zu rekonstruieren.Jürgen Roloff: Paulus. In: Evangelisches Kirchenlexikon. Band 3. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1992, Sp. 1089. Laut dem evangelischen Theologen Udo Schnelle lassen sich die Angaben der Apostelgeschichte in ihren Grundzügen durch die Briefe bestätigen.Udo Schnelle: Paulus. Leben und Denken. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-11-030158-8, S. 32.

Weitere Quellen Weitere biographische Angaben über Paulus finden sich (mit variierender Zuverlässigkeit) auch in späteren, außerbiblischen Schriften des frühen Christentums. Hierzu gehören u. a.:

Der 1. Clemensbrief (kurz vor 100 n. Chr.) Die Paulusakten (160–180 n. Chr.) Die Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica) von Eusebius von Caesarea (ca. 324 n. Chr.)

Chronologie und Datierung Die Paulusbriefe nennen die Orte ihrer Abfassung nicht und geben auch kaum Hinweise auf die Zeit ihrer Abfassung. Dagegen finden sich einige spärliche biografische Angaben. Die Apostelgeschichte beschreibt die Aufenthaltsorte und Reisewege des Paulus dagegen ausführlich, aber ebenfalls ohne genaue Daten. Zu den wenigen wichtigen Hinweisen für eine Datierung gehören:

die Erwähnung einer Hungersnot unter dem Römischen Kaiser Claudius, die sich grob 45–47 n. Chr. datieren lässt andere grobe Datierungen auf die Amtszeit von Claudius, der 41–54 n. Chr. regierte (Apg 18,1; 23,26) die Erwähnung des Todes von Herodes Agrippa I., der 44 n. Chr. starb die Erwähnung des nabatäischen Königs Aretas IV während Paulus’ Aufenthalt in Damaskus (2. Kor 11,32–33); dieser herrschte 9 v.–40 n. Chr. die Erwähnung des um 47 n. Chr. als Prokonsul von Zypern amtierenden Sergius Paulus mini|Ein Fragment der Erastus-Inschrift, welche liest: „Erastus für die Ädiletät – durch sein eigenes Geld gepflastert“ und wird auf das 1. Jhd. datiert. Zu erwähnen sei noch die 1929 in Korinth entdeckte Erastus-Inschrift, welche möglicherweise vom städtischen Finanzbeamten und Paulus’ Gefährten Erastus (, , ) spricht und in die Mitte des 1. Jhd. n. Chr. datiert wird. Seit den Forschungen von Gerd Theissen in den 1970ern wird die Identität von Erastus hier zumeist als bestätigt betrachtet. Einige Forscher sind jedoch skeptisch, ob es sich tatsächlich um dieselbe Person handelt. +Römische Kaiser während Paulus’ LebenszeitNameHerrschaftszeitAugustus27 v.–14 n. Chr.Tiberius14–37 n. Chr.Caligula37–41 n. Chr.Claudius41–54 n. Chr.Nero54–68 n. Chr.

Datierung von Paulus’ Aufenthalt in Korinth (Apg 18,1–17) Zwei in der Apostelgeschichte erwähnte Ereignisse lassen sich jedoch anhand anderer historischer Quellen genau datieren und ermöglichen so eine Rekonstruktion des Paulinischen Wirkens: Laut traf Paulus bei seiner Ankunft in Korinth das Ehepaar Priszilla und Aquila, das kürzlich aus Italien eingetroffen sei, weil der römische Kaiser Claudius allen Juden befohlen habe, Rom zu verlassen. Dieses Edikt erwähnt auch der römische Chronist Sueton (Cl 25,4): „Die Juden vertrieb er [scil. Claudius] aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.“ Das Edikt wird mit dem spätantiken Historiker Orosius (5. Jhd.) auf das 9. Regierungsjahr des Claudius, also das Jahr 49 n. Chr., datiert. mini|Ein Fragment der Inschrift mit dem Namen „Gallio“ (ΓΑΛΛΙΩΝ), anhand welcher sich Paulus’ Aufenthalt in Korinth (Apg 18,1-17) datieren lässt.Laut wurde Paulus später, bei dem noch gleichen Aufenthalt in Korinth, dem römischen Prokonsul Gallio vorgeführt. Gallios Amtszeit lässt sich anhand einer von Archäologen 1905 entdeckten Inschrift am Apollon-Tempel in Delphi, die den Brief des Kaisers Claudius an die Stadt bezeugt, bestimmen. Im Brief wird als Abfassungsdatum die 26. Akklamation des Kaisers Claudius erwähnt. Jene lässt sich wiederum durch das bekannte Datum der 27. Akklamation, die am 1. August 52 bereits vollzogen war, datieren. Daraus ergibt sich für Gallio die für einen Prokonsul einer senatorischen Provinz übliche einjährige Amtszeit vom Frühsommer 51 bis zum Frühsommer 52. Paulus war nach „ein Jahr und sechs Monate“ in Korinth. Die gesamte Perikope von Paulus’ anderthalbjährigem Aufenthalt in Korinth lässt sich somit genau datieren: Paulus war spätestens ab dem Frühjahr 50 bis maximal Juli 52 in Korinth. Anhand dieser historisch gesicherten Fixpunkte lassen sich auch die anderen Erzählungen seines Wirkens vor und nach seinem Aufenthalt in Korinth rekonstruieren und datieren.

Datierung vom Apostelkonzil und der zweiten Missionsreise (Apg 15,1 bis 17,34) Weil Angaben in den Paulusbriefen einige Stationen der zweiten Missionsreise des Paulus vom Apostelkonzil in Jerusalem bis Korinth bestätigen, sind diese weitgehend unstrittig. Aus dem Reiseweg und Aufenthalten von Jerusalem über Antiochia, Syrien, Kilikien (; ), Derbe und Lystra , Phrygien und Galatien , Philippi (; ), Thessalonich (; ), Beröa , Athen (; ) bis Korinth ergibt sich eine ungefähre Reisedauer von anderthalb Jahren. Darum wird das Apostelkonzil oft auf das Frühjahr 48 datiert.

Datierung der Ereignisse von der Bekehrung bis zur ersten Missionsreise (Apg 9 bis 14) Die größte Schwierigkeit bei der Rekonstruktion des paulinischen Wirkens erweist sich bei der Chronologie zwischen dem Damaskuserlebnis und dem Apostelkonzil. Diese Chronologie ist nämlich doppelt überliefert und noch dazu potentiell anachronistisch; ein zusätzlicher Bericht findet sich im Galaterbrief , ist jedoch nicht eindeutig und lässt sich nur schwer und unter verschiedenen Möglichkeiten mit der Erzählung der Apostelgeschichte in Einklang bringen: