Puppentheater, auch Puppenspiel oder Figurentheater, ist neben Sprechtheater, Bühnentanz und Musiktheater eine Form des Theaters, bei der Spieler mit Figuren auf einer Bühne vor Zuschauern agieren.

In der Antike in Persien und Griechenland entstanden, haben Puppentheater weltweite Verbreitung gefunden. Sie dienen der Unterhaltung von Kindern und Erwachsenen, aber auch zu religiösen, politischen und medizinischen Zwecken. Die Stoffe können auf der Überlieferung, auf klassischen Literatur- und Theaterthemen oder Improvisationen beruhen. Zur Führung der Figuren werden unterschiedliche Methoden wie z. B. Fäden oder Stöcke herangezogen, wobei die Spieler meist verdeckt sind. Die Puppenspielkunst wird inzwischen an Schauspielschulen gelehrt. Mehrere Puppentheater weltweit sind Bestandteil des Immateriellen Welterbes der Menschheit.

mini|Puppentheater mit Bühne und Vorhang mini|Puppen eines mobilen Puppentheaters

Zur Begriffsbestimmung

Das Figurentheater wird im theaterwissenschaftlichen Sinne als Abgrenzung zum traditionellen Puppentheater auch als „künstlerisches Puppentheater“ bezeichnet. Mit dieser darstellenden Kunst sind neue Spielformen, zum Beispiel offene Spielweise, Vermischung von Figurenformen und von verschiedenen Künsten gemeint. Viele Theaterwissenschaftler und Figurenspieler benutzen die Bezeichnung Figurentheater als Überbegriff, um das breite Feld von Puppentheater, künstlerischem Puppentheater, Objekttheater und ähnlichen Formen abzudecken. Oft ist auch der Begriff „anderes Theater“ hierfür üblich.

Die Bezeichnung Puppentheater ist eher für traditionelle, meist verdeckte Formen des Figurenspiels gebräuchlich. Der Begriff „Figurentheater“ taucht erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf.

Geschichte Frühzeit und Herkunft Archäologische Funde lassen vermuten, dass schon vor unserer Zeitrechnung bewegte Figuren zu religiösen und zeremoniellen Feiern genutzt wurden.

Eine tatsächliche Theaterform mit dramatischer Handlung entwickelte sich wohl erst später. Anfangs noch ausgehend von der Darstellung religiöser Begebenheiten, verloren die Figuren mit schwindender geistlicher Funktion auch immer mehr an Bedeutung. Daher sind die Quellen relativ rar.

Als Ursprungsraum für das Handpuppentheater wird Persien angenommen. Gliederpuppen (Marionetten) sind bereits im antiken Griechenland bekannt. Aristoteles beschreibt eine Figur, die den Kopf drehen, den Nacken, die Glieder und sogar die Augen bewegen konnte. Platon verwendet in seinen Schriften das Bild von der an Fäden gezogenen Puppe als Symbol für menschliche Abhängigkeit. Im Höhlengleichnis wird das Puppenspiel zum Vergleich mit der Erzeugung der Schattenbilder in der Höhle herangezogen.

Im 6. Jahrhundert bezog sich der Bischof von Alexandria auf kleine hölzerne Abbildungen, die auf Hochzeiten gezeigt wurden und durch eine Art Fernbedienung tanzen konnten. In China lässt sich das Puppentheater zuverlässig erst ab der Tang-Dynastie nachweisen, doch war es dort erheblich verbreitet. Im asiatischen Raum entwickelte sich auch das Schattentheater, das sich zum Teil heute noch den überlieferten mythischen Stoffen widmet.

Mittelalter Erst nach den Kreuzzügen findet man im Abendland erste Abbildungen von Spielfiguren. Die bisher älteste Darstellung eines Puppenspiels stammt aus der Zeit um 1160 und findet sich im Hortus Deliciarum der Äbtissin Herrad von Landsberg. Die nächste Abbildung ist erst wieder als Randverzierung in einer Brüggischen Handschrift (Ms. 251) aus dem 13. Jahrhundert und dann im Alexanderlied um 1344 zu sehen. Es handelt sich um eine Possenburg, ein Handpuppentheater mit Zuschauern. Beide Handschriften gehen im Text nicht auf die Theaterform ein, da sie vermutlich inzwischen zwar allgemein bekannt, aber nach wie vor unbedeutend war. In Schwerin wurde der Kopf einer Handpuppe gefunden, der ebenfalls auf diese Zeit datiert wird.

Von der Renaissance bis zur Romantik mini|Mobiles Puppentheater im Jahre 2009 Zur Shakespeare-Zeit (16. Jahrhundert) entstanden die ersten Stoffe und Libretti für das Puppentheater. In der Türkei entwickelte sich das Karagöztheater, und in Italien gewann die Commedia dell’arte an Bedeutung. Von dieser Zeit an gehören reisende Puppentheater zum üblichen Bild auf den Märkten. Die Stoffe handeln oft von archaischen und mythischen Dingen wie Himmel und Hölle, Gut und Böse. Das Puppenspiel vom Dr. Faustus ist ein Beispiel dafür. Manche deutsche Wanderbühnen konnten Puppentheater als Alternative zum Schauspiel anbieten. Oft blieben stehende Rollen oder lustige Personen, die auf der Bühne nicht mehr modern sind, im Puppentheater erhalten (Pulcinella bzw. Punch, Pierrot, Hanswurst, Staberl).

Die Intellektuellen der Aufklärung wandten sich gegen die typischen Stoffe des damaligen Puppentheaters – die Beschäftigung mit Übernatürlichem wurde verachtet. Zusätzlich haben Gaukler aller Sparten mit Städteordnungen zu kämpfen, die die Möglichkeiten der Truppen begrenzen (siehe auch: Pariser Jahrmarktstheater). Im 19. Jahrhundert erfuhr das Puppenspiel eine Romantisierung. Zwar wurden neue Stücke speziell für diese Theaterform entwickelt, aber nun wurden speziell Kinder angesprochen.

20. Jahrhundert Im Ersten Weltkrieg wurden Soldaten an der Front und im Lazarett mit Kasperltheater, z. B. in Form von Marionetten, unterhalten und zum Kriegführen motiviert.Als der Kasperl noch nicht harmlos war, ORF.at vom 7. Juli 2014, basierend auf der Masterarbeit von Evelyn Zechner-Mateschko, Kasper saust von Sieg zu Sieg, erschienen in: Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie.

Nach der Revolution von 1917 erkannte Russland die Möglichkeiten, diese Theaterform zur „Bildung des Volkes“ zu nutzen. Auch in Deutschland erlebte das Puppenspiel nach dem Ersten Weltkrieg eine von Jugendbewegung, Theater, bildenden Künstlern und Pädagogen geförderte Renaissance. Ein festes Puppentheater war beispielsweise die Künstler-Marionettenbühne in der Würzburger Valentin-Becker-Straße. Am 4. Dezember 1934 war die Premierenvorstellung. Die von dem Bildhauer Joseph Bendel, dem Volksschullehrer Siegfried Lechler und dem Grafiker Leo Flach geführte Bühne bestand bis 1939.

NS-Zeit In der Zeit des Nationalsozialismus erhielten auch Puppenspieler Berufsverbote, die diese nach Möglichkeit umgingen. Zudem gab es auch im Puppentheaterbereich Innere Emigration, Untertauchen in Nischen, Flucht – manchmal aber auch die erwünschte berufliche Karriere. Der NS-Staat verstärkte allgemein die Kontrolle und instrumentalisierte das Puppenspiel zunehmend konsequent für NS-Propaganda und Erziehung. Hier engagierte sich besonders der handpuppenerfahrene Oberbannführer Siegfried Raeck vom Kulturamt der Reichsjugendführung.

1937 wurde die Förderung des Puppenspiels verstärkt politisch ausgerichtet und die Abteilung Volkstum-Brauchtum von der Organisation Kraft durch Freude übernommen. Auch hier war zumindest ein Mitarbeiter Puppenspielexperte, überprüfte Puppenspieler, engagierte sich für die Freizeitorganisation KdF und vertrat das NS-Puppenspiel bereits politisch gelegentlich auch im Ausland. Eine 92-seitige Anleitung – mit dem Titel Das deutsche Puppenspiel. Einsatz, Erfolge, Zielsetzung – wurde 1939 in großer Auflage im ganzen Deutschen Reich an professionelle Puppenspieler, Laien und KdF-Veranstalter verteilt. Neben einer weltanschaulichen Ausrichtung enthielt das Heft Stückausschnitte, Bezugsadressen und Beschreibungen des Berufsbildes Puppenspieler sowie handwerkliche und ökonomische Hinweise. Die Gestaltung von Puppenspielfiguren war dadurch stark eingeschränkt. Die Nationalsozialisten verwendeten diese Theaterform wenig später zu Propagandazwecken. Teilweise wurde in Puppentheatern zu brutaler Gewaltanwendung gegen Gegner des NS-Systems aufgerufen. Unter anderem dienten als Vorlage für Puppenspielstücke Inhalte des antisemitischen Hetzblattes Der Stürmer.Blätter für die Feierabendberatung, Heft 10, hg. von der Leitung des Unterrichtswesens im Reichsarbeitsdienst, Leipzig 1935, S. 9.Der Stürmer, Nr. 16, April 1936, zit. n. Joseph Wulf: Theater und Film im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Gütersloh 1964, S. 150. In der Werbung mutierte zum Beispiel die Figur des Kasper, einst obrigkeitsverleugnend und dem Genuss zuneigend, teilweise zum niedlichen Zähneputzvorbild. Der NS-Staat versprach sich größten propagandistischen Nutzen vor allem vom Handpuppen- und Marionettenspiel. Bei Wahrung notwendiger ästhetischer Standards war er sich seiner hohen emotionalen Wirksamkeit sicher. Zentrale NS-Ideologeme wie Volksgemeinschaft, Antisemitismus, Chauvinismus, Führerprinzip sowie die Chance, volkstümliche Traditionen zu reklamieren und „völkisch“ umzudeuten, ließen sich durch die schlichten technischen Voraussetzungen – die Einsatzmöglichkeit auch im kleinsten Dorf erlaubte – erleichtert verbreiten.

Auch das Handwerkszeug der Puppenspieler sollte einer vorgegebenen Norm entsprechen. Entworfen und industriell produziert wurden Serien von Puppensätzen mit 24 verschiedenen Figurentypen. Im Katalog Spiele und Köpfe für das Kaspertheater von 1940 ist, neben traditionellen Figuren, auch die Karikatur eines Juden aufgelistet. Verkauft wurde das Spielmaterial zwischen 1939 und 1944 vor allem an die NS-Jugendorganisationen, an die Wehrmacht (Frontpuppentheater) sowie an Berufsbühnen – allein von April 1942 bis März 1943 etwa zehntausend Handpuppenköpfe. Abgestimmt auf diesen Katalog erschienen beim R.I. Spieltexte verschiedener Autoren in den Reihen „Politische Puppenspiele“ und „Das Deutsche Puppenspiel“. Berufsbühnen wurden angehalten, obligatorische „politische Zwischenspiele“ während der Aufführungen zu zeigen.

Ein Reichsinstitut für Puppenspiel wurde 1938 von NS-Organisationen (u. a. Hitlerjugend) mit dem Ziel der zentralen Koordinierung, Steuerung und Förderung gegründet, aber auch der propagandistischen Instrumentalisierung des Laienpuppenspiels sowie der Berufspuppenbühnen. Die weitgesteckten Ziele des R.I. umfassten vor allem: flächendeckende Ausstattung der NS-Jugendorganisationen mit normiertem, häufig politisch gefärbtem Spielmaterial (Spielstücke/Texte, die dazu passenden Handpuppenköpfe, dramaturgische Anweisungen), Koordinierung der Auftritte von Berufspuppenbühnen und deren Begutachtung, Durchführung von Lehrgängen sowie die Herstellung erster Puppenspielfilme. 1939 wurde in Berlin aber zunächst nur eine Vorbereitungsstelle für das R.I. eingerichtet. Bereits ein Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkriegs konnten viele Pläne nicht mehr verwirklicht werden, so auch der Bezug des vorgesehenen Institutsgebäudes in Stuttgart. Die künstlerische und ab 1941 kommissarische Gesamtleitung übernahm Harro Siegel. Kriegsbedingt stellte das R.I. im Sommer 1944 alle Arbeiten ein.Gerd Bohlmeier: Das Reichsinstitut für Puppenspiel. Ein Beitrag zur Geschichte des Figurentheaters. Braunschweig 1993, in Deutsches Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst e. V. online.

mini|Schaukasten des Puppentheater „Hans Wurst Nachfahren“ am Winterfeldtplatz in Berlin mini|hochkant|Der Hohnsteiner Kasper; Figur von Theo Eggink Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte sich das Puppenspiel teilweise, wie andere Künste auch, aus dem „Korsett der Zweckmäßigkeit“ zu befreien. Experimentelle Stücke entstanden, desgleichen neue Figurenarten bis hin zum reinen Material, ebenso Verbindungen der verschiedenen Bühnenformen. Daneben existierten die „volksnahen“ und oft zielgerichteten Stücke allerdings weiter: In der Verkehrserziehung beispielsweise nahm der Verkehrskasper in der nach ihm benannten Theaterform die tragende Rolle des Freundes, Helfers und Beraters der Kinder bei Fragen des Verkehrsumgangs und als Kontrahent des Verkehrsteufels an.

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