mini|Die Neue Zeit beim CDU-Sonderparteitag 1989

Die Neue Zeit (Eigenschreibweise NEUE ZEIT) war eine deutsche Tageszeitung, die von 1945 bis 1994 erschien. Die erste Ausgabe wurde am 22. Juli 1945 als Tageszeitung der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands, von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland lizenziert, in einer Auflage von 200.000 Exemplaren herausgegeben.J. B. Gradl: Anfang unter dem Sowjetstern. Die CDU 1945–1948 in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Köln 1981, ISBN 3-8046-8584-6, S. 25ff; Massive Kürzungen der Auflagenhöhe erfolgten bald darauf als politische Strafe. Die Auslieferung übernahm anfangs der Vertrieb im Druckhaus Tempelhof des Deutschen Verlags vormals Ullstein. Beispielsweise wurde im Zeitraum vom 1. bis 4. August 1945 für die verkaufte Auflage der Neuen Zeit, die täglich 103.340 Exemplare bei einer Druckauflage von 105.000 Stück betrug, eine Gutschrift vom Vertrieb Deutscher Verlag zu Gunsten der CDU-eigenen Union Verlag GmbH.Auf Grund der Abrechnung des Vertriebs des Deutschen Verlages wurde am 7. August 1945 ein Betrag von über 35.000 Reichsmark bar ausgezahlt, also jedes Exemplar mit 8,5 Pfg. vergütet. erstellt. Gedruckt wurde die Zeitung in der Berliner Verlagsanstalt GmbH.Laut Impressum der NZ vom 22. August 1945 befand sich die Druckerei in Berlin-Mitte SW 68, Schützenstraße 18–25, während Verlag und Redaktion ihren Sitz bis in die 1970er Jahre in der Zimmerstraße 79/80 hatten. Das Zeitungspapier für die Neue Zeit lieferte der Verlag der Zeitung Tägliche Rundschau, welcher der Besatzungsbehörde direkt unterstand.Aus der Rechnung in Russisch und Deutsch vom 1. Dezember 1945 geht hervor, dass Garde-Major Terenin als „Chef des Verlages“ der Zeitung Tägliche Rundschau für den Druck der Neuen Zeit im Monat November insgesamt 54 Tonnen Papier zur Verfügung stellte und der Preis RM 330,– pro Tonne betrug; dazu kamen noch Fracht-, Transport- und Ladekosten in Höhe von RM 45,–, so dass der „Chef der Finanzabteilung des Verlages“ Oberleutnant Sutschkow den Empfang von RM 20.250,– mit dem Stempel „Betrag erhalten“ und seiner Unterschrift bestätigte. Die Zeitung Neue Zeit war später in der DDR bis zum 11. November 1989 das Zentralorgan der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDU in der DDR, auch Ost-CDU genannt).

Von der Gründung bis zur Gleichschaltung mini|hochkant|Otto Grotewohl liest die Zeitung 1949 Die Neue Zeit wurde am 22. Juli 1945 in der Vier-Sektorenstadt Berlin gegründet. Sie gehörte bis 1948 zur Union-Verlag GmbH, die als Zeitungsverlag ins Handelsregister eingetragen wurde.Adressbuch des Deutschen Buchhandels. 1948 Einhundertfünfter Jahrgang. Verlag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zu Leipzig. 1. Abt. S. 290 f. Die Geschäftsführung bestand bis September 1947 aus Hermann Katzenberger (* 1891; † 1958), dem früheren politischen Direktor der Zentrumszeitung Germania, und vier Prokuristen, wobei Katzenberger als „Verlagsdirektor UNION VERLAG“ fungierte.Martin Broszat, Hermann Weber (Hrsg.): SMAD-Handbuch. Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945–1949. München 1990, ISBN 3-486-55261-9, S. 542.

Geheimrat Katzenberger hatte sich nach Gründung der Christlich-Demokratischen Union federführend für ein eigenes Zeitungsprojekt der CDU eingesetzt.J. B. Gradl: Anfang unter dem Sowjetstern. Die CDU 1945–1948 in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Köln 1981, S. 26. Er arbeitete das erste Konzept unter Nennung des Zeitungsnamens Neue Zeit am 21. Juni 1945 aus, das in ein weiteres Konzept vom 3. Juli 1945 einfloss. An der Ausarbeitung dieses Konzepts war der nachmalige erste Chefredakteur Emil Dovifat (* 1890; † 1969) beteiligt.Peter Strunk: Pressekontrolle und Propagandapolitik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Inaugural-Dissertation, Freie Universität Berlin, Fachbereich Geschichtswissenschaften, 1989, S. 139. Die Publikation stand der neugegründeten CDU nahe, war zugleich aber auch Forum demokratischer Meinungsbildung. Trotzdem verstand sie sich als Mitgestalterin eines „christlichen Sozialismus“.

Zensur Die Ausgaben der Neuen Zeit unterlagen zunächst einer Vorzensur. Alle Beiträge mussten vorab von der sowjetischen Besatzungsbehörde Berlins genehmigt werden, in deren Sektor das Verlags- und Redaktionsgebäude lag. Auch als 1947 die Vorzensur formal aufgehoben wurde, unterlag die Zeitung der Kontrolle durch die Machthaber. Neben der Einflussnahme auf die Redaktion war vor allem die Zuteilung von Papier und Druckkapazitäten ein wesentliches Druckmittel.Peter Strunk: Pressekontrolle und Propagandapolitik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Würde eines Doktors der Philosophie am Fachbereich Geschichtswissenschaften der Freien Universität Berlin, 1989, S. 202, mit Verweis auf eine Redaktionelle Mitteilung in Neue Zeit vom 20. Dezember 1947, S. 1, sowie Wilhelm Gries „Unter sowjetischer Zensur“, S. 160. Bereits frühzeitig durften westliche Nachrichtenagenturen nicht mehr verwendet werden. Das spätere Zentralorgan Neue Zeit war die auflagengrößte Tageszeitung innerhalb der CDU-Tagespresse, die insgesamt mit rund 180.000 angegeben wurde.dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert, Bd. 1, München, Köln (1974), Stichwort: Christlich-Demokratische Union (Ost), ISBN 3-423-03126-3, S. 142f. Eine verbürgte Auflagenzahl aus dem Jahr 1981 nennt für die Neue Zeit (A-Republik- und B-Berlin-Ausgabe) insgesamt 86.100 Stück.Sebastian Stude: Die CDU in der späten DDR, Übersicht aller Tageszeitungen der CDU mit Verbreitungsgebiet DDR-Bezirke und Auflagenhöhe. In: Forscher- und Diskussionskreis DDR-Geschichte. „hefte zur ddr-geschichte“ 114. Berlin 2009, S. 7.

Die Neue Zeit versprach in ihrer ersten Ausgabe , auf der sich die Leser ihre Meinung selbst bilden könnten. Chefredakteur Emil Dovifat forderte im Leitartikel die Leser zu „Kritik“ und „Anregung“ auf, jedoch mit der Bitte Dovifat nahm dabei Bezug auf den Gründungsaufruf der CDU, welcher der Erstausgabe der Neuen Zeit beigelegt worden war, und formulierte nicht zuletzt mit Blick auf die Nachkriegssituation: Leitartikel „Unsere Zeitung NEUE ZEIT“ mit dem Kürzel „D.“ Als Zeitungswissenschaftler war ihm bewusst, dass es Aufgabe von Redaktion und Verlag sein musste, , damit das neue Zeitungsprojekt gelingen konnte. Bereits am 10. Juli 1945 wurde Emil Dovifat erster Chefredakteur für die Neue Zeit. Im Oktober 1945 erzwangen die Besatzungsbehörden seine Entlassung. Offiziell wurden ihm Veröffentlichungen im Dritten Reich vorgeworfen. Sein Nachfolger als Chefredakteur, Rudolf Pechel, sah sich bereits kurz darauf mit einem besonders dreisten Eingriff der sowjetischen Zensur konfrontiert. Am 21. Dezember 1945 wurde die Zeitung gezwungen, auf der Titelseite einen von der SMAD formulierten Artikel über die Entfernung von Andreas Hermes aus dem Vorstand der CDU zu drucken. Dieser nicht wahrheitsgemäße Artikel wurde ohne Hinweis auf den Autor als Artikel der Redaktion gedruckt. Auch wenn es Jakob Kaiser gelang, später eine Gegendarstellung durch die Zensur zu bekommen, sah Pechel keine Basis mehr für eine Weiterarbeit.Siehe Biographie in Datenbank Er wechselte in den Westen und übergab die Funktion als Chefredakteur seinem bisherigen Stellvertreter Wilhelm Gries. Otto Nuschke, Mitbegründer der CDU 1945 in Berlin sowie Nachfolger des Verlagsdirektors Hermann Katzenberger und Lizenzträger nach dem Ausscheiden des Chefredakteurs Wilhelm Gries am 20. Dezember 1947,Müller-Enbergs, Wielgohs/Hoffmann: Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon. Stichwort Nuschke. ISBN 3-8289-0552-8, S. 631 f. führte im Interesse des UNION-Verlages und der Redaktion Neue Zeit am 25. Dezember 1947 mit den . Kratin war SMAD-Verbindungsoffizier zur Ost-CDU und letzterer Hauptzensor nach Beendigung der Vorzensur von Neue Zeit.Am 28. Dezember 1947 füllte Otto Nuschke das Verlags-Formular „Quittung und Verwendungsbescheinigung“ mit diesen Angaben aus und dem Zusatz, dass die „obigen Herren mit Frauen“ seine Einladung wahrgenommen hatten und ihm dadurch Kosten im „Betrage von RM 1100,–“ entstanden, deren Erstattung er mit seinem Kürzel am 31. Dezember desselben Jahres quittierte.

Chefredakteure Im Laufe der Jahrzehnte wurden weitere Chefredakteure von der Ost-CDU eingesetzt oder berufen: Walter Klein(-Reckard) (* 1890; † 1984)Biographie Angaben aus dem Handbuch „Wer war wer in der DDR?“: von Dezember 1947 bis Februar 1950;Martin Broszat, Hermann Weber (Hrsg.): SMAD-Handbuch. Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945–1949. München 1990, ISBN 3-486-55261-9, Stichwort: Klein-Reckard, S. 948, Spalte 1. Alwin Schaper (* 1898; † 1979)Kurz-Biographie Bundesstiftung Aufarbeitung, Biographische Datenbanken: Alwin Schaper 1950 bis 1961; Hermann Kalb (* 1924; † 2011) von 1961 bis 1971 Kurz-Biographie Bundesstiftung Aufarbeitung Biographische Datenbanken: Hermann Kalb; Karl-Friedrich Fuchs (1921–1998)Kurz-Biographie Bundesstiftung Aufarbeitung, Biographische Datenbanken: Karl-Friedrich Fuchs 1971 bis 1973; Hans (eigentlich Johannes) Zillig (* 1934; † 2007)Kurz-Biographie Bundesstiftung Aufarbeitung, Biographische Datenbanken: Johannes (Hans) Zillig von 1973 bis 1977; Dieter Eberle (* 1927; † 1994)Kurz-Biographie Bundesstiftung Aufarbeitung, Biographische Datenbanken: Dieter Eberle von 1977 bis 1989; Hans-Joachim Koppe (* 1934; † 2013).

In der Redaktionshierarchie standen die stellvertretenden Chefredakteure an zweiter Stelle, konnten aber durch ihre teilweise gleichzeitig ausgeübte Funktion als Chef vom Dienst und Mitglied des Redaktionskollegiums einen nicht unerheblichen Einfluss auf den spezifischen Inhalt der Zeitung nehmen: Karl Brammer (1945–1947),J. B. Gradl: Anfang unter dem Sowjetstern. Die CDU 1945–1948 in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Köln 1981, ISBN 3-8046-8584-6, S. 139, 141 Gerhard FischerMitglieder des Hauptvorstandes der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands. Hrsg.: Sekretariat des Hauptvorstandes der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (1987), S. 13.Kurz-Biographie Bundesstiftung Aufarbeitung, Biographische Datenbanken: Gerhard Fischer (1954 bis 1956), Karl-Friedrich Fuchs (1957 bis 1961), Günter Wirth (1961 bis 1963),Mitglieder des Hauptvorstandes der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands. Hrsg.: Sekretariat des Hauptvorstandes der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (1987), S. 66.Kurz-Biographie Bundesstiftung Aufarbeitung, Biographische Datenbanken: Günther Wirth Dieter Eberle (1964 bis 1974)Mitglieder des Hauptvorstandes der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands. Hrsg.: Sekretariat des Hauptvorstandes der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (1987), S. 11. und Karl Bongardt (1964–1971)Neue Zeit, 30. September 1964, S. 2 und Neue Zeit, 30. November 1971, S. 2 [Impressum], Hans-Joachim Koppe (1974 bis 1989) und Hans Güth (1974Impressum in Neue Zeit, 4. September 1974, S. 2.–1985; ab 1. Januar 1986 Eva Gonda).

Im Rahmen der weiteren, massiven Umwandlung der Ost-CDU in eine Blockpartei erfolgte auch die Gleichschaltung der Neuen Zeit. Am 19. Dezember 1947 wurde Chefredakteur Wilhelm Gries (zeitgleich mit der Absetzung von Jakob Kaiser und Ernst Lemmer als Vorsitzende der Ost-CDU) von der Sowjetischen Militäradministration entlassen. Gries flüchtete nach Westberlin und wurde dort Chefredakteur der Zeitung Der Tag, die von Kaiser herausgegeben wurde.Peter Strunk: Zensur und Zensoren – Medienkontrolle und Propagandapolitik unter sowjetischer Besatzungsherrschaft in Deutschland. 1996, ISBN 3-05-002850-5, S. 128–137. Dabei vertritt Andreas Morgenstern im Deutschland Archiv die Auffassung, dass das Blatt nach der Gründung der DDR zu einem „Verlautbarungsorgan der Ost-CDU“ absank.