Das Mährerreich (in der Fachliteratur auch Mährisches Reich, Großmähren, Altmähren oder mojmiridisches Mähren) war das frühmittelalterliche Herrschaftsgebilde der westslawischen Mährer, dessen Kerngebiet sich in der historischen Region Mähren und der heutigen Slowakei befand. Seine Machtzentren bildeten die Städte Mikulčice, Staré Město und Nitra.Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 177–178. Das Mährerreich, welches das erste bedeutende slawische Staatswesen darstellte,Großmähren und die Slawen an Elbe und Ostsee. In: Wolfgang Hermann Fritze et al.: Frühzeit zwischen Ostsee und Donau: Ausgewählte Beiträge zum geschichtlichen Werden im östlichen Mitteleuropa vom 6. bis zum 13. Jahrhundert. Duncker & Humblot, 1982, S. 109. bestand in unterschiedlicher Ausdehnung vom 9. Jahrhundert bis Anfang des 10. Jahrhunderts und wurde in dieser Zeit von der Mojmiriden-Dynastie regiert.
Bedeutung Von großer kultureller Bedeutung war das Mährerreich im Zusammenhang mit dem Wirken der byzantinischen Gelehrten und Priester Kyrill und Method, welche 863 in Mähren als erstem slawischen Land die von ihnen auf Basis der glagolitischen Schrift kodifizierte altslawische Sprache als Liturgiesprache einführten. Diese altslawische Schriftkultur gelangte ab 886 ins Bulgarische Reich, wo auch der Übergang zur kyrillischen Schrift erfolgte, und verbreitete sich darüber hinaus zu den Serben, Kroaten sowie, an der Wende zum 11. Jahrhundert und dann bereits überwiegend in Gestalt der Kyrilliza, in die Kiewer Rus.
Das Mährerreich wird heute insbesondere von der Slowakei als eine Art früher Vorläuferstaat angesehen. In gewissem Maße trifft dies auch auf Tschechien zu, da Mähren, welches dem westlichen Teil des Mährerreichs entspricht, 1019 zu Böhmen kam. Die Verfassung der Slowakischen Republik bezieht sich in ihrer Präambel explizit auf das „geistige Erbe von Kyrill und Method und das historische Vermächtnis des Großmährischen Reiches“.Verfassung der Slowakischen Republik vom 1. September 1992 (Gesetz Nr. 460/1992). Deutsche Übersetzung auf slov-Lex.sk.
Name In Bezug auf die korrekte Bezeichnung des frühmittelalterlichen mährischen Staates herrscht unter Historikern Uneinigkeit. Der vor allem in der tschechischen und slowakischen Geschichtsschreibung am weitesten verbreitete, in zeitgenössischen Quellen des 9. Jahrhunderts jedoch unbekannte Begriff „Großmähren“ bzw. „Großmährisches Reich“ wurde von der griechischen Bezeichnung ἡ μεγάλη Μοραβία des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. abgeleitet, welcher diese Mitte des 10. Jahrhunderts in seinem Werk De Administrando Imperio verwendete. Kaiser Konstantin verwendete diesen Begriff jedoch weder in Bezug auf die damalige Größe des mährischen Staates noch für dessen Macht. In der Geschichtsschreibung hat sich der Begriff jedoch genau in diesem Verständnis eingebürgert.Třeštík: Počátky Přemyslovců, 263.
Die deutsche und österreichische Historiographie steht diesen Bezeichnungen kritisch gegenüber oder lehnt sie ganz ab. Favorisiert werden die Begriffe Mähren oder Mährerreich. So schreibt der renommierte österreichische Mediävist Herwig Wolfram:
Auch Eric J. Goldberg lehnt in seiner Studie „Ludwig der Deutsche und Mähren“, welche vom renommierten deutschen Mediävisten Wilfried Hartmann im Sammelband „Ludwig der Deutsche und seine Zeit“ herausgegeben wurde, die Begriffe „Großmähren“ bzw. „Großmährisches Reich“ ab:
Die nationalistische Interpretation des Namens als ein „Imperium“ wurde wissenschaftlich vollkommen diskreditiert.Nora Berend, Przemyslaw Urbanczyk, Przemysław Wiszewski: Central Europe in the High Middle Ages: Bohemia, Hungary and Poland, c.900–c.1300. Cambridge University Press 2013, S. 57.
Der tschechische Historiker Martin Wihoda verwendet in seiner 2010 zur frühmittelalterlichen mährischen Geschichte erschienenen Monographie fast ausschließlich die Bezeichnung „Altmähren“ (Stará Morava).siehe Wihoda: Morava v době knížecí Britische und amerikanische Historiker wie Paul M. Barford, Eric J. Goldberg und Alexis P. Vlasto verwenden in ihren Arbeiten ausschließlich die Bezeichnung „Mähren“ (Moravia).siehe Barford: The Early Slavs, Goltberg: Struggle for Empire und Vlasto: The Entry of the Slavs. Die slowakische Historiographie hält unterdessen an der traditionellen Bezeichnung „Großmähren“ (slowakisch: Veľká Morava) fest.siehe dazu das Standardwerk von Ján Steinhübel: Nitrianské kniežatstvo. Der Begriff „Mährerreich“ wird vom verstorbenen führenden Experten der mährischen Geschichte, dem Historiker Lubomír E. Havlík, als die korrekte Bezeichnung für das mährische Staatsgebilde angesehen – als „Ergebnis einer Expansion der Mährer, der sich formierenden frühmittelalterlichen mährischen Nation“.Havlík: Svatopluk Veliký, S. 45. In jüngeren Studien tschechischer und slowakischer Historiker wird der Begriff „Großmähren“ ebenfalls zunehmend kritisiert, und die Verwendung der Bezeichnung „mojmiridisches Mähren“ (mojmírovská Morava) als neutralere Alternative vorgeschlagen.So der slowakische Historiker Miroslav Lysý, vgl. Peter Morvay: Podcast: Veľká Morava existovala len krátko a určite nebola slovenská [= Podcast: Großmähren existierte nur kurz und war sicher nicht slowakisch]. In: Denník N, 22. Dezember 2017, abgerufen am 14. Juni 2022; in einer aktuellen Studie auch Jan Steinhübel: Veľká Morava a slovanský svet [= Großmähren und die slawische Welt]. Veda / Historický ústav SAV, Bratislava 2024, S. 70.
Die zeitgenössischen lateinischen Quellen erwähnen den mährischen Staat als das „Mährerreich“ (Regnum Marahensium, Regnum Marahaorum, Regnum Marauorum, Regnum Margorum), die „Mährerreiche“ (pl. Regna Marahensium), „Mährisches Land“ (terra Maraouorum) oder einfach als „Mähren“ (Marawa, Marauia, Maraha). Daneben sind noch die Bezeichnungen „Reich des Rastislav“ (Regnum Rastizi) und „Reich des Svatopluk“ (Regnum Zwentibaldi) überliefert. In den Aufzeichnungen arabischer Händler wird das Land als „Mähren“ (M.ráwa.t) bezeichnet. Die altslawischen Quellen sprechen von dem „Mährischen Land“ (Moravьska země), den „Mährischen Ländern“ (pl. Moravьskyję strany), dem „Mährischen Gebiet“ (Moravьska oblastь), den „oberen Mähren“ (pl. vyšnęję Moravy) oder nur von „Mähren“ (Morava, Marava, Murava).Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 354–355.
In der slowakischen Geschichtsschreibung versuchen manche ultranationalistischen Historiker (zum Beispiel Milan Stanislav Ďurica) das Mährerreich als einen slowakischen Staat darzustellen und verwenden die Bezeichnung „Slowakisches Reich“ (slowakisch: Slovenská ríša).siehe Milan S. Ďurica: Dejiny Slovenska, S. 44–45. Diese Interpretation wird jedoch vom Historischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften entschieden abgelehnt.Frank Hadler: Das Großmährische Reich: tschechoslowakischer oder slowakischer Ur-Staat? Deutungskämpfe im 20. Jahrhundert. In: Dietmar Willoweit, Hans Lemberg (Hrsg.): Reiche und Territorien in Ostmitteleuropa: Historische Beziehungen und politische Herrschaftslegitimation. Oldenbourg Verlag, 2006, S. 360.
Geschichte Entstehung mini|Fundamente der mährischen Burganlage in Mikulčice mini|Die mährische Burg Devín in der heutigen Slowakei mini|Sphärisches Gombiki aus dem Archäologischen Park Mikulčice Wann genau sich der slawische Stamm der Mährer bildete, ist unbekannt. Der tschechische Historiker Dušan Třeštík vermutet, dass sich die Mährer wahrscheinlich gemeinsam mit den anderen slawischen Stämmen an der Wende des 6. Jahrhunderts zum 7. Jahrhundert formierten.Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 270. Schriftliche Zeugnisse über die Slawen nördlich der Donau, in der historischen Region Mähren und der Slowakei, beginnen erst im Jahr 822, allerdings lässt sich deren Geschichte schon im 8. Jahrhundert anhand bedeutender archäologischer Quellen zurückverfolgen. Zu dieser Zeit kristallisierten sich entlang des Flusses March (slawisch: Morava) mehrere Zentren heraus, so die Burganlagen in Mikulčice, Staré Město und Olmütz, die das weitreichende Gebiet Mährens beherrschten. Auf dem Gebiet der heutigen Slowakei gab es mit Ausnahme der Zentren an der March im 8. Jahrhundert noch keine weiteren Burganlagen.Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 107. Diese entstanden erst zur Wende des 8. zum 9. Jahrhundert, nachdem die heutige Westslowakei ausgehend von den Zentren an der March vom Einfluss der Awaren befreit wurde. Zu den bedeutendsten Burganlagen auf slowakischem Gebiet gehörten Devín und Nitra.Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 109 u. 112. Im Jahr 796 wurde das Gebiet der Mährer dem Bistum Passau unterstellt, um das Jahr 800 erfolgte der Bau der ersten christlichen Kirchen.Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 268. Irgendwann zwischen 817 und 822 erkannten die Mährer die Souveränität des bayerisch-fränkischen Königs Ludwigs des Deutschen über ihr Gebiet an, und 822 nahmen ihre Boten am Landtag in Frankfurt teil.Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 125. Die Bindung an das Ostfrankenreich scheint aber recht schwach entwickelt gewesen zu sein und umfasste möglicherweise neben den Tributzahlungen keine politische und militärische Gefolgschaft, worauf mehrere kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Mährern und Ostfranken im weiteren Verlauf des 9. Jahrhunderts hindeuten.Martin Wihoda: After Avars: The Beginning of the Ruling Power on the Eastern Fringe of Carolingian Empire In: Rulership in Medieval East Central Europe. Power, Rituals and Legitimacy in Bohemia, Hungary and Poland. Brill, Leiden, Boston 2022, ISBN 978-90-04-50011-2. S. 66.
Das genaue Datum der mährischen Staats- bzw. Reichsgründung ist umstritten. Dušan Třeštík geht davon aus, dass der mährische Staatswerdungsprozess ca. 790 einsetzte und um etwa 831 unter dem mährischen Fürst Mojmir I. (um 830–846) abgeschlossen war. Nachdem er die Mährer unter seiner Herrschaft vereint hatte, setzte Mojmir 831 eine christliche Massentaufe der mährischen Führungsschicht durch und ging ab 833, als er den profränkischen mährischen Lokalfürsten Pribina aus Nitra vertrieb, auf Konfrontationskurs zum Fränkischen Reich.Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 107, Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 271, Goldberg: Struggle for Empire, S. 138. In der früheren Geschichtsschreibung galt traditionell das Jahr 833 als das eigentliche Gründungsdatum „Großmährens“. Im slowakischen Standardwerk zum Thema Nitrianske kniežatstvo vertritt der Historiker Ján Steinhübel die These, auf dem Gebiet der heutigen Slowakei und Teilen Nordungarns hätte in den Jahren 805 bis 833 ein unabhängiges Fürstentum Nitra bestanden, das erst 833 von Mojmir I. an dessen Mährerreich angegliedert worden sei. Durch den Zusammenschluss dieser beiden Staatsgebilde sei dann der neue großmährische Staat entstanden. Diese Behauptung wird jedoch von führenden tschechischen und britischen Historikern abgelehnt,Havlík: Kronika o Velké Moravě, S. 103, Třeštík: Vznik Velké Moravy, S. 131, Třeštík: Počiatky Přemyslovců, S. 271; Vlasto: The Entry Slavs, S. 24. zumal Steinhübel seine These weder mit schriftlichen noch archäologischen Quellen belegt.Rezension zu Steinhübels Arbeit von Beata Pinterová, In: Südost-Forschungen 67, Bratislava 2008, S. 17. (PDF; 483 kB)