mini|Auskultatorische Blutdruckmessung
Bei der Blutdruckmessung ermittelt man mit Hilfe eines technischen Verfahrens den Druck in einem Blutgefäß. Man unterscheidet die Messung des arteriellen Drucks, des venösen Drucks (z. B. des zentralen Venendrucks) sowie die Messung in der Lungenschlagader (pulmonalarterieller Druck) und im Lungenkapillargebiet (pulmonalkapillärer Druck). Während die meisten Messungen spezielle Untersuchungsverfahren benötigen, spielt die Messung des arteriellen Druckes eine wichtige Rolle im medizinischen Alltag, da diese leicht durchführbar ist.
Messung des Gefäßdrucks
Man unterscheidet die direkte (invasive, blutige) Druckmessung mittels eines Druckfühlers in einem Blutgefäß von der indirekten (nichtinvasiven, unblutigen) Messung nach Riva-Rocci, die mit Hilfe einer Druck-Manschette an einer Extremität durchgeführt wird. Eine direkte (invasive) Messung kann einen kontinuierlichen Druckverlauf liefern; eine nicht-invasive Messung liefert nur bestimmte, für den Blutdruck charakteristische Messwerte.
Invasive Druckmessung mini|Eine Blutdruckkurve der herznahen Gefäße mit Maximum (systolischer Blutdruck) und Minimum (diastolischer Blutdruck), Ordinate in mmHg angegeben
Bei der direkten, invasiven Blutdruckmessung wird ein Gefäß, meist eine periphere Arterie wie die Arteria radialis oder die Arteria femoralis, punktiert und ein Katheter eingebracht. Dieser wird mit einem Drucksensor verbunden, über welchen sich die arterielle Blutdruckkurve auf einem Monitor darstellen lässt. Weitere Kanülierungsmöglichkeiten sind die Punktion von Ellenarterie, Oberarmarterie oder Fußrückenarterie.H. Gilly, S. Fitzal: Prinzip und Praxis der invasiven arteriellen Druckmessung. In: Der Anaesthesist. Band 44, 1995, S. 931–952.Reinhard Larsen: Anästhesie und Intensivmedizin in Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie. (1. Auflage 1986) 5. Auflage. Springer, Berlin/Heidelberg/New York u. a. 1999, ISBN 3-540-65024-5, S. 124 f. Die Messung ist genau und bietet den Vorteil einer kontinuierlichen Überwachung. Zusätzlich bestimmt das Gerät beim arteriellen Druck die Herzfrequenz und den mittleren arteriellen Druck (MAP). Da die Methode invasiv ist, was mit dem Risiko von Blutungen, Infektionen und Nervenverletzungen einhergeht, wird sie vor allem von Anästhesisten zur Überwachung während einer Operation und auf Intensivstationen eingesetzt. Indikationen für die invasive arterielle Druckmessung sind kardiopulmonal kritisch kranke Patienten und große chirurgische Eingriffe an Herz, Gefäßsystem, Brustkorb, Leber oder Gehirn.
Auch im venösen System kann der venöse Druck mittels invasiver Messung bestimmt werden. So können auf diese Art der zentralvenöse Druck (ZVD, in der oberen Hohlvene) und im Rahmen einer letztlich analog ablaufenden Rechtsherzkatheteruntersuchung der pulmonalarterielle (in der Lungenarterie) Druck und andere Drücke im Bereich des rechten Herzens gemessen werden.
Nicht-invasive Druckmessung mini|Mechanisches Sphygmomanometer und Stethoskop. Bei der indirekten arteriellen Druckmessung wird der arterielle Druck mit Hilfe eines Blutdruckmessgerätes gemessen. Bei der ersten Messung sollte dies an beiden Oberarmen durchgeführt werden. Alle folgenden Messungen sollten an dem Arm mit dem höheren Wert gemessen werden, bei größeren Abweichungen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie (PDF; 5,5 MB), Version 1.0, AWMF-Register-Nr. nvl-009, S. 15 Während diese Art der Messung weniger genau ist als die invasive, machen die leichte, schnelle, risikoarme und kostengünstige Durchführung sie meistens zum Mittel der Wahl. Diese Methode gilt als Goldstandard für die Erkennung und Beurteilung des Schweregrades einer arteriellen Hypertonie.
Folgende Messverfahren sind gebräuchlich (siehe auch Blutdruckmessgerät): Die manuelle Messung kann auskultatorisch, palpatorisch und oszillometrisch durchgeführt werden. Die Werte der einzelnen Methoden weichen leicht voneinander ab.
Es gibt auch automatische Geräte für Einzel- und für Langzeitblutdruckmessung (Ambulantes Blutdruckmonitoring ABDM). Bei der Langzeitmessung trägt der Patient in der Regel 24 Stunden lang eine Oberarm-Manschette und ein Gerät, das die Manschette in festgelegten Intervallen automatisch aufpumpt und die Mess-Ergebnisse aufzeichnet.
Wichtig ist, dass die Manschette während des gesamten Vorgangs auf Herzhöhe gehalten wird; dies ist insbesondere bei Handgelenkgeräten zu beachten.
Auskultatorische Messung mini|Prinzip der auskultatorischen Blutdruckmessung anhand der Korotkow-Geräusche mini|Langzeit-Blutdruckmessung am Oberarm unter Verwendung eines digitalen Messgerätes mit Klett-Manschette
Hier, bei der traditionellen Messung (häufig mit RR (nach Riva-Rocci), seltener „NIBP“, non-invasive blood pressure, abgekürzt), wird eine Druckmanschette geeigneter Länge und Breite am Oberarm bis oberhalb des erwarteten arteriellen Druckes aufgeblasen. Beim langsamen Ablassen kann man das Auftreten und danach das Wieder-Verschwinden eines Korotkow-Geräusches mit Hilfe eines Stethoskops über der Arterie des Armes hören (auskultieren). Der Druck, der bei erstmaliger akustischer Wahrnehmbarkeit des Geräusches auf der Skala des Messgerätes abgelesen werden kann, heißt systolischer (oberer) arterieller Druck. Der Druck wird mit geeigneter Geschwindigkeit weiter abgelassen. Unterschreitet der Manschettendruck den minimalen arteriellen Druckwert, verschwindet das Geräusch. Dieser Wert heißt diastolischer (unterer) Druck.
Angenommen wird dabei, dass der Blutdruck zu den beiden Zeitpunkten ähnlich groß ist wie der Luftdruck in der Manschette.
Oszillometrische Messung mini|Die oszillographischen Amplituden mit zugehörigen Blutdruck-Werten werden während des Druckablassens gespeichert. Der Hersteller benutzt empirisch ermittelte Relativwerte zum Maximalwert (zur Veranschaulichung 0,65 für den syst. RR und 0,8 für den diast. RR) Dann werden mittels eines Algorithmus die Amplituden vor Erreichen des Höchstwertes zum Maximalwert in Relation gesetzt s/a = 0,65 um so auf den systolischen Wert zu schließen, Das Gleiche gilt für den diastolischen Wert d/a = 0,8. Nach vollständigem Druckablassen können dann die Druckwerte zurück ermittelt und angezeigt werden. Bei automatischen Geräten muss i. d. R. die Manschette genau wie bei der konventionellen Methode am Oberarm (oder Handgelenk) angelegt werden und soweit automatisch aufgeblasen werden, bis die Armarterie ganz komprimiert wird. Dieser suprasystolische Druck liegt i. d. R. 20–40 mmHg oberhalb des systolischen Wertes. Über ein Ventil wird der Druck dann langsam dosiert abgelassen. Die Herzaktionen erzeugen volumetrische Schwankungen in der Armarterie, welche in Druckschwankungen (Oszillationen) in der aufgeblasenen Manschette transformiert werden. Diese werden über das Schlauchsystem in das Gehäuse geleitet und von einem elektronischen Drucksensor erfasst. Die Oszillationen werden über Filter abgetrennt und ihnen wird digital eine Hüllkurve verpasst und mit dem aktuellen Manschettendruck in Relation gesetzt. Ein Algorithmus (der i. d. R. ein Geschäftsgeheimnis des Herstellers ist und sich auf mittlere Parameter der Nutzerpopulation bezieht) schätzt nun systolischen und diastolischen Blutdruck. Bei mehreren tausend Herstellern weltweit gibt es ebenso viele Algorithmen. Ein Beispiel mit fiktiven Relationen siehe Abbildung. Es ist bekannt, dass oszillometrische Verfahren den aortalen systolischen Druck unterschätzen, sogar noch etwas mehr als beim Quecksilber-Sphygmomanometer. Ebenso wird der diastolische Druck überschätzt. Dennoch haben solche Geräte in der klinischen Praxis wie auch im Heimanwendung Einzug gehalten und werden in großen Blutdruck-Studien meist eingesetztJ. E. Sharman et al.: Automated ‘oscillometric’ blood pressure measuring devices: how they work and what they measure. In: J Hum Hypertens. Band 37, 2023, S. 93–100; .. Die Methode wird auch bei der Langzeit-Blutdruckmessung verwendet, indem sich die Manschette automatisch repetitiv aufpumpt, was allerdings den Nachtschlaf beeinträchtigen kann (siehe Abbildung rechts).
Palpatorische Messung Bei der palpatorischen Messung wird eine Druckmanschette am Oberarm angelegt. Beim Ablassen des Druckes wird der Puls an der Arteria radialis getastet. Der Druck, der beim erstmals getasteten Puls auf der Skala des Messgerätes abgelesen werden kann, entspricht ungefähr dem oberen, systolischen arteriellen Druckwert. Der diastolische Wert kann auf diese Weise nicht ermittelt werden. Das Verfahren bietet sich für z. B. laute Umgebungen, insbesondere im Rettungsdienst, an. Noch ungenauer ist die palpatorische Messung ohne Druckmanschette, bei der mit zwei Fingern die Speichenarterie getastet wird, mit dem herznäheren Fingern das Blutgefäß soweit komprimiert wird, bis mit dem herzferneren Finger kein Puls mehr zu spüren ist. Die dabei vom herznäheren Finger ausgeübte Kraft ist ein ungefährer Anhaltspunkt für den Blutdruck.
Maßeinheit und Messgenauigkeit Die übliche Einheit Millimeter-Quecksilbersäule (abgekürzt mmHg, synonym mit Torr, 1 Torr ≈ 133,322 Pascal) ist in der Europäischen Union, 1979, S. 11. und in der SchweizEinheitenverordnung der Schweiz, 1994, 7. Abschnitt (dort ohne Bindestrich geschrieben) gesetzlich geregelt.
Für das Inverkehrbringen von Blutdruckmessgeräten muss deren Sicherheit und Leistung gemäß der europäischen europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) nachgewiesen werden. Für nichtinvasive Manschetten-Blutdruckmessgeräte beschreibt die ISO-81060-Reihe den Stand der Technik hinsichtlich technischer Genauigkeitsanforderungen und klinischer Validierung.
ISO 81060-2 beschreibt insbesondere die Validierung automatischer Blutdruckmessgeräte gegenüber einer auskultatorischen Referenzmessung. Nach ISO 81060-2 wird die Leistungsfähigkeit des vollständigen Messsystems in einer klinischen Validierungsstudie nachgewiesen. Hierzu darf die mittlere Abweichung gegenüber der Referenzmessung höchstens 5 mmHg betragen; die Standardabweichung der Messabweichung darf 8 mmHg nicht überschreiten.
Für invasive Blutdruckmesssysteme gelten andere Anforderungen. Die sicherheitstechnischen und leistungsbezogenen Anforderungen werden durch die Norm IEC 60601-2-34 beschrieben, welche unter anderem Anforderungen an die Genauigkeit des Druckmesssystems sowie dessen dynamisches Übertragungsverhalten festlegt.
Methodik und Fehlerquellen Methodik Eine halbe Stunde vor der Messung ist Sport, Essen, Kaffee oder Rauchen zu vermeiden. Die Messung sollte nach fünfminütiger Ruhe in einem stillen Raum und möglichst im Sitzen erfolgen. Die Druckmanschette muss korrekt gewählt sein und sich bei der Messung in Herzhöhe befinden. Bei Patienten, die Medikamente einnehmen, sollte vermerkt werden, wann die Messung bezogen auf die Medikamenteneinnahme durchgeführt wurde. Bei Differenzen zwischen beiden Armen sollte in der Folge die Messung am Arm mit dem höheren arteriellen Druck erfolgen. Zur Beurteilung der arteriellen Druckhöhe sollte der Mittelwert aus mehreren aufeinander folgenden Messungen genommen werden, bei diagnostischen Fragestellungen bei jedem Arztbesuch.Vgl. auch Leitlinien für die Prävention, Erkennung, Diagnostik und Therapie der arteriellen Hypertonie der Deutschen Hochdruckliga, .
Fehler beim Messen