Die Narkolepsie ist eine Hypersomnie zentralnervösen Ursprungs ohne Bezug zu schlafbezogenen Atmungsstörungen. Sie gehört zur Gruppe der Schlafsüchte, da ihr eine Störung der Schlaf-Wach-Regulation zu Grunde liegt. Im Volksmund wird die Erkrankung daher auch als „Schlafkrankheit“ oder „Schlummersucht“ bezeichnet. Ursächlich ist eine fehlgeleitete Immunreaktion gegen bestimmte Zellen des Gehirns, weshalb die Narkolepsie zu den Autoimmunerkrankungen gezählt wird. Narkolepsie Typ 1 beruht auf einem Mangel an Orexin-produzierenden Neuronen im posterolateralen Hypothalamus.
Es wird unterschieden in Narkolepsie mit Kataplexie („klassische Narkolepsie“), Narkolepsie ohne Kataplexie („monosymptomatische Narkolepsie“) und sekundäre Narkolepsie (u. a. bei strukturellen Läsionen des Hypothalamus oder oberen Hirnstamms bei Ischämie, Tumor oder Neurosarkoidose).
Die klassische Narkolepsie ist eine neurologische Erkrankung und durch die Hauptsymptome exzessive Tagesschläfrigkeit und Kataplexien charakterisiert. Betroffen sind dabei der Wachzustand, der NREM- und REM-Schlaf und deren Übergänge mit entsprechend vielschichtigen Symptomen. Auffällig sind zunächst die Einschlafattacken, die für die Betroffenen unwiderstehlich sind und zu denen es im Rahmen der exzessiven Tagesschläfrigkeit während des Tages kommen kann. Weiterhin kann bei den Kataplexien ein teilweiser oder vollständiger Verlust der Muskelspannung auftreten und so Stürze verursachen. Dieser Tonusverlust tritt bei vollem Bewusstsein auf und wird durch starke Emotionen ausgelöst.
Oft ist zudem der Nachtschlaf aufgrund hartnäckiger Durchschlafstörungen nicht erholsam, sodass zur Schläfrigkeit im Sinne von Einschlafneigung auch noch Schlafmangel hinzukommt. Aktuelle Studien untersuchen die Folgen des chronischen Schlafmangels bei Narkolepsiepatienten und dessen Auswirkungen auf den Stoffwechsel und auch auf das Körpergewicht.Geert Mayer: Narkolepsie. Taschenatlas Spezial. Thieme, Stuttgart 2006, S. 34 ff.S. M. Schmid, M. Hallschmid: Sleep to learn energy homeostasis. In: sfb654.uni-luebeck.de
Verbreitung In Deutschland leiden Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin (DGSM) zufolge rund 40.000 Menschen unter dieser Erkrankung (Prävalenz: ca. 26 bis 50 pro 100.000 bei einer hohen Dunkelziffer). Diagnostiziert davon sind laut den Aussagen des Forschers Geert Mayer ca. 4000 Menschen.
Krankheitsverlauf Hinsichtlich des ersten Auftretens der Symptome gibt es einen Mittelwert um das 25. Lebensjahr bei einer Häufung um das 15. und um das 35. Lebensjahr; doch kann die Erkrankung in jedem Lebensalter auftreten.Y. Dauvilliers, J. Montplaisir, N. Molinari, B. Carlander, B. Ondze, A. Besset, M. Billiard: Age at onset of narcolepsy in two large populations of patients in France and Quebec. In: Neurology. 2001; 57, S. 2029–2033. Auch Kinder sind davon betroffen. Erste klinische Symptome treten jedoch selten vor der Pubertät auf.
Dabei verschiebt sich die Symptomatik mit zunehmendem Alter meist von bevorzugt kataplektischen Erscheinungen in der Jugend zu vermehrtem Schlafdrang im fortgeschrittenen Alter. Exakte epidemiologische Studien fehlen allerdings.
Ursachen der Narkolepsie Untersuchungen aus dem Jahr 2004 wiesen auf einen Verlust des im Hypothalamus gebildeten Hypocretin, das Einfluss auf das Schlaf-, Ess-, Emotions- sowie Belohnungsverhalten hat, hin. Erst 2018 fand ein Schweizer Forschungsteam per Blutuntersuchung bei Narkoleptikern heraus, dass T-Lymphozyten des Untertyps CD4 (in manchen Fällen auch vom Untertyp CD8) gegen Hypocretin reagieren. Diese T-Zellen rufen eine Entzündung herbei, die Neurone zerstört, die für die Produktion von Hypocretin verantwortlich sind. Die Kombination des vorliegenden HLA-Allels DQB1*0602 Haplotyps sowie Umweltfaktoren, wie bestimmte Infekte oder Impfstoffe, müssen dabei vorliegen. Der genaue Mechanismus, der zur Zerstörung jener Neuronen führt, ist bisher unbekannt.(Stand: 18. Oktober 2018) Ursache der Schlafkrankheit aufgedeckt.
Neben dem Menschen ist die Erkrankung seit 1973 auch bei Hunderassen, z. B. Dobermann und Labrador, bekannt.M. M. Mitler, B. G. Boysen, L. Campbell, W. C. Dement: Narcolepsy-cataplexy in a female dog. In: Exp. Neurol. Band 45, Nr. 2, 1974, S. 332–340. Eine Arbeitsgruppe an der amerikanischen Stanford-Universität gibt an, dass eine Mutation des Hypocretin-2 Rezeptors die Ursache der Narkolepsie bei Hunden sei.L. Lin, J. Faraco, R. Li, H. Kadotani, W. Rogers, X. Lin u. a.: The sleep disorder canine narcolepsy is caused by a mutation in the hypocretin (orexin) receptor 2 gene. In: Cell. 1999; 98, S. 365–376. Parallel dazu wurde angegeben, dass sich die Krankheit durch Deletion des Prepro-Hypocretin-Gens bei Mäusen phänotypisch analog zu Mensch und Hund darstellt.R. M. Chemelli, J. T. Willie, C. M. Sinton, J. K. Elmquist, T. Scammel, C. Lee u. a.: Narcolepsy in orexin knockout mice: molecular genetics of sleep regulation. In: Cell. 1999; 98, S. 437–451. Menschen mit Narkolepsie zeigen entweder gar keine oder nur eine sehr geringe Konzentration von Hypocretin im Gehirn.S. Nishino, B. Ripley, S. Overeem, G. J. Lammers, E. Mignot: Hypocretin (orexin)deficiency in human narcolepsy. In: Lancet. 2000;355, S. 39–40. Inzwischen werden die Namen der Neuropeptide Hypocretin-1 und Hypocretin-2 nicht mehr so häufig verwendet, statt deren die Namen Orexin-1 bzw. Orexin-2.Marcel Hungs, Emmanuel Mignot: Hypocretin/orexin, sleep and narcolepsy. In: BioEssays. 2001 May; 23(5), S. 397–408. Die Narkolepsie weist sehr hohe Assoziationen zu einigen HLA-Allelen auf. Eine erbliche Komponente wird deshalb in der Forschung diskutiert, da etwa 88–98 % der Erkrankten mit Kataplexien das Allel HLA-DQB1*0602 tragen (d. h. einen bestimmten Blutfaktor auf den Leukozyten aufweisen, der in der Gesamtbevölkerung nur bei etwa 25 % aller Menschen zu finden ist). Weitere HLA-Allele korrespondieren ebenfalls mit der Narkolepsie (DRB1*1501, DRB5*0101,DQA1*0102), jedoch mit einer geringeren Häufigkeit.Genetics of Narcolepsy and other major sleep disorders. In: SWISS MED WKLY. 2005;135, S. 662–665. Nicht der Blutfaktor selbst scheint ursächlich zu sein. Vielmehr ist sein Genlocus dem des Gens der hypothetischen Narkolepsieursache wahrscheinlich nahe benachbart. Bei HLA-DQB1*0602-negativen Patienten findet sich gehäuft HLA-DQB1*0301. Dies korreliert mit einer Häufung von Teilsymptomen der Narkolepsie bei Familienmitgliedern der Erkrankten.
Bis Ende der 1990er Jahre wurde auf HLA-DR15 untersucht, wobei die Spezifität großen ethnischen Schwankungen unterliegt. Afroamerikaner weisen diesen Blutfaktor zu ca. 60 % auf, Japaner zu fast 100 %.
Über 1300 Fälle von Narkolepsie wurden offenbar durch die Schweinegrippe-Impfung durch Pandemrix ausgelöst. Weltweit sind bei 31 Millionen verabreichten Dosen des Impfstoffes 162 (Stand Januar/Februar 2011) Fälle von Narkolepsie in Verbindung mit der Impfung aufgetreten, vor allem bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 4 bis 19 Jahren.Ärztezeitung erwartet noch andere beeinflussende Faktoren für das Auftreten der Narkolepsie-Fälle. Die Ärzte ZeitungBehörden prüfen einen Zusammenhang mit der Impfung. Zeit OnlineGrippeimpfung: Wie Pandemrix eine Narkolepsie auslöst. Das Ärzteblatt In Schweden, wo sich Ende 2009 nach einem Impfaufruf der Regierung 60 % der Bevölkerung hatten impfen lassen, gab es mehrere hundert Verdachtsfälle, wovon 311 mit bis zu einer Million Euro entschädigt wurden. In Deutschland gibt es ca. 80 Verdachtsfälle.(Stand Mai 2016) https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/schweinegrippe-impfung-schweden-entschaedigt-narkolepsie-patienten-a-1092175.html Ursache der Erkrankung ist wahrscheinlich die molekulare Mimikry, da bei entsprechender genetischer Veranlagung der Impfstoff mit dem Neurotransmitter Hypocretin verwechselt werden kannA. K. De la Herran-Arita, B. R. Kornum, J. Mahlios, W. Jiang, L. Lin, T. Hou, C. Macaubas, M. Einen, G. Plazzi, C. Crowe, E. W. Newell, M. M. Davis, E. D. Mellins, E. Mignot: CD4+ T Cell Autoimmunity to Hypocretin/Orexin and Cross-Reactivity to a 2009 H1N1 Influenza A Epitope in Narcolepsy. In: Science Translational Medicine. 5, 2013, S. 216ra176–216ra176, doi:10.1126/scitranslmed.3007762.. Pandemrix könnte somit die Bildung von Antikörpern induziert haben, die nicht nur Bestandteile des Grippevirus erkennen, sondern versehentlich auch Bestandteile des menschlichen Organismus angreifen.Grippeimpfung: Wie Pandemrix eine Narkolepsie auslöst. Das Ärzteblatt Daten aus Peking und Taiwan deuten aber auch darauf hin, dass eine natürliche Infektion mit H1N1 offenbar Narkolepsie bei Kindern oder jungen Erwachsenen auslösen kann.
Die entdeckten spezifischen genetischen Faktoren, der beobachtete T-zelluläre Immunmechanismus und die Assoziation zu bestimmten Impfungen bekräftigen gemeinsam den Charakter der Narkolepsie als Autoimmunerkrankung.
Symptome Entsprechend den klinischen Symptomen wurde durch die Arbeiten von Yoss und Daily der Begriff der narkoleptischen Tetrade geprägt.R. E. Yoss, D. D. Daly: Criteria for the diagnosis of the narcoleptic syndrome. In: Proc Staff Meetings Mayo Clin. (1957); 32, S. 320. Dieser steht für die Kombination aus exzessiver Tagesschläfrigkeit, Kataplexien, Schlaflähmungen und hypnagogen Halluzinationen. Exzessive Tagesschläfrigkeit liegt bei etwa 95 % der Patienten vor, Kataplexien bei etwa 90 % der Patienten, Schlaflähmungen bei etwa 40 bis 50 % der Patienten und hypnagoge sowie hypnopompe Halluzinationen bei etwa 40 bis 50 % der Patienten. Alle vier Symptome der vollständigen Tetrade betreffen jedoch nur 15 bis 30 % der Patienten.
Daneben können weitere Symptome wie gestörter Nachtschlaf mit vielen Unterbrechungen und langen Wachliegezeiten und automatische Handlungen und Begleiterscheinungen wie ein erhöhter BMIA. Schuld, J. Hebebrand, F. Geller, T. Pollmächer: Increased body-mass index in patients with narcolepsy. In: The Lancet. 2001; 355, S. 1274–1275. und als Folge der Tagesschläfrigkeit Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen auftreten.
Die Symptomatik ist individuell sehr verschieden. Kaum ein Narkoleptiker weist alle Symptome in voller Ausprägung auf, in ihrer Ausprägung zwischen den verschiedenen Symptomen unterliegt die Narkolepsie großen individuellen Schwankungen. Meist lassen sich geringfügige Ausprägungen der übrigen Symptome erst bei sehr eingehenden Untersuchungen nachweisen. Schwierig ist es, eine Narkolepsie ohne Kataplexien zu diagnostizieren, da sie nur schwer von anderen Hypersomnien zu unterscheiden ist. Die uneinheitliche Symptomatik dürfte mit ursächlich für eine geringe Zahl gesicherter Diagnosen und einer hohen vermuteten Dunkelziffer sein.
Überdies kommen bei Narkoleptikern vermehrt weitere Schlaferkrankungen wie Non-REM- und REM-Parasomnien, Restless-Legs-Syndrom und schlafbezogene Atemstörungen vor.Birgit Frauscher, Birgit Högl: Narkolepsie – eine unterdiagnostizierte Erkrankung. In: Der Mediziner 12/2009, S. 14ff.
Etwa 70 % der Betroffenen geben an, nachts regelmäßig nicht durchschlafen zu können, und etwa 30 % stehen auf, um etwas zu essen oder anderen Aktivitäten nachzugehen. Bewegungen im Schlaf und die damit verbundenen Arousals tragen zur Fragmentierung des Schlafes bei Patienten mit Narkolepsie mit Kataplexie bei. Es kommt sowohl im REM-Schlaf als auch im NREM-Schlaf zu mehr und länger andauernden Bewegungen, an denen auch mehr Regionen des Körpers beteiligt sind.
Exzessive Tagesschläfrigkeit Das Symptom Schläfrigkeit, wegen seiner Ausprägung oft auch exzessive Tagesschläfrigkeit genannt, ist von Müdigkeit im Sinne von zu wenig Schlaf abzugrenzen. Trotz ausreichenden Schlafs besteht ganztägig eine Einschlafneigung. Die Tagesschläfrigkeit verändert sich dabei zirkadian-rhythmisch und in Abhängigkeit von Monotonie.S3-Leitlinie – Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen, Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), Springer-Verlag (2009), S. 84 ff.