Der Codex Sinaiticus (von Rahlfs bezeichnet als S, von Gregory-Aland bezeichnet als א oder 01) ist eine unvollständig erhaltene koine-griechische Vollbibel aus dem 4. Jahrhundert. Das Katharinenkloster am Fuß des Berges Sinai in Ägypten besaß den Codex bis 1869. Heute ist er auf vier Institutionen aufgeteilt: Der Großteil befindet sich in der British Library (Additional Manuscript 43725), ein kleinerer Teil in der Universitätsbibliothek Leipzig (Codex graecus I); das Katharinenkloster und die Russische Nationalbibliothek in Sankt Petersburg besitzen einzelne Blätter und Fragmente.
Der Codex Sinaiticus enthält zusätzlich zum Alten und Neuen Testament zwei frühchristliche Schriften: den Barnabasbrief und den „Hirten“ des Hermas. Erhalten blieben etwa die Hälfte des Alten Testaments, das gesamte Neue Testament, der Barnabasbrief ganz und ein Drittel vom „Hirten“. Da in den Codices Vaticanus und Alexandrinus Lücken bestehen, ist der Codex Sinaiticus das älteste vollständige Manuskript des Neuen Testaments. Unverwechselbar ist er durch sein großes Format mit vier Kolumnen pro Seite, durch die hohe Qualität des Beschreibmaterials Pergament und durch die zahlreichen Korrekturen, die über einen langen Zeitraum eingetragen wurden.
Konstantin von Tischendorf entdeckte 129 Blätter des Codex 1844 im Katharinenkloster. Die von ihm erzählte Fundgeschichte ist im Einzelnen nicht nachprüfbar. Demnach durfte er 43 Blätter als Geschenk nach Leipzig mitnehmen. Der Hauptteil des Codex, insgesamt 347 Blätter, wurde ihm 1859 ausgehändigt: einerseits nur leihweise, um davon eine Abschrift anzufertigen und sie zu publizieren, andererseits de facto dauerhaft im Vorgriff auf eine Schenkung des Codex durch die Sinaitische Bruderschaft der Mönche an den Zaren Alexander II. Nachdem diese Schenkung 1869 erfolgt war, blieb der Hauptteil des Codex in Sankt Petersburg. Die Sowjetregierung verkaufte ihn 1933 für 100.000 £ nach Großbritannien. Seitdem befindet sich dieser Teil des Codex in der British Library. Im Jahr 1975 kamen Neufunde im Katharinenkloster hinzu.
Das internationale Codex Sinaiticus Project erarbeitete seit 2006 eine umfassende kodikologische und paläographische Beschreibung sowie eine vollständige Transkription. Seit 2009 stehen alle bekannten Teile des Codex digitalisiert in hoher Qualität zusammen mit diesen Informationen im Internet zur Verfügung.
In diesem Artikel wird Text aus dem Codex Sinaiticus stets in der Transkription des Codex Sinaiticus Projects zitiert.
Codex Sinaiticus im Kontext des 4. Jahrhunderts Der Codex Sinaiticus gehört zusammen mit den Codices Vaticanus, Alexandrinus und Ephraemi RescriptusDer Codex Ephraemi hat als Palimpsest Lücken; das ursprüngliche Bücherarrangement ist nicht erhalten. zu einer kleinen Gruppe spätantiker Bibeln, die Altes und Neues Testament enthalten. Sie „spiegeln die seit der Zeit Konstantins [für Christen] … verfügbaren finanziellen Ressourcen und zugleich einen Bedarf an repräsentativen Textausgaben.“Peter Gemeinhardt: Geschichte des Christentums in der Spätantike. Mohr Siebeck, Tübingen 2022, S. 75. Aus der gesamten Periode der handschriftlichen Überlieferung sind nur sieben griechische Vollbibeln erhalten.David Parker: Codex Sinaiticus. Darmstadt 2012, S. 25. Kleinere Codices mit Bibelteilen – handlicher, praktischer und bezahlbarer – waren die Normalität.Martin Wallraff: Kodex und Kanon: Das Buch im frühen Christentum. De Gruyter, Berlin/Boston 2013, S. 38.
Sofern Vorschläge zum Herstellungsort des Sinaiticus gemacht werden, sind Caesarea Maritima (oder allgemein Palästina) und Alexandria (oder allgemein Ägypten) die Favoriten.David Parker: Codex Sinaiticus. Darmstadt 2012, S. 12; vgl. Christfried Böttrich: Codex Sinaiticus and the use of manuscripts in the Early Church. 2017, S. 470: “The balance of arguments inclines a little more to Caesarea.” Kirsopp Lake hielt Ägypten für wahrscheinlicher, weil der Sinaiticus mit der Mehrheit der ägyptischen Papyri in paläographischen und orthographischen Besonderheiten übereinstimme.Kirsopp und Helen Lake: Codex Sinaiticus Petropolitanus: preserved in the Imperial Library of St. Petersburg … photographed by Helen and Kirsopp Lake. With a description and introduction to the history, by Kirsopp Lake. Oxford 1911, S. x–xii. Eine paläographische Besonderheit ägyptischer Schreiber war nach Lakes Kenntnisstand vor allem das ankerähnliche Omega mit hochgezogenem Mittelbalken; eine orthographische Besonderheit die Schreibweise statt korrekt „Bett“. James Rendel Harris brachte Argumente für eine Herstellung des Sinaiticus in Caesarea.James Rendel Harris: The Origin of Codices א and B. In: Stichometry. Clay & Sons, Cambridge 1893, S. 71–89. (Digitalisat) Herbert J. M. Milne und Theodore C. Skeat, die 1938 das langjährige Standardwerk zur Kodikologie und Paläographie des Sinaiticus veröffentlichten, fanden ein weiteres Indiz im Sinaiticus-Text erster Hand von : Statt „in die Stadt Samarias“ () steht hier durch ein Schreiberversehen „in die Stadt Caesareas“ ().Herbert J. M. Milne, Theodore C. Skeat, Douglas Cockerell: Scribes and Correctors of the Codex Sinaiticus. London 1938, S. 68; Herbert J. M. Milne, Theodore C. Skeat: The Codex Sinaiticus and the Codex Alexandrinus, Oxford 1955, S. 21.
Hat der Leser den aufgeschlagenen Codex Sinaiticus vor sich, so sieht er auf einer Doppelseite acht schmale Kolumnen Text, umgeben von breiten Margen. Das erinnert optisch an eine geöffnete Schriftrolle von hoher Qualität. Harry Gamble urteilt, „dass ein solches Seitenlayout genau diesen Eindruck erwecken und auf diesem Wege seine Inhalte, die christlichen heiligen Schriften, als Literatur von hohem Wert und ‚klassischem‘ Status repräsentieren sollte. Es forderte Respekt sowohl für deren Alter als auch für deren kulturelle Autorität ein.“Harry Gamble: Codex Sinaiticus in Its Fourth Century Setting. London/Peabody 2015, S. 6. Ähnlich David Parker: Codex Sinaiticus, Darmstadt 2012, S. 24–27. Biblische Bücher in kostbarer Ausführung waren in christlichen Oberschicht-Kreisen des 4. und 5. Jahrhunderts als Statusobjekte beliebt, wie durch die Kritik von Johannes Chrysostomos und Hieronymus bekannt ist.Harry Gamble: Codex Sinaiticus in Its Fourth Century Setting. London/Peabody 2015, S. 12; vgl. Johannes Chrysostomos: Homiliae in Ioannem 32,187 (Online); Hieronymus, Epistulae 22,32 (Online) und 107,12 (Online). Gabriel Nocci Macedo bezeichnet den Codex Sinaiticus und den gleichfalls übergroßen Codex Vergilius Augusteus als antike Coffee Table Books, die Gäste beeindrucken sollten, aber zum Lesen unpraktisch waren.Gabriel Nocci Macedo: The Aesthetics of the Ancient Book between Materiality and Context. In: Jan Stellmann, Daniela Wagner: Materialität und Medialität: Grundbedingungen einer anderen Ästhetik in der Vormoderne (= Andere Aesthetik – Koordinaten, 5). De Gruyter, Berlin/Boston 2023, S. 119–142, hier S. 123 f. (Open Access) Bei diesem Szenario war es ein sehr reicher christlicher Kunde, der den Sinaiticus als Luxusbuch nach seinen Wünschen anfertigen ließ. Falls er damit vor allem repräsentieren wollte, war wichtig, wie das Buch aussah, weniger, wie gut der Text oder wie brauchbar die Beigaben waren.
Alternativ wird vermutet, dass die Herstellung des Codex Sinaiticus mit einem Großauftrag des Kaisers Konstantin († 337) an Eusebius († 339/340), den Bischof von Caesarea Maritima, in Zusammenhang steht. Eusebius zitierte aus einem Brief des Kaisers an ihn:
Skeat vertrat in mehreren Publikationen die Hypothese, dass der Sinaiticus dem kaiserlichen Auftrag entsprechend in Caesarea angefertigt worden sei; daraus folgt die zeitliche Ansetzung in die 330er Jahre. Eusebius habe die Codices in Gruppen von drei oder vier, so wie sie fertig wurden, nach Konstantinopel geschickt.Vgl. Eusebius von Caesarea: Über das Leben Konstantins (De vita Constantini) 4,37,1. Der Codex Sinaiticus sei als einer der ersten angefertigt worden, aber das große Format habe sich als Fehlgriff erwiesen. Um ressourcensparender zu arbeiten, habe das Skriptorium des Eusebius den großen Sinaiticus halbfertig in Caesarea zurückbehalten und kleinere Codices, darunter den Vaticanus, für Konstantinopel produziert.Theodore C. Skeat: The Codex Sinaiticus, the Codex Vaticanus and Constantine. 1999, S. 613 f. Ob ein antiker Quellentext in dieser Weise zur Interpretation zweier antiker Artefakte, Sinaiticus und Vaticanus, verwertbar ist, wird kontrovers diskutiert.Zur Diskussion vgl. beispielsweise David Parker: Codex Sinaiticus. Darmstadt 2012, S. 27–30; Luciano Bossina: Manuscripts, Papyri, and Epigraphy: Manuscripts of the Septuagint from Uncials to Minuscules. In: Alison G. Salvesen, Timothy Michael Law (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Septuagint. OUP, Oxford 2021, S. 145–164, hier S. 153 f.; ausführlich Michael Dormandy: Building a Book of Books, Berlin/Boston 2024, S. 25–42. Dieses Szenario stellt Sinaiticus und Vaticanus in einen offizielleren Kontext. In dem Maße, wie das Christentum von einer verfolgten zu einer kaiserlich geförderten Religion aufstieg, wurden demnach auch seine heiligen Schriften normiert. Allerdings unterscheiden sich Sinaiticus und Vaticanus nicht nur im Seitenlayout, sondern auch in der Auswahl und Anordnung der biblischen Bücher sowie im Text.
Kodikologie Beschreibmaterial mini|Skelettabdruck auf einem Pergament-Folio(BL, Add MS 43725, fol. 33 r.) Der ursprüngliche Umfang des Codex wird auf 730 Blätter (Folia) bzw. 365 in der Mitte gefaltete Bögen (Bifolia) geschätzt.Gavin Moorhead, Sara Mazzarino, Flavio Marzo, Barry Knight: A Physical Perspective of Codex Sinaiticus, London/Peabody 2015, S. 221. Erhalten sind 407 Blätter, die etwa 38 cm hoch und 34,5 cm breit sind.Codex Sinaiticus: Content; Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.): Codex Sinaiticus. Geschichte und Erschliessung der „Sinai-Bibel“, Leipzig 2007, S. 5. Sie waren ursprünglich etwas größer und wurden beim Buchbinden beschnitten. René Larsen analysierte im Rahmen des Sinaiticus Projects 28 Blätter mit gut erhaltener Follikelstruktur: 15 Blätter waren sicher aus Kalbshaut hergestellt, zwei aus Schafshaut, und die übrigen waren wahrscheinlich Kalbshaut oder sind unidentifizierbar.Gavin Moorhead, Sara Mazzarino, Flavio Marzo, Barry Knight: A Physical Perspective of Codex Sinaiticus, London/Peabody 2015, S. 222 f.
Nachdem die Häute in einem Säurebad eingelegt worden waren, ließen sich Haare und Fett abschaben. In nassem Zustand ausgespannt, wurden die Häute dann immer wieder abgeschabt. Dadurch entstand ein sehr feines und gleichmäßig dünnes (0,1–0,2 mm), helles Pergament von ausgezeichneter Qualität. Nur selten werden Rückenwirbel und Rippen des Tiers wie in einer Röntgenaufnahme sichtbar, wenn das Pergament von hinten beleuchtet wird (Foto). In solchen Fällen handelt es sich um die Haut eines kleinen Tiers. Eine Kalbshaut lieferte zwei Bifolia, die aus den Flanken geschnitten wurden. Die Tierhaut im Bereich von Hals, Wirbelsäule und Becken blieb ausgespart.Gavin Moorhead, Sara Mazzarino, Flavio Marzo, Barry Knight: A Physical Perspective of Codex Sinaiticus, London/Peabody 2015, S. 222 f.; David Parker: Codex Sinaiticus, Darmstadt 2012, S. 48–51.
Auch der Codex Vaticanus zeichnet sich durch sehr feines und dünnes Pergament aus; welche Tierhäute dafür verwendet wurden, ist nicht bekannt. Auffällig sind die zahlreichen Löcher, die bereits beim Prozess der Pergamentherstellung entstanden sind.Jesse Grenz: The Scribes and Correctors of Codex Vaticanus: A Study on the Codicology, Paleography, and Text of B(03). Dissertation, University of Cambridge 2021, S. 31. (Download) Solche Mängel sind im Codex Sinaiticus selten.
Lagen und Linierung