Der Neandertaler (wissenschaftlich: Homo neanderthalensis) ist ein ausgestorbener Verwandter des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens). Er entwickelte sich in Europa, parallel zum Homo sapiens in Afrika, aus einem gemeinsamen afrikanischen Vorfahren der Gattung Homo – dem Homo erectus – und besiedelte zeitweise große Teile Süd-, Mittel- und Osteuropas. Offensichtlich im Verlauf der letzten Kaltzeit erweiterten die Neandertaler ihr ursprünglich ausschließlich europäisches Siedlungsgebiet bis Westasien (Türkei, Levante, Nordirak), in Teile Zentralasiens (Usbekistan, Tadschikistan) und sogar bis in das Altai-Gebiet hinein. Die DNA-Sequenzierung des Neandertaler-Erbguts ergab Hinweise auf mehrfachen Genfluss zwischen Neandertaler und Homo sapiens.
Die Neandertaler stellten Werkzeuge aus Stein und Holz her und ernährten sich – je nach den Gegebenheiten der Umgebung – teils von Jagdbeute, teils von Pflanzen. Sie beherrschten das Feuer, konnten sich sprachlich verständigen und waren zur Symbolbildung fähig.Silvana Condemi, François Savatier: Der Neandertaler unser Bruder. 300.000 Jahre Geschichte des Menschen. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75076-2, S. 151.
Neandertaler-Funde seit der Eem-Warmzeit (vor ungefähr 130.000 Jahren) werden angesichts ihrer oft ausgeprägten anatomischen Merkmale als „klassische Neandertaler“ bezeichnet. Aufgrund zumindest vereinzelter Bestattungen ihrer Toten sowohl in Europa als auch in Westasien und des Ablegens von Toten in Höhlen ist Homo neanderthalensis neben Homo sapiens die fossil am besten überlieferte Art der Hominini. Es gibt derzeit unterschiedliche Theorien, warum die Neandertaler vor rund 40.000 Jahren ausstarben.
Namensgebung mini|hochkant|Der indirekte Namensgeber: Joachim Neander (1650–1680)
Die Bezeichnung „Neandertaler“ geht auf das Neandertal zurück, einen zwischen den Städten Erkrath und Mettmann gelegenen Talabschnitt der Düssel. Dort, im heutigen Land Nordrhein-Westfalen, wurde 1856 das Teilskelett eines Neandertalers gefunden, später Neandertal 1 benannt. Die wissenschaftliche Bezeichnung Homo neanderthalensis ist abgeleitet von lateinisch hŏmō [] „Mensch“, das Epitheton neanderthalensis verweist – wie die volkstümlichere Bezeichnung Neandertaler – auf den Fundort. Homo neanderthalensis bedeutet somit „Mensch aus dem Neandertal“. Indirekt geht die Bezeichnung somit auf Joachim Neander zurück, nach dem das „Neandertal“ benannt wurde. Holotypus von Homo neanderthalensis ist der Fund Neandertal 1.
Die Benennung des Fossils – und damit im Ergebnis auch des Taxons – als Homo neanderthalensis erfolgte 1864 durch den irischen Geologen William King.William King: The reputed fossil man of the Neanderthal. In: Quarterly Journal of Science. Band 1, 1864, S. 88–97 (Volltext als PDF; 348 kB). Bereits 1863 hatte King in einem Vortrag vor der Geologischen Sektion der British Association for the Advancement of Sciences nach Erörterung der Schädelform und ihrer Abweichungen von der Schädelform des modernen Menschen den Namen „Homo Neanderthalensis King“ eingeführt.William King: On the Neanderthal Skull, or Reasons for believing it to belong to the Clydian Period and to a species different from that represented by Man. In: British Association for the Advancement of Science, Notices and Abstracts for 1863, Part II. London, 1864, S. 81 f. (Volltext).William King: The Neanderthal Skull. In: The Anthropological Review. Band 1, Nr. 3, 1863, S. 393–394 (Volltext). Im deutschsprachigen Raum behielt hingegen Rudolf Virchow bis zu seinem Tod im Jahr 1902 mit seiner Fehlinterpretation von 1872 die Oberhand. Virchow – der damals bedeutendste deutsche Pathologe – hielt den Fund für einen krankhaft deformierten Schädel eines modernen Menschen und verwarf die These des „Urmenschen“.Der Irrtum des Rudolf Virchow. Vor 150 Jahren wurde der Neandertaler entdeckt. Auf: monumente-online.de, Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, November 2006.
Die unterschiedlichen Schreibweisen („neanderthalensis“ mit ‚th‘, Neandertaler nur mit ‚t‘) rühren daher, dass Mitte des 19. Jahrhunderts das „Neanderthal“ noch mit ‚th‘ geschrieben und diese Schreibweise seinerzeit ins Epitheton „neanderthalensis“ übernommen wurde. Gemäß den Internationalen Regeln für die biologische Nomenklatur werden als gültig anerkannte Artnamen nachträglich nicht mehr verändert. Die Orthographische Konferenz von 1901 legte in ihren Vorgaben für die künftige gemeinsame deutsche Orthographie aller deutschsprachigen Staaten hingegen fest, dass in heimischen Wörtern auf das bis dahin übliche ‚h‘ nach ‚t‘ grundsätzlich verzichtet werde (Tal statt Thal, Tür statt Thür, Teil statt Theil). Deshalb wurde die bis dahin übliche volkstümliche Schreibung („Neanderthaler“) in Neandertaler verändert.
Gestützt u. a. auf eine Anregung, die der britische Paläoanthropologe Bernard G. Campbell 1973 publizierte,Bernard G. Campbell: A new taxonomy of fossil man. In: Yearbook of Physical Anthropology. Band 17, 1973, S. 194–201. wurde der Neandertaler bis in die 1990er-Jahre nicht als eigene Art, sondern als Unterart von Homo sapiens angesehen und deshalb als Homo sapiens neanderthalensis bezeichnet, der anatomisch moderne Mensch als Homo sapiens sapiens. Diese Namensgebung unterstellte jedoch, dass gemäß der biologischen Nomenklatur der letzte gemeinsame Vorfahr als (archaischer) Homo sapiens zu bezeichnen wäre; tatsächlich gilt aber nach verbreiteter Sichtweise die in Afrika belegte Chronospezies Homo erectus als letzter gemeinsamer Vorfahre. Zudem hätten die Regeln der Nomenklatur zur Folge, dass – wie von Günter Bräuer empfohlen – u. a. die als Homo heidelbergensis klassifizierten Fossilien (Belege für ein evolutives Bindeglied zwischen Homo erectus und Neandertaler) ebenfalls in Homo sapiens umbenannt werden müssten.Günter Bräuer: Origin of Modern Human. In: Winfried Henke, Ian Tattersall (Hrsg.): Handbook of Paleoanthropology. Band 3. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 2007, ISBN 978-3-540-32474-4, S. 1772. Die Einordnung des Neandertalers als Unterart von Homo sapiens gilt daher derzeit als veraltet; es gibt unter Paläoanthropologen „eine zunehmende Akzeptanz, dass die Neandertaler morphologisch unverwechselbar sind“, weswegen sich in der Fachliteratur die Bezeichnungen Homo sapiens und Homo neanderthalensis durchgesetzt haben.Eintrag Homo neanderthalensis King, 1864. In: Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, S. 329, ISBN 978-1-4051-5510-6.
Funde mini|Im Neanderthal Museum (NRW): Eine Puppe zeigt einen Neandertaler in moderner Kleidung. Die Karte hinter ihm informiert über das mögliche Gebiet, in dem Neandertaler gelebt haben (grün).
In der aktuellen Fachliteratur wird überwiegend angenommen, dass Europa – lange vor der Einwanderung des Homo sapiens – von Abkömmlingen des afrikanischen Homo erectus besiedelt wurde: „Aus der europäischen Variante der Frühmenschen Homo erectus – Homo heidelbergensis genannt – gingen die Neandertaler hervor.“Friedemann Schrenk, Stephanie Müller: Die Neandertaler. Beck, München 2005, ISBN 3-406-50873-1, S. 43.
Die ältesten Belege für die Anwesenheit des Homo erectus außerhalb von Afrika sind Fossilienfunde aus Dmanissi in Georgien, die annähernd 1,85 Millionen Jahre alt sind. Die bislang ältesten Belege des Homo erectus in Europa stammen aus der Fundstätte Korolevo in der Ukraine; sie sind 1,42 Millionen Jahre alt. Rund 1,2 Millionen Jahre alt sind Fossilien aus der Höhle Sima del Elefante in Spanien.Eudald Carbonell et al.: The first hominin of Europe. In: Nature. Band 452, 2008, S. 465–469, doi:10.1038/nature06815. Aus der benachbarten Fundstätte Gran Dolina wurden zahlreiche, rund 900.000 Jahre alte Knochen geborgen, die von ihren spanischen Entdeckern als Homo antecessor und als die vermutlich direkten Vorfahren der Neandertaler bezeichnet wurden. Andere Forscher interpretieren diese Fossilien jedoch als Beleg für eine frühe Besiedelung Spaniens durch eine Population von Homo erectus, die später dort ausgestorben ist.Katerina Harvati: Neanderthals. In: Evolution: Education and Outreach. Band 3, Nr. 3, 2010, S. 368, doi:10.1007/s12052-010-0250-0.
Im Jahr 2006 waren insgesamt 400 Fossilfunde des Neandertalers aus Europa bekannt.Süddeutsche Zeitung. Nr. 154 vom 7. Juli 2006, S. 16. Allerdings gibt es auch Funde,Axel von Berg: Die Schädelkalotte eines Neandertalers aus dem Wannenvulkan bei Ochtendung, Kreis Mayen-Koblenz. In: Berichte zur Archäologie an Mittelrhein und Mosel. Band 5, 1997, S. 11–22.Stefan Flohr, Reiner Protsch von Zieten, Axel von Berg: Morphological analysis of the neanderthal calotte from Ochtendung, Germany. In: Human Evolution. Band 19, Nr. 1, 2004, S. 1–18, doi:10.1007/BF02438906.Axel von Berg, Silvana Condemi, Manfred Frechen: Die Schädelkalotte des Neanderthalers von Ochtendung/Osteifel - Archäologie, Paläoanthropologie und Geologie. In: E&G – Quaternary Science Journal. Band 50, Nr. 1, 2000, doi:10.23689/fidgeo-1389. die sich nachträglich als falsch datiert herausgestellt haben.Alles nur gefälscht? Warum ausgerechnet die Archäologie so anfällig für Betrug ist. Bericht in Die Welt vom 21. Januar 2025.So seien Schädel zur Stabilisierung mit Knochenleim getränkt und dadurch kontaminiert worden, was die spätere Datierung verfälscht habe.
Neandertal mini|Neandertal 1, seitliche Ansicht; vorne anliegend das im Jahr 2000 entdeckte Stück des Schläfen- und Jochbeins
Mitte August 1856 entdeckten italienische Steinbrucharbeiter in einem kurz darauf dem Kalksteinabbau zum Opfer gefallenen Abschnitt des Neandertals einige Knochenfragmente. Sie wurden zunächst achtlos zum Abraum geworfen, fielen jedoch den Steinbruchbesitzern Wilhelm Beckershoff und Friedrich Wilhelm Pieper auf, die 16 größere Knochenteile bergen ließen und an Johann Carl Fuhlrott zur Untersuchung übergaben. Durch Presseberichte aufmerksam geworden, begutachtete auch der Bonner Anatom Hermann Schaaffhausen die Knochen und kam zu demselben Ergebnis wie zuvor bereits Fuhlrott: Es handele sich um eine vorzeitliche Form des modernen Menschen. Fuhlrott und Schaaffhausen präsentierten den Fund im Juni 1857 auf der Generalversammlung des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande. Ihre Interpretation wurde jedoch vom Fachpublikum nicht geteilt. Dieser Fund, benannt Neandertal 1, ist das Typusexemplar der Art Homo neanderthalensis.
Bei Nachgrabungen an der ursprünglichen Fundstelle in den Jahren 1997 und 2000 wurden weitere 60 Knochenfragmente und Zähne entdeckt, die dem Fossil Neandertal 1 und zwei weiteren Neandertalern zugeschrieben werden konnten.Ralf W. Schmitz u. a.: The Neandertal type site revisited: Interdisciplinary investigations of skeletal remains from the Neander Valley, Germany. In: PNAS. Band 99, Nr. 20, 2002, S. 13342–13347, doi:10.1073/pnas.192464099.Michael Schmauder, Ralf W. Schmitz: Der Neandertaler und weitere eiszeitliche Funde im Rheinischen LandesMuseum Bonn. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Neandertaler + Co. von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3-8053-3603-9, S. 252–253.
In der Nähe des Fundortes wird im Neanderthal Museum die Entwicklungsgeschichte des anatomisch modernen Menschen und seine Verwandtschaft mit dem Neandertaler nachgezeichnet.
Mögliche Seefahrt (im östlichen Mittelmeerraum)