Der Lipizzaner (Slowenisch: Lipicanec) ist Vertreter einer alten Pferderasse.

Dieser Name taucht 1786 zum ersten Mal auf. Der Karster, wie er früher genannt wurde, hat seinen Namen vom Gestüt Lipica, der ursprünglichen Zuchtstätte in der ehemaligen Habsburgermonarchie. Berühmtheit erlangte die Rasse vor allem durch ihren Einsatz an der Spanischen Hofreitschule in Wien.

2022 wurden die Traditionen der Lipizzanerzucht von der UNESCO in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Exterieur Die meisten Lipizzaner (etwa 91 %) sind Schimmel, haben also als Fohlen eine dunkle Farbe und werden mit sechs bis zehn Jahren weiß. Es kommen aber auch vereinzelt andere Fellfarben vor. Heute gibt es neben Milch-Schimmeln nur noch gelegentlich Braune, Rappen, Füchse und Falben, ursprünglich gab es bei den Lipizzanern jedoch auch alle anderen Farben bis hin zu Isabellen, Mohrenköpfen, Platten- und Tigerschecken. Die Gemälde des Hoftiermalers Johann George von Hamilton zeugen von dieser Farbenvielfalt.

Der Typ des Lipizzaners hat sich gute 300 Jahre lang nicht wesentlich verändert. Er wirkt elegant, mittelgroß und kompakt; kurz athletisch. Härte und Ausdauer zeichnen ihn aus. Kopf, Hals (hoch aufgesetzt) und Schultern passen gut aufeinander. Das Stockmaß liegt heute meist zwischen 155 und 165 cm. Der Lipizzaner trägt mittlerweile nur noch vereinzelt einen markanten Ramskopf oder eine Ramsnase, was auf den alt-spanischen Einfluss zurückzuführen ist. Seine Hinterhand ist stark bemuskelt, die Fesselung schräg. Die Hufe sind bei gesunder Aufzucht überaus hart und sehr wohlgeformt. Mähne und Schweif sind ausgeprägt und feinhaarig, allerdings weniger üppig als bei Andalusiern. Der Rücken ist mittellang und kräftig. Die Bewegungen des Lipizzaners wirken graziös und sind durch einen federnden Gang ausgezeichnet. Er ist für einen guten Galopp geschaffen. Seine Knieaktion neigt dazu, hoch zu sein, was zu ausdrucksvollen Piaffen und Passagen führt.

Interieur Der Lipizzaner ist ein spätreifes Pferd mit einem lebhaften Temperament. Er ist überdurchschnittlich langlebig und bis ins hohe Alter zur Zucht und zur Arbeit unter dem Sattel geeignet.

Neben einschlägigen Merkmalen seines Exterieurs eignet sich der Lipizzaner besonders aufgrund seiner Kontaktfreudigkeit zum Menschen, seiner hohen Lerndisposition und schnellen Auffassungsgabe für die anspruchsvollen Lektionen der Hohen Schule.Heinz Nürnberger: Auf den Spuren der Lipizzaner. 1998, S. 49. Lipizzaner verfügen in der Regel über ein hohes Maß an körperlicher und mentaler Stärke. Besonders die mentale Stärke der Rasse kann als Fluch und Segen zugleich betrachtet werden. Während ein Ausbilder, der Erfahrung mit dieser Rasse hat, spektakuläre und schnelle Ausbildungserfolge erzielen kann, verzweifeln unentschlossene Reiter möglicherweise an dieser mentalen Stärke. Die schnelle Auffassungsgabe des Lipizzaners zeigt sich auch bei unerwünschten Verhaltensweisen, die das Pferd unbemerkt lernt und gegebenenfalls eifrig umsetzt.Hans-Heinrich Isenbart & Emil M. Bührer: Lipizzaner – Das kaiserliche Pferd. 1986, S. 114f. Neben seinem gutmütigen Wesen hat der Lipizzaner – besonders unter dem Sattel – eine auffällig elegante Ausstrahlung. All diese Interieureigenschaften resultieren aus einer systematischen jahrhundertelangen leistungsorientierten Selektion. Verwendung mini|hochkant|Lipizzaner, österreichische Zucht mini|hochkant|Courbette, Gemälde von Ludwig Koch mini|Lipizzaner-Hengst auf dem Weg zur Präsentation in die Reithalle des Gestüts in Lipica (1978) Lipizzaner sind bekannt für ihren Einsatz in der klassischen Dressur an der Spanischen Hofreitschule. Besonders die Schulsprünge und Lektionen der Hohen Schule fallen dieser Pferderasse, auch durch Selektion auf ebendiese Fähigkeiten, besonders leicht. Einsatzschwerpunkte sind Dressur und Fahren, wobei hier unterschiedliche Zuchtziele zugrunde liegen, die beide von der Internationalen Lipizzanerzuchtvereinigung anerkannt sind. Obwohl aufgrund ihrer Größe und hohen Kadenz im heutigen Dressur-Turnierreiten benachteiligt, sind einzelne Lipizzaner immer wieder erfolgreich auf Turnieren vorgestellt worden.

Zuchtgeschichte Seit langem wird der Lipizzaner gemeinhin mit der Spanischen Hofreitschule in Wien assoziiert, in der Lipizzaner gemäß der klassischen Reitkunst ausgebildet werden, die im 16. Jahrhundert entstanden ist. Früher wurden sie für den kaiserlichen Hof gezüchtet – für Karussells, als Reit- und Paradepferde und als Kutschpferde.

Der Name Lipizzaner geht auf das 1580 gegründete Gestüt „Lipitza“ zurück, das im Laufe der Jahrhunderte mehrfach anderen Ländern zugeordnet wurde und dabei auch die Schreibweise geändert hat. Lange Zeit gehörte es zu Italien und wurde Lipizza geschrieben. Deshalb erhielt Italien nach Ende des Ersten Weltkriegs Pferde der original Lipizza-Herde, deren Nachkommen noch immer in Monterotondo bei Rom leben. Heute liegt das Gestüt in Slowenien und schreibt sich Lipica.

Die Zucht basierte auf aus Spanien importierten Pferden. 1580 wurden zunächst (durch von Khevenhüller) drei spanische Hengste erworben, 1581 weitere sechs sowie 24 Stuten. Später wurden auch Neapolitaner angekauft, die ebenfalls auf spanische Pferde zurückgingen. Gezüchtet wurde auf Typ. Gewünscht war ein leichter Ramskopf mit großen ausdrucksvollen Augen und ein ausgeprägter Schwanenhals. Brust und Rücken sollten breit sein mit einem guten Fundament. Zudem wurde auf langes und dichtes Langhaar und ausgefallene Fellfarben Wert gelegt. Sogenannte „bodenständige Karster“ Pferde hätten diesen Anforderungen nicht entsprochen und wurden nicht verwendet.

Möglicherweise aufgrund einer nachlassenden Qualität der spanischen Pferde sind mit Beginn des 18. Jahrhunderts vermehrt Pferde aus anderen Regionen eingekauft worden, um die Zucht weiter zu verbessern.Mauro Aurigi: Murgese in Bianco?, in Cavalli & Cavalieri 3/1991, S. 78–80 Das zeigen die Herkünfte oder zumindest die Namen der nachweisbaren Pferdeankäufe: Cordova, erworben 1701 (Spanier)Herkunftsangaben, soweit bekannt, nach Nürnberg: Der Lipizzaner, S. 19; Generale 1710; Amico 1712; Lipp 1717 (Bückeburg); Danese 1718 (Däne); Superbo 1722; Montedoro 1739; Toscanello 1749; Sultan, Soliman 1768 (beide Araber); Dublino 1779; Pluto, Sanpareil, Juncker 1772 (alle Dänen); Conversano, Policastro 1774 (beide Neapolitaner); Saltadore, 1774 (Holsteiner)Nürnberg. S. 19; Morsu 1783 (Araber); Favory 1779 (Kladrub), Maestoso 1786; Napoletano 1790 (Neapolitaner), Allegro (Spanier), Danese (Däne) 1795; Confitero (Spanier) 1796. Die Pferde stammten also hauptsächlich aus Italien (speziell aus Süditalien, den Zuchtgebieten des Neapolitanos und des heutigen Murgese), Arabien und Dänemark.Mauro Aurigi: Murgese in Bianco?, in Cavalli & Cavalieri 3/1991, S. 80, rechte Spalte

Vom 19. bis ins beginnende 20. Jahrhundert wurden vermehrt – auch dabei wieder aktuellen Trends der Pferdezucht folgend – Araber in die Zucht eingeführt. Insgesamt sind zwischen 1770 und 1925 42 Araber belegbar.Der Lipizzaner im Spiegel der Wissenschaft, S. 165, 171

Die Nachkommen aus Anpaarungen mit Arabern wurden „Gemischte Karster“ genannt. Nachdem sich jedoch herausstellte, dass diese „Gemischten Karster“ zwar hervorragende Champagnepferde waren, sich aber nicht so gut für die Hohe Schule eigneten, wurden viele Araber wieder aus der Zucht genommen. Nur der original Araber-Hengst Siglavy konnte die jüngste der sechs noch erhaltenen klassischen Hengstlinien gründen.

In Summe bilden wohl 457 Gründertiere die Basis der Lipizzanerzucht.Der Lipizzaner im Spiegel der Wissenschaft, S. 183, Tabelle 11 Die genetischen Anteile ihrer Rassen in der heutigen Population werden wie folgt abgeschätzt:Der Lipizzaner im Spiegel der Wissenschaft, S. 183. Die Summe beträgt auch in der Quelle nicht 100 Prozent.

57 % Barocke Typen (Spanier, Neapolitaner, Fredericksborger, …) 24 % Araber (Originalaraber, Araberrasse) 10 % „Lipizzanerrasse“ (Abstammungsnachweis verloren gegangen, aber mit Gestütsbrand) 4 % Kladruber 3 % Vollblüter

An Einzelpferden waren die folgenden Gründertiere hinsichtlich ihres heutigen genetischen Anteils am bedeutendsten: Toscanello: 6,66 %; Neapolitano: 6,34; Gazlan: 4,88, Siglavy: 3,14; Tadmor: 3,02; Danese: 2,69; Monaghy: 2,69; Lipp I: 2,32; Norwegia (Stute): 2,18; Confitero: 1,97; Favory: 1,96; Bellornata (Stute): 1,87; Pluto: 1,72; ….Maestoso (20.): 1,49; ….Concersano (24.): 1,18.Der Lipizzaner im Spiegel der Wissenschaft, S. 182, Tab. 10

Der raue, karge, gebirgige Karst, in dem Lipica liegt, hat bei den Lipizzanern Langlebigkeit, Gesundheit, starke Knochen, harte Hufe, Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit bewirkt. Im Bundesgestüt Piber werden die jungen Lipizzaner deshalb den ganzen Sommer auf Hochalmen mit rauer, karger und steiniger Umgebung gehalten.

Bei der 1915 erfolgten kriegsbedingten Evakuierung aller Lipizzaner aus Lipizza wurde die Herde aufgeteilt. Der kleinere Teil ging in das kaiserliche Gestüt Kladrub an der Elbe, der andere Teil verblieb in Laxenburg in der Nähe von Wien, 137 Jungtiere zogen aber weiter nach Kladrub. 109 Tiere wurden nach dem Ersten Weltkrieg nach langen Verhandlungen wieder nach Lipizza gebracht, das jetzt zu Italien gehörte, davon 107 Pferde aus Laxenburg.Geschichte des Gestüts und Lipizzaner: Wichtige historische Meilensteine: 20. Jahrhundert. lipica.org (abgerufen am 1. April 2016). Italien beanspruchte auch die Pferde aus Kladrub, die Tschechoslowakei verweigerte aber ihre Herausgabe. Später kam diese Lipizzanerherde nach Topoľčianky. Außerdem verfertigte Österreich für Italien eine Abschrift der Zuchtbücher, die bis 1816 in der Wiener Hofburg aufbewahrt worden waren. In diesem Bestand in Lipica waren dann alle sechs klassischen Linien und dreizehn der klassischen Stämme repräsentiert, nur die Stuten der Stämme Gidrane, 1841 und Rava, 1755 fehlten.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden alle Gestüte im Einflussbereich der deutschen Wehrmacht nach Hostau (Hostouň) in die Sudeten evakuiert, auch Lipizza. Als gegen Ende des Krieges das Gestüt durch die vorrückende Rote Armee bedroht war, suchte Gestütsarzt Dr. Rudolf Lessing im Auftrag des Gestütsleiters Oberstleutnant Rudolfsky die Stellung der Amerikaner auf und verhandelte mit Oberst Reed über eine Rettung der Lipizzaner und übrigen Pferde aus Hostau. Bis zum 15. Mai 1945 wurden in der Operation Cowboy, die etwa 1200 Pferde in Gruppen von 30 bis 40 Tieren 40 Kilometer in Richtung der Grenze nach Bayern getrieben. Hochtragende Stuten und Stuten mit wenige Tage alten Fohlen wurden auf Lastwagen verladen. Nur die fünf Zuchthengste wurden geritten. So konnte die Lipizzaner Herde gerettet werden.

Während der Rettung der Lipizzanerstuten bat der damalige Leiter der Spanischen Hofreitschule in Wien, Oberst Alois Podhajsky, im Anschluss an die denkwürdige Verführung der Lipizzaner Hengste am 7. Mai 1945 für US-Panzergeneral Patton, einen passionierten Pferdefreund, um Schutz für die Lipizzaner. Oberst Alois Podhajyky konnte sich 216 Pferde für Österreich aussuchen, die am 18. und 22. Mai nach St. Martin in Oberösterreich in die amerikanische Besatzungszone verlegt wurden.

Nach dem Krieg wurden im November 1947 die Pferde aus Lipizza zwischen Italien und Österreich aufgeteilt. 80 Pferde und die Zuchtbücher kamen an Italien und wurden zunächst in Pinerolo in Piemont, Anfang 1948 dann im Militärgestüt Montelibretti in der Nähe von Rom untergebracht. Die Nachkommen der italienischen Pferde werden seit 1952 im Staatsgestüt in Monterotondo weitergezüchtet. Das Gestüt in Lipica 1947 bekam nur 11 Pferde zurückerstattet.