mini|Plessner in Groningen (1939)
Helmuth Plessner (auch Helmut Plessner oder Hellmut Plessner;z. B. bei Walter Tetzlaff: 2000 Kurzbiographien bedeutender deutscher Juden des 20. Jahrhunderts. Askania, Lindhorst 1982, ISBN 3-921730-10-4; Kaznelson: Juden im deutschen Kulturbereich. Berlin 1962. * 4. September 1892 in Wiesbaden; † 12. Juni 1985 in Göttingen) war ein deutscher Philosoph und Soziologe sowie ein Hauptvertreter der Philosophischen Anthropologie.
Leben Helmuth Plessner wurde 1892 als einziger Sohn des Arztes Fedor Plessner und dessen Ehefrau Elisabeth Plessner in Wiesbaden geboren. 1910 begann er ein Studium der Medizin und Zoologie u. a. bei Hans Driesch, später der Philosophie in Freiburg im Breisgau, Göttingen und Heidelberg. Zu seinen Lehrern gehörten Wilhelm Windelband, Max Weber und Edmund Husserl; dementsprechend waren seine Gedanken vom Neukantianismus und von der Phänomenologie beeinflusst. 1913 erschien seine erste philosophische Publikation: „Die wissenschaftliche Idee, ein Entwurf über ihre Form“. 1916 folgte seine philosophische Dissertation (Erlangen): „Krisis der transzendentalen Wahrheit im Anfang“. 1920 habilitierte er sich an der neuen Universität zu Köln mit der Arbeit „Untersuchung zu einer Kritik der philosophischen Urteilskraft“ für Philosophie. Mit „Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes“ (1923) kündigte sich ein weiterer Schwerpunkt seines Denkens an. 1924 erschien seine sozialphilosophische Studie Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. 1926 wurde er außerordentlicher Professor in Köln in nächster Umgebung zu Max Scheler. 1928 erschien sein Hauptwerk: „Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie“. 1931 folgte eine politische Erweiterung dieses Ansatzes: „Macht und menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht“.
1933 wurde Plessner auf Grund des sogenannten Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und der jüdischen Herkunft seines getauften Vaters aus dem Amt entlassen. Er emigrierte zunächst in die Türkei, wo er bis Ende 1933 in Istanbul verblieb, will diese Reise aber ausdrücklich nicht als Auswanderung bezeichnen.Brief an Josef König vom 14. Oktober 1933, im Briefwechsel der beiden. Anfang 1934 floh er mit Hilfe des Anthropologen F. J. J. Buytendijk nach Groningen (Niederlande). Ab März 1934 hielt er an der Reichsuniversität Groningen (RUG) VorlesungenCarola Dietze: Nachgeholtes Leben. S. 132. zu soziologischen und philosophischen Themen. Aus einer Vorlesungsreihe in dieser Zeit entstand die Schrift „Das Schicksal des deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“ (1935), die später unter dem Titel „Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes“ (1959) bekannt wurde. 1941 erschien sein Buch „Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens“, das die anthropologische Richtung seines Denkens weiterführt.
Im Mai 1940 besetzte die Wehrmacht die Niederlande. 1943 wurde Plessner von der RUG entlassen und tauchte bis Kriegsende in Utrecht und Amsterdam unter.
1946 wurde er von der Reichsuniversität Groningen auf das Ordinariat für Philosophie berufen, nachdem er die Rückkehr auf seinen Kölner Lehrstuhl abgelehnt hatte. Auf dem III. Deutschen Philosophen-Kongress nach dem Zweiten Weltkrieg in Bremen 1950 wurde er zum ersten Präsidenten der dort gegründeten Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland gewählt.
In dieser Zeit lernte er seine spätere Ehefrau Monika kennen, die er 1952 heiratete.Monika Tintelnot, geb. Atzert, geboren am 18. Mai 1913 in Osnabrück, heiratete Plessner in zweiter Ehe Ende 1952. Sie war zuvor die erste Leiterin der Volkshochschule in Lemgo, vgl. Peter Biresch, Jürgen Scheffler: Die Anfänge der Volkshochschule Lemgo und des Lippischen Volksbildungswerkes nach 1945. Lemgo 2013, S. 23–38. Im selben Jahr ließ sich Plessner in Göttingen eine großzügige Villa nach Plänen der Architektin Lucy Hillebrand errichten.Klaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 116–119.Karin Wilhelm: Göttingen, 1952. Lucy Hillebrand: Häuser Plessner und Ulrici. In: Bauwelt, Heft 26/2019 (= Stadtbauwelt 224), S. 53–57; Digitalisat auf bauwelt.de, abgerufen am 8. Juli 2023.
Von 1952 bis zu seiner Emeritierung 1962 war er Professor an dem neu gegründeten Institut für Soziologiewww.uni-goettingen.de in Göttingen. Zwischenzeitlich stand er dem „Institut für Sozialforschung“ vor, also der Frankfurter Schule um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Von 1955 bis 1959 amtierte er als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. 1960/61 war er Rektor der Universität Göttingen. 1956 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 191. Plessner war Kuratoriumsmitglied des 1961 gegründeten Bundesverband Deutsch-Israelische Studiengruppen (BDIS).Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 11.
Plessner war Emeritus an der New School of Social Research in New York und hatte einen Lehrauftrag für Philosophie in Zürich. Er publizierte bis 1975, seinem 82. Lebensjahr, vor allem Essays, Artikel und Abhandlungen zu sehr unterschiedlichen Feldern der Philosophie und Gesellschaft, von der Biologie bis zur Ästhetik. Zu seinen Schülern in der Soziologie gehörten unter anderen Günter Dux, Christian von Ferber und Christian Graf von Krockow. Von 1960 bis 1965 war er Mitglied des Beirats der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.
1985 starb er in Göttingen. Sein Grab liegt in Erlenbach in der Schweiz.
Philosophie Anthropologie Exzentrische Positionalität
Helmuth Plessner zählt – neben Max Scheler und vor Arnold Gehlen – zu den Hauptvertretern der Philosophischen Anthropologie. Damit ist eine philosophische Strömung benannt, die sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts formierte und eine Neubegründung der Frage nach dem Menschen und seiner Stellung in der Welt, der Geschichte, der Natur unternahm. Sie entwickelte sich in Auseinandersetzung mit anderen philosophischen Tendenzen dieser Zeit (Phänomenologie, Neukantianismus) sowie mit Naturwissenschaften, besonders der Biologie. Anders als Scheler fragt Plessner nicht nach einem überzeitlichen Wesen des Menschen; anders als Gehlen bestimmt er den Menschen nicht primär als „Mängelwesen“ (so Gehlens, von Herder übernommenes Grundwort).
Plessners Anthropologie, die er systematisch in seinem Werk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ entwickelt hat, bildet sich um die Grundkategorie der Exzentrischen Positionalität. Sie lässt sich anhand zweier Leitfragen rekonstruieren.
Was unterscheidet belebte von unbelebten Phänomenen? Wie organisieren sich lebendige Phänomene?
Die erste Antwort findet sich im Begriff der Grenze: im Unterschied zu anorganischen Körpern haben Organismen ein Verhältnis zu ihrer Umwelt, das über ihre Grenze reguliert wird. Pflanzen und Tiere sind „grenzrealisierende“ Wesen. Die zweite Antwort liegt im Begriff der Position: Plessner unterscheidet die drei Organisationsformen (oder „Stufen“) des Lebendigen: Pflanze, Tier und Mensch, nach ihrer jeweiligen Positionalität. Pflanzen sind offen organisiert, sie haben keine zentralen Organe. Tiere sind zentrisch organisiert: sie leben aus einem Mittelpunkt heraus. Die Organisationsform des Menschen ist hingegen exzentrisch, weil der Mensch jederzeit in ein reflexives Verhältnis zu seinem Leben treten kann. Ein Moment dieses reflexiven Verhältnisses bildet das Selbstbewusstsein, das Plessner nicht wie in der philosophischen Tradition üblich als geistiges Phänomen behandelt, sondern aus seiner biologischen Wurzel heraus entwickelt. Er analysiert diese Organisationsweise als Doppelaspekt: als Menschen haben wir einen Körper und sind zugleich ein Leib.
Anthropologische Gesetze Die Analyse der exzentrischen Positionalität führt Plessner zu den (zunächst) drei von ihm so genannten „anthropologischen Gesetzen“: Das Gesetz von der natürlichen Künstlichkeit. Das Gesetz von der vermittelten Unmittelbarkeit. Das Gesetz vom utopischen Standort.
Konkret sagen diese jeweils aus: Nur durch Hilfsmittel und Werkzeuge erfriert er im Winter nicht, wehrt sich gegen Angriffe, fliegt in den Weltraum. Plessner nannte dies, als erstes anthropologisches Gesetz, die „natürliche Künstlichkeit“ des Menschen.
Mit dem Gesetz der „vermittelten Unmittelbarkeit“ beschrieb Plessner die Beziehungen des Menschen zu seiner Außenwelt. Das Tier, das wie der Mensch ein Zentrum und eine Grenze besitzt, aber eben nicht selbst-bewusst ist, erlebt jede Beziehung als unmittelbar. Das tut der Mensch zunächst auch, aber dadurch, dass er über sich, über Geschichte, Motive etc. nachdenkt, wird er zusätzlich zum Beobachter und dadurch Vermittler zwischen sich selbst und anderen.
Und schließlich wies Plessner dem Menschen einen „utopischen Standort“ zu. Das klingt weltumfassend und heimatlos zugleich: Der Mensch ist rastlos, suchend, überschreitet und zerstört immer wieder Erreichtes. Nichts Geschaffenes ist endgültig, nichts widerspruchslos. So entsteht Geschichte; Plessner erklärte so auch die Entstehung von Religionen, quasi als (Not-)Lösung für einen metaphysischen Fixpunkt.Entsprechend dieser Dreiteilung erschließt sich dem Menschen die Welt als Außenwelt, Innenwelt und Mitwelt, die wiederum die Dimensionen der Kultur, der Geschichte und der Gesellschaft aufreißen. In der späteren Schrift „Macht und menschliche Natur“ findet Plessner noch ein weiteres anthropologisches Gesetz, das Gesetz der Unergründlichkeit des Menschen, das die Dimension des Politischen öffnet. Plessner gelangte so, ausgehend von einer Interpretation biologischer Sachverhalte, zu einer philosophischen Fundierung der Soziologie und verwandter Wissenschaften.
Der oft gehörte Einwand, anthropologisches Denken kreise um einen ahistorischen Wesensbegriff des Menschen, verfängt in seinem Fall also nicht. Vielmehr besagt der Begriff des Gesetzes, dass wir Menschen aufgrund unserer leiblichen Verfassung (Ausstattung, Verwurzelung) darauf angewiesen sind, uns zur Welt hin zu öffnen und sie mittels gemeinschaftlicher Arbeit „künstlich“, geschichtlich und gesellschaftlich zu gestalten.
Bezüglich des Problems der Abgrenzung von Natur- und Geisteswissenschaften wies Plessner auf die falsche Umgangsweise mit der „Doppelaspektivität“ der menschlichen Grundsituation hin: Dass der Mensch eben zugleich sein Körper/seine physische Existenz ist und diese hat, dass er zugleich um sich als Geistwesen und als Körperding weiß. Seit Descartes bewältigt das abendländische Denken diese Schwierigkeit dergestalt, dass es sich vor die Entscheidung eines Primats des Geistigen oder des Physischen gestellt sieht (Leib-Seele-Problem). Dieses tradierte Denken verabsolutiert entweder die geistige oder die körperliche Erfahrungswelt, anstatt beide in jedem Moment aufeinander bezüglich bzw. ineinander verschränkt zu sehen. Eine Spaltung in Naturansicht und Bewusstseinsansicht zerreißt jedoch die Natur- und Geisteswissenschaften ebenso, wie sie das ganzheitliche Selbstbild des Menschen irritiert. Plessner begegnet diesem Problem, indem er konsequent die doppelte Perspektive der Verschränktheit beibehält. Seine auf biologischen Tatsachen aufbauende Philosophie wiederholt beständig die Einsicht in die paradoxe Grundverfasstheit menschlichen Selbst- und Welt-Erlebens.
Soziologische Schriften Die verspätete Nation