mini|Sankt Goar aus Nordwest
Sankt Goar (abgekürzt: St. Goar) ist eine Stadt im Rhein-Hunsrück-Kreis in Rheinland-Pfalz am linken Ufer des Mittelrheins. Sie gehört der Verbandsgemeinde Hunsrück-Mittelrhein an.
Bekannt ist Sankt Goar durch seine zentrale Lage im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal, das im Juli 2002 in die Liste der Welterbestätten aufgenommen wurde. Oberhalb der Stadt befindet sich die Ruine Burg Rheinfels, gegenüber liegt die Schwesterstadt Sankt Goarshausen mit den Burgen Katz und Maus. Der Loreleyfelsen befindet sich in unmittelbarer Nähe der Stadt flussaufwärts auf der anderen Rheinseite.
Geographie Lage Sankt Goar liegt im Mittelrheintal, dem engen Durchbruchstal des Rheins durch das Rheinische Schiefergebirge. Das linksrheinische Tal gehört zum Hunsrück, das rechtsrheinische Tal zum Taunus. Die charakteristisch enge Talform entstand erdgeschichtlich durch Tiefenerosion des Flusses in eine sich hebende Scholle.
Die nächsten größeren Städte sind Koblenz, Luftlinie etwa 24 km nördlich und Bingen am Rhein, Luftlinie etwa 25 km südöstlich. Sankt Goar ist durch die Fähre Loreley mit der direkt gegenüber liegenden Schwesterstadt Sankt Goarshausen auf der rechten Rheinseite verbunden. Der Rhein hat hier eine Breite von etwa 250 Metern.
In Sankt Goar mündet der vom Hunsrück kommende Gründelbach in den Rhein.
Stadtgliederung Die Stadt besteht aus der am Rhein liegenden Kernstadt Sankt Goar, den Höhenstadtteilen Biebernheim und Werlau, dem nördlich am Rhein gelegenen Stadtteil Fellen und dem südlich am Rhein gelegenen Stadtteil An der Loreley.
Geschichte Name mini|hochkant|Denkmal für den Namensgeber der Stadt
Das Gebiet um die spätere Stadt Sankt Goar war bereits in römischer Zeit besiedelt. Der frühmittelalterliche Name war Wochara, benannt nach dem hier in den Rhein mündenden kurzen Bach.
Der heutige Name der Stadt geht zurück auf den Heiligen Goar, der sich während der Regierungszeit des Frankenkönigs Childebert I. (511–538) an der Stelle der späteren Stadt niederließ. Goar kam als junger Priester (Mönch) aus Aquitanien (Südwestfrankreich) und lebte zunächst als Einsiedler in einer Felsenhöhle am Rhein. Mit der Erlaubnis des Bischofs von Trier wirkte er als Missionar der Landbevölkerung. Bekannt wurde er wegen seiner großen Gastfreundschaft, insbesondere gegenüber den Rheinschiffern. Später errichtete er an der Stelle der heutigen Stadt ein Hospiz und eine Kapelle. Zahlreiche Legenden rankten sich um seine Gestalt. Nach seinem Tod um 575 wurde das Grab Goars zur Wallfahrtsstätte und der Ort wurde nach ihm benannt. Frankenkönig Pippin der Jüngere übertrug 765 dem Abt der Benediktinerabtei Prüm das Hospiz und die Kapelle als persönliches Benefizium. Hieraus entstand das bereits Ende des 11. Jahrhunderts bezeugte Chorherrenstift Sankt Goar.
Es gibt aber noch eine weitere Erklärung zur Entstehung des Ortsnamens.
Auf einer im 18. Jahrhundert erschienenen Karte Frederik de Wits werden die Bezeichnung „S. Gewehr“ und untergeordnet „S. Goar“ verwendet.Archiepiscopatus et electoratus Trevirensis: novissima delineatio exacte divisa in omnes suas præfecturas in hac quoq[ue] tabula accurate describiturs Eyfalia tractus : cum privilegio potent. D. D. ordinum Hollandiæ et Westfrisiæ Bildlink wiedergegeben auf Wikimedia Commons.
Mittelalter mini|St. Goar und Feste Rheinfels
1183 bekam Sankt Goar das Stadtrecht. Ab 1190 stand die Stadt unter militärischem Schutz und der Gerichtsbarkeit des Grafenhauses von Katzenelnbogen, den Klostervögten, die den Besitz an sich gebracht hatten. 1245 erbaute Graf Diether V. von Katzenelnbogen die Burg Rheinfels. Mit dem Tod des letzten Grafen von Katzenelnbogen, Philipps des Älteren, fiel die Grafschaft Katzenelnbogen und damit Sankt Goar 1479 an die Landgrafschaft Hessen.
Hessen- und Franzosenzeit bis 1815 mini|St. Goar – Auszug aus der Topographia Hassiae von Matthäus Merian (1655) mini|hochkant|Der Komet von 1811 über Sankt Goar und der gegenüber liegenden Burg Katz
Am 1. November 1527 begann der spätere Theologieprofessor Adam Krafft im Auftrag des hessischen Landgrafen Philipps I. die Reformation einzuführen. 1567 wurde die Landgrafschaft Hessen nach dem Tode Philipps I. unter seinen vier Söhnen aufgeteilt. Der jüngste Sohn, Philipp II., erhielt die Niedergrafschaft Katzenelnbogen, nunmehr Hessen-Rheinfels genannt, und damit Burg und Stadt.
1580 fielen der Pest in Sankt Goar 175 Personen zum Opfer; nur 18 Jahre später, 1598, abermals 142. Im Pestjahr 1598 errichtete Franz Schmoll in Sankt Goar die Rheinfels-Apotheke als dritte Apotheke in Hessen neben Kassel und Marburg. 1635, mitten im Dreißigjährigen Krieg, raffte die Pest noch einmal über 200 Personen hinweg.
Infolge des anhaltenden Rechtsstreits zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt über die Aufteilung der erloschenen Landgrafschaft Hessen-Marburg ließ Hessen-Darmstadt mit kaiserlichen Truppen Rheinfels und Sankt Goar im Sommer 1626 mehrere Wochen lang belagern, was schließlich zur Kapitulation und anschließenden Plünderung der Stadt durch spanische Truppen führte. Von 1626 bis 1647 gehörte Sankt Goar daraufhin zu Hessen-Darmstadt. 1647 eroberten Truppen der Landgräfin Amalie Elisabeth von Hessen-Kassel die Burg Rheinfels und die Stadt. Am 14. April 1648 trat Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt die Niedergrafschaft Katzenelnbogen mit Sankt Goar „auf ewige Zeiten“ an Hessen-Kassel ab.
Während Hessen-Kassel reichsrechtlich die Landeshoheit behielt, fiel die Herrschaft über die Grafschaft Niederkatzenelnbogen an Landgraf Ernst, der am 30. März 1649 seinen Einzug in Sankt Goar hielt und die Nebenlinie Hessen-Rheinfels-(Rotenburg) gründete. Landgraf Ernst regierte bis zu seinem Tode 1693 auf Burg Rheinfels, seinem Residenzschloss, als religiös toleranter, geistig höchst interessierter Herrscher, der wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt Sankt Goar beitrug, die unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu leiden hatte. 1692 während des Pfälzischen Erbfolgekrieges Belagerung von Burg und Stadt durch zuletzt 28.000 Franzosen. Auch der letzte Sturmversuch wird abgeschlagen. 1711 wurde nach Erbauseinandersetzung Landgraf Wilhelm von Hessen-Wanfried die Landgrafschaft Hessen-Rheinfels zugesprochen, er nannte sich Wilhelm von Hessen-Rheinfels. Der Kaiser übertrug ihm 1718 die Burg. 1731 beerbte Christian von Hessen-Wanfried (genannt seit 1711 von Hessen-Eschwege) die Landgrafschaft Hessen-Rheinfels mit Burg. Die Burg wurde 1735 endgültig an Hessen-Kassel abgetreten. Nach dem Tod von Christian 1755 fiel die Landgrafschaft an Hessen-Rotenburg.
1794 wurde die Festung kampflos an französische Revolutionstruppen übergeben und 1796/97 in großen Teilen durch die Ingenieur-Kapitäne Charles und Bouiller gesprengt. Bis 1813 stand sie unter französischer Verwaltung. 1812 wurde die Ruine als französisches Staatseigentum an den Sankt Goarer Kaufmann Peter Glass verkauft. Das beim Abbruch gewonnene Material wurde zum größten Teil beim Bau der Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz verwendet.
Ab 1815 – bei Preußen und Rheinland-Pfalz mini|zentriert|hochkant=4|Stadtpanorama von Jakob Becker 1833 mini|Sankt Goar um 1860; links auf dem Foto ist oberhalb des Hafenbeckens der achtkantige ehemalige Steinkran aus dem 16. Jahrhundert zu sehen
Sankt Goar kam 1815 gemäß dem Vertrag des Wiener Kongresses in preußischen Besitz und wurde 1816 Kreisstadt des Kreises Sankt Goar, der rund 28.000 Einwohner zählte. Ab 1825 konnte mit dem Beginn der Dampfschifffahrt, der Vergrößerung des Rheinhafens und dem Bau der Eisenbahnlinie von 1857 bis 1859 ein wirtschaftlicher Aufschwung erreicht werden, der aber durch die Enge des Raumes begrenzt blieb.
1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, erfolgte der Rückzug der 5. Armee vom November bis zum Dezember über die rheinische Pionierbrücke zwischen Sankt Goar und Sankt Goarshausen. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Stadt zeitweise französisch besetzt.
Während der französischen Besatzung ereignete sich am 9. Mai 1923 ein schwerer Eisenbahnunfall: Ein Personenzug, der im Regiebetrieb der französischen Besatzung verkehrte, entgleiste und stürzte in den Rhein. Mindestens 29 Menschen ertranken, wahrscheinlich mehr.Klaus Kemp: Regiebahn. Reparationen, Besetzung, Ruhrkampf, Reichsbahn. Die Eisenbahnen im Rheinland und im Ruhrgebiet 1918–1930. EK-Verlag, Freiburg 2016. ISBN 978-3-8446-6404-1, S. 297. Die französische Besatzung verhinderte bei Unfällen von Regiezügen grundsätzlich, dass Informationen nach außen drangen.Hans Joachim Ritzau: Eisenbahn-Katastrophen in Deutschland. Band 1: Splitter deutscher Geschichte. Landsberg-Pürgen 1979, S. 73.
mini|Alliierte Truppen (89th Infantry Division (Vereinigte Staaten)) bei der Rheinüberquerung bei Sankt Goar unter feindlichem Beschuss
Im Zweiten Weltkrieg erfolgten keine Luftangriffe auf Sankt Goar. Mitte März 1945 erreichten Truppenverbände der US-Armee das nun betroffene Sankt Goar. Die US-Verwaltung wurde Anfang Juli als Französische Besatzungszone an Frankreich übergeben.
mini|Luftbild, 1953
Seit 1946 ist die Stadt Teil des damals neu gebildeten Landes Rheinland-Pfalz. Mit der Verwaltungsreform 1969 erfolgte die Auflösung des Kreises Sankt Goar und Zuordnung zum Rhein-Hunsrück-Kreis mit Sitz in Simmern. Außerdem wurden am 7. Juni 1969 die bis dahin selbstständigen Gemeinden Biebernheim und Werlau eingemeindet. 1972 wurde die Stadt Sankt Goar in die Verbandsgemeinde Sankt Goar-Oberwesel mit Sitz in Oberwesel eingegliedert.
Am 21. November 2012 wurde der erste Spatenstich für das Projekt Modellstadt St. Goar gesetzt. Bei diesem 2009 vom rheinland-pfälzischen Finanzministerium initiierten Projekt soll die Innenstadt von Sankt Goar verschönert werden. Dafür werden einzelne Plätze im Ortskern und das Rheinvorland neugestaltet. Die Kosten des Projekts werden zum Größten Teil vom Bund übernommen.
Einwohnerentwicklung
Politik Stadtrat Der Stadtrat in Sankt Goar besteht aus 20 Ratsmitgliedern, die bei der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 in einer personalisierten Verhältniswahl gewählt wurden, und dem ehrenamtlichen Stadtbürgermeister als Vorsitzendem.
Die Sitzverteilung im Stadtrat: Wahl SPD CDU FDP Gesamt 2024 10 8 2 20 Sitze 2019 11 7 2 20 Sitze 2014Der Landeswahlleiter Rheinland-Pfalz: Kommunalwahl 2014, Stadt- und Gemeinderatswahlen 9 10 1 20 Sitze 2009 9 9 2 20 Sitze 2004 8 11 1 20 Sitze
Stadtbürgermeister Stadtbürgermeister ist Falko Hönisch (SPD). Bei der Direktwahl am 26. Mai 2019 konnte er sich mit einem Stimmenanteil von 61,1 % gegen den bisherigen Amtsinhaber Horst Vogt (CDU) durchsetzen. Bei der Direktwahl am 9. Juni 2024 wurde er gegen Dieter Langenbach (CDU) mit einem Stimmenanteil von 56,5 % für weitere fünf Jahre in seinem Ehrenamt bestätigt. Die Wahlbeteiligung lag bei 67,0 %.
Ortsbezirke Die Stadt Sankt Goar besteht aus den drei Ortsbezirken Sankt Goar, Biebernheim und Werlau. Diese wählen bei den Kommunalwahlen einen eigenen Ortsbeirat mit jeweils 9 Mitgliedern sowie einen Ortsvorsteher. Abgerufen am 2. April 2018.
Wappen
Städtepartnerschaften ehemaliger französischer Wahlkreis (Kanton) Châtillon-en-Bazois im Département Nièvre, von 1973 bis 2015 Gemeinde Kordel (Eifel) in Rheinland-Pfalz, seit 2021
Sehenswürdigkeiten Museen mini|hochkant|Wahrschau
Das deutsche Puppen- und Bärenmuseum in der Sonnengasse von Sankt Goar bestand von 1985 bis 2024 und gab einen Überblick über Puppen, Bären und Spielzeug verschiedener Generationen. Auf einer Fläche von 600 m² wurden über 3000 verschiedene Sammlerstücke gezeigt. Weiterhin vermittelte das Museum Wissenswertes über die Puppenherstellung, Puppenschneiderei und die Arbeit in der museumseigenen Puppen- und Bärenklinik.