Der 1. Brief des Paulus an Timotheus, auch kurz 1. Timotheus genannt, ist ein Buch des Neuen Testaments der christlichen Bibel. Als Verfasser bezeichnet sich im Präskript Paulus von Tarsus; er bezieht sich außerdem auf seine Biographie (, ). Der Brief nennt als Empfänger Timotheus, einen Begleiter des Paulus und Bischof von Ephesus, der in den Paulusbriefen mehrfach erwähnt wird und in der Gemeinde Ephesus pastorale Aufgaben zu erfüllen hatte; deshalb zählt man den Brief zu den Pastoralbriefen. Der Brief ist aber nicht als Privatschreiben formuliert, sondern richtet sich an die Gemeinde. Die große Mehrheit der Forschung betrachtet den Brief als pseudepigraph und geht davon aus, dass der Brief nicht von Paulus, sondern Jahre nach dessen Tod von jemandem geschrieben wurde, der vorgab, Paulus zu sein.
Verfasser und Entstehungsort Mehrheitsmeinung Die Mehrheit der Theologen vertritt die Ansicht, dass nicht Paulus, sondern ein unbekannter Verfasser den 1. Timotheusbrief verfasst hat. Dafür werden folgende Argumente genannt:Helmut Merkel: Die Pastoralbriefe. Göttingen 1991, S. 5 f.
Typisches, vom Sprachgebrauch des Paulus verschiedenes Vokabular: „Frömmigkeit“ (), „gesunde Lehre“, „Erkenntnis der Wahrheit“, „gute Werke“, „zuverlässig ist das Wort“, „ungeheuchelter Glaube“, „reines Gewissen“, „anvertrautes Gut“ (). Timotheus wird in den authentischen Paulusbriefen als enger Mitarbeiter bezeichnet, der immer wieder im Auftrag des Paulus Gemeinden besucht und dort den abwesenden Apostel vertritt. Wieso muss Paulus einem so erprobten Mann nun Anweisungen geben, „wie man im Haus Gottes wandeln soll“ (1 Tim 3,15) oder wie man beten soll (1 Tim 2,1ff.)? Die Abfassungssituation des 1. Timotheusbriefs ist folgende: Paulus hat mit Timotheus zusammen in Ephesus missioniert; dann hat Paulus die Stadt Richtung Mazedonien verlassen, während Timotheus in Ephesus zurückblieb. Das lässt zwar an denken, passt aber nicht richtig zu den dortigen Angaben. Aber die Situationsangaben des 1. Timotheusbriefs sind auch in sich widersprüchlich, weil Paulus seinen baldigen Besuch in Ephesus ankündigt und für die kurze Zeit bis dahin dem Timotheus detaillierte schriftliche Anweisungen zukommen lässt. Besonderes Gewicht hat die Beobachtung, dass sich die Situation in der Empfängergemeinde von den Gemeinden des Paulus deutlich unterscheidet: Es gibt eine Gemeindeordnung mit institutionalisierten Leitungsgremien und Amtsträgern.Karl-Wilhelm Niebuhr: Die Paulusbriefsammlung. In: Ders., Grundinformation Neues Testament. 4. Auflage. Göttingen 2011, S. 196–293, hier S. 286.
Wenn man aus diesen Gründen den 1. Timotheusbrief für ein Pseudepigraph hält, also eine Schrift mit gefälschter Verfasserangabe, bedeutet das, dass alle konkreten Angaben, die „Paulus“ über sich und über die Situation in Ephesus macht, alle im Brief mitgeteilten Details der dortigen Gemeinde, Mittel literarischer Fiktion sind. Ein Unbekannter, so die Annahme, habe sich die anscheinend unbestritten große Autorität des Paulus zunutze gemacht, „um mit ihrer Hilfe eine Norm für die aktuellen Auseinandersetzungen in seiner Gemeinde zu gewinnen.“
Eine Grundentscheidung vieler neuerer Arbeiten zu den Pastoralbriefen und damit auch zum 1. Timotheusbrief lässt sich so zusammenfassen:
Das bedeutet, dass ein Abgleich der Pastoralbriefe mit den „echten“ Paulusbriefen, etwa im Blick auf den Wortschatz oder theologische Konzeptionen, den Blick für die Leistung des Autors verstellt, der sich am Maßstab des Paulus messen lassen muss und dabei relativ schlecht abschneidet.
Minderheitsmeinungen Paulus als Verfasser Weil die Angaben über die Abfassungssituation sich aus seiner Sicht nicht mit der Biografie des Paulus, wie sie aus der Apostelgeschichte bekannt ist, in Übereinstimmung bringen ließen, nahm Joachim Jeremias an, nach der Schlussszene der Apostelgeschichte in römischer Haft sei Paulus wieder freigekommen und habe seinen in vorgestellten Plan einer Spanienreise in die Tat umsetzen können (eine bereits von dem spätantiken Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea etablierte AnnahmeJens Herzer: Die Pastoralbriefe und das Vermächtnis des Paulus. Rezension von Armin Daniel Baum, 22. Oktober 2022, abgerufen am 23. Oktober 2025.). Aus diesem letzten Lebensabschnitt des Apostels stammten die Pastoralbriefe.Heinz-Werner Neudorfer: Der erste Brief des Paulus an Timotheus. S. 30. Vgl. Joachim Jeremias: Die Briefe an Timotheus und Titus. Göttingen 1981.
Auch Heinz-Werner Neudorfer und Edward E. Ellis halten an der Autorschaft von Paulus fest, denken aber an eine Abfassung durch einen Vertrauten des Apostels, was die abweichenden theologischen Ausdrücke problemlos erkläre.Heinz-Werner Neudorfer: Der erste Brief des Paulus an Timotheus. S. 15–19.Edward E. Ellis: The Making of the New Testament Documents. Leiden 1999, S. 326–329.
Offene Pseudepigraphie Ferdinand Christian Baur nahm an, es habe im frühen Christentum eine „offene Pseudepigraphie“ ohne Täuschungsabsicht gegeben; er wandte dieses Modell allerdings nicht auf die Pastoralbriefe an. Dies versuchte Percy Neale Harrison: Es sei nicht nötig, anzunehmen, dass der Verfasser jemanden täuschen wollte. „Sie [die Pastoralbriefe] gingen hinaus als das, was sie waren, und die herzliche Wertschätzung, mit der die besten Köpfe der Kirche sie aufnahmen, war nicht eingetrübt durch ein Missverständnis über die Art und Weise, in der sie verfasst worden waren.“Percy Neale Harrison: The problem of the Pastoral Epistles. London 1921, S. 12. Eigentlich konnte Harrison keine Argumente für seine These anführen; er war apologetisch motiviert, weil eine Täuschungsabsicht aus seiner Sicht anstößig war. Harald Hegermann (Der geschichtliche Ort der Pastoralbriefe, 1970) nahm an, dass ein Paulusschüler im Namen seines Meisters geschrieben habe. Für eine solche Schülerarbeit (sogenannte „Schulpseudepigraphie“) finden sich nach herrschender Auffassung aber weder Signale in den Texten, die die wahre Absicht des Autors für den impliziten Leser erkennbar machen, noch kann man das Milieu, aus dem die offene Pseudepigraphie in der Antike bekannt ist, nämlich die gebildeten Philosophen- und Medizinerschulen, in frühchristlichen Gemeinden voraussetzen.Annette Merz: Die fiktive Selbstauslegung des Paulus. S. 198.
Gegenwärtig wird eine offene Pseudepigraphie für die Pastoralbriefe nur noch selten in Erwägung gezogen; eine Ausnahme ist R. I. Pervo (Romancing an Oft-Neglected Stone, 1994), der die drei Schreiben als Briefroman interpretiert. Der neueste Kommentar zu den Pastoralbriefen von Jens Herzer (2022) vertritt die ungewöhnliche Sondermeinung (die ähnlich allerdings schon von Friedrich Schleiermacher begründet wurde), nur der 1. Timotheusbrief sei pseudepigraphisch, während der Titusbrief und der 2. Timotheusbrief tatsächlich von Paulus von Tarsus stammen könnten. Auch Herzer sieht im 1. Timotheusbrief keine Fälschung, sondern eine im Schulkontext entstandene Schrift, die den Lesern nicht ernsthaft suggerieren will, Paulus sei tatsächlich Verfasser des Briefes. Die beiden anderen Pastoralbriefe täten das hingegen sehr wohl und seien deswegen als Fälschungen mit Täuschungsabsicht zu bewerten, falls sie nicht doch von Paulus stammten, wovon Herzer ausgeht.
Inhalt Lorenz Oberlinner gliedert den 1. Timotheusbrief folgendermaßen: +1,1–2Apostolische Zuschrift1,3–20Auftrag an Timotheus: Den rechten Glauben bewahren, Irrlehrer bekämpfen2,1–3,16Ordnung des Gemeindelebens: Auftrag der Christen zum Gebet für alle Menschen; Frauen sollen im Gottesdienst still sein, denn Adam sei vor Eva erschaffen worden, und sie habe ihn zur Sünde verführt. Die Errettung der Frauen erfolge dadurch, dass sie Kinder gebäre, sofern diese Christen bleiben. Jens Herzer sieht hier eine „enorme Diskrepanz“ mit der paulinischen Soteriologie, wonach alle Menschen durch Christus gerettet sind statt durch Geburten; gemeint sei die Stelle wohl eher als soziale Pflicht der Frauen.Jens Herzer: Die Briefe des Paulus an Timotheus und Titus (= Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament, Band 13). Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2024, ISBN 978-3-374-07590-4, S. 403. Eigenschaften der Episkopen („Bischöfe“) und Diakone. Der Kirche ist das Geheimnis des Glaubens anvertraut.4,1–11Auseinandersetzung mit falschen Lehren: Zurückweisung asketischer Forderungen, Nutzen der Frömmigkeit4,12–6,2Anweisungen für Gemeindeleben und Kirchenordnung: Lebensführung, die dem Auftrag entspricht; Umgang mit Christen verschiedener Altersgruppen; Stand der Witwen; Stand der Presbyter („Älteste“); Lebensführung christlicher Sklaven6,3–21Mahnung, den Glauben zu verteidigen und zu bewahren: hier auch die Warnung vor Geldgier und die Gefahren des Reichtums. Abschließend warnt der Verfasser vor „dem ungeistlichen losen Geschwätz und dem Gezänk der fälschlich so genannten Erkenntnis, die einige verkünden; sie sind vom Glauben abgeirrt“. Da Erkenntnis heißt, geht man davon, dass die innergemeindlichen Irrlehrer, von denen hier die Rede ist, Anhänger der Gnosis waren, einer Lehre, nach der die Erkenntnis der göttlichen Herkunft des eigenen inneren Seelenfunkens die Erlösung brachte.Christoph Markschies: Die Gnosis. C. H. Beck, München 2001, S. 15; Edwin M. Yamauchi: Pre-Christian Gnosticism. A Survey of the Proposed Evidences. 2. Auflage. Wipf and Stock, Eugene 2003, ISBN 1-59244-396-6, S. 49.
Wirkungsgeschichte Die Bibelstelle 1. Tim 2,12 wird angeführt, wenn es um die Stellung der Frau in kirchlichen Ämtern geht, und häufig zur Begründung der Ablehnung der Ordination und Priesterweihe von Frauen .
Nach Kap. 3 soll ein Bischof verheiratet sein. Diese Stelle wird in älteren evangelischen und katholischen Bibelübersetzungen regelmäßig unterschiedlich übersetzt. Hier die Fassung der revidierten Lutherbibel 2017:
In älteren evangelischen Bibeln steht oft: „Mann einer Frau“, in älteren katholischen Bibeln „Mann einer einzigen Frau“. Die Einheitsübersetzung (1980) gab die Stelle mit „nur einmal verheiratet“ wieder, in der revidierten Fassung von 2016 heißt es: