Der Brief an die Hebräer (oder Hebräerbrief, Kürzel Hebr) ist ein Buch des Neuen Testaments. Er wurde von der Alten Kirche zu den (somit 14) Paulusbriefen gezählt. Aber er reklamiert im Gegensatz zu diesen nicht Paulus als Verfasser und wurde mit großer Wahrscheinlichkeit weder von Paulus noch von einem seiner Schüler verfasst.
Seit dem Mittelalter wird der Hebräerbrief in 13 Kapitel eingeteilt. Obwohl über keine der literaturgeschichtlichen Fragen nach dem Verfasser, dem Empfängerkreis, der Datierung oder selbst der literarischen Gattung der mit Πρὸς Έβραίους betitelten Schrift auch nur annähernd ein wissenschaftlicher Konsens besteht, lassen sich doch historische Wahrscheinlichkeiten abwägen und Gründe für die verschiedenen Hypothesen anführen.
Verfasser Weil die ältesten Handschriften (Papyrus 46, Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus) den Hebräerbrief unter die Paulusbriefe einordneten,Barbara Aland, Kurt Aland: Novum Testamentum Graece, 27. Auflage, Stuttgart 2001, ISBN 3-438-05115-X, S. 686. rechnete die frühe ostkirchliche Tradition die Schrift dem Paulus zu.William MacDonald: Kommentar zum Neuen Testament, CLV: Bielefeld 1997, S. 1189. Diese, wie man heute allgemein annimmt, irrige Zuschreibung trug dazu bei, ihn in den Kanon des Neuens Testaments aufzunehmen.Einar Thomassen: ‘Forgery’’ in the New Testament. In: James R. Lewis, Olav Hammer (Hrsg.): The Invention of Sacred Tradition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2007, ISBN 978-0-521-86479-4, S. 141–157, hier S. 141 f. und 149.
Origenes ging wegen des für Paulus unüblichen Stiles (so etwa ein Wortschatz von 1000 verschiedenen Wörtern bei 3000 Wörtern Umfang gegenüber dem eher beschränkten des Paulus) davon aus, dass der Inhalt des Briefes zwar paulinisch, der Verfasser aber unklar sei.Eusebius, Kirchengeschichte 6,25. Während des Mittelalters und in der katholischen Kirche noch bis 1914DH 3591–3593. wurde angenommen, der Hebräerbrief sei die griechische Übersetzung eines im Original hebräischen Paulusbriefes. Wegen der anders gearteten Theologie und der verschiedenen geschichtlichen Situation (beispielsweise besteht Paulus in Gal 1,12 auf seiner eigenen direkten Offenbarungserfahrung, während der Autor ad Hebraios sich selbst in Hebr 2,3 als Hörer der Jünger Jesu bezeichnet) wird das heute weitgehend abgelehnt.
Als mögliche Verfasser wurden alternativ vorgeschlagen: Apollos,erstmals bei Luther, WA 10 I/1, 143. Priszilla,Adolf von Harnack ZNW 1 (1900). Lukas René Nyffenegger: allos (ἄλλος) vs heteros (ἕτερος) oder Clemens von Rom,Eusebius, Kirchengeschichte VI, 14, 2–4 und 25, 11–14. Barnabas,Tertullian, De Pudicitia 20. Petrus, Philippus, Judas, Aristion. Weil aber weder von den Genannten (wenn von ihnen überhaupt Werke erhalten sind) noch sonst ein dem Hebräerbrief vergleichbares Schriftstück erhalten ist, er also völlig singulär in Form wie Inhalt dasteht und im Brief selbst über den Verfasser nichts ausgesagt wird, kann keine dieser Hypothesen verifiziert werden. Der Kirchenvater Hieronymus schrieb in einem Brief an Claudius Postumus Dardanus, es komme „nicht darauf an, von wem er herrührt; es genügt zu wissen, daß er von einem Manne der Kirche stammt, daß täglich in den Kirchen daraus vorgelesen wird.“Hieronymus: Brief 129. In: Bibliothek der Kirchenväter, zitiert bei Einar Thomassen: ‘Forgery’’ in the New Testament. In: James R. Lewis, Olav Hammer (Hrsg.): The Invention of Sacred Tradition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2007, ISBN 978-0-521-86479-4, S. 141–157, hier S. 149.
Aufgrund des ausgezeichneten griechischen Stils, des umfangreichen Wortschatzes und der eingehenden Kenntnis des Alten Testaments in der Form der Septuaginta ist als Verfasser ein griechisch gebildeter Judenchrist anzunehmen, der dem hellenistischen Flügel angehörte.
Es handelt sich bei dem Brief nicht um Pseudepigraphie, da kein vorgeblicher Verfasser angeführt wird, auch wenn die Nennung des Timotheus (Hebr 13,23) möglicherweise den Umkreis des Paulus als Absender nahelegen könnte.
Empfänger Ob die Überschrift „An die Hebräer“ die ursprünglichen Empfänger meint, ist umstritten. Zwar ist in allen Handschriften und seit Tertullian dieser Titel überliefert, doch könnte damit auch eine sehr frühe allgemeine Überzeugung betreffs der Bestimmung des Schreibens wegen des „hebräischen“ Inhaltes ausgedrückt sein.Erstmals: James Moffat: An Introduction to the Literature of the New Testament, Edinburgh ³1918, S. 448. Wegen der Warnung vor dem Rückfall können die Adressaten keine Juden gewesen sein, die erst noch bekehrt werden sollten. Am weitesten verbreitet ist die Annahme eines judenchristlichen Adressatenkreises, weniger aufgrund der Vertrautheit mit den Einzelheiten des Tempelkultes, die auch Heidenchristen bekannt gewesen sein dürften, als wegen der stets vorausgesetzten Anerkennung jüdischer Prämissen, wie etwa der Existenz des levitischen Priestertums, dessen Einsetzung durch Mose die Empfänger als genügend empfanden, wogegen die Notwendigkeit der Schaffung eines Priestertums nach der Ordnung Melchisedeks ihnen mit Schriftzitaten bewiesen werden musste (Hebr 7,14).F. F. Bruce, The Epistel to the Hebrews, London / Grand Rapids 1964, XXVII. Daneben gibt es die Deutung, der Hebräerbrief sei überhaupt für keine konkrete Gemeinde und Situation geschrieben, sondern an Christen allgemein, die ihre erste Begeisterung verloren hätten und in der zweiten, dritten Generation lebten.Martin Dibelius, Der himmlische Kultus nach dem Hebräerbrief, in: Botschaft und Geschichte II, Tübingen 1965, S. 160–176, hier S. 161. Eine Beziehung zu den in Qumran entdeckten Schriften wird nicht mehr angenommen.Erich Gräßer: Der Hebräerbrief 1938-1963, in: ThR NF30 (1964), S. 138–236, hier S. 176. Wegen des Satzes „Es grüßen euch die Brüder aus Italien“ (Hebr 13,24) im Briefschluss wird – soweit man nicht wegen des Stilwechsels annimmt, dass er von anderer Hand hinzugefügt wurde – gemeinhin vermutet, der Verfasser habe in Italien (Rom) geweilt und den Brief ins außeritalische Ausland geschickt. Dagegen spricht, dass der Schreiber eines Briefes (die Brüder als Autorenkollektiv sind schwer vorzustellen), um überhaupt etwas Näheres zu seinem Ort zu sagen, seinen derzeitigen konkreten Aufenthaltsort nennen müsste und nicht ein ganzes Land, so dass die Länderangabe nur die Herkunft des Autors oder einzelner Mitglieder aus seiner Gemeinde, die nur Grüße mitschickten, bezeichnete.Feld, EdF 228, S. 12–14. Letztlich gibt es für keine der als Absendungs- wie als Bestimmungsorte genannten Städte einen Beweis.
Datierung Weil der um das Jahr 96 n. Chr. geschriebene erste Clemensbrief den Hebräerbrief ausgiebig zitiert und Anspielungen auf ihn enthält,Donald Alfred Hagner: The Use of the Old and New Testament in Clemens of Rome (Suppl. NT 35), Leiden 1973, S. 179–195. kann das als sicherer Terminus ante quem gelten. Eine genauere Datierung hängt davon ab, wie die Schilderung des jüdischen Tempelkultes beurteilt wird. Wenn sich der Hebräerbrief nämlich auf noch bestehende Einrichtungen und Gebräuche des herodianischen Tempels bezieht, muss er vor der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.), verfasst worden sein. Wenn sich der Hebräerbrief dagegen nur auf die Opfervorschriften im Buch Levitikus bezieht als Typologie des Opferns, ist der Abbruch der konkreten Opferpraxis in Jerusalem bedeutungslos. Die Vertreter einer Frühdatierung nehmen an, dass der Hebräerbrief die Überwindung des Opferdienstes durch Christus beweisen will, was voraussetzt, dass Tempel und Opferdienst als tatsächliche Konkurrenz noch bestehen. Somit gehen sie von einer Datierung zwischen 60 und 70 n. Chr. aus. Hebräer 10,32ff deutet auf die Verfolgung der Christen unter Nero (64 n. Chr.) hin. Dies würde darauf hindeuten, dass der Brief auf die Zeit zwischen 64 und 70 nach Christus datiert werden könnte. Die Mehrheitsmeinung geht aber dahin, dass die Erwähnung der Opfer nur auf den alttestamentlichen Opferkult bezogen ist, da der Text keine konkrete Situation des Opferns benennt, sondern von zeitloser ritueller Praxis handelt, auch wenn er vom Fortbestand des Kultes bis in die Gegenwart des Autors spricht.Feld, EdF 228, 15-16. Die im Brief erwähnten Verfolgungen könnten entweder lokale Bedrohungen der Gemeinden oder aber die Verfolgungen zur Zeit des römischen Kaisers Domitian (81–96 n. Chr.) meinen. Damit ergäbe sich eine Abfassung zwischen 80 und 90 n. Chr. Inhaltlich spricht für die Frühdatierung, dass noch keine Bezeichnungen für die kirchlichen Ämter bestehen, sondern ganz allgemein Vorsteher (Hebr 13,7.17) erwähnt werden. Auch die starke Naherwartung (Hebr 9,26; 10,25.37) und die noch von Ohrenzeugen (Aposteln) Jesu gehörte Erstverkündigung (Hebr 2,3) sprechen eher für eine frühe Zeit.
Literarische Gattung Die durch Bezeichnung und Stellung im neutestamentlichen Kanon als selbstverständlich nahegelegte Auffassung des Hebräerbriefes als Brief, das heißt als schriftlich verfasste Botschaft eines Absenders an einen oder mehrere bestimmte Empfänger, ist fraglich. Denn allein an den letzten vier Versen (Hebr 13,22–25) lässt sich diese Form festmachen, während der ganze Rest keinen brieflichen Charakter trägt. Die Gattung des Hebräerbriefes ist somit der Kunstbrief (Epistel), also ein für die Öffentlichkeit bestimmtes literarisches Werk, das sich den formalen Anschein eines Briefes geben will (vgl. Goethes Leiden des jungen Werthers).erstmals: A. Deissmann, Licht vom Osten, S. 207. Die Annahme, dass der Briefschluss ab Hebr 13 als sekundäre Zufügung durch einen späteren Schreiber oder auch den Verfasser selbst zu trennen sei, ist wenig wahrscheinlich. Insgesamt kann man bei dem Verfasser selbst literarkritisch ableiten, dass die Schreibart ein rhetorisch ausgefeilter Lehrvortrag oder eine Predigt ist, in der sich theologische Abhandlung und paränetische Aufforderung der Hörer abwechselten. Von daher sei hinsichtlich des literarischen Ursprunges von einer nachträglich niedergeschriebenen Rede oder einem für den mündlichen Vortrag bestimmten Stück auszugehen.Michel: Kritischer Kommentar, S. 24.
Auch die Sprache des Hebräerbriefes ist bedeutsam. Die Zeitform, die der Rede von ewigen Heil gerecht wird, ist das Perfekt. Grammatikalisch betrachtet bringt das griechische Perfekt das Ergebnis einer abgeschlossenen Handlung zum Ausdruck. Daraus lässt sich schließen, dass sich Christen bereits im Heil bewegen.
Struktur Die verschiedenen Unterteilungen des Hebr in einzelne Abschnitte und Gedankengänge lassen sich vereinfacht auf zwei mögliche Grundmuster zurückführen. Die einen nehmen einen konzentrisch geordneten Aufbau nach Art eines Chiasmus (ABCBA) an, der in mehreren ineinandergesetzten Schalen um das Zentrum Christus als Hoherpriester symmetrisch angeordnet ist. Die jeweilige gegenseitige Bezogenheit der einzelnen Stücke wird durch Klammerworte hergestellt.Erstmals: L. Vaganay: Le plan de l’Epître aux Hébreux, in: Mémorial Lagrange, Paris 1940, S. 269–277, hier S. 270.
Gliederung Albert VanhoyesAlbert Vanhoye, La Structure littéraire de l’Epître aux Hébreux, Paris 1963. a. Einleitung (1,1–4) entsprechend jeweils → z. I. Ein anderer Name als der der Engel (1,5–2,18) → V. II. A. Jesus, glaubwürdiger Hoherpriester (3,1–4,14) → IV. B. II. B. Jesus, mitleidvoller Hoherpriester (4,15–5,10) → IV. A. II. p. Einleitende Ermahnung (5,11–6,20) → III. f. III. A. Jesus, Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks (7,1–28) → III. C. III. B. zur Vollendung gelangt (8,1–9,28) Mitte III. C. Urheber ewigen Heils (10,1–18) → III. A. III. f. abschließende Ermahnung (10,19–39) → III. p. IV. A. Der Glaube der Alten (11,1–40) → II. B. IV. B. Die notwendige Ausdauer (12,1–13) → II. A. V. Gerade Wege (12,14–13,19) → I. z. Schluss (13,20–21) → a. (13,22–25 bleibt als sekundär unberücksichtigt)