mini|hochkant|Johannes schaut auf Patmos die Visionen der Offenbarung, Altarbild von Hans Memling, 1479 mini|hochkant|Die apokalyptische Frau und der Drache, Bamberger Apokalypse (um 1000), Staatsbibliothek Bamberg, Msc.Bibl.140, fol. 29v; vgl. Die Offenbarung des Johannes (nach manchen Übersetzungen: „Die Offenbarung Jesu Christi durch Johannes“) oder die Apokalypse (nach , apokalypsis, wörtlich „Enthüllung“) ist das letzte Buch des Neuen Testaments. Es ist das einzige prophetische Buch des Neuen Testaments und gehört zusammen mit dem alttestamentlichen Danielbuch zu den einzigen beiden apokalyptischen Schriften der christlichen Bibel.

Die Offenbarung diente für unterdrückte Christen als eine Trost- und Hoffnungsschrift während der Christenverfolgungen im Römischen Reich.

Der Verfasser Johannes richtet sich als Ich-Erzähler in Form eines Briefes zunächst in den Sieben Sendschreiben innerhalb der Offenbarung an sieben Gemeinden Kleinasiens. Diese wurden vom Apostel Paulus theologisch geprägt und litten nun unter Verfolgung oder zumindest unter starken Einschränkungen.Jürgen Roloff: Einführung in das Neue Testament. Reclam: Stuttgart, 2003, S. 248. Seit der im Mittelalter durchgeführten Kapiteleinteilung der Bibel wird die Offenbarung des Johannes in 22 Kapitel unterteilt.

Verfasser In der frühen Kirche war man seit dem zweiten Jahrhundert überzeugt, dass es sich bei dem Ich-Erzähler Johannes um den Apostel Johannes () bzw. den Autor des Johannesevangeliums (), also den Evangelisten Johannes handele. In der Ostkirche war dies umstritten, und die Offenbarung war dort lange Zeit kein Teil der kanonischen Schriften.

Papias († um 140) schrieb dem Buch einen apostolischen Ursprung zu, ebenso Justin der Märtyrer († 165): „Ferner hat einer, der bei uns war, Johannes hieß und zu den Aposteln Christi gehörte, in einer Offenbarung prophezeit.“Dialog mit Tryphon, 81,4. Irenäus († um 200) sagt ausdrücklich, dass der Apostel Johannes Verfasser der Offenbarung gewesen sei, auch Clemens von Alexandria († um 215) und Tertullian († nach 220) bestätigen das. Origenes († um 254) schrieb: „Johannes endlich, der an der Brust Jesu gelegen, hinterließ ein Evangelium. […] Er schrieb die Apokalypse.“

Diese Auffassung wird in der heutigen kontinentaleuropäischen Exegese praktisch nicht mehr vertreten (vgl. aber unten Datierung). Als Argumente werden sprachliche, inhaltliche und formale Abweichungen angeführt. Der Verfasser der Offenbarung nehme keine Paulus vergleichbare apostolische Autorität für sich in Anspruch. Er nennt dafür „dreimal seinen Namen“ (; ; ),Jürgen Roloff: Die Offenbarung des Johannes (Zürcher Bibelkommentare), 3. Aufl. Zürich 2001. S. 16. während es der Autor des Johannesevangeliums vermeide, seinen Namen zu nennen.William Barclay: Offenbarung des Johannes 1. Neukirchen-Vluyn 1970, S. 20.

Der Verfasser gilt heute mehrheitlich als frühchristlicher Prophet, der sich zu einer Gruppe von Propheten zählt; so spricht er von seinen „Brüdern, den Propheten“ (). Sprache und Gedankenwelt weisen auf eine Herkunft aus dem palästinischen Judenchristentum hin. Im Text selbst beschreibt er, dass er auf der Insel Patmos vor Ephesus in der Verbannung gelebt hat (1,9).Jürgen Roloff: Einführung in das Neue Testament. Stuttgart 2003, S. 247 f. Zum Bibelverweis siehe auch: Offb . Daher heißt dieser Johannes der Offenbarung im englischen Sprachraum auch Johannes von Patmos (John of Patmos).

Der Althistoriker Theodor Mommsen schrieb in seinem Werk Das römische Imperium über „das Auftreten eines falschen Nero in den letzten Jahren Vespasians“. Dieser sei derjenige, der zu der Offenbarung Johannis den Anstoß gegeben habe. „Der ‚falsche Nero‘, in Wirklichkeit ein gewisser Terentius Maximus aus Kleinasien, aber in Antlitz und Stimme und Künsten dem Sängerkaiser täuschend ähnlich, fand nicht bloß Zulauf in dem römischen Gebiet am Euphrat, sondern auch Unterstützung bei den Parthern. […] Indes es hatte dies keine Folgen; vielmehr lieferte bald darauf die parthische Regierung den Prätendenten an Kaiser Domitianus aus.“Theodor Mommsen: Das Römische Imperium der Cäsaren, Safari-Verlag Carl Boldt, ungekürzte Textausgabe, Berlin 1941, S. 306. Siehe auch: Der falsche Nero.

Empfänger Die Schrift ist in Form eines Briefes verfasst und richtet sich mit den sieben Sendschreiben im 2. und 3. Kapitel an sieben christliche Gemeinden im westlichen Kleinasien: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea (). Die Seligpreisungen und der Buchabschluss sowie die Symbolik der Siebenzahl legen jedoch nahe, einen weiteren Adressatenkreis anzunehmen.Michael Bachmann: Die Johannesoffenbarung. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament: eine bibelkundlich-theologische Einführung, Vandenhoeck und Ruprecht: Göttingen 2000, S. 347–348.

Datierung Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt in Interpretation und Forschung im Allgemeinen die heute so genannte Frühdatierung zur Entstehung der Apokalypse.Umfangreiche Darstellung der Positionen der letzten 200 Jahre in Kenneth L. Gentry: Before Jerusalem Fell: Dating the Book of Revelation, Victorious Hope Publishing 2010, ISBN 978-0-9826206-0-1. Noch heute liest man bei Berger/Nord: Dass „Jerusalem noch nicht zerstört ist, legt […] eine Entstehung vor 70 n. Chr. nahe. Da andererseits Nero bekannt ist und als Gegenbild zu Jesus gesehen wird, scheint eine Datierung auf 68/69 n. Chr. plausibel.“Klaus Berger/Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1999, S. 360. ISBN 3-458-16970-9. Ebenfalls Thomas Schirrmacher: Gründe für die Frühdatierung der Offenbarung vor 70 n. Chr. (PDF; 0,3 MB), S. 11.

Diese Datierung geht auch mit der Vermutung einher, dass ein Zusammenhang zwischen den vier apokalyptischen Reitern und den vier Zirkusparteien der römischen Wagenlenker besteht. Laut dem Theologen Karl-Heinrich Ostmeyer stellten diese Parteien eine allgemein verständliche Bezugsgröße dar, welche sich zur Versinnbildlichung für den Apokalyptiker Johannes anbot.

Im Standardwerk Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament (KEK), 6. Auflage 1906, schrieb Wilhelm Bousset: „Alle diese Kommentatoren [des 19. Jahrhunderts] gehen von der entscheidenden Beobachtung aus, daß Apk 11 von der Erhaltung des Tempels die Rede ist […]. Demgemäß muß die Apk, von deren Einheit man überzeugt ist […], vor der Zerstörung Jerusalems geschrieben sein. Man erkennt richtig, daß die Apk im Wesentlichen sich gegen Rom richtet, man hält an der Nerodeutung fest und geht mit der Zählung der sechs Häupter entweder bis GalbaAugustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba oder mit der Überspringung des Interregnums bis Vespasian.Wilhelm Bousset: s:Die Offenbarung Johannis/Die Anbahnung der richtigen Auffassung der Apk, S. 105. [… So] stand die literarische Einheit der Apk lange Zeit als Axiom fest.“Wilhelm Bousset: s:Die Offenbarung Johannis/Die literarkritische Methode, S. 109.

Auch Friedrich Engels datierte die Offenbarung 1883 auf die Regierungszeit Galbas (9. Juni 68 bis 15. Januar 69).Friedrich Engels: Das Buch der Offenbarung. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Berlin: Karl Dietz Verlag, 51975; Bd. 21, S. 9–15. Ursprünglich in George William Footes Zeitschrift Progress. A monthly magazine of advanced thought. Vol. II London 1883, S. 112-116. marxists.org (englisch), dhspriory.org (aus dem Englischen übersetzt)

Diese Vorstellung der Apokalypse als eines einheitlichen Werks, verfasst von einem einzigen Autor, wurde erstmals 1820 von Friedrich Bleek infrage gestellt, der annahm, „daß der erste Teil vor der Zerstörung, der zweite nach derselben geschrieben sei“.Bleek: Beitrag zur Kritik und Deutung der Offenbarung des Johannes, Berl. Theol. Ztschr. ||, 1820, S. 240 ff. Erst „Völter – auf Anregung seines Lehrers Weizsäcker (1882) – [trat] mit einer bis ins einzelne gehenden Quellenscheidung der Apk auf. (1904)“.Wilhelm Bousset: s:Die Offenbarung Johannis/Die literarkritische Methode#Völter, S. 109.

Diese Quellenscheidung und die Annahme von zu verschiedenen Zeiten entstandenen Teilen der Offenbarung regte eine Flut von (vielfach parallel erstellten) Forschungsarbeiten an, von denen Bousset eine hervorhebt: Johannes Weiß: Die Offenbarung des Johannes, 1904, die sich vor allem an Spittas Versuch anlehne, einen christlichen Urapokalyptiker in der Offenbarung nachzuweisen, und neben einer „Urapokalypse […] der zweiten Hälfte der 60er Jahre […] eine jüdische Apokalypse, die im Jahre 70 während des Ansturms der Römer auf Jerusalem geschrieben wurde“, kenne, vereinigt von einem „Redaktor, […] ein Schriftsteller der selbst etwas zu sagen hat; dieser Apok. letzter Hand hat der Apk erst die Wendung einer Weissagung gegen das römische Imperium und den Kaiserkult gegeben“.Wilhelm Bousset: s:Die Offenbarung Johannis/Die literarkritische Methode#J. Weiß, S. 116 f.

Auf der Basis der Zusammenfassung Boussets zum Wandel der Auffassung über die Autorenschaft, die – auch im Hinblick auf Angaben antiker Autoren (Sueton) und von Kirchenvätern (vor allem Irenäus von Lyon) – die Regierungszeit Domitians (81–96) in den Fokus rückte, wird heute diese Zeit bevorzugt als Entstehungszeit der Offenbarung angenommen.

Nach Ulrike Riemer (1998) gibt es „keinen vernünftigen Grund, an der Datierung des Irenäus auf die Zeit um 95 n. Chr. zu zweifeln“.Ulrike Riemer: Das Tier auf dem Kaiserthron? Eine Untersuchung zur Offenbarung des Johannes als historischer Quelle, B.G. Teubner, Stuttgart und Leipzig 1998, ISBN 3-519-07663-2. S. 11 Die Mehrheit der Autoren halte an dieser Datierung fest. Riemer nennt 37 europäische Publikationen.Riemer, S. 8 ff. Auch Traugott Holtz sieht die Datierung auf ca. 95 n. Chr. „weitgehend als zutreffend akzeptiert. [… Wobei] eine Datierung der Offb. in ihrer uns vorliegenden Gestalt […] auf das Ende des 1. Jh. nun aber die Vermutung nicht ausschließt, daß Textstücke in sie vom Verfasser integriert sind, die bereits durch ihn selbst oder auch andere erstellt waren und die dadurch Signale einer anderen Ursprungssituation in sich tragen.“Traugott Holtz: Die Offenbarung des Johannes, Das Neue Testament Deutsch (Hg.: Karl-Wilhelm Niebuhr), Teilband 11, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, S. 9 f. ISBN 978-3-525-51387-3. Akira Satake, Bearbeiter der aktuellen Ausgabe des Kritisch-exegetischen Kommentars, 2008, legt ebenfalls die Angabe des Irenäus zugrunde („am Ende der Herrschaft Domitians“) und sieht „dieses Datum […] von einer Anzahl weiterer Kirchenväter bestätigt (Clemens von Alexandria, Origenes, Victorinus von Poetovio, Eusebius von Caesarea, Pseudo-Augustinus, Hieronymus)“ (im Zitat mit Angabe der Textstellen).Akira Satake: Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament (KEK): Die Offenbarung des Johannes, Band 16, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, S. 52. ISBN 978-3-525-51616-4. Auch „die Legende vom wiederkommenden Nero [… setzt] die Entstehung des Buches nach Neros Tod (voraus). […] Zweitens setzt die Benennung Roms als Babylon voraus, dass es wie einst Babylon Jerusalem bereits zerstört hat; das Buch kann deshalb nicht vor 70 entstanden sein.“Satake, S. 53. Elaine Pagels, 2013, äußert sich vorsichtig: „[…] am wahrscheinlichsten ist die Zeit um 68 n. Chr. oder zwischen 90 und 96 n. Chr. Es gibt zwar keinen sicheren Beleg dafür, aber mir erscheint letzteres Datum plausibler.“Elaine Pagels: Apokalypse, aus dem Englischen von Rita Seuß. Verlag C.H. Beck, München 2013, S. 185, Fn. 14. Original: Revelations. Visions, Prophecy & Politics in the Book of Relevation, Viking Penguin, 2012.

Als Spätdatierung wird die neuerdings auftretende Annahme gewertet, die Abfassung sei erst in trajanischer Zeit (98–125) oder gar unter Hadrian („um 132 n. Chr.“) erfolgt.J. Frey: Erwägungen zum Verhältnis der Johannesapokalypse zu den übrigen Schriften des Corpus Johanneum in: M. Hengel: Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993, 326-429.