Der Brief des Paulus an die Kolosser () ist ein Buch des Neuen Testaments der christlichen Bibel. Er wird seit dem Mittelalter in vier Kapitel unterteilt.

Verfasser, Sprachstil, Datierung

In Kol wird der Anspruch auf eine Verfasserschaft durch Paulus und Timotheus gemacht. Der aktuelle akademische Konsens ist sich jedoch seit der Arbeit von Walter Bujard einig, „daß die Differenz zwischen dem Stil des Kol[osserbriefs] und dem der Paulusbriefe nach Einheitlichkeit, Art und Größe so gravierend ist, daß eine Verfasserschaft des Paulus für den Kol schon allein von daher ausgeschlossen werden muß“. Viele Gelehrte betrachten daher den Anspruch auf die paulinische Verfasserschaft als literarische Fiktion. Einige dagegen (z. B. Eduard Schweizer, Ulrich Luz, J. D. G. Dunn) gehen jedoch wegen der konkreten und persönlichen Nachrichten (), der stilistischen Nähe zur paulinischen Diktion und der persönlichen Unterschrift des Paulus () von einer „nebenpaulinischen“ Abfassung durch Timotheus (oder Epaphras) aus („Sekretärshypothese“). Zu den Vertretern, die den Kolosserbrief als zweifelsfrei paulinisch betrachten, gehört z. B. N. T. Wright.„N. T. Wright … [rechnet] den Kolosserbrief sans phrase zu den Paulusbriefen“, so: (Abschnitt: 2.1.2. Der Kolosserbrief und der 2. Thessalonicherbrief)

Epaphras als Sekretär (und Verfasser) wäre nach Meinung einiger Forscher wahrscheinlicher: Paulus und Timotheus hätten demnach Epaphras (Lähnemann, Reicke, Berger) dort das Wort überlassen, wo er als ortskundiger Theologe besser auf Probleme und Fragen in Kolossai und den Nachbargemeinden antworten konnte. Paulus jedenfalls kannte weder die Adressaten noch deren Situation (Kol 2,1), sein Informant Epaphras aber schon (Kol 1,5–8; 4,12–13). So könnte Paulus durch den Briefschreiber Epaphras versucht haben, „den Kolossern wie ein Kolosser“ zu werden, Hierfür spreche, dass der „unpaulinische“ Schreibstil sich nur im theologisch-lehrenden Briefteil Kol 1–2 finde. Nach der dort stattfindenden Auseinandersetzung mit den (nur Epaphras gut bekannten) Häretikern Kolossais ändert sich der Stil schlagartig.Ernst Percy: Probleme der Kolosser- und Epheserbriefe. C. W. K. Gleerup, Lund 1946 In Kol 3–4 gleicht der Stil dem der unumstrittenen Paulusbriefe sehr. Paulus allgemeine Gemeindeethik kann Paulus auch für unbekannte Adressaten selbst erteilen. Er unterschreibt den Brief zuletzt sogar persönlich (Kol 4,18). Beispiele für die Stilveränderungen in Kap. 3–4 (nach Auswertung des Datenmaterials bei Bujard):

In Kol 3–4 gibt es einen starken Anstieg des Gebrauchs paulinischer Konjunktionen von zuvor nur 27× in 1016 Worten in Kol 1–2 (2,7 % vom Wortbestand) auf nun 34× in 566 Worten in Kol 3–4 (6 %!). Die zweite Briefhälfte geht also klar in Richtung Paulus, der in unumstrittenen Briefen zwischen mehr als 8 bis mehr als 10 % Konjunktionen einsetzt. Gleichzeitig gibt es eine starke Abnahme der Sonderwort-Dichte/Hapaxlegomena in Kol 3–4 um über 40 % weniger im Vergleich zu Kol 1–2. Der erste Briefteil Kol 1–2 hat 24 Sonderworte, die je nur 1x im Kol, aber sonst nie bei Paulus und im gesamten NT vorkommen, aber Kol 3–4 hat nur 8 solcher Sonderworte. Die zuvor durchschnittlich längeren Sätze in Kol 1–2 (26 Worte pro Satz im Schnitt) werden in Kol 3–4 kürzer als etwa die Sätze in 1 Thess oder in Röm 1–8 (Kol 3–4 = 21 Worte im Schnitt; 1 Thess und Röm 1–8 = über 22 und mehr Worte im Schnitt). In Kol 3–4 finden sich gar keine Genitiv-Ketten mehr.

Epaphras dürfte als den Stil beeinflussender Sekretär ab Kap. 3 weniger frei geschrieben haben. In Kol tritt Paulus aber nur kurz und viel weniger autoritativ erst ab Kol 1,24 bis Kol 2,5 aus dem von ihm und Timotheus ab Kol 1,3 gewählten Wir-Stil hervor und punktuell bewusst im Ich-Stil auf, um schon mit Kol 2,6–7 wieder mehr die Lehre zu betonen, die die Kolosser nicht (!) von ihm, sondern – wie man schon aus Kol 1,6ff weiß – von Epaphras gelernt hatten. In Kol 1–2 tritt Paulus mehr als deutlich hinter den von ihm hoch geschätzten Gemeindegründer (Kol 1,5–8) und Theologen Epaphras (vgl. Kol 4,12–13!) zurück. So hoch wie Epaphras lobt er sonst nur noch z. T. wortgleich Timotheus in Phil 1,1; 2,19ff. Paulus stärkt Epaphras als für alle Heidenchristen zuständiger Apostel den Rücken und spricht, wenn, dann nur durch ihn. Das fällt sofort ab dem Lob des Epaphras in Kol 1,5ff auf (vgl. dazu auch Forscher wie Marxen und Kiley, die die große Rolle des Epaphras im Kol herausstellen). Sonst stellt sich Paulus zu Beginn seiner Briefe selbst vor und setzt sich selbst in eine gute Beziehung zu den Adressaten. Dass er dies im Kol unterlässt, spricht stark gegen die Mehrheitsmeinung der Unechtheitsvertreter, der Apostel werde im Kol als Autorität überhöht dargestellt wie sonst nie in unbestritten echten Briefen. Es war jedoch sein Prinzip, möglichst nicht dort zu lehren, wo schon andere vor ihm gelehrt hatten (vgl. Röm 15,19ff!). So lässt er in Kol deutlich Epaphras den Vortritt und verschwindet oft ganz in einem anonymen Wir-Stil, bis eben auf 1,24–2,5 (und 4,3ff). In der Forschung wird immer wieder fälschlich vertreten, Kol sei unecht, weil er die Adressaten nie als Brüder anrede. aber hier wird nur ein Irrtum immer neu tradiert. Der Kol redet die Kolosser zwar nur einmal am Anfang als „Brüder“ an (Kol 1,2), aber er tut es. Paulus vermeidet es nur, den unbekannten Adressaten evtl. zu viel Vertrautheit zuzumuten. Vgl. anders etwa Paulus in Phil, in dem er als Gemeindegründer den „Brüdern“ (vgl. 1,12.14 und dann bes. ab der Abgrenzung von den Häretikern: Phil 3,1.13.17; 4,1.8.21) fast nur im z. T. viel mehr autoritären Ich-Stil schreibt, ein Lehrstil, den Paulus in Kol gar nicht wählt. Nirgends wird er ausdrücklich zum Dienstherren oder Lehrer von Christen in Kolossai. Autoritäre Worte wie Phil 3,17; 4,9 vermeidet Paulus in Kol gegenüber Fremden ganz. Gegenüber Gemeinden, die er selbst gegründet hatte, trat Paulus nicht so bescheiden auf wie im Kol, schon gar nicht bei Streit mit Abweichlern oder bei der Bekämpfung von Häretikern. Vgl. 1 Kor 3–4; 2 Kor 10–13; Phil 3,1–4,9. Auch Fragen stellt Paulus in Kol, was in der Einleitungswissenschaft des Mainstreams bis heute häufiger bestritten und dann auch noch als „unpaulinisch“ gewertet wird. Er fragt die Adressaten nur seltener irgendetwas als etwa in Röm oder 1 Kor, nämlich nur in Kol 2,20–21 („Wenn ihr mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was unterwerft ihr euch Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt: Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht!, – was doch alles zur Vernichtung durch den Gebrauch bestimmt ist, nach den Geboten und Lehren der Menschen?“). Allerdings stellt Paulus in unumstritten echten Briefen sonst bisweilen auch nur wenig Fragen, in Phlm gar keine, in Phil nur einmal in Phil 1,18 und in 1 Thess nur zweimal (1 Thess 2,19; 3,9–10).

Der Brief zeigt also sowohl Übereinstimmungen als auch Besonderheiten gegenüber den eindeutig Paulus zugeschriebenen Briefen. Bestreiter seiner Verfasserschaft weisen besonders auf 37 sogenannte Hapaxlegomena hin, also Begriffe, die nur einmal im Neuen Testament auftauchen (wenn auch zum Teil in dem dem Verfasser vorgegebenen Textmaterial). Dieses Argument wird von manchen aber als nicht zwingend zurückgewiesen. Sie betonen auch, dass viele Hapaxlegomena genauso im allgemein anerkannten Römerbrief zu finden sind.So etwa Berkhof: Introduction, S. 115: „the argument derived from the ἅπαξ λεγόμενα is irrelevant and would apply with equal force in the case of the Epistle to the Romans.“ Es fehlen für Paulus sonst typische Formulierungen, während sich für ihn untypische Genitivverbindungen häufen, aber eben nur in Kol 1–2 (wie allerdings ähnlich häufig in Röm 1–11); zudem wurde auf assoziative Gedankenführung aufmerksam gemacht. Ältere, noch nicht computergestützte Stiluntersuchungen von Walter Bujard und Eduard Lohse führen viele, vor allem deutschsprachige Exegeten bis heute zu der Annahme, der Kol könne nicht von Paulus stammen. Neuere, computergestützte Stilvergleiche, die aber von deutschen Exegeten wenig beachtet werden, sprechen sich eher für die paulinische Verfasserschaft aus (Kenny, Neumann, Bahr). Stilbesonderheiten ließen sich ohnehin durch die Mitwirkung des Timotheus und/oder Epaphras bzw. die Abfassung durch ihn erklären. Denn in der Struktur und der Theologie bestehen weitläufige Übereinstimmungen, die zumindest auf gute Kenntnis der paulinischen Theologie bzw. einen engen Paulusschüler schließen lassen. Vgl. etwa das für Paulus u. a. im Röm und Gal wichtige und ein für alle Mal abgeschlossene, nicht mehr ergänzbare stellvertretende Sterben Christi am Kreuz für die Sünden der Menschen in Kol 1,15–23 und 2,14f, das sprachlich darum klar dann auch von den apostolischen „Bedrängnissen“ des Missionars Paulus unterschieden wird, in dem Christus für den Missionserfolg weiterleidet (vgl. Gal 6,17). Das Leiden Christis am Kreuz ist auch im Kol soteriologisch ein für alle Mal geschehen. Das Leiden Christi geht in den leidenden, angefeindeten Christen weiter, weil Christus in ihnen lebt (Gal 2,20) und sie auch im Kol sein Leib in der Welt sind. Die Vertreter der paulinischen Verfasserschaft beziehen die Besonderheiten des Kol auf eine Frontstellung gegenüber einer Häresie in der Gemeinde in Kolossä; diese Konstellation habe eine andere Formulierung seiner Theologie erfordert (Werner Georg Kümmel). „Der wohl überzeugendste Beweis für die Echtheit ist die enge Verbindung zum Philemonbrief, dessen Echtheit niemand anzweifelt“ (William MacDonald).Kommentar zum Neuen Testament, S. 983.

Dennoch wurde in der neueren kontinentaleuropäischen Forschung der Kolosserbrief vielfach als pseudepigraphische Schrift angesehen mit Timotheus oder einem anderen Paulusschüler als Verfasser. Der Brief wird dann zu den deuteropaulinischen Briefen gezählt, aber mit großer Nähe zu Paulus, geschrieben etwa um 70 n. Chr.Schnelle: Einleitung in das NT, S. 336: „Von den Deuteropaulinen steht der Kol dem Apostel am nächsten“. Viele halten an der Verfasserschaft des Paulus fest und datieren den Brief auf 53–56 n. Chr.Josef Ernst bei der Darstellung der konservativen Position (die mehrheitlich an Ephesus als Abfassungsort denkt), in: Theologische Realenzyklopädie 19, 1990, S. 370–376, dort 373. oder auf etwa 58–60 n. Chr.Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, S. 736f.William MacDonald: Kommentar zum Neuen Testament. Bielefeld 1997 (2. Aufl.), S. 983–984Louis Berkhof: Introduction to the New Testament. Grand Rapids 2004, S. 114–115.Werner Georg Kümmel: Einleitung in das Neue Testament. Heidelberg 201980, S. 206: „entweder 56–58 oder 58–60“.

Empfänger Empfänger ist die Gemeinde in Kolossai, die Paulus aber persönlich nicht kennt (). Kolossai war eine Kleinstadt 170 km östlich von Ephesus mit einer bedeutenden jüdischen Minderheit. Kolossai wurde 60/61 n. Chr. von einem Erdbeben zerstört. Tacitus nennt nur das benachbarte Laodikeia: „In demselben Jahre wurde eine bedeutende Stadt Kleinasiens, Laodicea, durch ein Erdbeben zerstört. Doch half sie sich ohne irgendwelche Beihilfe unsererseits nur durch eigene Kraft wieder auf.“eodem anno ex inlustribus Asiae urbibus Laodicea tremore terrae prolapsa nullo a nobis remedio propriis operibus revaluit (Annales XIV 27; Übersetzung von August Horneffer, KTA 238, Stuttgart 1964, S. 465). Daraus ergibt sich eine Schwierigkeit für diejenigen, welche die paulinische Verfasserschaft bezweifeln und den Brief nach 60 n. Chr. datieren. Erweiterte diese „Ortlosigkeit“ (angesichts der nicht mehr existierenden Empfänger-Stadt) den Wirkungsbereich des Kolosserbriefes auf das kleinasiatische Missionsgebiet des Paulus? Der Verfasser verweist seine Empfänger an die Gemeinde in Laodicea und ordnet einen wechselseitigen Austausch der Briefe an (). Der Brief an Laodicea ist jedoch nicht überliefert. Aber vielleicht bedeutete das Erdbeben nicht das gänzliche Ende dieser Stadt – so Ulrich Luz: