mini|220px|rechts|Historische Anstecknadel mit dem aus dem Epheserbrief entnommenen Motto der deutschen Baptisten – Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe ()
Der Brief des Paulus an die Epheser (kurz Epheserbrief, Abkürzung Eph) ist ein Buch des Neuen Testaments, des zweiten Teils der christlichen Bibel. In der deutschsprachigen Exegese hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein weitgehender Konsens herausgebildet, wonach der Epheserbrief nicht zu den sieben authentischen Paulusbriefen gehört, sondern das Werk eines Paulusschülers ist. In der englischsprachigen neutestamentlichen Wissenschaft gilt dieser Konsens so nicht; hier tritt ein Teil der Fachleute für die paulinische Verfasserschaft des Schreibens ein, was im deutschsprachigen Bereich vor allem von konservativ-evangelikalen Exegeten aufgenommen wird. Die Konsequenzen für die Geschichte des Urchristentums und die Theologie des Paulus sind erheblich, je nachdem ob der Epheserbrief als paulinisch gilt oder nicht.
Der Epheserbrief ist ein theologischer Traktat, der in Briefform gekleidet ist. Die ethische Unterweisung (Paränese) im zweiten Briefteil nimmt deutlich mehr Raum ein als die lehrhaften Ausführungen im Eingangsteil. Das Schreiben wird seit dem Mittelalter in sechs Kapitel unterteilt.
Einleitungsfragen Entstehungsort und -zeit Wenn man den Epheserbrief für das Werk eines Paulusschülers hält, lässt sich eine Entstehung nach dem Kolosserbrief, aber vor den Briefen des Ignatius von Antiochia vermuten. So kommt man zu folgenden Datierungsversuchen:Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. 9. durchgesehene Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht 2017, S. 382.
um das Jahr 100 n. Chr. (Philipp Vielhauer) Anfang der 90er Jahre (Joachim Gnilka) 80–90 n. Chr. (Franz Mußner, Rudolf Schnackenburg, Petr Pokorńy, Ernest Best) 70–90 n. Chr. (Ulrich Luz) 60 n. Chr. (Klaus Berger und Christiane Nord)
Im westlichen Kleinasien, wo die Autorität des Paulus von Tarsus viel galt, sei auch der Abfassungsort des Schreibens zu suchen.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur: Einleitung in das Neue Testament, die Apokryphen und die apostolischen Väter, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1978, S. 215. Der Epheserbrief entstand demnach in der Region, deren Zentrum die antike Metropole Ephesus bildete. Eberhard Faust, der als Erster dem Epheserbrief eine detaillierte sozialgeschichtliche Untersuchung widmete, sieht dieses Schreiben vor dem Hintergrund des verlorenen Ersten Jüdischen Krieges, der für die Juden und Judenchristen der Asia die demütigende Re-Integration in die Pax Romana zur Folge hatte. Dagegen stelle der Epheserbrief für eine heidenchristliche Leserschaft die bleibende Bedeutung der judenchristlichen Tradition in der Kirche heraus.Rainer Schwindt: Das Weltbild des Epheserbriefes, Tübingen 2002, S. 45.
Exegeten, die an der paulinischen Verfasserschaft festhalten, datieren ihn in die letzten Lebensjahre des Apostels. Jacob Thiessen zufolge schrieb Paulus den Brief am Ende seiner ersten Gefangenschaft in Rom, im Frühjahr (März?) des Jahres 62. Zeitnah habe der Apostel in römischer Haft den Epheser-, Kolosser- und Philemonbrief verfasst, einige Tage oder Wochen später den Philipperbrief.Jacob Thiessen: Die umstrittenen Paulusbriefe – Abschriften oder Fälschungen? Münster u. a. 2016, S. 230.
Adressaten Bei der Adresse des Epheserbriefes wird unterschieden zwischen der Überschrift (Inscriptio), die der Text erst bei Anlage der neutestamentlichen Briefsammlung erhielt, und der Adressatenangabe (Adscriptio) am Briefeingang (Präskript):
Die Inscriptio Πρὸς Ἐφεσίους Pròs Ephesíous „An die Epheser“ kommt in allen bekannten Handschriften vor. Die Adscriptio ἐν Ἐφέσῳ en Ephésō „in Ephesus“ () wird von den meisten Handschriften geboten, von den ältesten und besten Zeugen (unter anderen: P46, Vaticanus, Sinaiticus) aber nicht. Mehrere antike christliche Autoren lasen in ihrem Exemplar des Epheserbriefs die Worte ἐν Ἐφέσῳ im Präskript nicht. Statt des Mehrheitstextes („den Heiligen, die in Ephesus sind, und [den] Gläubigen in Christus Jesus“) lasen sie: „den Heiligen, die auch Gläubige in Christus Jesus sind“, vielleicht auch nur: „den Heiligen und Gläubigen in Christus Jesus“.Jacob Thiessen: Die umstrittenen Paulusbriefe – Abschriften oder Fälschungen? Münster u. a. 2016, S. 215.
Vielhauer schloss daraus: „Der Text 1,1 ohne Ortsangabe ist der bestbezeugte, erreichbar älteste und sicher auch der ursprüngliche; denn es gibt keinen vernünftigen Grund, warum eine Ortsangabe … gestrichen worden sein sollte, wogegen es verständlich ist, daß man dem als Mangel empfundenen Fehlen einer Ortsangabe abhalf.“Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur: Einleitung in das Neue Testament, die Apokryphen und die apostolischen Väter, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1978, S. 205.
Da das Präskript ohne Ortsangabe nicht sinnvoll und der von Vaticanus und Sinaiticus gebotene Text grammatisch unmöglich sei, vermutete z. B. Ulrich Luz, dass der Brief ein Rundschreiben war und an dieser Stelle eine Lücke hatte, in die der Name der jeweiligen Empfängergemeinde eingetragen werden konnte. Für ein Rundschreiben spricht, dass man aus dem Brief nichts über die Situation der Empfänger erfährt bzw. der Verfasser sie nicht genauer zu kennen scheint.Ulrich Luz: Der Brief an die Epheser, in: NTD 8/1. Göttingen 1998 (1. Auflage), S. 108. 115. Dagegen spricht, dass kein neutestamentliches Manuskript bekannt ist, in dem an dieser Stelle ein anderer Ortsname als Ephesus steht. Peter Stuhlmacher meint, Paulus habe einem Mitarbeiter, möglicherweise Tychikus (Eph 6,21) ein Rundschreiben zur Verlesung in den neugegründeten christlichen Gemeinden Kleinasiens mitgegeben; das Exemplar im „Gemeindearchiv von Ephesus“ sei erhalten geblieben, nach dem Tod des Apostels überarbeitet und als eine Art Programmschrift der Paulusschule ausgestaltet worden – den uns vorliegenden Epheserbrief.Peter Stuhlmacher: Biblische Theologie des Neuen Testaments, Band 2: Von der Paulusschule bis zur Johannesoffenbarung. 2. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, S. 3.
Gegen das Gewicht von P46, Vaticanus und Sinaiticus vertreten Rainer Schwindt, Harold Hoehner und Clinton E. Arnold in neueren Arbeiten die These, dass ἐν Ἐφέσῳ „in Ephesus“ zum ursprünglichen Text des Präskripts gehörte; letzterer verbindet dies mit der Rundschreiben-These: Der Brief habe in den paulinischen Gemeinden in der Gegend von Ephesus zirkuliert.Clinton E. Arnold: Ephesians, S. 29. Auch Andreas Lindemann, der den Epheserbrief einem Paulusschüler zuschreibt, plädiert für die Ursprünglichkeit der Ortsangabe Ephesus; da die enge Beziehung des Paulus gerade zu dieser Gemeinde bekannt gewesen sei, habe der Verfasser sein Werk mit der fiktiven Adresse „Ephesus“ versehen.Andreas Lindemann: Bemerkungen zu den Adressaten und zum Anlaß des Epheserbriefes, S. 214.
Verfasser
mini|Erasmus von Rotterdam war der erste Gelehrte, der die paulinische Autorschaft des Epheserbriefs bezweifelte.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur: Einleitung in das Neue Testament, die Apokryphen und die apostolischen Väter, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1978, S. 207. Er schrieb 1519 in seinen Anmerkungen zum Neuen Testament: Sicher unterscheidet sich der Stil so sehr von anderen Paulusbriefen, dass er von einem anderen stammen könnte. (Hans Holbein d. J.: Desiderius Erasmus, 1530, Kunstmuseum Basel) Luz stellte einen weitgehendenIn den 1980er Jahren hielten etwa 20 Prozent der Neutestamentler den Epheserbrief für paulinisch, gegenüber 80 Prozent, die den Brief Paulus absprachen. Siehe Harold W. Hoehner: Ephesians, S. 7. Hoehner kommt aufgrund eigener Statistik (S. 19) zu einem ausgewogenen Verhältnis der Autoren, die sich für bzw. gegen paulinische Autorschaft aussprechen – wobei er allerdings zum Beispiel Adrienne von Speyr unter die Fachleute für das Neue Testament rechnet. und konfessionsübergreifenden Konsens der historisch-kritischen Exegese fest, wonach der Epheserbrief nicht von Paulus verfasst worden sei, sondern von einem Schüler des Apostels. Die Minderheitsmeinung, der Epheserbrief sei ein Altersbrief des Paulus, wurde von Heinrich Schlier vertreten, konnte sich aber in der deutschsprachigen neutestamentlichen Wissenschaft gegen die Argumente, die gegen paulinische Verfasserschaft sprechen, nicht durchsetzen:Ulrich Luz: Der Brief an die Epheser, in: NTD 8/1. Göttingen 1998 (1. Auflage), S. 108.
Stil: Der Verfasser liebt lange Sätze und Wortreichtum (Plerophorie), wobei die syntaktische Struktur oft unklar bleibt. An die Stelle von Argumentation tritt Assoziation. Das ist nach Ansicht der meisten Exegeten kein Altersstil des Paulus, hat aber Ähnlichkeit mit dem Kolosserbrief. „Wäre der Kolosserbrief von Paulus selbst geschrieben, so müßte die Frage auch beim Epheserbrief neu aufgerollt werden.“Ulrich Luz: Der Brief an die Epheser, in: NTD 8/1. Göttingen 1998 (1. Auflage), S. 110. Theologie: Wenn man die Rechtfertigungslehre, wie sie im Römerbrief dargelegt wird, für das Zentrum paulinischer Theologie hält, erscheint der Epheserbrief als unpaulinisch. Luz warnt hierbei jedoch vor einem Zirkelschluss.Ulrich Luz: Der Brief an die Epheser, in: NTD 8/1. Göttingen 1998 (1. Auflage), S. 109 f. Abhängigkeit des Epheser- vom Kolosserbrief. Für Hans Conzelmann und Andreas Lindemann können beide Texte unmöglich unabhängig voneinander entstanden sein. Dem Kolosserbrief müsse aber die Priorität zukommen, denn er beziehe sich konkret auf eine einzelne Gemeinde, deren Situation aus dem Schreiben erkennbar werde; der Epheserbrief stelle quasi die ins Grundsätzliche erhobene Überarbeitung und Weiterentwicklung des Kolosserbriefs dar.Hans Conzelmann, Andreas Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament. 9., überarbeitete und erweiterte Auflage. Mohr, Tübingen 1988, S. 259. Hans Hübner bezeichnet den Verfasser des Epheserbriefs wegen seiner Abhängigkeit vom „Deuteropaulus“ des Kolosserbriefs als „Tritopaulus“.Rainer Schwindt: Das Weltbild des Epheserbriefes, Tübingen 2002, S. 47.
Luz zufolge waren literarische Werke, die Schüler im Geiste und unter dem Namen ihrer Lehrer verfassten, in der Antike durchaus akzeptiert, im Gegensatz zu Fälschungen, in denen mit literarischen Mitteln versucht wurde, Echtheit vorzutäuschen. Er verweist darauf, dass der Verfasser des Epheserbriefs nichts dafür tue, um sich als Paulus auszugeben. So handle es sich um eine typische Schülerarbeit.Ulrich Luz: Der Brief an die Epheser, in: NTD 8/1. Göttingen 1998 (1. Auflage), S. 109. Bart D. Ehrman lehnt eine solche Differenzierung von Schülerarbeit und Pseudepigraphie ab: „Der Verfasser versucht mehrfach, glaubhaft zu machen, er wäre Paulus. Er war aber nicht Paulus. Er war ein Anhänger von Paulus, vertrat nicht-paulinische Auffassungen, schrieb später.“Bart D. Ehrman: Forgery and Counter-forgery: The Use of Literary Deceit in Early Christian Polemics. Oxford University Press, 2013. S. 188. Zu den wenigen modernen Vertretern einer paulinischen Autorenschaft des Epheserbriefs gehört z. B: der Paulusforscher N. T. Wright: Für ihn ist der Brief „höchstwahrscheinlich paulinisch“.
Paulusschule Grundsätzlich stellte sich der Epheserbrief dem Problem, dass Paulus tot war und die christlichen Gemeinden der Asia damit ihre einheitsstiftende Bezugsgröße verloren hatten. Der Epheserbrief antwortete darauf – im Namen des Paulus. Er bot etwas Neues an, um eine gemeinsame christliche Identität zu ermöglichen: die universale Kirche als mystischer Leib des Christus.Annemarie C. Meyer: Sprache der Einheit im Epheserbrief und in der Ökumene. Tübingen 2002, S. 39 f.