Die Färberdistel (Carthamus tinctorius), auch Saflor, Öldistel, Färbersaflor und Falscher Safran genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Sie ist heute weltweit verbreitet. Ihrer ölhaltigen Samen wegen wird sie vor allem als Ölpflanze kultiviert; daneben ist auch die Nutzung als Färberpflanze möglich.
Beschreibung mini|Färberdistel (Carthamus tinctorius), Illustration mini|Färberdistel (Carthamus tinctorius), Blütenstand mini|Blütenkopf mini|Fruchtende Köpfe der Färberdistel
Vegetative Merkmale Die Färberdistel ist eine schnellwachsende, distelähnliche, einjährige oder zweijährige krautige Pflanze. Aus einer Blattrosette mit kräftiger Pfahlwurzel bildet sich ein verzweigter Hauptspross, der Wuchshöhen von 60 bis 130 Zentimetern erreicht. Der Stängel ist einfach oder im oberen Teil mit wenigen starren Ästen versehen; er ist kahl, gerieft, weißlichgelb und glänzend. Ihre länglichen Laubblätter mit einer Länge von 10 bis 15 cm und einer Breite von 2,5 bis 5 cm laufen am Stängel herab. Die Blätter sind kahl, ziemlich weich und am Rand fein dornig gezähnt. Die untersten Blätter sind eiförmig-länglich und allmählich in einen kurzen Stiel verschmälert. Die übrigen Blätter sind länglich bis eilanzettlich mit seicht herzförmigem Grund stängelumfassend sitzend. Sie wächst am besten in fruchtbaren und durchlässigen Böden, da sie tiefgehende Pfahlwurzeln ausbildet.
Generative Merkmale Die körbchenförmigen Blütenstände sitzen am Ende jeder Sprossachse und jedes Seitentriebs, haben einen Durchmesser von 3 bis 5 cm und enthalten 20 bis 150 fünfzipfelige, orangefarbene Röhrenblüten. Der Blütenkorb ist von den obersten Laubblättern umgeben. Die Hüllblätter sind angedrückt, hellgrün und an der Spitze mit einer laubblattartigen eilanzettlichen Stachelspitze versehen. Das Anhängsel der Hüllblätter ist fein dornig gezähnt; es nimmt von außen nach innen an Größe ab; die innersten Hüllblätter sind ohne eine Dornspitze, ganzrandig und fest anliegend. Die Scheibenblüten sind erst rotgelb, später lebhaft orangerot und ragen über die Hüllblätter hinaus. Die Randblüten sind nicht strahlend. Die unterständigen, zweiblättrigen Fruchtknoten bilden eine Samenanlage. Die Färberdistel bildet Achänen als Früchte. Der Schalenanteil der Nussfrüchte beträgt 30 bis 60 %, der Ölgehalt zwischen 20 und 40 % der Trockenmasse. Die Achänen sind 6 bis 8 Millimeter lang, verkehrt eiförmig oder birnförmig, am Grund keilig gestutzt, mit hervorragenden Längsrippen, weiß und glänzend. Der Pappus besteht aus Schuppen.
Sowohl Wildform als auch Kulturformen besitzen einen diploiden Satz von 2n=24 Chromosomen. Aus Kreuzungen mit Carthamus palaestinus, Carthamus oxyacanthus und Carthamus persicus können fruchtbare Nachkommen entstehen.
Ökologie Die Färberdistel gedeiht in gemäßigt warmen Regionen der Erde, bis etwa −7 °C ist die Pflanze frosttolerant, zudem gilt sie als relativ salz- und trockenheitstolerant. Die Befruchtung erfolgt überwiegend durch Selbstbefruchtung, aber auch Insektenbestäubung kommt vor.
Auf der Färberdistel schmarotzt der Pilz Puccinia carthami.
Vorkommen Die Färberdistel kommt heute nirgends mehr ursprünglich vor; sie ist ein Neophyt in Süd-, Mittel- und Osteuropa, in Nordafrika, auf Madeira und den Kanaren, in Syrien, im Libanon, in Armenien und China, in Nord- und Südamerika und in Australien. Nach POWO ist ihr Ursprungsgebiet die Türkei und der Iran.
Taxonomie Die Färberdistel wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Band 2 Seite 830 als Carthamus tinctorius erstbeschrieben.
Trivialnamen Für die Färberdistel (lateinisch Carthamus,Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 138. in alten Texten auch Cartamus und Crocus ortulanusOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 169 („Cartamus – wilder saffran, gincus, cincu, vero Crocus ortulanus“).) bestehen bzw. bestanden, zum Teil auch nur regional, auch die weiteren deutschsprachigen Trivialnamen: Asfrole (bereits im 14. Jahrhundert erwähnt), Bäurinkunkel, Baurenrocken, Baurenspindel, Bürstenkraut, Distelsaffran, Feldsaffran, Flor, Florsaffran, wilder Gartensafran, Gartensaflor, Höllenrock, Kripf, wilder Saffran, Safferblomen (Siebenbürgen), Safflor und Saflor.Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 83. (online).
Nutzung Die Färberdistel wird vor allem für das aus den Samen gewonnene Färberdistelöl angebaut, das sehr hohe Anteile an der mehrfach ungesättigten Linolsäure (ca. 75 %) und an Vitamin E hat. Daneben wird das Öl für die Herstellung von Farben und Lacken verwendet, die Pressrückstände (Presskuchen) dienen als Tierfutter. Die Ölverarbeitung ist der von Sonnenblumenöl sehr ähnlich.
Aus den Blütenblättern können Farbstoffe gewonnen werden, und zwar das rot färbende Carthamin (ein Benzochinon) und der gelbe Blütenfarbstoff Carthamidin. Der wasserlösliche Farbstoff wird durch Auswaschen aus den Blütenblättern gelöst, dann getrocknet und das Saflorrot in alkalischer Lösung gewonnen. Seide, Wolle und Baumwolle lassen sich je nach Farbmenge rosa, kirschrot, braunrot oder braungelb färben, der gelbe Farbstoff ist allerdings nicht lichtecht. Färberdistel-Blüten enthalten zudem den Farbstoff Safflorgelb, dessen Zusammensetzung nicht bekannt ist. Im Colour Index ist er unter der Bezeichnung C.I. Natural Yellow 5 verzeichnet.Sicherheitsdatenblatt Safflor. (PDF; 25 kB) kremer-pigmente.de, erstellt am 19. März 2003, abgerufen am 28. Januar 2025. Vereinzelt werden die Farbstoffe auch für Kosmetika und als Lebensmittelfarbstoff, z. B. in Fruchtgummi, verwendet.
Als Arzneipflanze gilt die Färberdistel in Asien, insbesondere China. Die Blütenblätter werden dort für Teeaufgüsse genutzt. In Moldawien wurde die Färberdistel in der Volksmedizin für Abtreibungen verwendet.Al. Borza, Valeriu Buturä: Bäuerliche Pflanzenheilmittel in der Moldau (Rumänien). In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 31, Nr. 1/2, 1938, S. 85.
Aufgrund des hohen Preises für Safran wird die Färberdistel auch als Ersatz für dieses Gewürz verwendet. Die Blütenblätter der Färberdistel lassen sich mit bloßem Auge von den fadenförmigen Narbenlappen des Safrans unterscheiden. Bei echtem Safran sind die Narbenschenkel zwei bis drei Zentimeter lang, trichterförmig eingerollt und oben eingekerbt.
Als Zierpflanze für den Garten sowie als Schnitt- oder Trockenblumen wurden auch dornenlose Sorten gezüchtet.
Anbau Der Anbau erfolgt auf tiefgründigen, gut drainierten Böden mit neutraler Bodenreaktion. Aussaat- und Erntezeit richten sich nach den sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen der Anbauregionen, sowohl Sommer- als auch Winteranbau werden praktiziert. Nährstoff- und Wasserbedarf der Kultur gelten als hoch, zudem ist eine wirksame Unkrautbekämpfung während des Rosettenstadiums wichtig. Zahlreiche pilzliche Erreger können die Pflanze schädigen. Eine Bekämpfung mit Pflanzenschutzmitteln ist in den USA und Australien teilweise möglich, in Deutschland dagegen bei dieser Kultur nicht zulässig. Zur Ölgewinnung werden die Samen bei Vollreife mit herkömmlichen Mähdreschern geerntet.
Pilzkrankheiten Saflorrost (Puccinia carthami) Phytophtora drechsleri Sclerotinia sclerotiorum Verticillium-Arten Alternaria carthami Cercospora carthami
Kulturelle Bedeutung Unter dem Namen Kusumbha ( kusumbha) kommt die Färberdistel in der altindischen Sanskrit-Literatur vor. Sie wird als Färbemittel erwähnt, daneben dienen die orangefarbenen Blüten der Färberdistel den Dichtern aber auch als Vergleichsobjekt für die Abendröte oder für Feuer.Renate Syed: Die Flora Altindiens in Literatur und Kunst, Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München 1990, S. 224–229. So vergleicht die dem Dichter Kalidasa (um 400) zugeschriebene Dichtung Ritusamhara in der Beschreibung eines Waldbrandes das Lodern des Feuers mit Kusumbha-Blüten („Safranblüten“ in der zitierten Übersetzung):
Geschichte Die Färberdistel stammt vermutlich aus Kleinasien und wurde in Ägypten bereits 3500 v. Chr. zur Färbung von Mumienleinwänden und anderen Geweben verwendet (Färberpflanze). Das Samenöl wurde bereits in der Antike für Salben und als Lampenöl benutzt. Sie ist seit langem in den Gärten Nordafrikas, Persiens, Chinas und Japans in Kultur. Bereits mit den Römern kam sie über den Mittelmeerraum nach Mitteleuropa und wurde dort mindestens seit dem 13. Jahrhundert genutzt. Die Blüten dienten zum Färben von Speisen, die Früchte für medizinische Zwecke. Ab dem 17. Jahrhundert gab es systematischen Feldbau in warmen Gegenden (Elsass, Thüringen etc.). Ab Mitte des 18. Jahrhunderts ging der Anbau durch Saflor- und Safranimporte aus dem Osten und Ägypten zurück. Saflorrot wurde um 1900 durch synthetische Anilinfarben ersetzt.
Ein erneuter Aufschwung des Safloranbaus gegen Ende des 20. Jahrhunderts ist vor allem ölreichen Sorten zu verdanken, die für die industrielle Nutzung angebaut werden. Weltweit wurden 1996–2001 auf 0,92 Mio. ha Färberdisteln angebaut, die wichtigsten Anbaugebiete liegen in Indien, Mexiko, den USA, Argentinien und Australien.
Quellen China: Stuart 1911George Arthur Stuart: Chinese Materia Medica. Vegetable Kindom. Shanghai 1911, S. 94–95: Carthamus tinctorius (紅花 hóng huā) (Digitalisat). Der General Zhang Qian soll die Samen im 2. Jh. v. Chr. aus Turkestan nach China gebracht haben. Europa Antike: Dioskurides 1. Jh. Pedanios Dioskurides. 1. Jh. De Medicinali Materia libri quinque. Übersetzung. Julius Berendes. Des Pedanius Dioskurides Arzneimittellehre in 5 Büchern. Enke, Stuttgart 1902, S. 473–474 (Buch IV, Kapitel 187): Knikos (Digitalisat) --- Plinius 1. Jh. Plinius der Ältere, 1. Jh. Naturalis historia Buch XXI, Kapitel 53 (§ 90): Cnecus (Digitalisat); Übersetzung Külb 1855 (Digitalisat). – Buch XXI, Kapitel 107 (§ 184): Cnecus (Digitalisat); Übersetzung Külb 1855 (Digitalisat) --- Galen 2. Jh.Galen, 2. Jh. De simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus, Buch , Kapitel (nach der Ausgabe Kühn 1826, Band XII, S. 32): De simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus, Buch VII, Kapitel X/32: Granum tinctorium (Digitalisat) Arabisches Mittelalter: Avicenna 11. Jh.Avicenna, 11. Jh.: Kanon der Medizin. Übersetzung und Bearbeitung durch Gerhard von Cremona, Arnaldus de Villanova und Andrea Alpago (1450–1521). Basel 1556, Band II, Kapitel 156: Crocus hortulanus (Digitalisat) --- Konstantin 11. Jh.Konstantin der Afrikaner, 11. Jh.: Liber de gradibus simplicium. Druck. Opera. Basel 1536, S. 363: Semen croci hortensis (Digitalisat) --- Pseudo-Serapion 13. Jh.Pseudo-Serapion 13. Jh., Druck. Venedig 1497, Blatt 115v (No CXXVI): Cartamus (Digitalisat) --- Ibn al-Baitar 13. Jh.Abu Muhammad ibn al-Baitar, 13. Jh., Kitāb al-jāmiʿ li-mufradāt al-adwiya wa al-aghdhiya. Übersetzung. Joseph Sontheimer unter dem Titel Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel. Hallberger, Stuttgart Band II 1842, S. 196: Usfur (Digitalisat); Band II 1842, S. 293: Kurthum (Digitalisat) Lateinisches Mittelalter: Herbarius Moguntinus 1484Herbarius Moguntinus, Mainz 1484, Teil I, Kapitel 35: Cartamus, wilde saffran (Digitalisat) --- Gart der Gesundheit 1485Gart der Gesundheit. Mainz 1485, Kapitel 133: Cartamus, wilder saffran (Digitalisat) --- Hortus sanitatis 1491Hortus sanitatis 1491, Mainz 1491, Teil I, Kapitel 94: Cartamus (Digitalisat) --- Hieronymus Brunschwig 1500 Hieronymus Brunschwig: Kleines Destillierbuch, Straßburg 1500, Blatt 121: Wyld saffron (Digitalisat)