mini|200px|rechts|Statue der Messalina mit ihrem Sohn Britannicus Valeria Messalina (* vor 20 n. Chr.;Da laut Werner Eck (in: Hildegard Temporini-Gräfin Vitzthum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms, S. 117) Messalina zur Zeit ihrer Hochzeit mit Claudius bereits über 20 Jahre alt war, und nicht, wie oft zu lesen, erst 14, muss sie vor 20 n. Chr. geboren sein. † Herbst 48 n. Chr.) war die dritte Frau des römischen Kaisers Claudius. In den ihr überwiegend äußerst negativ gesinnten Quellen wird sie als habgierig, grausam und ausschweifend beschrieben; sie sei eine Nymphomanin gewesen. Zahlreiche hochrangige unliebsame Personen fielen ihren Intrigen zum Opfer. Als sie mit der mächtigen Partei der Freigelassenen brach und mit Gaius Silius eine neue Ehe einging, wurde sie auf Betreiben von Narcissus hingerichtet.
Abstammung und Heirat mit Claudius
Valeria Messalina entstammte vornehmsten römischen Gesellschaftskreisen. Ihre Eltern waren Domitia Lepida und Marcus Valerius Messala Barbatus, beide Enkel der Octavia Minor, der Schwester des Kaisers Augustus. Aus der zweiten Ehe ihrer Mutter mit Cornelius Sulla Felix hatte sie einen Halbbruder Faustus Cornelius Sulla Felix.
Claudius heiratete seine fast 30 Jahre jüngere Nichte Valeria Messalina etwa 38/39 n. Chr., also noch vor seinem Herrschaftsantritt. Er schloss diese dritte Ehe aus politischen Erwägungen, doch sind die näheren Gründe unbekannt. Messalina, die bei ihrer Hochzeit wohl bereits etwa 20 Jahre alt war, gebar ihrem Gatten zwei Kinder: zu Beginn des Jahres 40 n. Chr. die Tochter Octavia und am 12. Februar 41 n. Chr. den Sohn Britannicus. Die Tochter Octavia wurde später die erste Ehefrau des Kaisers Nero.
Kaiserin
Am 24. Januar 41 n. Chr. wurde Claudius nach dem Sturz Caligulas Kaiser des römischen Imperiums. Damit veränderte sich das Leben von Messalina ebenfalls. Kurz danach gebar sie ihren Sohn, was ihre Position als Mutter des Thronfolgers erheblich stärkte. Der Titel einer Augusta, den ihr der Senat nach Britannicus’ Geburt verleihen wollte, blieb ihr aber – im Gegensatz zu ihrer Nachfolgerin Agrippina – aufgrund von Claudius’ ablehnender Haltung verwehrt.Cassius Dio 60,12,5. Obwohl sie also nie offiziell den Augusta-Titel führte, erscheint dieser auf einigen in griechischen Städten hergestellten Münzen und Inschriften. Ihr Geburtstag wurde von einigen Prätoren aus eigenem Antrieb ohne förmlichen Senatsbeschluss öffentlich begangen.Cassius Dio 60,12,4. Nach dem römischen Sieg über Britannien (43 n. Chr.) folgte Messalina in einer Kutsche Claudius’ Triumphwagen.Sueton, Claudius 17,3. Damals wurde ihr auch wie einst Augustus’ Gattin Livia die Proedrie (= Vorsitz) über die Vestalinnen gewährt.Cassius Dio 60,22,2.
Dass Claudius sich nicht vornehmlich von der senatorischen Oberschicht, sondern auch von seinen Frauen und Freigelassenen beraten und beeinflussen ließ, stieß auf die Kritik der römischen Geschichtsschreibung, die in bewusst negativer Übertreibung behauptet, dass der Kaiser von Messalina und später Agrippina sowie von Freigelassenen völlig beherrscht worden sei. Ihren Einfluss auf Claudius nutzte Messalina unter anderem zur Beseitigung missliebiger Personen, doch scheint sie keine großen politischen Ambitionen gehabt zu haben. Mit mehreren mächtigen Freigelassenen, insbesondere Narcissus, arbeitete sie bis kurz vor ihrem Sturz eng zusammen und zog großen finanziellen Gewinn aus ihrem angeblich stets teuer angebotenen Einsatz beim Kaiser bei Bürgerrechtsverleihungen und der Verschaffung hoher Posten. Auf diese Weise verpflichtete sie sich auch jene Männer, denen sie ihre Gunst gewährt hatte.
Münzen, Bildnisse mini|Messalina auf Revers alexandrinischer Tetradrachme des Claudius, Kampmann/Ganschow 12.52 mini|Alexandrinische Tetradrachme des Claudius, Avers, Kampmann/Ganschow 12.52
In der Hauptstadt Rom wurden keine eigenen Münzen Messalinas hergestellt. Es sind nur einige in der östlichen Hälfte des Imperiums (unter anderem Kreta, Achaia, Nikaia) geprägte Münzen der Kaiserin bekannt, die ihr Porträt tragen und damit eine Vorstellung ihres Aussehens vermitteln. In Alexandria wurden von 41 bis 46 n. Chr. Tetradrachmen geprägt, die Claudius am Avers und Messalina und ihre Kinder Britannicus und Octavia auf der Rechten und Ähren im linken Arm auf eine Säule gestützt en face stehend am Revers zeigen. Ein im Cabinet des Médailles der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrter Sardonyx-Kameo dürfte sie ebenfalls mit ihren beiden Kindern darstellen. Nach diesen Bildnissen hatte sie ein volles Gesicht mit leicht gebogener Nase und trug eine in der Mitte gescheitelte Frisur. Erhaltene Statuen können ihr nicht mit Sicherheit zugewiesen werden.
Nymphomanin?
Als Messalinas angeblich hervorstechendste Charaktereigenschaften führt die Überlieferung Geiz, Grausamkeit und exzessive Ausschweifungssucht an. Letztere soll sich in ihren zahlreichen außerehelichen Affären geäußert haben. Claudius dürfte in seine weit jüngere, lebenslustige, schöne Frau aufrichtig verliebt gewesen sein und später ihren immer offener kritisierten Lebenswandel nachsichtig ignoriert haben. Die Vergnügungen der jungen Kaiserin auf Festen und Banketten hatten bald den Ruf, in opulente und zügellose Orgien auszuarten. Sie wird stets als aktiv begehrende und ihre sexuellen Bedürfnisse auch rücksichtslos durchsetzende Frau geschildert. So habe sie den berühmten Pantomimen Mnester zum Beischlaf genötigt, indem sie Claudius unter Vorschützen falscher Gründe den Befehl abrang, dass Mnester ihr in jeder Weise gehorchen müsse.Cassius Dio 60,22,4 f.; Tacitus, Annalen 11,36,1. Außerdem habe sie andere adlige Damen gezwungen, im Kaiserpalast vor den Augen von deren Gatten Ehebruch zu begehen. Ihrem kaiserlichen Gemahl soll sie Sklavinnen als Geliebte zugeführt und ihr eigenes, angeblich so offen ausgelebtes unkeusches Verhalten lange zu verbergen gewusst haben.Cassius Dio 60,18,1 ff.
Laut dem Satiriker Iuvenal sei Messalina sogar so triebhaft veranlagt gewesen, dass sie sich selbst unter dem Namen Lycisca (etwa: Wolfsfrau; das lateinische Wort lupa bedeutet sowohl Wölfin als auch Prostituierte) als Prostituierte anbot. Um ihre Identität zu verschleiern, habe sie eine blonde Perücke über ihrem schwarzen Haar getragen. Wenn der Bordellwirt zusperrte, sei sie erschöpft, aber nicht befriedigt gewesen.Iuvenal, 6. Satire 115–132 mit Scholien. Die bekannteste Anekdote, die aus Plinius’ Naturalis historia stammt, ist wohl, dass Messalina eine bekannte römische Dirne zu einem Wettstreit herausgefordert habe. Während diese nach 25 Liebhabern aufgegeben habe, soll Messalina bis in den Morgen weitergemacht haben.Plinius, Naturalis historia 10,83,172. Doch diese und andere Darstellungen von Messalina als eine der „größten Nymphomaninnen der Geschichte“ vor allem in den Berichten Iuvenals und des Historikers Cassius Dio entbehren einer zuverlässigen Basis. Wie diese schon früh aufgekommene übertriebene Charakterisierung entstand, ist ungeklärt. Dass Agrippina Gerüchte über das vermeintlich zügellose Sexualleben Messalinas gestreut habe, um Zweifel an Britannicus’ ehelicher Abstammung zu wecken und so die Nachfolgechancen ihres Sohnes Nero zu erhöhen, muss Spekulation bleiben.Werner Eck, in: Hildegard Temporini-Gräfin Vitzthum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms, S. 119f.
Ausschaltung von Widersachern
Messalina soll ihren Mann beeinflusst haben, Todesurteile gegen Personen auszusprechen, von denen sie sich gestört, beleidigt, sexuell zurückgewiesen oder zu wenig beachtet fühlte. Aus dem letztgenannten Grund soll unter anderem 42 n. Chr. ihre Cousine, die Caligula-Schwester Iulia Livilla, sich mit ihr verfeindet haben. Außerdem sei die Kaiserin auf die große Schönheit ihrer Cousine und deren regelmäßige private Treffen mit Claudius eifersüchtig gewesen. Wahrscheinlich sah Messalina in ihr eine Konkurrentin, die ihr noch dazu bezüglich ihrer Abstammung ebenbürtig war und deren Gunst bei Claudius sie vielleicht fürchtete. Auf Messalinas Betreiben des Ehebruchs mit Seneca angeklagt, wurde Iulia Livilla verbannt und nicht viel später ermordet, während Seneca mit einer Verbannung davonkam.Cassius Dio 60,8,4 ff.; Tacitus, Annalen 14,63,2; Sueton, Claudius 29,1 u. a.; dazu Werner Eck, in: Hildegard Temporini-Gräfin Vitzthum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms, S. 121f.
Auch der Senator Gaius Appius Iunius Silanus fiel 42 n. Chr. einer Verschwörung von Messalina und dem einflussreichen Freigelassenen Narcissus zum Opfer. Silanus hatte die Provinz Hispania Tarraconensis verwaltet, war dann 41 n. Chr. auf kaiserlichen Befehl nach Rom zurückgekehrt und dritter Ehemann von Messalinas Mutter Domitia Lepida geworden. Er nahm nun eine bedeutende Rolle bei Hof ein, zog sich aber offenbar bald den Hass von Messalina und Narcissus zu. Diese arbeiteten deshalb auf seinen Sturz hin. Cassius Dio gibt freilich als einziges Motiv für Messalinas Feindschaft an, dass ihr Stiefvater ihr Liebesangebot abgelehnt habe. Laut dem Kaiserbiographen Sueton erzählte Narcissus dem Princeps, er habe geträumt, dass Silanus ihn, den Kaiser, ermorden wolle, woraufhin die anwesende Messalina scheinbar erstaunt versicherte, mehrmals den gleichen Traum gehabt zu haben. Als dann die Nachricht eintraf, dass Silanus nahe – womit dieser nur einen Befehl befolgte, zu dieser Zeit in den Palast zu kommen –, sei der schreckhafte Claudius von der Wahrheit der Träume überzeugt worden, so dass er Silanus sofort hinrichten ließ.Cassius Dio 60,14,3 f.; Sueton, Claudius 37,2; vgl. Tacitus, Annalen 11,29,1; dazu Werner Eck, in: Hildegard Temporini-Gräfin Vitzthum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms, S. 122ff.
Im nächsten Jahr 43 n. Chr. soll Messalina für die Beseitigung einer weiteren Iulia, einer Enkelin des Kaisers Tiberius, gesorgt haben, weil diese ihre Eifersucht erregt habe. In den Quellen wird aber nicht genauer ausgeführt, aus welchem Grund die Kaiserin auf diese Iulia eifersüchtig war.Cassius Dio 60,18,4; Sueton, Claudius 29,1; Tacitus, Annalen 13,32,3 und 13,43,2. Im gleichen Jahr habe Messalina auch den Prätorianerpräfekten Catonius Iustus ermorden lassen, weil er dem Kaiser von ihren außerehelichen Beziehungen habe berichten wollen.Cassius Dio 60,18,3; Seneca, Apocolocyntosis 13,5. Unter Messalinas Einfluss wurden 47 n. Chr. Lucius Lusius Geta und Rufrius Crispinus zu Prätorianerpräfekten ernannt, die der Kaiserin besonders ergeben waren, da sie auf deren Betreiben in ihre neuen hochrangigen Stellungen aufgerückt waren.
Über Messalinas Leben in den Jahren 44 und 45 n. Chr. liegen keine Angaben vor. 46 n. Chr. vergiftete sie Marcus Vinicius, den Gatten der von ihr schon vier Jahre zuvor beseitigten Iulia Livilla, weil er angeblich mit ihr keine Affäre hatte eingehen wollen.Cassius Dio 60,27,4. Ende 46 oder Anfang 47 n. Chr. wurde der junge Gnaeus Pompeius Magnus aus dem Weg geräumt, der mit Antonia, der Tochter von Claudius und dessen zweiter Gattin Aelia Paetina, verheiratet war. Nach einer Variante der Überlieferung erfolgte seine Hinrichtung, weil entdeckt worden sei, dass Pompeius Magnus eine homosexuelle Beziehung unterhalten habe.Sueton, Claudius 29,2. Laut einer abweichenden, eher zutreffenden Version war hingegen Messalina für Pompeius’ Tötung verantwortlich. Möglicherweise war die Kaiserin besorgt, dass der mit hohen Ehren überhäufte kaiserliche Schwiegersohn von Claudius als Thronfolger in Betracht gezogen wurde und damit ein gefährlicher Konkurrent ihres Sohnes Britannicus wäre. Die Familie und vor allem die Stellung des eigenen Sohnes war nämlich für Messalina wie für jede andere Römerin das höchste Ziel.Zonaras 11,9; Cassius Dio 60,29,6a. Antonia wurde nun Messalinas Halbbruder Faustus Cornelius Sulla Felix zur Gattin gegeben.