mini|Ein Zeuge des Westlichen Texttyps: Papyrus 38 verso mit dem Text von (University of Michigan, P. Mich. Inv. Nr. 1571)

Die Apostelgeschichte des Lukas (abgekürzt Apg, in Fachliteratur oft Acta) ist ein Buch des Neuen Testaments. Es schließt an das Evangelium nach Lukas an. Diese beiden biblischen Bücher werden daher als „Lukanisches Doppelwerk“ bezeichnet.

Die Apostelgeschichte setzt dort ein, wo das Lukasevangelium endet: Nach der Auferstehung Jesu Christi und seiner Erhöhung in den Himmel steht die Jerusalemer Urgemeinde unter Führung der Zwölf Apostel, deren Sprecher Petrus ist. Am jüdischen Pilgerfest Schawuot (= Pfingsten) werden sie mit dem Heiligen Geist erfüllt. Das Leben der Urgemeinde kreist um zwei Pole: einerseits Gütergemeinschaft und Brotbrechen in den Häusern und andererseits Besuche des Jerusalemer Tempels, wo sie die Auferstehung Jesu verkündigen und in eskalierende Konflikte mit der Priesteraristokratie geraten. Stephanus stirbt als erster Märtyrer.

Philippus missioniert in Samaria und tauft einen äthiopischen Hofbeamten. Durch ihn gelangt das Evangelium bis nach Afrika. Der Christenverfolger Saulus (später bekannt als Paulus von Tarsus) wird vor Damaskus durch göttliche Intervention gestoppt und bekehrt. Durch ein Visionserlebnis dazu ermächtigt, tauft Petrus einen römischen Centurio in Caesarea Maritima – damit beginnt die Mission in der nichtjüdischen Welt. Antiochia am Orontes wird zum Zentrum dieser Mission.

Die antiochenische Gemeinde schickt Barnabas und Paulus auf gemeinsame Missionsreise nach Zypern und Kleinasien. Paulus beginnt seine Mission in einer Stadt regelmäßig in der Synagoge, trifft dort auf Widerstand, überzeugt einige Juden und vor allem viele am Judentum interessierte Nichtjuden. Später kehren Paulus und Barnabas in die betreffende Stadt zurück und setzen Presbyter als Gemeindeleiter ein. In Antiochia berichten sie von ihrer erfolgreichen Tätigkeit. Das Jerusalemer Apostelkonzil, zu dem Paulus und Barnabas anreisen, formuliert einen Kompromiss, das von Heidenchristen ein Minimum an Tora-Befolgung fordert, damit Judenchristen mit ihnen sozialen Kontakt haben können und die Einheit der Gemeinde gewahrt wird.

Von Antiochia bricht Paulus zu einer großen Missionsreise auf, die ihn durch Kleinasien, Makedonien und Griechenland führt, wobei längere Aufenthalte in Korinth und Ephesos eingelegt werden. In Athen hält Paulus eine Rede vor griechischen Philosophen. In Milet beendet er seine selbständige Missionstätigkeit mit einer Abschiedsrede an die Presbyter von Ephesos.

Zurück in Jerusalem, legt der dortige Gemeindeleiter Jakobus Paulus nahe, durch Teilnahme an Tempelritualen öffentlich zu zeigen, dass er ein praktizierender Jude ist. Ausgerechnet bei diesem Tempelbesuch wird er erkannt, als vermeintlicher Tempelschänder fast gelyncht und befindet sich seitdem im römischen Gewahrsam. Sein Prozess nach römischem Recht in Caesarea kommt nicht voran. Um einer Überstellung nach Jerusalem zu entgehen, wo er in Lebensgefahr wäre, beruft sich Paulus schließlich auf sein römisches Bürgerrecht und appelliert an den Kaiser. Als Gefangener reist er auf dem Seeweg nach Rom. Er überlebt einen Schiffbruch und einen Schlangenbiss, weil es dem göttlichen Plan entspricht, dass er nach Rom gelangt. Dort darf er eine Privatwohnung beziehen und, während er auf seinen Prozess wartet, ungehindert in der Hauptstadt des Imperium Romanum das Evangelium verkündigen.

Buchtitel

Der am besten bezeugte griechische Buchtitel lautet „Aposteltaten“, manchmal abgekürzt zu práxeis „Taten“. Die jüngeren Minuskelhandschriften haben umfangreichere Buchtitel, teils mit dem Verfassernamen Lukas.Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte. Göttingen 2022, S. 55; Novum Testamentum Graecum, Editio Critica Maior, Band 3, Teil 1.1., Stuttgart 2017, S. 1.

Im lateinischen Sprachraum hieß das Werk actus oder acta apostolorum „Aposteltaten“; im Kanon Muratori acta omnium apostolorum „Taten aller Apostel“, daneben finden sich auch Buchtitel wie Lucae de apostolis testificatio „Zeugnis des Lukas über die Apostel“ (Irenäus von Lyon)Irenäus von Lyon: Adversus haereses 3,13,3 oder commentarius Lucae „Aufzeichnungen des Lukas“ (Tertullian).Tertullian: De ieiunio adversus psychicos 10,3.

Der Buchtitel gilt als sekundär. Denn Inhalt des Buchs sind nicht die Taten aller Apostel. Erzählt werden nur einzelne (Wunder-)Taten meist des Petrus. Paulus, die Hauptperson des zweiten Buchteils, war im Sinne des Lukas kein ApostelRudolf Pesch: Apg 1–12. Zürich u. a. 2005, S. 23; Jürgen Roloff: Die Apostelgeschichte, Göttingen 2010, S. 1. (auch wenn er selbst das für sich beanspruchte).

In Martin Luthers Biblia Deudsch von 1545 trägt das Buch den Titel Der Apostel Geschichte. Es enthalte aber, wie Luther im Vorwort schrieb, mehr als nur „die eigen persönliche werck oder geschichte der Aposteln.“ Diese Formulierung zeigt, dass Geschichte im Frühneuhochdeutschen auch die Bedeutung von „Tat, Werk“ hatte und lateinisch actus übersetzen konnte.

Textüberlieferung Die für die Textkritik wichtigen Handschriften der Apostelgeschichte gehören zwei Gruppen an, die in der Forschung traditionell als Alexandrinischer Texttyp und Westlicher Texttyp (oder D-Text, nach dem Hauptvertreter dieser Gruppe, dem unter dem Sigel D bekannten Codex Bezae) bezeichnet werden. Hauptzeugen des Alexandrinischen Textes der Apostelgeschichte sind , , die Majuskel-Codices Sinaiticus, Alexandrinus, Vaticanus, Ephraemi Rescriptus, Athous Laurensis sowie die Minuskelhandschriften 33, 81, 104, 326 und 1175. Dem D-Text weist Bruce Metzger außer dem Codex Bezae drei fragmentarische Papyri (, , ) zu sowie die Varianten und Randlesarten in Thomas von Harqels syrischer Übersetzung des Neuen Testaments (syrh with *, syrhmg), ein Palimpsest der Vetus Latina (Codex Floriacensis) und Bibelzitate in den Schriften von Cyprian von Karthago und Augustinus von Hippo.Bruce M. Metzger: A Textual Commentary on the Greek New Testament, Stuttgart 1994, S. 221.

Sowohl der alexandrinische Text als auch der D-Text haben ein hohes Alter. Beide sind im östlichen Mittelmeerraum entstanden.Vgl. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 2024, S. 405: „Die ‚westliche‘ Textform entstand sehr wahrscheinlich nicht im Westen des Römischen Reiches, sondern in Syrien“. Sie weichen bei der Apostelgeschichte stärker voneinander ab, als dies bei anderen neutestamentlichen Schriften der Fall ist. Mit Ernst Haenchen lassen sich im D-Text drei Arten von Varianten unterscheiden: 1. stilistische Verbesserungen, 2. inhaltliche Ergänzungen, 3. Eigentümlichkeiten des Codex Bezae.Ernst Haenchen: Die Apostelgeschichte, Göttingen 1977, S. 64–71 Als Beispiel für inhaltliche Ergänzungen (kursiv) die Episode vom Gefängnisaufenthalt des Paulus und Silas in Philippi:

Für die Unterschiede zwischen alexandrinischem Text und D-Text wurden unterschiedliche Erklärungen vorgeschlagen.Zur Forschungsgeschichte vgl. Bruce M. Metzger: A Textual Commentary on the Greek New Testament, Stuttgart 1994, S. 223–234.

Eine Minderheit hält den D-Text für ursprünglicher. Friedrich Blass vermutete 1894: Lukas schrieb zunächst einen Entwurf und fertigte danach eine Reinschrift an, wobei er von seinem Entwurfstext öfter abwich. So existierte die Apostelgeschichte von Anfang an „in zwei Exemplaren und in zwei Fassungen …, und wenn nun die beim Verfasser verbliebene Kladde und die an Theophilus geschickte Reinschrift beide wieder abgeschrieben wurden …, so pflanzten sich eben beide Fassungen fort.“Friedrich Blass: Die zwiefache Textüberlieferung in der Apostelgeschichte. In: Theologische Studien und Kritiken, Band 67 (1894), S. 86–119, hier S. 90 (Digitalisat) Die „Kladde“ des Verfassers enthielt Blass zufolge den D-Text. Marie-Émile Boismard und Arnaud Lamouille legten 1984 eine Rekonstruktion des D-Textes vor,Vgl. Marie-Émile Boismard, Arnaud Lamouille: Le texte occidental des Actes des apôtres: reconstitution et réhabilitation. Éd. Recherche sur les civilisations, Paris 1984. wobei sie Blass’ These aufnahmen und neu begründeten.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 2024, S. 404. Die Mehrheit der Exegeten schätzt dagegen den alexandrinischen Text höher ein, da die Lesarten des etwa 8,5 % längerenDiese Berechnung stammt von Frederic G. Kenyon: The Western Text in the Gospels and Acts. Milford, London 1938 D-Textes oft „als Glättung, Verdeutlichung, Präzisierung und als Verbesserung von erzählerischen Spannungen“ erklärt werden können.Ingo Broer: Einleitung in das Neue Testament, Würzburg 2016, S. 175. Ingo Broer nimmt einen Redaktor an, der den D-Text herstellte: „ein äußerst beschlagener Mensch mit guten, nicht nur geographischen Kenntnissen, … der auch eigene theologische Akzente … gesetzt hat.“Ingo Broer: Einleitung in das Neue Testament, Würzburg 2016, S. 175. Daniel Marguerat dagegen empfiehlt, nicht von einem festen D-Text der Apostelgeschichte zu sprechen, sondern von einer „zusammenhängenden Gruppe von Varianten“, die sekundäre Veränderungen des kürzeren alexandrinischen Textes sind.Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, Göttingen 2022, S. 53. Vgl. Bruce M. Metzger: A Textual Commentary on the Greek New Testament, Stuttgart 1994, S. 234 f.: “[…] it would be more appropriate to speak of Western texts, rather than of a Western text. At the same time, one can recognize a, so-to-speak, Western tendency that is shared by many such witnesses.” Dass sich die Kopisten solche Freiheiten nehmen konnten, ist ein Indiz dafür, dass die Apostelgeschichte, anders als das Lukasevangelium, erst relativ spät kanonisches Ansehen genoss.Eckhard Plümacher: Apostelgeschichte. In: TRE, Band 3, S. 488.

Verfasser

Dass das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte vom gleichen Verfasser stammen, ist ein breiter Konsens in der neutestamentlichen Exegese und entspricht auch den Angaben im Vorwort der Apostelgeschichte. Der Verfasser verweist dort, ohne seinen Namen zu nennen, auf ein „erstes Buch“,. das er über die Taten und die Lehre Jesu verfasst hat (); beide Werke sind einem sonst unbekannten Theophilos gewidmet.

Aus den Angaben der Apostelgeschichte und dem 2. Brief des Paulus an Timotheus lässt sich kombinieren, dass der Verfasser des Doppelwerks Lukas hieß: Die Apostelgeschichte endet mit der römischen Haft des Paulus (). Der 2. Timotheusbrief ist eine Art Testament des Paulus, das in der Haft in Erwartung seiner Hinrichtung verfasst wurde. Die meisten Mitarbeiter hätten ihn verlassen, liest man dort, nur „Lukas ist als Einziger bei mir“ (). Allerdings gilt der 2. Timotheusbrief in der historisch-kritischen Exegese mehrheitlich nicht als authentischer Paulusbrief, sondern als Werk eines Paulusschülers.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 2024, S. 372.

Auch wenn viele Exegeten den Verfasser des Doppelwerks nicht für identisch mit dem hier sowie in und genannten Paulusmitarbeiter Lukas halten,Rudolf Pesch: Apg 1–12, Zürich u. a. 2005, S. 25: „höchst unwahrscheinlich.“ wird er aus praktischen Gründen in der Literatur meist Lukas genannt (gelegentlich auch „Autor ad Theophilum“).

Entstehungszeit und -ort Bei der Datierung der Apostelgeschichte bestand unter historisch-kritischen Exegeten im 20. Jahrhundert ein weitgehender Konsens: um 80 bis 100 n. Chr. Diese Standarddatierung ist weiterhin verbreitet, wird aber seit den 1990er Jahren stärker in Frage gestellt. Folgende zeitliche Ansetzungen werden aktuell vertreten:Knut Backhaus: Zur Datierung der Apostelgeschichte, 2017, S. 214 f.