mini|Unzial 0220, recto, mit dem Text Röm 4,23–5,3 (3. Jahrhundert) Der Brief des Paulus an die Römer (kurz Römerbrief, abgekürzt Röm) ist eine Schrift des Neuen Testaments der christlichen Bibel, verfasst in der damaligen Verkehrssprache des östlichen Mittelmeerraumes, dem Koine-Griechischen. Der Römerbrief gehört zu jenen sieben Briefen, bei denen die Verfasserschaft des Paulus von Tarsus kaum umstritten ist. Im Römerbrief präsentiert er eine grundlegende Darstellung des von ihm verkündeten Evangeliums von Jesus Christus, ohne, wie in seinen anderen Briefen, auf konkrete Fragen oder Konflikte in der Empfängergemeinde Bezug zu nehmen.
Paulus stellt zunächst die Heillosigkeit der ganzen Welt ohne das Evangelium dar. Nichtjuden und Juden scheitern gleichermaßen. Aber durch Jesu Tod am Kreuz werden alle Glaubenden gerettet. Die Taufe deutet Paulus als Mitsterben mit Christus. Der Getaufte hat danach Anteil am Leben des auferstandenen Christus. Er kann zurückblicken auf sein scheiterndes Leben vor der Taufe und lebt in der Gegenwart zwar als schwacher Mensch, aber gestärkt durch den Geist Christi in der Hoffnung auf die zukünftige Verherrlichung. Nichts, was Angst macht, kann ihn von der Liebe Gottes trennen. Ausführlich geht Paulus auf das Problem ein, dass die Mehrheit des jüdischen Volkes Jesus als Sohn Gottes ablehnt. Trotzdem bleibe die Erwählung Israels bestehen, und in der Zukunft werde ganz Israel ebenso wie die christusgläubigen Nichtjuden gerettet werden. Der Römerbrief enthält auch eine Grundlegung der christlichen Ethik. Paulus empfiehlt einerseits Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft, andererseits Anpassung an gesellschaftliche Normen und Unterordnung unter die staatliche Gewalt. Es kann in Alltagsfragen unterschiedliche christliche Lebensstile geben; hier ist Rücksichtnahme gefragt.
Besonders in der Reformationszeit wurde der Römerbrief als zeitlos gültiges Kompendium der christlichen Heilsbotschaft gelesen. Die neuere Exegese löst sich von der Tradition der reformatorischen Pauluslektüre mit ihrem Fokus auf Sünde und Rechtfertigung und sucht Paulus von den Fragestellungen seiner eigenen Zeit her zu verstehen.
Einleitungsfragen Verfasser und literarische Integrität
Es besteht ein breiter Konsens, dass Paulus von Tarsus den Römerbrief verfasst hat.Vgl. beispielsweise Richard N. Longenecker: Introducing Romans. Critical Issues in Paul’s Most Famous Letter. Eerdmans, Grand Rapids/Cambridge 2011, S. 3–5. Versuche, ihn dem Paulus abzusprechen, haben sich ebenso wenig durchsetzen können wie Teilungshypothesen, die den Römerbrief als Kombination von zwei oder mehr Briefen erklären oder größere Interpolationen im Text des Briefes annehmen.Michael Wolter: Der Brief an die Römer, Teilband 1, Neukirchen-Vluyn und Ostfildern 2014, S. 24–27. Die Schlussdoxologie gilt vielen Exegeten als sekundärer Zusatz.So beispielsweise Michael Wolter: Der Brief an die Römer, Teilband 2, Göttingen und Ostfildern 2019, S. 505: Die drei Verse wurden ergänzt, um nach dem Verlust von Kapitel 15 und 16 in einigen Handschriften für die mit Kapitel 14 endende Kurzfassung des Römerbriefs einen Abschluss zu haben; außerdem könnte er bei einem Corpus Paulinum, bei dem der Römerbrief nicht am Anfang, sondern am Schluss einsortiert wurde, als Abschluss des Römerbriefs und der ganzen Briefsammlung gedient haben. Es handelt sich ansonsten um Minderheitsmeinungen: William O. Walker Jr. plädiert dafür, Röm 1,18–2,29 als Interpolation anzusehen.William O. Walker Jr.: Romans 1.18–2.29: A Non-Pauline Interpolation? In: New Testament Studies 45 (1999), S. 533–552. darüber hinaus hält er und für interpoliert.William O. Walker Jr.: Interpolations in the Pauline Letters. In: Stanley E. Porter (Hrsg.): The Pauline Canon (= Pauline Studies, 1). Brill, Leiden 2004, S. 189–235, Zusammenfassung S. 235. Eine literarkritische Teilung des Römerbriefs schlägt beispielsweise Walter Simonis vor.Walter Simonis: Der gefangene Paulus. Die Entstehung des sogenannten Römerbriefs und anderer Schriften in Rom. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1990. Vgl. die Rezension von Christoph Kähler in: Theologische Literaturzeitung 1990 Nr. 11, Sp. 815 f. (Digitalisat)
Ian J. Elmer sieht in dem Schreiber Tertius, der sich selbst zu Wort meldet, einen Mitverfasser des Römerbriefs.Ian J. Elmer: I, Tertius: Secretary or Co-author of Romans. In: Australian Biblical Review 56 (2008), S. 45–60. Diese These hat zwei Schwierigkeiten: Sie kann die sprachlichen Übereinstimmungen mit anderen Paulusbriefen nicht erklären, und sie muss dem sonst unbekannten Tertius eine aktive Rolle in der paulinischen Mission zuweisen.Michael Wolter: Der Brief an die Römer, Teilband 2, Göttingen und Ostfildern 2018, S. 498. Wie immer man sich die Arbeit des Tertius vorstellt, als Niederschrift nach Diktat oder Ausarbeitung (stenografischer) Notizen, Paulus behielt ein hohes Maß an Kontrolle über den Text, so dass dieser nicht nur seine Gedanken, sondern auch seine Formulierungen enthält.Richard N. Longenecker: Introducing Romans. Critical Issues in Paul’s Most Famous Letter. Eerdmans, Grand Rapids/Cambridge 2011, S. 10.
Entstehungsort und -zeit Mehrere Indizien im Text des Römerbriefs weisen auf Korinth als Abfassungsort. Paulus erwähnte in einen Gaius, bei dem er zu Gast war. Vermutlich war er mit dem laut von Paulus getauften Korinther Gaius identisch.Michael Wolter: Der Brief an die Römer, Teilband 1, Neukirchen-Vluyn und Ostfildern 2014, S. 28. Phoibe aus Kenchreai, dem Vorhafen von Korinth, brachte den Brief nach Rom. Sie wäre ohnehin in ihren eigenen Geschäften nach Rom gereist; Paulus nutzte die Gelegenheit, ihr seinen Brief mitzugeben – Phoibes Reise war der Anlass für die Abfassung des Römerbriefs.Michael Wolter: Der Brief an die Römer, Teilband 1, Neukirchen-Vluyn und Ostfildern 2014, S. 56. Der Abfassungsort Korinth wird für die Exegese auch dadurch interessant, weil in Kapitel 14 Themen angesprochen werden, die in Korinth aktuell waren.Klaus Haacker: Der Brief des Paulus an die Römer, Leipzig 2019, S. 19. Phoibe und eventuell auch Tertius, falls er ihr Sklave war, vertraute Paulus die Erläuterung des Briefs in den römischen Hausgemeinden an.Robert Jewett: Romans. A Commentary, Minneapolis 2007, S. 23.
Schwieriger ist die Bestimmung der Abfassungszeit. Paulus blickte voraus auf seine bevorstehende Jerusalemreise. Das versteht man meist so, dass der Brief geschrieben wurde, während im Winter die Seefahrt ruhte, die im Frühjahr wieder aufgenommen wurde.Stefan Schreiber: Der Römerbrief, Stuttgart 2020, S. 292. Der Brief wird heute mehrheitlich auf den Winter 55/56 n. Chr. datiert, mit einer Schwankungsbreite von ein oder zwei Jahren.Michael Theobald: Der Römerbrief, Darmstadt 2000, S. 27; , hier Sp. 612. Diese Datierung hängt aber daran, dass man die Angaben der Apostelgeschichte zur Begegnung des Paulus mit dem Statthalter von Achaia, Gallio (), und die weiteren Reisenotizen in diesem Werk für historisch belastbar hält. Dann kann man nämlich von der bekannten Amtszeit des Gallio (Juli 51 bis Juni 52) aus weiterrechnen. Bei größerer Skepsis gegenüber der Apostelgeschichte bleibt nur eine grobe Datierung in die zweite Hälfte der 50er Jahre.Michael Wolter: Der Brief an die Römer, Teilband 1, Neukirchen-Vluyn und Ostfildern 2014, S. 30.
Paulus plante, in Jerusalem eine Kollekte zu übergeben, die er in seinen heidenchristlichen Missionsgemeinden gesammelt hatte. Er ließ die Adressaten des Römerbriefs an seiner Unsicherheit teilhaben, ob die Jerusalemer Muttergemeinde dieses Geld denn annehmen würde (). Aus Sicht des Paulus ging es hier um die Akzeptanz seiner Gemeindegründungen. Aus Sicht der Jerusalemer Judenchristen konnte die Annahme heikel sein, denn dort nahmen die politischen Spannungen im Vorfeld des Jüdischen Krieges zu. Umstritten war dabei, ob vom römischen Staat finanzierte Opfer im Jerusalemer Tempel dargebracht werden dürften. Das betraf dann auch generell die Annahme der Spenden von Nichtjuden.Klaus Haacker: Der Brief des Paulus an die Römer, Leipzig 2019, S. 9 f.
Paulus sah seine Tätigkeit im östlichen Mittelmeerraum als beendet an und wollte Rom als Basis für eine künftige Mission in Spanien nutzen. „In der Situation des Römerbriefs scheint weniger ‚Rom‘ auf Paulus als der Apostel auf die römische Gemeinde angewiesen zu sein,“ folgert Horst Balz.
Adressaten Im Gegensatz zu den Adressaten seiner anderen Briefe hatte Paulus die römische Gemeinde nicht gegründet. Nirgends gibt der Römerbrief zu erkennen, dass den Verfasser konkrete Nachrichten über die Christen in Rom erreicht hatten. „Dort, wo Paulus sonst über die Adressaten seiner Briefe spricht, spricht er im Römerbrief über sich selbst.“Michael Wolter: Der Brief an die Römer, Teilband 1, Neukirchen-Vluyn und Ostfildern 2014, S. 43.
Der Text des Römerbriefes spricht sowohl Heidenchristen wie auch Judenchristen oder nichtchristliche Juden an ("Euch aber, den Heiden, sage ich..." ; "Wenn du dich aber Jude nennst..." ). Es wird jedoch angenommen, dass die römische Christengemeinde überwiegend aus Heidenchristen bestand. Manche Autoren gehen so weit, dass sich Paulus ausschließlich an Heiden habe wenden wollen.William S. Campbell: Romans: A Social Identity Commentary, London 2023, S. 18: “The argumentation of the letter … is designed to make a case for ethnē in Christ linking themselves in some association with the Jewish people. Whether or not there were mixed communities in Rome, Paul chooses to write only to the ethnē in Christ.” Michael Wolter vertritt die Position, nach der sich Paulus in seinem Brief nicht mit den Fragestellungen von Judenchristen, hingegen ausführlich mit dem Judentum, das Jesus Christus ablehnte, auseinandergesetzt habe: „Der historische Sachverhalt, dass es in Rom Judenchristen gab, und der theologische Dialog mit dem Judentum, den Paulus auf der literarischen Ebene des Römerbriefs führt, müssen darum sorgfältig auseinandergehalten werden…“Michael Wolter: Der Brief an die Römer, Teilband 1, Neukirchen-Vluyn und Ostfildern 2014, S. 45. Nach Klaus Haacker setzt Paulus im Römerbrief viel Bibelkenntnis voraus, auch wenn man annimmt, dass die Leser als „Gottesfürchtige“ aus dem Umkreis der Synagoge kamen und deshalb über jüdisches Wissen verfügten. Vielleicht habe er sein Publikum überfordert, doch möglicherweise geschah das mit Absicht, um sie mit der eigenen Schriftgelehrsamkeit zu beeindrucken.Klaus Haacker: Der Brief des Paulus an die Römer, Leipzig 2019, S. 14. Eine Reihe von Kommentatoren rechnet damit, dass Paulus den Brief auch im Blick auf bevorstehende Auseinandersetzungen mit dem orthodoxen Judentum in Jerusalem geschrieben habe und deswegen das Evangelium nicht als gänzlich neuen Weg beschrieben habe;"Setzen wir also durch den Glauben das Gesetz außer Kraft? Im Gegenteil, wir richten das Gesetz auf." Norbert Baumert geht hingegen immer auch von Judenchristen als Adressaten aus, deren Glaube Paulus legitimiere, weswegen Baumert übersetzt "Zu-Erkenntnis zum Gesetz", da die ursprüngliche Erkenntnis dadurch nicht verworfen worden sei."lch bezeuge ihnen nämlich, dass sie Eifer für Gott haben, nur nicht im Sinne von Zu-Erkenntnis (einer hinzukommenden Erkenntnis)", ("κατ’ ἐπίγνωσιν, kat' épignōsin")
Vor allem aus der Grußliste in Kapitel 16 lassen sich einige Informationen zu den römischen Christen erheben. Sie waren in Hausgemeinden organisiert, eine „Vollversammlung“ aller Christen in Rom ist im Römerbrief ebenso wenig bezeugt wie gesamtgemeindliche Ämter. Die Namen der Gegrüßten deuten auf Personen, die aus dem Osten zugewandert waren; es gibt in der Liste einige typische Sklavennamen. Paulus nannte fünf Männer, aber sieben Frauen, die in Rom missionarische oder gemeindebezogene Aufgaben hatten.Michael Theobald: Der Römerbrief, Darmstadt 2000, S. 31 f.