mini|Papyrus 46: Ausschnitt aus dem 1. Korintherbrief ( bis )

Der 1. Brief des Paulus an die Korinther oder 1. Korintherbrief (; Abkürzung: 1 Kor, 1Kor oder IKor) ist ein Buch des Neuen Testaments der christlichen Bibel. Er wird seit dem Mittelalter in 16 Kapitel eingeteilt. Paulus behandelt darin eine Reihe von Fragen und Streitpunkten der Gemeinde in Korinth.

Kein anderer Paulusbrief ist so früh und so gut bezeugt wie der 1. Korintherbrief, der den Verfassern des 1. Clemensbriefs und der Ignatiusbriefe sicher bekannt war. Dagegen lässt sich die Kenntnis des 2. Korintherbriefs in der frühchristlichen Literatur erst spät und unsicher nachweisen., hier Sp. 1689.

Verfasser und Abfassungszeit mini|Rembrandt: Der Apostel Paulus am Schreibpult (1629/1630) Als Autoren werden zu Beginn des Briefes Paulus von Tarsus und sein Begleiter Sosthenes angeführt (), der vielleicht mit dem Vorsteher der Synagoge von Korinth aus identisch ist. Im weiteren Verlauf redet Paulus die Gemeinde dann aber durchwegs in der Ich-Form an (beginnend mit ), so dass er als der eigentliche Verfasser des Briefes gilt. An seiner Verfasserschaft gibt es unter Theologen aktuell keinen Zweifel, nachdem sie im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter anderem durch Bruno Bauer und Rudolf Steck in Zweifel gezogen worden war.Wolfgang Schenk: Korintherbriefe. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 19, Walter de Gruyter, Berlin 1990, ISBN 3-11-012355-X, S. 620–640, hier S. 621.

Paulus verfasste den 1. Korintherbrief vermutlich 54 n. Chr. während seiner dritten Missionsreise, in der Anfangszeit seines dreijährigen Dienstes in Ephesos.Andreas Lindemann, Jens Schröter, Konrad Schwarz: Arbeitsbuch zum Neuen Testament. 15. vollständig neu bearbeitete Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 2024, ISBN 978-3-8252-6209-9, S. 216 f. Der Theologe Hans Dieter Betz denkt eher an das Jahr 55 n. Chr.Hans Dieter Betz: Korintherbriefe. In: Evangelisches Kirchenlexikon, Band 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-50132-3, Sp. 1450.

Empfänger Empfänger ist die christliche Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth, der Hauptstadt der römischen Provinz Achaea. Die Bevölkerung war multiethnisch mit einem starken römischen Anteil.Klaus-Michael Bull: Bibelkunde des Neuen Testaments. Die kanonischen Schriften und die Apostolischen Väter. Überblicke – Themakapitel – Glossar. 8. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-7887-3384-1, S. 71. Paulus hatte die Stadt auf seiner zweiten Missionsreise besucht und war anderthalb Jahre geblieben (). In dieser Zeit, 50–51 n. Chr., entstand auch die christliche Gemeinde im Umfeld der örtlichen Synagoge (vergleiche ).Andreas Lindemann, Jens Schröter, Konrad Schwarz: Arbeitsbuch zum Neuen Testament. 15. vollständig neu bearbeitete Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 2024, S. 206 f. Aufgrund der heftigen Opposition der korinthischen Juden setzte er seine Missionstätigkeit in einem Nachbarhaus der Synagoge fort, wo Gottesfürchtige verkehrten, also Heiden, die mit dem jüdischen Monotheismus sympathisierten, ohne Proselyten zu werden.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur, De Gruyter, Berlin / New York 1985, ISBN 3-11-0077-63-9, S. 132.

Mit den Gemeindegliedern blieb Paulus durch Gesandtschaften der Gemeinde, vor allem aber durch Briefe in Kontakt, von denen nur der 1. Korintherbrief und die als 2. Korintherbrief zusammengefassten Schreiben erhalten sind. Nicht erhalten sind ein allererster Brief des Paulus an die Gemeinde, der in erwähnt wird, sowie mehrere Schreiben der Gemeinde an ihn. Die Gemeinde war sozial heterogen: Sie umfasste neben einer Minderheit von getauften Juden hauptsächlich Heidenchristen; die meisten Gemeindeglieder waren arm und wenig gebildet , doch muss es auch einige Hochgebildete und Wohlhabende unter ihnen gegeben haben, wie etwa den in erwähnten KrispusKlaus-Michael Bull: Bibelkunde des Neuen Testaments. Die kanonischen Schriften und die Apostolischen Väter. Überblicke – Themakapitel – Glossar. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, S. 71 f. und Erastus, wenn man denn den in genannten mit dem inschriftlich bezeugten Stadtädil von Korinth identifiziert.Craig S. Keener: 1–2 Corinthians (= New Cambridge Bible Commentary). Cambridge University Press, Cambridge 2005, ISBN 978-0-521-83462-9, S. 7–10. Wie viele Mitglieder die Gemeinde hatte, lässt sich schwer schätzen. Aus lässt sich schließen, dass sie alle in einem Privathaus Platz hatten, aber in schreibt Paulus, „viele“ seien krank und „nicht wenige“ bereits verstorben: Ganz klein kann die Gemeinde also nicht gewesen sein.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur, De Gruyter, Berlin / New York 1985, S. 131.

Inhalt Einleitung Der Brief beginnt in mit dem Präskript,die Bezeichnung der Briefteile nach Hans Dieter Betz: Korintherbriefe. In: Evangelisches Kirchenlexikon, Band 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, Sp. 1450 f. in dem der Apostel sich und Sosthenes als Verfasser nennt und die Empfänger grüßt. In einem Exordium dankt er Gott für die den Korinthern erwiesene Gnade und lobt diese für ihren Reichtum an Rhetorik, Erkenntnis und Gaben des Heiligen Geistes. Dies ist aber offenkundig nur eine Captatio Benevolentiae, denn in der sich anschließenden Narratio benennt er die in Korinth herrschende Uneinigkeit als seinen Hauptkritikpunkt an ihrem Gemeindeleben: Er habe „von den Leuten der Chloë“ (vielleicht Sklaven oder Freigelassene einer ansonsten unbekannten reichen Frau, die geschäftlich zwischen Korinth und Ephesus hin- und herreistenCraig S. Keener: 1–2 Corinthians. Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 24.) erfahren, dass sich die korinthischen Christusgläubigen zu konkurrierenden Zugehörigkeiten bekannten, nämlich zu Paulus, zu Kephas (gemeint ist der Apostel Simon Petrus), zu Apollos, einem Mitstreiter des Paulus, oder zu Christus. Die Benennung der Parteien könnte darauf zurückzuführen sein, wer die Gemeindeglieder jeweils getauft hat., hier Sp. 1691. Da von einem Aufenthalt des Petrus in Korinth nichts bekannt ist, könnte es sich bei seiner Partei um zugezogene Judenchristen handeln. Der Theologe Philipp Vielhauer dagegen sieht im Fehlen von Nachrichten über einen Besuch des Petrus in Korinth keinen Grund, ihn in Abrede zu stellen, zumal Paulus den Apostelkollegen im weiteren Verlauf des Briefes erwähne bzw. auf ihn anspiele.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur, De Gruyter, Berlin / New York 1985, S. 137.

Ein besonderes Problem wirft die angebliche Christus-Partei auf. Es ist vermutet worden, dass ihre Anhänger von Jüngern Jesu oder deren Abgesandten getauft worden sein könnten, etwa von Jakobus, dem Bruder Jesu. In dem Fall würde man aber erwarten, dass die Partei nach dem jeweiligen Jünger benannt worden wäre. Andere halten sie für besonders strenge Judenchristen oder im Gegenteil für Pneumatiker, die einen direkten Zugang zu Christus für sich in Anspruch genommen hätten. Walter Schmithals sieht in ihnen Gnostiker. Philipp Vielhauer sieht keine Belege für diese Hypothesen, weil Paulus im weiteren Verlauf des Briefes auf sie nicht mehr zu sprechen kommt. Die „Christus-Partei“ habe es daher nicht gegeben.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur, De Gruyter, Berlin / New York 1985, S. 135 ff. Einige Neutestamentler halten ihre Erwähnung für eine in den Text geratene Glosse, das heißt für die Randbemerkung eines frühen Kopisten, die von späteren Kopisten für einen Teil des Originaltexts gehalten und in den Haupttext übernommen wurde. Sie kann auch nur eine ironische Zuspitzung des Paulus gewesen sein, der damit die Absurdität des Korinther Parteienwesens kennzeichnen wollte.

Die Gemeinde selbst war in Hausgemeinden organisiert, die nur zu wöchentlichen oder monatlichen Versammlungen der Gesamtgemeinde zusammentrafen. Dies kann ebenfalls eine Ursache der Streitereien gewesen sein.Matthias Konradt: Gericht und Gemeinde. Eine Studie zur Bedeutung und Funktion von Gerichtsaussagen im Rahmen der paulinischen Ekklesiologie und Ethik in 1 Thess und 1 Kor. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2003, ISBN 3-11-017596-7, S. 204 f. Der amerikanische Theologe Craig S. Keener vermutet, dass der eigentliche Gegensatz in der Gemeinde zwischen Anhängern des Apollos und denen des Paulus verlief,Craig S. Keener: 1–2 Corinthians. Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 24 f. zumal Apollos im 2. Korintherbrief nicht mehr vorkommt, was auf ein tieferes Zerwürfnis hindeuten könnte.Simone Pétrement: A Separate God. The Christian Origins of Gnosticism. HarperSanFrancisco, San Francisco 1990, ISBN 0-06-066501-7, S. 251. Angesichts dieser „faktischen Zerrissenheit“ zielt der ganze Brief, wie der Theologe Udo Schnelle zusammenfasst, auf die „in Jesus Christus begründete Einheit der Gemeinde“.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996, S. 91.

Spaltungen in der Gemeinde mini|, Das Wort vom Kreuz, Torheit oder Gotteskraft Gegenüber der Uneinigkeit der Gemeinde entfaltet Paulus in – eine Analyse des offenkundig nicht geringen Selbstbewusstseins der Korinther im Sinne seiner Rechtfertigungslehre:Hans Dieter Betz: Korintherbriefe. In: Evangelisches Kirchenlexikon, Band 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, Sp. 1450. Dabei stellt er das „Wort vom Kreuz“, also das Evangelium von der Errettung der Sünder durch Christi Leiden und Kreuzestod als Torheit in den Augen der Welt dar; in Wahrheit aber sei sie die „Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit“ . Diese Weisheit, die Paulus den Korinthern, wie er betont, in schlechter Rhetorik gepredigt habe, sei ihm durch den Heiligen Geist geoffenbart worden. Sie sei allerdings nur geistlichen Menschen () zugänglich, nicht aber natürlichen (): solche, ja geradezu „unmündige Kinder“ seien die Korinther aber, weshalb er ihnen nur auf einer niedrigen Verständnisstufe gepredigt habe:

Insofern gelte die menschliche Weisheit, mit der einige Gemeindeglieder ihren Führungsanspruch legitimieren wollten, nichts.Matthias Konradt: Gericht und Gemeinde. Eine Studie zur Bedeutung und Funktion von Gerichtsaussagen im Rahmen der paulinischen Ekklesiologie und Ethik in 1 Thess und 1 Kor. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2003, S. 206. Paulus betont, alle, die der Gemeinde gepredigt hätten, seien gleichermaßen „Gottes Mitarbeiter“ , und dieser habe das Gedeihen gegeben, sodass nun niemand Grund habe, sich zu rühmen. Die Formulierung, mit der er in das gemeinsame Fundament beschwört („Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“) kann als Polemik gegen den Anspruch des Petrus verstanden werden, er sei „der Fels“, auf dem Christus nach seine Gemeinde errichten wolle: Damit begründeten die Kephas-Leute vielleicht ihren Anspruch, einen höheren Rang zu haben als die von Paulus oder Apollos Getauften.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur, De Gruyter, Berlin / New York 1985, S. 138. Sich selbst bezeichnet Paulus demgegenüber als den „Vater“ der Gemeinde und kündigt den Besuch seines Mitarbeiters Timotheus an. Zu einem späteren Zeitpunkt werde er auch selbst nach Korinth kommen, ob „mit dem Stock […] oder mit Liebe und sanftmütigem Geist“ , überlässt er ihnen.Craig S. Keener: 1–2 Corinthians. Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 46 f.