mini|hochkant=1.3|Gustave Courbet: Die Steineklopfer (1849)

Realismus (von ‚die Sache betreffend‘; res: „Sache, Ding“) bezeichnet in der Kunstgeschichte eine Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa einsetzende neue Kunstauffassung, die sich gegen die Darstellungsweise des Klassizismus und der Romantik wandte. Die Kunst des Realismus versucht, der sozialen Realität und dem Alltag der Menschen aufgrund genauer Beobachtung ihrer charakteristischen Merkmale ohne Idealisierung oder Stilisierung so nahe wie möglich zu kommen. In diesem allgemeinen Sinn gab es realistische Kunst auch schon in früheren Epochen, z. B. in der Antike oder Renaissance.

Realismus in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts Die Aneignung der Wirklichkeit durch den Künstler und ihre darauffolgende Transformation in ein Kunstwerk sowie ihre politische Konnotation sind charakteristisch für den Realismus. Sie propagiert Alltäglichkeit und Sachlichkeit.

Ihr bekanntester Vertreter war der französische Maler Gustave Courbet (1819–1877), welcher sich den damals noch sehr unscharf und ungenau definierten Begriff der realistischen Kunst aneignete und ihn wegen seiner provokanten Wirkung für seine Kunst verwendete. Die Inhalte seiner Werke wirkten prägend auf den Begriff Realismus. Hauptanliegen Courbets war es, aus der Kenntnis der (künstlerischen) Tradition und seiner eigenen Individualität schöpfend, lebendige Kunst zu schaffen.

Eingrenzung und Vorläufer Der Begriff Realismus wird streng kontextbezogen verwendet und ist daher sinnvariabel. Schwierigkeiten bei der Verwendung der Begriffe realistisch und Realismus ergeben sich aus ihrer Doppeldeutigkeit. Zum einen bezeichnet dieser kunstgeschichtliche Terminus eine Kunstströmung des 19. Jahrhunderts, welche sich dem Alltag sowie der Gesellschaft widmete und dabei politisch motiviert war, weshalb gesellschaftliche Verhältnisse sowie deren Widersprüche und Konflikte häufig Themen realistischer Bilder sind.

Zum anderen kann der allgemeinen Wortbedeutung folgend als „realistisch“ bezeichnet werden, was dem dargestellten Gegenstand, Thema oder der Idee äußerst nahekommt. Es kann dem Schein nach für wahr gehalten werden.Vgl. Roland Barthes: Das Rauschen der Sprache (= Kritische Essays. Band 4). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 171ff. „Realistische“ Tendenzen können demnach schon in früheren Kunstwerken beobachtet werden. So wurde z. B. Albrecht Dürers Aquarell Junger Feldhase (1502) in seiner Darstellung als so „wahrscheinlich“, so lebensecht empfunden, dass man den Hasen für real und lebendig halten konnte.Vgl. Horst Bredekamp: Theorie des Bildakts. Berlin 2010, S. 44. Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass eine lebensgetreue Darstellung kein Garant für ein realistisches Bild im Sinne der kunsthistorischen Definition ist. Hinzu kommt, dass in jeder künstlerischen Form des Ausdrucks Bezug auf die Realität genommen wird. Diese Bezugnahme geschieht unterschiedlich und grenzt so u. a. die einzelnen Strömungen des Realismus wie Neuer Realismus, Phantastischer Realismus oder Fotorealismus voneinander ab. Allein die Darstellung der Realität, so wie der Künstler sie sieht bzw. zeigen will, ist demnach nicht maßgebend, um Kunst dem „Realismus“ zuzuordnen.

Systematischer Realismusbegriff Die Kunstform des Realismus strebt danach, durch die Darstellung der gegenständlichen Welt ohne Schönung aufzudecken, wie diese wirklich ist. Dabei kann die Darstellungsweise „anecken“ und ist nicht zwangsläufig mimetisch (Natur nachahmend).

Der Naturalismus grenzt sich u. a. in seiner Darstellungsweise durch Orientierung an der äußeren Natur ab. Nach dem Kunsthistoriker Klaus Herding soll ein realistisches Kunstwerk auf die jeweilige „Wirklichkeit nicht nur informierend […], sondern transformierend und aufklärend“ einwirken.Ulrich Pfisterer (Hrsg.): Metzler-Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen, Methoden, Begriffe. 2. Auflage. Stuttgart 2011, S. 372. Dementsprechend spiegelt ein realistisches Kunstwerk nicht einfach die wirkliche Welt wider, sondern verdeutlicht die Wirklichkeit einer Idee oder einer Vorstellung. Betont werden muss die politische Dimension des Realismus. Seit der Entstehung des Französischen Realismus im 19. Jahrhundert wurde diese Kunstform mit demokratischen und republikanischen Tendenzen in Verbindung gebracht. Nicht zuletzt durch Courbet erhielt der Realismus seine politische Bedeutung.

Realistische Kunst kann nicht an bestimmten darstellerischen oder verfahrensspezifischen Charakteristika/Eigenschaften erkannt werden. Vielmehr folgt sie aus dem Zusammenhang zwischen der (politischen) Absicht des Künstlers und der Rezeption (gesellschaftlichen Aufnahme und „Lesart“) des Werks.Vgl. Ulrich Pfisterer (Hrsg.): Metzler-Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen, Methoden, Begriffe. 2. Auflage. Stuttgart 2011, S. 372.

Nach dem Philosophen und Literaturkritiker Roland Barthes, der seinen Realismusbegriff eigentlich auf die Literatur anwendet, ist Wirklichkeit das Ergebnis einer künstlerischen Arbeit. Dieser Effekt des Wirklichen ist nur durch Inszenierung zu erhalten. Dabei werden viele Details in Erzählungen bzw. Gemälde mit einbezogen, die für die Handlung unwichtig sind sowie über das übliche Maß der Milieu-Beschreibung hinausgehen. Die Einbindung von unwichtigen, überflüssigen Details impliziert, dass sich die dargestellten Dinge so zugetragen haben und nicht anders – die Wirklichkeit wird ohne jede Auslassung wiedergegeben.Vgl. Roland Barthes: Das Rauschen der Sprache (= Kritische Essays. Band 4). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 166. Diese „unnützen“ Details können als erzählerischer Luxus gelten, da sie geschickt in die Erzählung bzw. in das Gemälde eingebunden werden müssen. Um nicht als plumpe Aufzählung bzw. Aufreihung durch den Rezipienten aufgefasst zu werden, bedarf es somit einer besonderen Geschicklichkeit des Künstlers.

Der Wirklichkeitseffekt kann als Verdrängung von Allegorien aus der bildenden Kunst verstanden, der dennoch einen metaphorischen Inhalt transportiert. An Werken realistischer Kunst wurde folglich häufig jene Summierung von Fakten im Bild kritisiert, die für den Wirklichkeitseffekt genutzt wurden.

Der Philologe Roman Jakobson definiert den Begriff Realismus in einem Essay von 1921 einerseits als „eine Kunstströmung mit dem Ziel, die Realität durch Streben nach einem Maximum an Wahrscheinlichkeit möglichst unverfälscht wiederzugeben“ – was dem systematischen Begriff entspricht –, andererseits jedoch auch als „die Summe charakteristischer Merkmale einer bestimmten Kunstrichtung des 19. Jahrhunderts“.Roman Jakobson: Über den Realismus in der Kunst (1921). In: Alternative – Zeitschrift für Literatur und Diskussion, 12. Jahrgang, Heft 65 (1969), S. 75ff. Letzteres lässt sich dem historischen Realismusbegriff zuordnen.

Jakobson verdeutlicht bildhaft, dass der Realismusbegriff nicht nur von der Intention des Künstlers abhängt, welcher sein Werk als möglichst wahrscheinlich konzipiert, sondern ebenfalls stark von der individuellen Auffassung des Betrachters im historischen Kontext:

Realismus als historische Stilrichtung Im Lauf der Geschichte wurden verschiedene Kunstströmungen als „Realismus“ oder „realistisch“ bezeichnet. Roman Jakobson formuliert 1921 treffend, dass nicht „das Reale“ Referenz realistischer Kunst sei, sondern jene Konstrukte, die das historische, sich wandelnde Wirklichkeitsverständnis dirigieren.Vgl. Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, S. 175. Dementsprechend ist, wie bereits erwähnt, der Kontext der Wortverwendung zu berücksichtigen.

In Abgrenzung zu der im Mittelalter üblichen Nutzung des Begriffs Realismus, der an die philosophische Debatte des Universalienstreits geknüpft war, erlangt der Begriff in der Neuzeit eine genauere Kontur gegenüber dem Idealismus.Vgl. Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, S. 190. Zu dieser Zeit wurde der Begriff Realismus, da er im Sinne der mimetischen Nachahmung der Natur verstanden wurde, negativ bewertet. „Das Wort Realismus ist als ästhetischer und poetologischer Begriff seit den neunziger Jahren des 18. Jh. gebräuchlich; es bezeichnet den Weltbezug modern differenzierter Kunst und löst die alteuropäische Kategorie ‚Nachahmung‘ ab, die zur Kopierformel abgewertet wird.“Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, S. 170. Das Kunstpotential realistischer Werke wurde somit bestritten. Erst später, Mitte des 19. Jahrhunderts, sollte es zu einer Positivierung der Kunstbewegung kommen.

Französischer Realismus im 19. Jahrhundert mini|Gustave Courbet: Ein Begräbnis in Ornans (1850) mini|J.-F. Millet: Der Mann mit der Hacke (1861–1862)

Der Begriff des Realismus, der als Gegenbegriff zum Klassizismus in der Literaturkritik seit 1821 nachweisbar ist, wurde erst in den 1850er Jahren auf die bildende Kunst übertragen. Vorbereitet wurde der Realismus in Frankreich durch Théodore Géricault. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wird der Begriff Realismus programmatisch in Frankreich verwendet. Wortführer sind u. a. die Schriftsteller und Kunstkritiker Jules Champfleury und Edmond Duranty. Sie verteidigen den Realismus als eine positive Wiedergabe der modernen Gesellschaft. Dabei wenden sie sich gegen klassizistische und romantische Normierung des Schönen in der idealistischen Akademischen Kunst und bekunden ein Interesse an den Lebensbedingungen der Unterschicht. Beiden geht es um eine Kunst des Wahren, die eine politische Dimension – entstanden aus der Opposition gegen Napoleon III. – in ihre Definition einbezieht.Dario Villanueva: Theories of Literary Realism. State University of New York Press, 1997, S. 17.

Der französische Maler Gustave Courbet gilt als das „Gesicht“ des Realismus. Für ihn ist Realismus eine ihrem Wesen nach demokratische Kunst, welche die „Verneinung des Ideals“ und die „Selbstbefreiung des Individuums“ beinhaltet.Vgl. Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, S. 171. In diesem Zusammenhang erklärt sich vielleicht auch sein Anspruch, allgemeinverständliche Kunst zu schaffen, die nicht allein Bildungseliten ihren Inhalt offenbart. Seine künstlerische Karriere begann Courbet mit Porträts, darunter auch mehreren Selbstdarstellungen in mittelalterlichem Kostüm. Wenig später verwarf er allerdings alles, was er den „Putz der Romantik“ nannte.Vgl. Hugh Honour, John Flemming: Weltgeschichte der Kunst. München 1999, S. 502. Er schreibt, ähnlich wie man den Begriff „Romantiker“ den „Männern von 1830“ aufgezwungen habe, hätte man ihn nach der Ausstellung seines ersten Hauptwerks Ein Begräbnis in Ornans, als Realisten bezeichnet.Vgl. Hugh Honour, John Flemming: Weltgeschichte der Kunst. München 1999, S. 502. Als abgelehnt wurde, einige seiner Werke im Jahr 1855 bei der Pariser Weltausstellung zu zeigen, eröffnete Courbet einen eigenen Pavillon – den Pavillon du Réalisme. In seinem Manifest des Realismus schreibt er:

mini|Gustave Courbet: Die Kornsieberinnen (1854)