mini|Frau und Vogel (Barcelona 1982) von Joan Miró Der Surrealismus bezeichnet eine geistige Bewegung, die seit den 1920er Jahren als Weltsicht und Kunstform mit bis dahin geltenden traditionellen Normen bricht. Sie findet bis in die Gegenwart sowohl philosophisch als auch in den Medien, Literatur, Kunst und Film ihren Ausdruck. Im Unterschied zum satirisch-nihilistischen Ansatz von Dada werden gegen die herrschenden Auffassungen vor allem psychoanalytisch begründete Theorien verarbeitet. Traumhaftes, Unbewusstes, Absurdes und Phantastisches sind daher Merkmale der literarischen, bildnerischen und filmischen Ausdrucksmittel. Auf diese Weise sollen neue Erfahrungen gemacht und neue Erkenntnisse gewonnen werden.Keysers Grosses Stil-Lexikon Europa. 780 bis 1980. Keysersche Verlagsbuchhandlung, München 1982, ISBN 3-87405-150-1, S. 482. – Die umfassende Charakterisierung als geistige Bewegung, Lebenshaltung, Lebenskunst findet sich u. a. bei: Anja Tippner: Die permanente Avantgarde?: Surrealismus in Prag. Köln/Weimar 2009, S. 80 und S. 267. – Ähnliches findet sich auch bei Walter Mönch: Frankreichs Kultur: Tradition und Revolte. Von der Klassik bis zum Surrealismus. Berlin/New York 1972, S. 683 ff.

Definition Das Wort „Surrealismus“ bedeutet wörtlich „über dem Realismus“.Duden, Universalwörterbuch: surreal, traumhaft-unwirklich. Surrealismus, frz. surréalisme, aus sur (von lat. super) = über und réalisme = Realismus Etwas, das als surreal bezeichnet wird, wirkt traumhaft im Sinne von unwirklich. Die vom französischen Schriftsteller und Kritiker André Breton seit 1924 in Paris geführte surrealistische Bewegung suchte die eigene Wirklichkeit des Menschen im Unbewussten und benutzte Rausch- und Traumerlebnisse als Quelle der künstlerischen Eingebung. Sie bemühte sich darum, das Bewusstsein und die Wirklichkeit global zu erweitern und alle geltenden Werte umzustürzen. Logisch-rationale „bürgerliche“ Kunstauffassungen wurden radikal und provokativ abgelehnt wie auch Religion und die Idee der Nation. Der Surrealismus wird daher als anarchistische, bzw. revolutionäre Kunst- und Weltauffassung bezeichnet.

Die Bezeichnung „Surrealismus“ geht auf den französischen Kunsttheoretiker und Lyriker Guillaume Apollinaire zurück. Ganz im Sinne des Grundgedankens der Bewegung erfand Apollinaire diese Bezeichnung. Er wolle mit diesem unbekannten und daher symbolisch unbelasteten Wort eine Tendenz der gegenwärtigen literarischen und bildnerischen Aktivitäten beschreiben, textete er in der Einleitung seines Theaterstückes Les mamelles de Tirésias (Die Brüste des Tiresias). Es trägt den Untertitel „ein surrealistisches Drama“. Es wurde im Juni 1917 uraufgeführtUwe. M. Schneede: Die Kunst des Surrealismus. S. 215. – Vgl. auch Nathalia Brodskaja: Surrealismus. New York 2012, S. 48 ff. und später von Francis Poulenc als Grundlage seiner gleichnamigen Oper verwendet. Im Mai desselben Jahres hatte Apollinaire den Begriff bereits im Programmzettel zum Ballett Parade erwähnt.: Nicole Haitzinger: EX Ante: „Parade“ unter Friktionen. Choreographische Konzepte in der Zusammenarbeit von Jean Cocteau, Pablo Picasso und Léonide Massine, abgerufen am 14. Dezember 2011. 1924 übernahm Breton das Wort Surrealismus als Namen für die bereits vorhandene Bewegung.

Man kann den Surrealismus in zwei Unterarten unterteilen:

Veristischer oder auch kritisch-paranoischer Surrealismus (Mutmaßlich widersinnige Kombination artfremder, nicht zusammengehöriger Objekte, abnormer, die Naturgesetze ignorierende Perspektiven, wie man sie z. B. von den Bildern Salvador Dalís kennt. Beispiel (Bildtitel): Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen aus dem Jahr 1944). Abstrakter oder absoluter Surrealismus (dasselbe Prinzip wie oben genannt nur ohne jeglichen Realismus), wie z. B. in Bildern von Joan Miró, Bildbeispiel Karneval des Harlekins (1924/25).

Ursprünge

Ausgehend von der dadaistischen Bewegung in Zürich (Cabaret Voltaire), Köln, Hannover, Berlin, New York und Paris war auch der Surrealismus eine revolutionäre Bewegung, die gegen die unglaubwürdigen Werte der Bourgeoisie antrat. Im Unterschied zum satirischen bis destruktiven Dadaismus wurde im Surrealismus eine neuartige Sicht der Dinge propagiert. Die künstlerischen Ausdrucksmittel waren u. a. von den Ideen der Deutschen Romantik, vom Symbolismus, Expressionismus, Futurismus, den Schriften Lautréamonts, Arthur Rimbauds, Alfred Jarrys, Jacques Vachés und den Theorien Sigmund Freuds beeinflusst.

Die Gründungsmitglieder der surrealistischen Bewegung entstammten der Generation vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und hatten häufig das prägende Grauen des Ersten Weltkriegs am eigenen Leib erfahren. Denken, Literatur, Kunst und Musik hatten sich an vielen Orten schon von Traditionen verabschiedet und es entwickelten sich neue Ausdrucksmittel. Die Pittura metafisica des Italieners Giorgio de Chirico beeindruckte denkende, dichtende und malende Künstler, die sich später in den Reihen der Surrealisten wiederfanden. Für ihn sei wichtig, was er sehe, schrieb er; am wichtigsten sei aber das, was er mit geschlossenen Augen sehe. Vermutlich war es diese Verbindung zwischen Vorgestelltem und sinnlich Wahrgenommenem in seinen Bildern, die Surrealisten faszinierte.

Ein weiterer Einfluss auf die Entstehung der surrealistischen Bewegung ging vom Dada aus. Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges verstärkten diese Bewegung. Die Zeit vor dem Krieg war von den jugendlichen Surrealisten, die sich damals noch Supranaturalisten nannten, als unbeschwert und frei erlebt worden. In Paris waren internationale Gruppen entstanden, die sich miteinander im Gespräch befanden. Der Krieg unterbrach es. Die Erfahrungen dieses Krieges mit zigtausenden Toten und der Einbruch in soziale Beständigkeiten wirkten traumatisierend und forderten zur Stellungnahme heraus. Kriegsheimkehrer gründeten Zeitschriften wie SIC, Nord-Sud und Dada, die der dadaistischen Bewegung wieder eine Stimme gaben, die sich nicht dem Chor der Kriegsheldenverehrung anschließen wollte.

Wenige Jahre später kam es zum Bruch mit dem Dada. 1922 rief Bréton den Congrès de Paris ins Leben, um eine Richtung für die verschiedenen Formen der modernen Kunst vorzugeben. Der Kongress, mit parlamentarischer Satzung, sollte unter Polizeischutz stattfinden. Breton meinte,

Für Tristan Tzara, den Führer des Dada, stellte Bretons Vorgehen einen Affront dar, weshalb er die Einladung zum Kongress „in aller Freundlichkeit“ ablehnte. Breton wiederum ging nun Tzara öffentlich scharf an und bezeichnete ihn „als einen Schwindler, der nichts mit der Erfindung Dada zu tun habe.“ Der Vorfall artete zu einer Zerreißprobe der Mitglieder aus und bedeutete quasi das Ende der Dada-Bewegung.

In einer Julinacht im Jahr 1923 kam es schließlich im Pariser Théâtre Michel zu Handgreiflichkeiten, als Tristan Tzaras Schauspiel Le Cœur à Gaz aufgeführt werden sollte. Tzaras frühere Freunde Louis Aragon, Benjamin Péret und Breton stürmten die Bühne und griffen die Darsteller an.Stephen C. Foster: Formfindung und Freiheit. In: Man Ray. Edition Stemmle, Zürich, 1989, ISBN 3-7231-0388-X, S. 237 f.

Das Ende des Ersten Weltkriegs kann als Zeitpunkt der Entstehung der Bewegung in Frankreich gelten, die ab 1924 unter dem Namen Surrealismus das sozialpolitische Denken und die Literatur beeinflusste. Als französische Bewegung in Politik, Kunst und Literatur ist sie auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen begrenzt. Andererseits gehört sie als geistige Bewegung zur europäischen Geistesgeschichte. Sie enthält Auffassungen, die auch schon in der Vergangenheit – z. B. in der Romantik – auftauchten. Es ging dabei stets um Alternativen zu traditionellen Auffassungen. Inzwischen sind surrealistische Auffassungen weltweit verbreitet.Vgl. Walter Mönch: Frankreichs Kultur: Tradition und Revolte. Von der Klassik bis zum Surrealismus. Berlin/New York 1972, S. 683 ff.

mini|hochkant|Littérature n° 1, März 1919 André Breton war eng mit der Entstehung der surrealistischen Bewegung in Frankreich verbunden. In der Anfangszeit zeigte sich der Surrealismus als philosophisch-literarische Bewegung. André Breton, Louis Aragon und Philippe Soupault gaben die Zeitschrift Littérature heraus. Hier wurden surrealistische Ideen veröffentlicht und diskutiert. Die Zahl der Beiträge nahm zwischen 1922 und 1924 stark zu. Breton zeigte sich zunehmend als Wortführer. Kreativität, so propagierte er, hänge davon ab, ob es gelänge, sich von den Lasten der Vergangenheit und realistischen Strukturen zu befreien. Die Fantasie solle die ausschließliche Inspiration sein. Die Kontrolle durch die Vernunft sei dabei überflüssig. Dieser Rahmen ermöglichte es Dadaisten und Surrealisten sich ihm anzuschließen.

Im Zusammenhang mit politischen Entwicklungen – wie den revolutionären Veränderungen in Russland, der Gründung der KPF und dem Hervorkommen des Faschismus – entschied Breton Ende der 1920er Jahre, dass Surrealisten sich politisch engagieren sollten. Seinen Höhepunkt hatte diese Auseinandersetzung 1930 mit Bretons „Zweitem surrealistischen Manifest“, in welchem dieser auf eine klare Stellungnahme der Künstler gegen den sich ausbreitenden Faschismus in Europa hinwirken wollte.siehe André Thirion: Révolutionnaires sans Révolution. Paris 1972. Breton sagte sich von allen los, die seine revolutionäre Auffassung nicht teilten und behandelte sie als Gegner. Von nun an war die surrealistische Bewegung in die Gruppe der Revolutionäre und in die Gruppe derjenigen gespalten, die jahrelang dazu beigetragen hatten, surrealistische Ausdrucksmittel zu erfinden.Vgl. Nathalia Brodskaia: Surrealismus. New York 2012, S. 7–62.

Surreale Ideen links|mini|230x230px|Die Manifeste des Surrealismus von André Breton Zu Bretons grundsätzlichen Gedanken, die auch seine Anhänger teilten, gehörte die Auffassung, dass es keine objektiv gegebene äußere Wirklichkeit gibt.Zum philosophischen Zusammenhang siehe auch Wahrheit. Folglich kann die Sprache die Welt nicht objektiv darstellen, wie traditionell angenommen wurde. Die Symbolik der herrschenden Sprache ermöglicht weder neue Erfahrungen noch neue Erkenntnisse. Surrealistische Schriftsteller sollten daher eine neue Sprache erfinden,

Ohne eine neue Sprache sind auch gesellschaftspolitische Veränderungen nicht möglich. Es wurde daher die Befreiung der „Wörter“ und eine Ästhetik der „kühnen Metapher“ gefordert.Vgl. Rita Bischof: Teleskopagen, wahlweise: der literarische Surrealismus und das Bild. Frankfurt am Main 2001, S. 54 f.

Auch die Wahrnehmung muss sich ändern, wenn Neues entdeckt oder erfunden werden soll. Sie muss vor allem vorurteilsfrei und spontan sein. In seinem Buch über den Surrealismus zitiert Gaétan PiconGaétan Picon: Der Surrealismus (1919–1939). Skira, Genf 1988, ISBN 3-8030-3112-5. aus Die verlorenen Schritte: Auftritt der Medien von Breton folgende Beschreibung eines veränderten Wahrnehmens:

Max Ernst schrieb in seiner Veröffentlichung Jenseits der Malerei im Jahr 1936:

Nach André Breton behindert das Ziel, etwas Schönes schaffen zu wollen, den psychischen Automatismus der Niederschrift des Gedankenflusses. Ähnlich wie ästhetische Überlegungen wirken auch moralische oder logische Einwände (wie überhaupt jedes Dazwischentreten des Willens) als Akte innerer Zensur, die die Offenlegung verborgene Geheimnisse verhindert.André Breton: Die Manifeste des Surrealismus. Reinbek 1968, S. 25 f.

Die Surrealisten mini|hochkant=0.8|André Breton, 1924 mini|Salvador Dalí und Man Ray, 16. Juni 1934 in Paris, Fotograf: Carl van Vechten