mini|Massaifrau mit Ohr- und Halsschmuck aus bunten Plastikkügelchen, die in unterschiedlichen Größen zu Dekorationszwecken verarbeitet werden und als „Massai-Perlen“ bekannt sind. mini|hochkant|Ein Massai-Krieger, ein Moran

Die Massai, auch Maasai, Masai oder Maassai, sind eine ostafrikanische Volksgruppe, die in den weiten Ebenen im Süden Kenias und im Norden Tansanias beheimatet ist. Trotz ihres vergleichsweise kleinen Bevölkerungsanteils sind die Massai wegen ihrer weitgehend beibehaltenen halbnomadischen Lebensweise, ihrer auffallenden Kleidung und ihres Wohngebietes nahe den Nationalparks die vermutlich bekannteste Volksgruppe Ostafrikas.

Demografie In Ostafrika leben vermutlich etwa eine halbe bis zu einer Million Massai. Ihre tatsächliche Zahl ist ungewiss. Bei Volkszählungen in Kenia geben viele Massai ihre ethnische Herkunft nicht an, da sie Benachteiligungen fürchten; in Tansania wird die ethnische Herkunft bei Volkszählungen nicht berücksichtigt. Die Mehrzahl der Massai lebt im Süden Kenias.

Die Gesellschaft der Massai unterteilt sich in 16 Untergruppen, Iloshon genannt. Vier dieser Untergruppen leben hauptsächlich in Tansania, der größere Teil in Kenia. Das Volk ist vor allem in der Serengeti in Tansania sowie in der Masai Mara und dem Amboseli-Nationalpark in Kenia beheimatet.

Sprache und Herkunft Die Sprache Maa der Massai und der verwandten Samburu gehört zur nilosaharanischen Sprachfamilie und darin zur Gruppe der nilotischen Sprachen.George Adamson, S. 152 Viele Massai sprechen außerdem Swahili und Englisch. In Swahili heißen die Massai Mmaasai (Singular) oder Wamaasai (Plural).

Aus der Sprachzugehörigkeit lassen sich auch Schlüsse über die Herkunft der Vorfahren der Massai ziehen. Die Hirtenvölker kamen wahrscheinlich aus dem Gebiet des heutigen Südsudan und dem Niltal nach Kenia und Tansania.

Geschichte mini|links|Massai-Krieger in Deutsch-Ostafrika 1906 mini|Lenana, der Massai-Häuptling und Medizinmann, um 1890 Nach den eigenen Überlieferungen wanderten die Massai um das 15. Jahrhundert Richtung Süden und besiedelten zwischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert den Landstrich zwischen Zentraltansania und Zentralkenia. Vermutlich verdrängten sie dabei ansässige andere Völker oder vermischten sich mit ihnen. Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte das von den Massai dominierte Territorium seine größte Ausdehnung, es reichte vom Rift Valley und dem Mount Marsabit im heutigen Kenia bis zur Region um die heutige Stadt Dodoma.

Raubzüge auf Karawanen bis hin zum Küstengebiet machten die Massai zu einer weithin gefürchteten Gruppe; in zahlreichen Kriegen besiegten die Massai viele andere Gruppen in ihrem Einflussgebiet. Zu Beginn der 1850er Jahre bedrohten sie selbst große Küstenstädte wie Tanga und Mombasa; weite Landstriche zwischen der Küste und dem Kilimandscharo waren nach ihren Raubzügen praktisch entvölkert. Aus dieser Zeit der Expansion stammt das bis heute bestehende Bild des „kriegerischen“ Massai.Christian Jennings: They called themselves Iloikop. Rethinking Pastoralist History in Nineteenth-Century Africa. In: Toyin Falola, Christian Jennings (Hrsg.): Sources and Methods in African History: Spoken, Written, Unearthed. Boydell & Brewer, 2003, ISBN 1-58046-134-4, S. 173–194.

Die Macht der Massai wurde durch die großen Katastrophen gebrochen, die im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts über Ostafrika hereinbrachen. Die Rinderpest dezimierte die Rinderherden der Massai, die Pocken und eine verheerende Hungersnot töteten große Teile der Bevölkerung. 1904 und 1911 wurden Edikte erlassen, die 60 Prozent des bisherigen Massai-Gebietes enteigneten und der britischen Kolonialverwaltung zusprachen, die das Land an Siedler verkaufte. Die Massai wurden in das Gebiet südlich der Eisenbahnlinie der Ugandabahn verdrängt. Auf den Maasai-Gebieten wurden dann Nationalparks oder Naturschutzreservate errichtet. In Tansania wurde den Massai der Zutritt zum Serengeti-Nationalpark verboten, nur Touristen dürfen ihn besuchen. Noch heute wird ihr Gebiet immer kleiner, da immer größere Teile von der Regierung für Tourismus oder Trophäenjagd-Reservate beansprucht werden.

Ethnische Identität und Beziehung zu Nachbarvölkern Wann sich die ausgeprägte ethnische Identität der Massai, wie sie heute bekannt sind, entwickelte, ist unsicher. Frühe europäische Reiseberichte aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert erzählen, dass die Massai enge Beziehungen mit den Kikuyu, den Okiek und den Kamba unterhielten, zugleich aber auch blutige Feindschaften existierten. Der Raub und Austausch von Frauen war insbesondere während Notzeiten verbreitet, weswegen zahlreiche verwandtschaftliche Verbindungen zwischen den Gruppen Zentralkenias bestanden. mini|Massai-Männer in ihrem Dorf in Kenia Insbesondere die bantusprachigen Kikuyu hatten eine den Massai sehr ähnliche Kultur, vor allem was Kriegsführung und Kriegsausstattung betraf. Sie verehrten den gleichen Gott, hatten eine ähnliche soziale Struktur, die auf Altersklassen beruhte, und unterhielten eine ähnliche Kriegerkultur. Die Krieger führten die gleichen Waffen mit sich, kleideten sich ähnlich, hatten sehr ähnliche Formen des Körperschmucks und die Kulttänze glichen sich. Dennoch wurde auf eine deutliche Trennung zwischen Massai und Kikuyu Wert gelegt. Rituale, die aus einem Kikuyu einen Massai und umgekehrt machen konnten, verdeutlichen einerseits die Trennung zwischen den Gruppen, andrerseits die Möglichkeit des Übertrittes.

Die tansanische und die kenianische Regierung haben auf unterschiedliche Weise in Entwicklungsprogrammen versucht, auf einen Übergang der Massai zur sesshaften Lebensweise hinzuwirken, allerdings mit bescheidenem Erfolg. Hintergrund war dabei das Vorhaben, bisheriges Land der Massai in Nationalparks umzuwandeln. Heute vertritt eine Dachorganisation die Massai als gemeinsame ethnische Gruppe gegenüber den staatlichen Autoritäten in ihren Ländern. Dabei geht es vor allem um Landfragen. Da die Naturreservate zunehmend für die Massai und ihre Rinderherden gesperrt werden, versucht die Organisation, die Landansprüche der Massai zu vertreten.

Religion Engai, der Schöpfergott der Massai, ist mit dem Himmel und mit Regen verbunden. Er thront auf dem Gipfel des Ol Doinyo Lengai in Tansania und hat den Massai alle Rinder dieser Erde überlassen, woraus sie folgern, dass alle anderen Rinderbesitzer Viehdiebe sein müssen. Daraus leiten die Massai auch das Recht ab, anderen Völkern deren Rinder gewaltsam abzunehmen. Dies war oft der Auslöser für kriegerische Auseinandersetzungen mit anderen Völkern.

Organisation Die einzelnen Clans behalten ihr nomadisches Leben weitgehend bei und waren niemals in Form von Königreichen oder Staaten organisiert. 1870 organisierten sich die kenianischen Massai unter der politischen und militärischen Führung eines Laibon und eines Orkoiyoi, die vorher religiöse Führer waren. Ihr Siedlungs- und Weidegebiet wurde Britisch-Ostafrika im Jahr 1888 einverleibt und die Führung 1918 abgeschafft.

Kultur und Lebensweise mini|hochkant|links|Massai beim Sprung-Tanz mini|Massai-Hütten nahe Amboseli Die Hütte (enkaji) der Massai besteht aus Lehm mit Kuhdung vermischt. Mehrere Hütten einer Familie bilden ein enkang. Sie werden oft fälschlich als manyatta bezeichnet, was aber die Hütten der Krieger meint und nicht die kraalartigen, wabenförmigen Lehm-Dung-Häuser ohne Grasdach.

Es gibt viele Zeremonien. Sehr bekannt ist das springende Tanzen der Männer, genannt Adumu. Die jungen Massai, Morani, springen dabei auf der Stelle so hoch wie möglich und beweisen so ihre Stärke. Das Töten eines Löwen war früher Voraussetzung, eine Frau haben zu dürfen. Es gibt Anzeichen, dass dies in abgelegenen Gebieten auch heute noch zelebriert wird. Ebenso mussten die jungen Männer oft jahrelang in einem eigens von ihnen gebauten Dorf wohnen. Dafür gibt es heute keinen Platz mehr.

Tierhaltung und Jagd mini|hochkant|Rinderblut wird aus der Halsvene des Rindes gewonnen. Das Blut wird zu zeremoniellen Anlässen getrunken, aber auch der alltäglichen Nahrung beigemischt. Die Massai sind als Krieger (Moran) und Rinderhirten berühmt. Durch die zunehmende Zersiedelung Kenias wird die nomadische Lebensweise der Massai immer stärker behindert. Die Naturreservate Massai Mara, Tsavo, Serengeti und Amboseli schränken diese Bewegungsfreiheit ebenfalls ein.

Ihre Kultur dreht sich um das Rind. Ein „guter“ Massai hat nicht weniger als 50 Rinder. Das Trinken von Rinderblut, teilweise vermischt mit Milch, gehört zum alltäglichen Leben wie zu Zeremonien.Solomon Bekure (Hrsg.): Maasai Herding: An Analysis of the Livestock Production System of Maasai Pastoralists in Eastern Kajiado District, Kenya (= ILCA systems study; 4). International Lifestock Centre for Africa, Addis Ababa, 1991, ISBN 92-9053-176-2. Dabei wird dem Rind der Kopf festgehalten und die zum Anschwellen gebrachte Halsvene mit einer Pfeilspitze angeritzt – aber nicht durchtrennt. Nach dem Auffangen von bis zu zwei Litern wird das Rind verbunden und lebt weiter. Nach Zugabe von Milch wird das Gefäß lange geschüttelt, um einen „Blutkuchen“ zu verhindern. Das saroi genannte Getränk wird meist frisch – seltener nach einer Reifephase von zwei Tagen – genossen und ist das Hauptnahrungsmittel der Massai.

Um die Hütten, in denen auch Kleintiere schlafen, wird eine Dornenhecke gezogen. Nachts kommen die Rinder, Schafe und Ziegen in diesen Schutzbereich.

Der Pastoralismus der Massai im Gebiet bei Oldonyonokie und Olkeri wurde 2011 in die Liste der Globally Important Agricultural Heritage Systems der FAO aufgenommen.Oldonyonokie/Olkeri Maasai Pastoralist Heritage, Kenya auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 6. August 2024

Die Massai jagen so gut wie gar nicht. Sie ernähren sich hauptsächlich von dem Fleisch ihrer Schafe und Ziegen. Manchmal jagen jedoch Massaikrieger Löwen und Elefanten, um die eigene Stärke zu zeigen.

Die traditionellen Waffen der Moran sind das Schwert Ol Alem und der Speer.Christopher Spring: African Arms and Armour. British Museum Press, 1993, ISBN 0-7141-2508-3, S. 111–114.

Körperschmuck mini|Massai-Frauen mit traditionellem Halsschmuck Sowohl Männer als auch Frauen tragen traditionell Schmuck in den Ohren. Dazu gehören Helix-Piercings und eingeschnittene sowie geweitete Ohrlöcher.

Familie und Sexualität mini|links|hochkant|Massai-Jungen nach der Beschneidung in schwarzer Robe Bei Männern wird Beschneidung praktiziert. Die Jungen werden alle 7 bis 15 Jahre zu einer Altersklasse zusammengefasst und dann gemeinsam beschnitten, was mit einem großen Fest gefeiert wird. Dadurch variiert das Lebensalter in einer Altersklasse erheblich. Die Mutter rasiert für das Beschneidungsritual ihrem Sohn zunächst den Schädel kahl. Stammesmitglieder hängen dem jungen Mann die zeremonielle olaibatak, eine schwarze Robe, um. Noch monatelang nach der Feier kleiden sich die beschnittenen Jungen schwarz. Die ganze Nacht über tanzen und singen die Morani das Beschneidungslied (lebarta) zu Ehren der neuen Mitglieder. Am Morgen kommt der Beschneider, der den Jungen erst Milch über den Kopf gießt und dann ohne Betäubung und mit verschiedenen Werkzeugen und ohne weitere hygienische Maßnahmen die Vorhaut abtrennt. Dabei dürfen die Jungen keinerlei Anzeichen von Schmerz zeigen – der Vater würde ihnen sonst die versprochenen Rinder nicht schenken und Schande läge über der Familie. Die dann angewandte Asche soll desinfizierend wirken – was aber keinesfalls oft schwere Infektionen verhindert, sondern eher noch auslöst. Nach der Beschneidung preisen Frauen den neuen Krieger mit Lied und Tanz. Einige Tage später können die Jungen schon wieder auf Vogeljagd gehen. Möglichst viele ausgestopfte Vögel werden an einem Kopfring befestigt und steigern das Ansehen bei den jungen Frauen.

Bei Frauen wird weibliche Genitalverstümmelung praktiziert. Die Mädchen, die dabei allerdings schreien dürfen, werden von älteren Frauen beschnitten.