mini|Die vier Apostel von Albrecht Dürer, nach Interpretation von Neudörfer und Wendy Beckett Beispiele für Vertreter der vier Temperamente: Johannes (Sanguiniker), Petrus (Phlegmatiker), Markus (Choleriker) und Paulus (Melancholiker). Kindlers Malerei-Lexikon bezweifelt, dies sei von Dürer intendiert.Wendy Beckett: Die Geschichte der Malerei. 8 Jahrhunderte in 455 Meisterwerken. DuMont, Köln 1995, ISBN 3-7701-3560-1.Kindlers Malerei-Lexikon (= Digitale Bibliothek. Band 22). Directmedia, Berlin 1999, S. 2554.
Die Temperamentenlehre ist ein von der antiken Humoralpathologie abgeleitetes Persönlichkeitsmodell, das Menschen nach ihrer Grundwesensart kategorisiert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Modell, wie auch die Humoralpathologie, überholt und spielt in der modernen Persönlichkeitspsychologie keine Rolle mehr. Ausführliche Darstellung, nicht nur in Bezug auf Anthroposophie
Die Lehre zeichnet sich durch ihre Einteilung des Gesamttemperamentes des Menschen in vier grundlegende Temperamente aus, die wiederum auf die Gesamtfülle der menschlichen Konstitution (physisch und psychisch), aber auch auf die Gesamtfülle der den Menschen umgebenden Welt bezogen werden.
Anwendung findet die Temperamentenlehre noch als historische Grundlage in der Waldorfpädagogik sowie gelegentlich in der Alltagspsychologie.
Antike und Mittelalter Ursprünge der Lehre
Die Temperamentenlehre der Neuzeit geht auf ein aristotelisch-galenisches LehrgebäudeHarald Schmidt: Temperamentenlehre (Neuzeit). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1382–1383, hier: S. 1382. zurück, das auf der Vier-Elemente-Lehre und der Humoralpathologie (Viersäftelehre) beruht, die Hippokrates von Kos (griechischer Arzt, ca. 460–370 v. Chr.) zugeschrieben wird und besonders deutlich in der Schrift „Die Natur des Menschen“ dargestelltDeutsche Übersetzung der entsprechenden Kapitel 1 bis 8 in: Jutta Kollesch, Diethard Nickel (Hrsg.): Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 14249). Reclam, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-15-014249-3, S. 70–78. wird, die vermutlich von Polybos, dem angeblichen Schüler und Schwiegersohn des Hippokrates, verfasst wurde.
Entwicklung der Temperamentenlehre Die Verknüpfung der Viersäftelehre mit der Lehre von den vier Temperamenten erfolgte durch Galenos von Pergamon, der den vier hypothetischen Säften („humores“) bzw. Kardinalsäften des Körpers je ein Temperament zuordnete.J. van Wageningen: Die Namen der vier Temperamente. In: Janus. Band 23, 1918, S. 48–55. Je nach Vorherrschaft bzw. Vorwiegen eines dieser vier gedachten Körpersäfte bilde sich das damit verbundene Temperament (verbunden auch mit einer entsprechenden Krankheitsdisposition)Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 12. besonders hervor. Galen griff dabei eine Auffassung auf, die in gewissen Bereichen, z. B. der Melancholie, bereits zuvor gebildet worden war und systematisierte sie:
(Rotes) Blut (lat. sanguis, gr. αἷμα, háima): Sanguiniker (αἱματώδης – heiter, aktiv) (Weißer) Schleim (gr. φλέγμα, phlégma): Phlegmatiker (φλεγματικός – passiv, schwerfällig) Schwarze Gallenflüssigkeit (gr. μέλαινα χολή, mélaina cholḗ): Melancholiker (μελαγχολικός – traurig, nachdenklich) Gelbe Gallenflüssigkeit (gr. χολή, cholḗ): Choleriker (χολερικός – reizbar und erregbar)
Im MittelalterVgl. auch Klaus Schönfeldt: Die Temperamentenlehre in deutschsprachigen Handschriften des 15. Jahrhunderts. Philosophische Dissertation Heidelberg 1962. wurde die Temperamentenlehre Galens noch durch die Zuordnung von Elementen, Himmelsrichtungen, Jahreszeiten, „Planeten“, Sternzeichen und Tonarten ergänzt.Gundolf Keil: Humoralpathologie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 641–643, hier: S. 642.
Traditionelle Bezeichnungen TiereauchElement und astrologische Zuordnungen Weitere Zuordnungen Sanguiniker Löwe Hase, AffeMagistrat der Stadt Langen: Stadt Langen – Das Fünfte Quartal. Langen 2008, Vierröhrenbrunnen S. 40–41.Luft (Jupiter): Zwilling Waage Wassermann Frühling, Morgen, Kindheit, warm und feucht, Herz Choleriker KatzeLöweFeuer (Mars): Widder Löwe Schütze Sommer, Mittag, Adoleszenz, warm und trocken, Leber Melancholiker Hirsch Elch, BärErde (Saturn): Stier Jungfrau Steinbock Herbst, Abend, Erwachsenenalter, kalt und trocken, Milz Phlegmatiker Ochse Lamm Wasser (Mond): Krebs Skorpion Fische Winter, Nacht, Babyalter/Greisenalter, kalt und feucht, Gehirn
mini|Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker und Phlegmatiker, unbekannter Künstler In der Kunstgeschichte, vor allem durch Albrecht Dürer verarbeitet und dargestellt (wie im Bild Melencolia I von 1514), wurde immer wieder in der Darstellung der griechischen und römischen Mythologie auch eine Beziehung zwischen den Temperamenten und den vier Flüssen des Hades hergestellt.
18. bis 20. Jahrhundert mini|Viergeteiltes Bühnenbild zu Nestroys Das Haus der Temperamente, Kupferstich von Andreas Geiger, 1838. Johann August Unzer postulierte 1746, beruhend auf den vier traditionellen Temperamenten, einige „vermischte“ Temperamente, beispielsweise bei „melancholischen Cholerikern“ oder „cholerischen Melancholikern“.Gernot Huppmann: Anatomie eines Bestseller. Johann Unzers Wochenschrift „Der Arzt“ (1759–1764) – ein nachgereichter Rezensionsessay. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 23, 2004, S. 539–555; hier: S. 546.
Johann Nepomuk Nestroy schrieb 1837 die Posse Das Haus der Temperamente, in der die Bühne vier Wohnungen zeigt, die von vier Familien mit den unterschiedlichen Temperamenten bewohnt werden.
Die Temperamentenlehre wurde viele Jahrhunderte akzeptiert und inspirierte moderne Persönlichkeitspsychologen wie Hans Eysenck (1916–1997), der in seinem Persönlichkeitszirkel die Eigenschaft „instabil“ zwischen melancholisch und cholerisch, „extrovertiert“ zwischen cholerisch und sanguinisch, „stabil“ zwischen sanguinisch und phlegmatisch sowie „introvertiert“ zwischen phlegmatisch und melancholisch einordnete.
Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie und Anreger für die Gründung der Waldorfschule, entwickelte, neben einer Vielzahl die Pädagogik betreffenden Thesen, eine Variante der Temperamentenlehre. Diese teilt wie ihre griechische Vorläuferin das Gesamttemperament des Menschen in vier Grundtypen ein, wobei es große Einseitigkeiten einer oder mehrerer Temperamente im jeweiligen Individuum geben kann, die vier Temperamente also in unterschiedlicher Stärke und Ausprägung im jeweiligen Individuum vorkommen.
Als Beispiel für die Eigenschaften und Bedeutungen eines ganz bestimmten Temperamentes können nach Steiner daher nur stark einseitig „temperierte“ Personen herangezogen werden, die sodann gewissen Umständen des Lebens mit großen Schwierigkeiten, anderen Umständen wiederum mit großen Stärken begegnen können.
1901/02 schuf der dänische Komponist Carl Nielsen seine 2. Sinfonie mit dem Titel „Die vier Temperamente“. 1940 komponierte Paul Hindemith eine gleichnamige Komposition für Streichorchester und Klavier (1946 als Ballett uraufgeführt). mini|Erklärvideo über die Temperamentenlehre
Siehe auch Charaktertypen
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Medizin (griechische Antike) Kategorie:Anthroposophie Kategorie:Überholte Theorie Kategorie:Wikipedia:Artikel mit Video