Die grammatische Kategorie der Person gibt an, welche Rolle die bezeichneten Lebewesen oder Dinge in der Sprechsituation spielen.Johanna Nichols: Person as an inflectional category. In: Linguistic Typology, 21-3 (2017), 387–456. Siehe S. 388, dort Rückgriff auf weitere Literatur. Diese Teilnehmerrolle in der Sprechsituation ist das einzige Merkmal, das mit dem Begriff der grammatischen Person direkt bezeichnet wird. Es tritt allerdings in sehr vielen Fällen mit einem Numerus-Merkmal (Einzahl / Mehrzahl) verknüpft auf.

Die Kategorie grammatische Person kann in den meisten Systemen drei Werte annehmen, nämlich: Sprecher der Äußerung: die Pronomen „ich“, „wir“, Adressaten der Äußerung (Angesprochene): Pronomen „du“, „ihr“, „Sie“ Dritte, die weder Sprecher noch Adressaten sind (Besprochene): die Pronomen „er“, „es“, „sie“. Wortarten, bei denen verschiedene Personalmerkmale unterschieden werden können, sind vor allem Personalpronomen sowie auch Possessivpronomen. Andere Typen von Pronomen wie etwa Indefinitpronomen sowie Substantive tragen auch ein Personalmerkmal, sind dabei aber auf die 3. Person festgelegt.

Das Merkmal Person kann ferner an anderen Wortarten auftreten, die nicht selbst Individuen bezeichnen. Relativ häufig ist das Vorkommen des Personalmerkmals in finiten Verbformen. In diesem Fall spiegelt die finite Verbform das Personalmerkmal des Subjekts im Satz wider (Kongruenz mit dem Subjekt), in manchen Sprachen auch das des Objekts. Die Kategorie der Finitheit muss aber nicht notwendigerweise einen Bezug auf Personalmerkmale enthalten (z. B. im Dänischen ist die finite Verbform personenneutral).

Die Fachbegriffe für die grammatischen Personen bestehen lediglich in einer Nummerierung der genannten Rollen als 1. Person, 2. Person und 3. Person. Diese Kategorie ist in allen Sprachen der Welt vertreten,Anna Kibort: Person. GrammaticalFeatures.net, Online. The Surrey Morphology Group 2008 (abgerufen am 27. April 2022). Siehe Abschnitt 3, sowie die Diskussion in Abschnitt 6, wo das potenzielle Gegenbeispiel Artschinisch ebenso eingeordnet wird. allerdings werden nicht immer alle drei Personen durch Formen vollständig unterschieden. Es gibt außerdem in manchen Sprachen Fälle, für die eine Erweiterung der Liste auf „vierte“ oder sogar „fünfte“ Personen vorgeschlagen worden ist; dafür gibt es aber keine allgemein übliche Konvention, und viele solcher Vorschläge werden in der Sprachwissenschaft auch bestritten.

Herkunft der Bezeichnung Das Wort „Person“ kommt vom lateinischen persona (ursprünglich ‚Maske‘, vor allem im Zusammenhang mit dem Theater). In der Alltagssprache bezeichnet dieses Wort Wesen, mit denen man kommunizieren kann, in der Regel Menschen. In dieser Bedeutung des Wortes sagt man zum Beispiel, jemand sei eine (natürliche) Person.

Der grammatische Fachbegriff Person ist anders gelagert und bezeichnet ein grammatisches Merkmal, das bestimmte Ausdrücke tragen. In diesem Sinne sagt man, ein Ausdruck, der jemanden oder etwas bezeichnet, stehe/sei in der 1., 2. oder 3. (grammatischen) Person. Dieser grammatische Begriff beschränkt sich nicht auf Menschen, wenngleich der Bezug auf Menschen bei der ersten und zweiten Person der normalste Fall ist. Das Wort Personalpronomen bezieht sich auf die grammatische Person, nämlich ein Pronomen, das ein Personalmerkmal ausdrückt, und gilt daher ebenso für den Bezug auf Dinge und Abstrakta.

Die Verwendung als GrammatikbegriffQuelle für diesen und die folgenden Absätze: Thomas Gehling: 'Ich', 'du' und Andere. Eine sprachtypologische Studie zu den Kategorien »Person« und »Numerus«. LIT Verlag, Münster 2004. S. 1–4. und die geläufige Nummerierung stammen von dem antiken Grammatiker Dionysios Thrax (170/160 bis ca. 90 vor Chr.), der im europäischen Raum die älteste bis heute überlieferte Grammatik schrieb. Er formulierte: „Die erste Person ist die, von der die Rede ausgeht, die zweite, an die die Rede gerichtet ist, und die dritte, über die die Rede geht.“ Das von ihm benutzte Wort πρόσωπον (prosōpon) heißt primär ‚Gesicht‘, ist aber anders als das deutsche Wort Person nicht auf personale Wesen beschränkt, sondern kann auch das Aussehen einer Sache bezeichnen. Die Doppeldeutigkeit von Person im Deutschen kommt also durch die Übersetzung zustande.

In der arabischen Grammatiktradition heißt die erste Person al-mutakallim, das heißt ‚derjenige, der spricht‘, die zweite al-muḫāṭab, das heißt ‚derjenige, an den man sich wendet‘, und die dritte al-ġāʾib, ‚derjenige, der abwesend ist‘.

Aber es gibt auch den Fall der umgekehrten Ordnung. In der indischen Grammatik wird folgende Nummerierung verwendet: prathamapuruṣa heißt ‚erste Person‘, d. h. die, über die die Rede geht (sie entspricht unserer dritten Person) madhyamapuruṣa heißt ‚mittlere Person‘, d. h. die, an die die Rede gerichtet ist (sie entspricht unserer zweiten Person) uttamapuruṣa heißt ‚letzte Person‘, d. h. die, von der die Rede ausgeht (sie entspricht unserer ersten Person)

Überblick: Anwendungsbereich des Merkmals Person Grammatische Person ist ein Merkmal, das in zwei Weisen auftreten kann: Es kommt einem Ausdruck zu, der selbst Individuen bezeichnet: Dann zeigt der Ausdruck die Sprechsituations-Rolle dieses Individuums als Sprecher, Adressaten oder Dritten. In diesem Fall ist das Personalmerkmal mit dem Ausdruck fest verbunden. Es kommt einem Ausdruck zu, der nicht selbst Individuen bezeichnet, aber durch eine Kongruenzregel (Merkmalsübereinstimmung) mit einem Ausdruck verbunden ist, der von sich aus Personalmerkmale trägt. Hier tritt Person als ein Merkmal in der Flexion (der grammatischen Formenbildung) eines Wortes auf, und die Merkmalsausprägung ist variabel.

Die grammatische Kategorie Person in diesem Sinn geht also immer von Fällen aus, wo ein Individuum im Satzinhalt benannt wird – sie erstreckt sich nicht auf Fälle, wo nur die Form eines Satzes Eigenschaften der Äußerungssituation widerspiegelt, wie zum Beispiel bei Markierungen des Respekts für den Adressaten oder des sozialen Status oder Geschlechts des tatsächlichen Sprechers.

Grammatische Formen und ihre inhaltliche Interpretation können gelegentlich auseinanderlaufen, so auch im Fall der Person. Oft haben dann die grammatischen Faktoren Vorrang bei der Wahl der Form. So ist es im Prinzip möglich, dass ein Sprecher sich selbst mit einem Ausdruck bezeichnet, der grammatisch der dritten Person angehört (Illeismus). Zum Beispiel kann ein Vater, an das eigene Kind gerichtet, sich selbst als „der Papa“ bezeichnen („Der Papa geht kurz weg“: 3. Person auch in der Verbform). Ebenso können auf Grund von Höflichkeitsregeln Angesprochene mit einem Ausdruck der dritten Person bezeichnet werden, z. B. ist das deutsche Höflichkeitspronomen „Sie“ historisch eine Form der dritten Person.

Person als Flexionsmerkmal

Dieser Abschnitt stellt zunächst den zweiten Punkt des obigen Überblicks, Personalmerkmale als Flexion, näher dar. Insgesamt lässt sich sagen, dass Personalflexion eines Wortes meist durch ein Personalmerkmal seiner Argumente (grammatische Ergänzungen) ausgelöst wird. Auch die Umkehrung scheint zu gelten: Wenn ein Wort mit einem seiner Argumente kongruiert, enthält die Kongruenzform sehr häufig das Personalmerkmal.Johanna Nichols: Person as an inflectional category. In: Linguistic Typology, 21-3 (2017), 387–456. Siehe S. 393. Fälle von Personenkongruenz außerhalb solcher Argumentbeziehungen sind ganz erheblich seltener; sie werden hier weiter unten im Abschnitt #Sonderfälle kurz besprochen.

Person in Verbformen Das bekannteste Beispiel für Person als Flexionsmerkmal ist die Subjektkongruenz des Verbs in vielen Sprachen. Die folgende Tabelle zeigt Personalpronomen als Subjekt und dazu die Konjugation des jeweiligen Verbs für ‚tun, machen‘ in den Sprachen Dänisch, Deutsch, Russisch, Türkisch und Swahili. Das Dänische erscheint hier nur zum Kontrast, als das Beispiel einer Sprache, deren finite Verbformen keine Personalmerkmale ausdrücken (sich aber dennoch vom Infinitiv unterscheiden). (Die Bindestriche in den Verbformen zeigen die Zerlegung, sie werden nicht geschrieben):

DänischDeutschRussischTürkischSwahili 1. Singularjeg gørich mach-e(ja) dela-juyapar-ımni-na-fanya 2. Singulardu gørdu mach-st(ty) dela-eš’yapar-sınu-na-fanya 3. Singularhan/hun/den/detgører/sie/esmach-t(on/ona/ono)dela-etyapara-na-fanya 1. Pluralvi gørwir mach-en(my) dela-emyapar-ıztu-na-fanya 2. PluralI gørihr mach-t(vy) dela-eteyapar-sınızm-na-fanya 3. Pluralde gørsie mach-en(oni) dela-jutyapar-larwa-na-fanya

Während die Personenmarkierung des Verbs in den meisten indoeuropäischen Sprachen nach dem Verbstamm erfolgt (also mittels Suffixen), kann sie in anderen Sprachen auch davor (also mittels Präfixen) erfolgen, wie hier im Swahili. Dort kann auch ein weiteres Präfix das Objekt bezeichnen, so dass eine Verbform die Personalmerkmale von zwei Ergänzungen angeben kann, z. B. u-na-tu-fanya („du machst uns (z. B. zu Feinden)“) mit 2. Person Singular und 1. Person Plural; bei unbelebten Subjekten oder Objekten stehen dort stattdessen Präfixe für die Nominalklassen, wodurch gleichzeitig die 3. Person angezeigt wird (siehe Abschnitt Kongruenzen nach Klasse und Person des Artikels über Swahili).

In manchen Sprachen findet sich nicht die oben gezeigte Aufteilung von Subjektpronomen im Satz und davon ausgelöster Verbflexion, sondern nur das Verb zeigt die Person des Subjekts oder Objekts, und identifiziert so Subjekt bzw. Objekt ganz alleine. Wenn dieser Mechanismus in Reinform auftritt, spricht man in der Sprachwissenschaft von „Cross-Reference“ (Kreuzreferenz; nicht zu verwechseln mit „switch-reference“, die weiter unten am Beispiel des Grönländischen angesprochen wird).

Person an Nominalformen: Possessor-Kongruenz Ein weniger bekannter Fall von Personen-Flexion ist eine Markierung an Substantiven, die die Person des Besitzers anzeigt. Dies ist zum Beispiel im Ungarischen zu finden. Die folgende Tabelle ist aus dem Artikel Possessiv übernommen:

SingularPlural1.kép-emmein Bildkép-ünkunser Bild2.kép-eddein Bildkép-etekeuer Bild3.kép-esein/ihr Bildkép-ükihr Bild

Dieser Fall ist tatsächlich gleichartig zur Kongruenz zwischen Verben und ihren Argumenten, obwohl in den obigen Beispielen das betreffende Argument, der Possessor, nicht extra zu sehen war. Ähnlich wie bei Subjektpronomen in Sprachen wie dem Italienischen (vgl. den Artikel Pro-Drop-Sprache), wird das Possessor-Argument im Ungarischen nur dann sichtbar zugesetzt, wenn es betont werden soll:

az én képem DET ich Bild-1.sg („DET“ = bestimmter Artikel) „MEIN Bild“ (betont)

Personalflexion an Präpositionen und Postpositionen

Gelegentlich findet man Personalformen auch an Präpositionen bzw. Postpositionen (die man insgesamt zu Adpositionen zusammenfasst). Nach der Stichprobe des World Atlas of Language Structures (WALS) besitzen etwa ein Drittel der Sprachen, die überhaupt Adpositionen haben, solche Formen.Dik Bakker: Person Marking on Adpositions. = Kapitel 48 in: Matthew S. Dryer, Martin Haspelmath (eds.): The World Atlas of Language Structures. Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. Leipzig 2013. Online (abgerufen am 18. April 2022). Von dort auch das abchasische Beispiel weiter unten. Diese relativ hohe Zahl bei einem scheinbar „exotischen“ Phänomen kommt unter anderem daher, dass in Regionen wie Mittelamerika sowie den Inseln des Pazifik die Mehrzahl der einheimischen Sprachen diese Eigenschaft hat. Zudem betrifft solche Formenbildung unter Umständen nicht die gesamte Wortart Adposition (eingeschlossen sind bei WALS auch Fälle, wo nur einzelne Verschmelzungsformen existieren, wie im Spanischen mit der Präposition „con“).