mini|Jörg Syrlin der Jüngere: Der Prophet Obadja (Detail des Chorgestühls der Klosterkirche Blaubeuren, 1493)

Obadja () heißt ein biblischer Prophet und seine Schrift im Tanach. In der griechischen Septuaginta hat das Buch den Titel Genitiv von , nach Alfred Rahlfs: Septuaginta. Ausgabe in einem Band. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1935, 1979, Band II, S. 524; vgl. und in der lateinischen Vulgata AbdiaeVgl. , dort und in der Überschrift des Buches nur im Genitiv: Abdiae..

Seine Schrift gehört zum Zwölfprophetenbuch. Sie ist mit 21 Versen das kürzeste Buch des Tanach.

Text und Aufbau Das Buch ist wegen seiner Kürze nicht in Kapitel unterteilt, sondern nur in Verse, wie sie seit der Zeit der Masoreten üblich sind: Drohendes Gericht über Edom () Edoms Verhalten gegen Juda () Die zukünftige Wiederherstellung Israels ()

Das Buch Obadja weist wörtliche Übereinstimmungen mit auf, was auf eine literarische Abhängigkeit schließen lässt. Während die Mehrzahl der Ausleger von Obadja als dem Primärtext ausgehen, sehen u. a. Arndt Meinhold und Jörg Jeremias Obadja als Fortschreibung von Jeremia an.Jörg Jeremias: Zur Theologie Obadjas, Leipzig 2006, S. 269.

Entstehung Verfasser Der Name „Obadja“ bedeutet „Knecht JHWHs“.Im Hebräischen wird der Begriff verwendet, der wörtlich „Knecht“ oder „Diener“ bedeutet, aber auch in einer erweiterten Bedeutung verstanden werden kann. Hier würde daraus der Metapher ein „(treuer) Diener Gottes“. Christoph Rösel: Ebed-Melech. Deutsche Bibelgesellschaft, Erstellt: Januar 2006, auf bibelwissenschaft.de; Hans-Jürgen Hermisson: Gottesknecht. Deutsche Bibelgesellschaft, Erstellt: Januar 2018, auf bibelwissenschaft.de Dieser Name kommt im Tanach mehrfach vor und bezeichnet insgesamt zwölf verschiedene Personen, aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Prophet mit anderen Trägern dieses Namens identisch wäre, zumal die meisten Erwähnungen sich nur in Abstammungslisten finden. Georg Fohrer nahm an, dass das kurze Prophetenbuch zunächst ohne Verfassernamen tradiert worden sei und nachträglich der aus bekannte Palastvorsteher König Ahabs namens Obadja als Verfasser in Obd 1 eingesetzt worden sei. Das ist aber ebenso unwahrscheinlich wie die Identifikation des Verfassers mit dem in genannten Obadja, einem Prinzen am Hof des Königs Joschafat.Johan Renkema: Obadiah, Leuven 2003, S. 26 f. Über den Propheten Obadja ist also nur bekannt, was sich aus seinem Buch ergibt. Er stammte demnach aus Juda.

Datierung Mehrheitsmeinung Wie auch bei anderen Prophetenbüchern, unterscheiden viele Exegeten bei dem kurzen Obadjabuch zwischen dem ältesten Teil, der dem Propheten Obadja zugeordnet wird, und späteren Fortschreibungen.

Der Prophet Obadja und seine Schrift Viele historisch-kritische Exegeten gehen davon aus, dass Obadja nach der Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch König Nebukadnezar II. von Babylon im Jahr 587 v. Chr. auftrat, vgl. . Das Jahr 587/586 v. Chr. als terminus post quem für das Obadjabuch wird u. a. vertreten von Alfons Deissler„Die Verse 11–14 sind in ihrer Lebhaftigkeit und Farbigkeit ein nahes Echo zu den Katastrophentagen, so daß man in der Ansetzung des ersten Obadjateils nicht unter 550 v. Chr. heruntergehen kann.“ Alfons Deissler: Zwölf Propheten 2. Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk (= Die Neue Echter-Bibel 8). Echter-Verlag, Würzburg 1984, hier zit. nach dem Reprint im St. Benno Verlag, Leipzig 1990, S. 5., Rolf RendtorffRolf Rendtorff: Das Alte Testament: Eine Einführung. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn, 2. Auflage 1985, ISBN 3-7887-0686-4, S. 236., Werner H. SchmidtWerner H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament (De Gruyter Lehrbuch), 4., erweiterte Auflage Berlin / New York 1989, S. 232., Konrad SchmidKonrad Schmid: Hintere Propheten (Nebiim). In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, 6. überarbeitete und erweiterte Auflage Göttingen 2019, S. 313–413, hier S. 392., Johan RenkemaJohan Renkema: Obadiah. Leuven 2003, S. 30 f., der zustimmend Wilhelm Rudolph zitiert: „Das Herumsuchen nach anderen Katastrophen Jerusalems, auf die V. 10–14 passen könnte, war ja sowieso vergebliche Liebesmühe, da es vor 70 n. Chr. in der Geschichte Jerusalems kein entsprechendes Ereignis gibt.“Johan Renkema: Obadiah, Leuven 2003, S. 31 Anm. 23. Während Rudolph Obadja für einen Augenzeugen der geschichtlichen Ereignisse hält, dessen Schrift seine persönliche Betroffenheit erkennen lasse, und auch Otto Eißfeldt die Verse 1–14.15b bald nach 587 ansetzt,Otto Eißfeldt: Einleitung in das Alte Testament. Mohr, Tübingen, 4. Auflage, 1976, ISBN 978-3-16-138882-8, S. 544. datiert Jörg Jeremias das Obadjabuch deutlich später und sieht im Verfasser den ersten Vertreter „schriftgelehrter Prophetie“, wie sie auch bei Joel und Deuterosacharja begegne.Jörg Jeremias: Die Propheten Joel, Obadja, Jona, Micha, Göttingen 2007, S. 57. Auch Eißfeldt nimmt für das Buch als Ganzes die Endfassung in einer späteren Zeit an, da die Verse 15.16–18 und 19–21 „einer oder vielmehr zwei späteren Händen zuzuweisen“ seien. Eine genauere Ansetzung sei nicht möglich.

Hans Walter Wolff sah in Obadja einen Kultpropheten. Nach dem Fall Jerusalems im Jahr 587 hätte sich die Bevölkerung schon bald zu Klage- und Bußliturgien zusammengefunden (vgl. ; ), und bei solchen religiösen Treffen sei auch Obadja öffentlich aufgetreten und habe eine Wende zum Besseren, nämlich die Bestrafung der Edomiter, angekündigt. Johan Renkema wendet dagegen ein, dass die Kultpropheten durch die Zerstörung Jerusalems und des Tempels alle Glaubwürdigkeit eingebüßt hätten und die jüdische Bevölkerung eher einem früheren Unheilspropheten vertraut hätte (vgl. ).Johan Renkema: Obadiah. Leuven 2003, S. 26 f.

Als erster hat Julius Wellhausen vorgeschlagen, das Obadja-Buch „aus dem 5. Jh., also der Zeit, da die Araberstämme aus der südlich und östlich von Palästina gelegenen Steppe stärker als vorher ins Kulturland vorzudringen und Edom hart zuzusetzen begannen“ herzuleiten.Otto Eißfeldt: Einleitung in das Alte Testament. Mohr, Tübingen, 4. Auflage, 1976, ISBN 978-3-16-138882-8, S. 543.

Merkwürdig und erklärungsbedürftig ist, dass Obadja die Zerstörung des Tempels nicht erwähnt. Auch dabei waren Edomiter beteiligt (vgl. und 3 Esr 4,45Angeredet ist der Perserkönig: „Und du hast gelobt, den Tempel aufzubauen, den die Idumäer in Brand steckten, als Judäa von den Chaldäern verwüstet wurde.“ (3. Esra = 1. Esdras 4,45, hier zitiert nach: Septuaginta Deutsch, S. 557.)). Aber die Zerstörung des Tempels war in Obadjas prophetischer Sicht das Werk JHWHs selbst und wurde nicht den Babyloniern und Edomitern als Verbrechen angelastet – so die Vermutung von Renkema.Johan Renkema: Obadiah, Leuven 2003, S. 30 f.

Spätere Fortschreibungen In der Regel geht man von mehreren Wachstumsstufen aus. So nimmt etwa Erich Zenger einen in drei Schritten verlaufenden Fortschreibungsprozess an:Erich Zenger: Das Zwölfprophetenbuch. In: Erich Zenger, Christian Frevel (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. 9., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 3-17-018332-X, S. 630–710, hier S. 662 f.

Erste Phase (): Gerichtssprüche gegen Edom. Zenger nimmt eine zeitliche Nähe und Zeitzeugenschaft zur Eroberung Jerusalems durch die Babylonier an und datiert diese Verse in die Zeit zwischen 586 und 550 v. Chr. Zweite Phase (): Mittlerweile hat Edom sein Schicksal ereilt und dient nun allen Völkern als Beispiel göttlichen Gerichts. Der „Tag JHWHs“ ist ein Feuertag; Zion ist der Ort der Rettung für Israel. Mitte 5. Jahrhundert v. Chr. Dritte Phase (): Prosa-Fortschreibung über die Rückkehr der jüdischen Diaspora ins Land Israel. Möglicherweise 4./3. Jahrhundert v. Chr.

Die komplexe Überschrift () könnte Elemente aus allen drei Phasen enthalten.

Minderheitsmeinung Eine ältere historisch-kritische Lesart bezieht auf die Eroberung Jerusalems durch Araber und Philister zur Zeit König Jorams von Juda (851–845 v. Chr.). Ernst SellinErnst Sellin: Das Zwölfprophetenbuch (= Kommentar zum Alten Testament, 12). A. Deichert, Leipzig, [o. J.] ; erwähnt bei Otto Eißfeldt: Einleitung in das Alte Testament. Mohr, Tübingen, 4. Auflage, 1976, ISBN 978-3-16-138882-8, S. 543. und in seinem Gefolge Johannes TheisJohannes Theis: Die Weissagung des Abdias. Paulinusdruckerei, Trier, 1917, ; erwähnt bei Otto Eißfeldt: Einleitung in das Alte Testament. Mohr, Tübingen, 4. Auflage, 1976, ISBN 978-3-16-138882-8, S. 543. betrachteten „die nach Edoms Abfall von Juda um 850 vChr (II Kön 8 20–22 ) zwischen Edom und Juda ausgebrochenen Kämpfe als Anlaß für die Entstehung“ der Drohung gegen Edom und „setzen daher die Grundlegung“ der Verse 1–10 um 800 v. Chr. an. Dafür spreche neben der judäischen Herkunft des Propheten, dass Obadja nur die Eroberung und Plünderung der Stadt erwähnt, nicht aber die Zerstörung des Tempels und die Deportation der Bevölkerung, wie sie nach der Eroberung durch die Babylonier erfolgten. Auch zeige das Buch Parallelen zu den Prophetien über Edom bei Amos und Jeremia,Fritz Rienecker, Gerhard Maier (Hrsg.): Lexikon zur Bibel, R. Brockhaus Verlag, 6. Auflage Wuppertal 2006, Sp. 1155 f. zum Beispiel kehren Obadja 1–10 großteils in wieder. Zudem spreche für eine Datierung im 8. Jahrhundert, „daß der Redaktor des Zwölfprophetenbuches auch Obdja in dieser alten Zeit angesetzt hat“.

Eine Eroberung von Jerusalem durch „Philister und Araber, die neben den Kuschitern wohnen“ zur Zeit der Herrschaft König Jorams wird im (älteren) 2. Buch der Könige nicht erwähnt, wohl aber im (jüngeren) 2. Buch der Chronik, das zur Regierungszeit Jorams Sondergut bietet (). Hier stellt sich die Frage, wie der historische Wert dieses Sonderguts einzuschätzen ist. Auf welche Quellen konnte der Chronist zurückgreifen abgesehen von der uns bekannten, hauptsächlichen Quelle, den Königsbüchern? Sara Japhet hält in ihrem Kommentarwerk zu den Chronikbüchern die Existenz historischer Quellen für das Sondergut für denkbar, es könne durchaus zur Zeit Jorams Beutezüge von Arabern und Philistern nach Juda gegeben haben. Doch weist sie darauf hin, dass die Aggressoren in als „die Streifschar“ bezeichnet werden; das deute darauf hin, dass es sich nicht um eine militärische Kampagne, sondern um räuberische Banden gehandelt habe.Sara Japhet: I and II Chronicles: A Commentary. Westminster John Knox press, Louisville / London 1993, S. 814 f.

Theologie Das Obadjabuch befasst sich mit dem Verhältnis von Israel und Edom. Israel ist vom Gericht Gottes getroffen worden, und das Nachbarvolk der Edomiter hat davon in verbrecherischer Weise profitiert. Der Prophet, dessen Denken den Zion und Israel in den Mittelpunkt stellt, erwartet nun, dass auch Edom, wie vorher Israel, von Gottes strafendem Gericht getroffen werde (Tun-Ergehen-Zusammenhang). In den Prophetenbüchern der Hebräischen Bibel gibt es mehrere Texte, die in ähnlicher Weise gegen Edom gerichtet sind: , , , , , .

Wirkungsgeschichte Inhalt des Buchs Israel und Edom, personifiziert in dem Brüderpaar Jakob und Esau als den Stammvätern dieser Völker, wurde in der christlichen Theologie zum Paradigma für Erwählung und Verwerfung. Entsprechende Überlegungen finden sich schon bei Paulus von Tarsus ().