Der Stein der Weisen (lateinisch Lapis philosophorum „Stein der Philosophen“) bezeichnet in der Alchemie die zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert entwickelte Vorstellung von einem „Stein“, Lapis, der aus einer Substanz bestehen soll, die unedle Metalle in edle Metalle und vor allem Silber in Gold verwandeln könne. Der Stein der Weisen stellt aber auch das Prinzip der Transmutation, der Heilung und Läuterung dar. Bestimmt für den Einsatz gegen vielfältige Mangelzustände und Disharmonien, gilt der Stein, dem auch eine verjüngende Wirkung zugeschrieben wird, als Allheilmittel von höchster Reinheitsstufe und als Symbol für die Umwandlung des niederen in das höhere Selbst.

Legende Als „Begründer“ der Alchemie soll die Göttergestalt des Hermes Trismegistos vor über 2500 Jahren die Herstellungsformel des Steins der Weisen in eine Smaragdtafel eingraviert haben: Demnach bilden die Grundelemente der Vier-Elemente-Lehre (das heiße und trockene Feuer, das feuchte und kalte Wasser, die trockene und kalte Erde und die heiße und feuchte Luft), im Verbund mit Quecksilber und Schwefel und (seit dem 16. Jahrhundert auch) „Salz“, die (bis zu 600, meist jedoch nur wenige Mineralien und Metalle) Zutaten, die zur Gewinnung des Steins der Weisen erforderlich sind.Hans E. Ulrich: Von Meister Eckhardt bis Carlos Castaneda. Fischer Taschenbuch Verlag, 1987, S. 81; Allison Coudert: Der Stein der Weisen. München 1980, S. 18, 22–26 (zu den drei Prinzipien bei Paracelsus), 30–31 und 45–47. Die Vorstellung vom Stein der Weisen war (in einem universalphilosophischen Sinn) ab dem Mittelalter weit verbreitet.

Eine frühe rätselhafte Umschreibung findet im 3./4. Jahrhundert der Stein der Weisen bei Zosimos aus Panopolis: „Dieser Stein, der kein Stein ist, dieses kostbare Ding, das ohne Wert ist, dieses mehrgestaltige Ding, das keine Form besitzt, dieses unbekannte Ding, das jeder kennt“.Bernhard Dietrich Haage: Alchemie im Mittelalter. 1996, S. 84–85.

Der äußere und der innere Stein der Weisen

Das Weltbild der Alchemie fußt auf dem sogenannten animistischen Prinzip, wonach es nur eine alles durchdringende göttliche Seelensubstanz gibt, die unendlich mannigfaltige materielle Formgestalt annehmen kann. Alle Dinge in der Welt werden entsprechend als beseelt und aus Geist, Seele und Körper (bei Paracelsus die Prinzipien Quecksilber, Schwefel und Salz) bestehend angesehen. Alchemisten hielten es für möglich, Stoffe zu veredeln und anzureichern, indem Materie aufgelöst und verändert wird. Für die Vertreter der äußeren Alchemie galt Gold, als edelstes der Metalle, dabei als Hauptziel der materiellen Transmutation. Demgegenüber bestand das Ziel der Vertreter der inneren Alchemie (oder spirituellen AlchemieAllison Coudert: Der Stein der Weisen. München 1980, S. 112–113.) in der Transmutation des Geistes. Analog zur äußeren und inneren Alchemie gab es einen äußeren und inneren Stein der Weisen. In der chinesischen Alchemie unterscheidet man ebenfalls eine äußere (Waidan) und innere (Neidan) Alchemie.Fabrizio Pregadio (Hrsg.): The Routledge Encyclopedia of Taoism. Band I. London (u. a.) 2008, S. 551. Die überwiegende Zahl der Alchemisten widmete sich in der Hoffnung auf Reichtum und Unsterblichkeit dem äußeren Stein der Weisen, ohne zu wissen, dass es auch ein anderes Ziel der Übungen gab, die Umwandlung des Experimentierenden selbst.Hans E. Ulrich: Von Meister Eckhardt bis Carlos Castaneda. Fischer Taschenbuch Verlag, 1987, S. 81; Allison Coudert: Der Stein der Weisen. München 1980, S. 81–82. Bei den nach innerer Läuterung strebenden Alchimisten waren die laborierenden Goldmacher, die sie wegen ihrer zischenden Blasebälge spöttelnd die „puffers“ nannten, verrufen und verachtet.Hans Biedermann: Materia prima. Die geheimen Bilder der Alchemie. Marix Verlag, Wiesbaden 2006, S. 23.

Laboratorium und Oratorium mini|Alchemistischer Baum mit symbolischer Darstellung der Transmutation In der Alchemie ist die Herstellung des Steins der Weisen (Lapis philosophorum) ein Schritt im „alchemischen Werk“, den wertsteigernden Veränderungen einer Ausgangsmaterie (materia prima), mit den Stufen Kalzination, Solution, Putrefaktion, Reduktion, Sublimation, Koagulation, Fermentierung, Lapis philosophorum (die zur höchsten Materie emporgeläuterte materia prima), Multiplikation und Projektion.Bernhard Dietrich Haage: Alchemie im Mittelalter. 1996, S. 15–18. Zur Projektion (lateinisch Projectio), dem letzten Arbeitsschritt im Opus magnum der Alchemie schrieb der Chemiker und Alchemist Johann Baptist van Helmont, nachdem er den 2400sten Teils einer Unze vom Stein der Weisen verwendet habe: „Dieses Viertel eines Kornes projizierte ich deshalb, in Papier eingewickelt, auf acht Unzen Quecksilber, welche in einem Tiegel erhitzt worden waren, und sofort kam das gesamte Quecksilber […] zum Stehen, und […] fügte […] sich zu einem gelben Klumpen. […].“ Helvetius soll 1667 mit einem Krümel vom Stein der Weisen Blei in Gold transmutiert haben. Thomas Charnock hatte schon im 16. Jahrhundert gemäß dem Theatrum Chemicum Britannicum (1652) behauptet, nach 24 Jahren unermüdlicher Arbeit den Stein der Weisen hergestellt zu haben. Aus Ausgangsmaterial wurden von Alchemisten unterschiedlichste natürliche und künstliche Substanzen herangezogen, vor allem aber Mineralien und Metalle, seltener (und etwa von Petrus Bonus und Basilius Valentinus als überflüssig erachtetes) pflanzliches oder tierisches Material.Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 42–47, 56–60 und 172.

mini|hochkant=1.9|Alchemistentaler Kaiser Rudolfs II. von 1607 mit alchemistischen Zeichen am Brustbild

Der Römisch-Deutsche Kaiser Rudolf II. hatte auf dem Hradschin ein eigenes Labor. Im Jahr 1607 ließ er sogenannte Alchemistentaler prägen, die auf Grund der alchemistischen Zeichen am Brustbild des Kaisers erkennbar sind.Helmut Kahnt: Das große Münzlexikon von A bis Z (2005), S. 19/20

Es gab hunderte alchemistische Laboratorien, deren Gerätschaften zum Teil erhalten geblieben sind und bei denen beim Quellenstudium zahlreiche echte chemische Prozesse augenscheinlich erfassbar sind, sofern man die alchemistischen Termini entsprechend überträgt: Spiritus vitrioli stand beispielsweise für verdünnte Schwefelsäure, Spiritus salis für Salzsäure und Saccharum saturni für Bleiacetat. Im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit war das von den Alchemisten benutzte Vokabular, das scheinbar für einen chemisch gekennzeichneten Prozess benutzt wurde, mitunter ambivalent und widersinnig wirkend formuliert, weil damit gleichzeitig spirituelle und reale Läuterungsprozesse beschrieben wurden. Laboratorium und Oratorium existierten förmlich nebeneinander; „Spiritus“ bedeutete gleichzeitig Geist (lat. spiritus) und Spiritus (Alkohol).Hans Biedermann: Materia prima. Die geheimen Bilder der Alchemie. Marix Verlag, Wiesbaden 2006, S. 13.

Tricks und Fälschungen Als in der Renaissance der metallurgischen Fraktion der Alchemisten bereits das reale Fundament entzogen war, kam es aufgrund des Geldmangels vieler Fürsten zu einem erneuten Boom der Goldmacherei. Kurfürst Christian II. von Sachsen ließ den Alchemisten Seton angeblich sogar foltern, um an das Geheimnis des Steins der Weisen zu kommen. Um vorzeigbare goldähnliche Produkte (Truggold, auch: aurum sophisticum) in den Schmelztiegeln zu erzeugen, kochte man Kupfervitriollösungen mit Quecksilber in eisernen Gefäßen, bis es nach dem Umschmelzen eine goldgelbe Farbe annahm. Sebastian Brant beschrieb 1494 in seinem Werk Das Narrenschiff die Tricks der echten Schwindler. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts geriet die Alchemie sehr in Verruf. Lehmann wies 1908 in seinem Werk Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten bis in die Gegenwart darauf hin, dass die von den Alchemisten produzierten goldenen Gedenkmünzen nur zirka 2/3 des spezifischen Goldgewichts wiegen. Im Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums in Wien sind heute viele Münzen aus solchen angeblich gelungenen Tingierungen ausgestellt. 1930 übte der Hochstapler Franz Tausend seine Goldmacher-Tätigkeit aus und führte damit viele einflussreiche Zeitgenossen hinters Licht, bis es zum Truggold-Alchimistenprozess kam.Hans Biedermann: Materia prima. Die geheimen Bilder der Alchemie. Marix Verlag, Wiesbaden 2006, S. 21–25.

Vorgebliche Eigenschaften mini|Symbolische Darstellung des Steins der Weisen in Theatrum Chemicum Britannicum (1652) Der Stein der Weisen (lateinisch Lapis philosophorum) galt als Inbegriff allen Wissens und aller Wahrheit.Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 9–11. Die Mehrzahl der alchimistischen Adepten war von der Hoffnung beseelt, das Unsterblichkeits-Elixier entdecken zu können. Sie dürften das Ziel gehabt haben, aus unedlem Metall Gold und Silber herstellen zu können.Hans E. Ulrich: Von Meister Eckhardt bis Carlos Castaneda. Fischer Taschenbuch Verlag, 1987, S. 81. Die Verwandlung unedler Metalle sollte durch Zusatz einer geringen Menge dieser, auch als quinta essentia bezeichneten, Substanz möglich sein. Wenn der Stein die Kraft besäße, sämtliche unedle Metalle in jedem Mengenverhältnis in Gold zu verwandeln, sollte er das Universal heißen; beschränkte sich seine Kraft auf die Verwandlung eines bestimmten Metalls, sollte er Partikular heißen.

Aus dem Stein der Weisen, der die Verderbnis (lateinisch corruptio) sowohl unedler Metalle als auch kranker Lebewesen überwindenErnst Darmstaedter: Arznei und Alchemie. Paracelsus-Studien. Leipzig 1931 (= Studien zur Geschichte der Medizin. Band 20), S. 65. könne, sollte sich auch – vor allem in den Vorstellungen arabischer Schriften – eine Universalmedizin gewinnen lassen, die, als Kondensation von Lebenskraft in einer kleinen Menge von Materie, auf den menschlichen Körper heilend, stärkend und verjüngend wirken sollte. Wer dieses Mittel gefunden hätte, sollte Adept genannt werden.

mini|Eine, die angebliche Allgegenwart des Steins der Weisen (am Himmel, im Wasser, auf Hügeln und mitten auf dem Weg, der aber von niemandem erkannt wird)Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 46–47. zeigende Abbildung aus Atalanta fugiens von Michael Maier (Alchemist).